Duzen geht gar nicht!

„So, und jetzt faltet ihr das Blatt längs. Guckt mal her: So!“ Ich erkläre der hibbeligen neuen Siebten, wie sie ihr Zeichenblatt präparieren sollen, damit sie die erste Kunstaufgabe an der neuen Schule bearbeiten können.
Plötzlich stehen drei große Jungs in der Tür. Die Tür ist offen – meine Tür ist eigentlich immer offen. Ich bin für Transparenz und offene Türen. Teilweise, weil ich nichts zu verbergen habe, aber auch, weil ich so neugierig bin und immer wissen will, wer draußen auf dem Gang entlanggeht – aber vor allem ist die Tür bei mir auf, weil es sonst in meinem Raum echt viel zu heiß wäre.

Und jetzt stehen diese drei großen Jungs vor der Tür und der eine macht Anstalten reinzukommen. Darauf habe ich ja nun gar keinen Bock, dass die die unruhigen Siebten, die ich gerade eine halbe Stunde auf eine einigermaßen annehmbare Lautstärke runtergeregelt habe, durcheinander bringen. Eine äußerst fragile Sache, die Siebten am Laufen zu halten. Wenn da jetzt so ein Hüne reinkommt und einen blöden Spruch losläßt, dann kann ich den Rest der Stunde vergessen. Deshalb zische ich den sofort an:

„Nicht reinkommen!“
Er beleibt auf der Türschwelle stehen und glotzt mich an.
Ich werde deutlicher.
„Von der Tür weg!“
Er bewegt sich nicht, guckt mich provozierend an. Seine Kumpels, die ich kenne, sehen, dass es mir erst ist und ziehen ihn weg. Der Typ dreht sich im Gehen noch mal um und sagt: „Schrei nicht.“ Dabei hatte ich gar nicht geschrienen.
‚Schrei nicht…‘ hat der eben ’schrei nicht‘ zu mir gesagt? Das kann ich natürlich nicht auf mir sitzenlassen. Der darf mich doch nicht vor den kleinen Siebenern duzen!!!! Ich also hinterher.
„HEYYY; DU DA!!!!“ Er ist schon an der Tür zum Treppenhaus. Dreht sich nicht sich um, obwohl er mich ganz genau gehört hat. Ich gehe auf ihn zu und spreche ihn noch mal an: „Hey, WAS HAST DU EBEN ZU MIR GESAGT?“, frage ich erneut und mein Gesichtsausdruck scheint seinen Freunden zu vermitteln, dass mit mir gerade nicht zu scherzen ist. Er hat mir immer noch den Rücken zugedreht, obwohl ich jetzt direkt hinter ihm stehe. Jetzt guckt er mich an und grinst. „Was denn?“
„Pass mal auf! Du hast mich hier nicht zu duzen!!!“
Er: „Häh????“
„Du hast mich schon genau verstanden! Du hast eben ’schrei nicht‘ zu mir gesagt.“
Er nuschelt irgendwas, was ich nicht verstehe. Seinen Freunden ist die Situation sichtlich peinlich, denn sie kennen mich und wir hatten nie irgendwelchen Ärger miteinander, also gehen sie schon mal ins Treppenhaus.
Der Duzer will nun auch nicht mit mir alleine zurückbleiben und bewegt sich jetzt auch. Auf der Treppe dreht er sich allerdings noch mal um und ruft mir zu: „Geh’n Sie mal lieber Lernen beibringen!“

Und das tue ich dann auch. Ich gehe zurück in meinen Raum noch ein bisschen Lernen beibringen.

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Allgemein

27 Gedanken zu “Duzen geht gar nicht!

  1. Das gleiche in Grün hatte ich heute tatsächlich auch, nur ohne Schüler aber mit Kunden… Du hast Recht (ich darf doch nach wie vor Du sagen?): Duzen geht gar nicht. Weder in der Schule, noch „auf unterschiedlichen Seiten des Schreibtischs“. Aber er hats ja wohl gecheckt und wirds hoffentlich nicht wieder tun.

  2. Oh oh, Duzen ist ganz böse. Da gab´s bei uns an der Schule immer ´ne Menge Ärger für, außer, die Lehrer haben es uns eh angeboten, weil man auf der Party einen Abend zuvor eh zusammen ein Bier getrunken hat! 😉 Haben Sie denn noch heraus bekommen, was für einen Auftrag die drei Bengel hatten, Frau Freitag?

      • Damit wäre der Auftrag ja klar: Stänkern. 😉 Man gut, dass Sie sich von sowas nicht einschüchtern lassen, da hab ich schon ganz andere Dinge erlebt…

      • Ganz überzeugt mich das auch nicht. Natürlich müssen Sie sehen, daß Sie das Alphatierchen bleiben, aber Pubertierenden Frechlingen hinterherzurufen und zu -rennen hört sich auch nicht völlig souverän an.

        In einer anderen Situation (wenn Ihnen gerade nicht das Machtmäntelchen der Lehreridentität um die Schultern flattert), würden Sie sich kaum so aufführen.

        Das „man Erwachsene nicht dutzt, Schüler aber schon“ hört sich auch ein bißchen nach schwarzer Pädagogik an. So wie früher die Kinder immer zuerst „Guten Tag“ oder den Weg für die ältere Person automatisch frei machen mußten, nur weil diese eben älter war.

        Kann es sein, daß Frau Freitag inzwischen bei allem Humor und aller Liebenswürdigkeit doch ne kleine berufsbedingte Autoritätsdeformation abgekriegt hat?

      • So in der Allgemeinheit habe ich davon noch nichts gehört. Ich duze z.B. einige Erwachsene (und habe das auch schon vor dem 18. Lebensjahr getan) und dann gibt es noch die erwachsenen Schüler.
        In unserem Gymnasium wurden Schüler gesiezt aber mit Vornamen angesprochen, es geht also auch anders.

  3. Ich find Duzen überhaupt nicht tragisch, ehrlich gesagt.
    Und komm mir jetzt mal keiner mit Respekt… Wenn ich jemanden nicht respektiere, aus welchen Gründen auch immer, dann nutzt auch ein vornehmes „Sie“ recht wenig.
    SIE Ar*chl*ch ist immer noch ein Ar*chl*ch 🙂

  4. Ich komm mir vor, wie in einem Callcenter, wo alle unterschiedslos geduzt werden. Diese falsche Kumpelhaftigkeit, die es den doofen Callcenter-Eidschents es unmöglich macht, gegen Minimallöhne, Zeitdruck oder falschen Abrechnungen aufzumucken, weil ja alle Vorgesetzten soooo nette Kumpel sind.

    Doch im Callcenter wird der Eidschent bei der kleinsten Entgleisung entlassen oder zuuufällig werden seine „Käzes“ besonders oft kontrolliert und es gibt Lohnabzüge, so dass jeder drauf achtet, wo sein Platz in der Hierarchie ist.

    Das sind Möglichkeiten, die ein Lehrer wohl kaum hat.

    Außerdem: ist es denn wirklich so verdammt schwer, Respekt vor der Lebensleistung, dem Wissensunterschied und der erarbeiteten Position zu haben? Warum ist ein höfliches „Sie“ so schwierig?

    „Sie“ zeigt Respekt, Höflichkeit, klärt die Positionen der Anwesenden oder schafft den nötigen professionellen Abstand. Und wenn es dem Schüler nicht klar ist, welche Funktion er in der Schule hat – nämlich die des Lernenden – dann wird er auch weiterhin den Unterricht stören, nicht pünktlich erscheinen, nicht für Tests lernen und einen miesen Schulabschluss haben. Und wer bekommt dann Schuld? Frau Freitag.

    PS:
    Es waren die schlechtesten Schüler in meiner Schulzeit, die Wert darauf legten, ab dem 14. Lebensjahr von den Lehrern gesiezt zu werden. Heute schreien Siebenjährige einem auf der Straße an und fordern „Ey Du *piiiiiiiiep*, Respekt!“ und klopfen sich selber auf die Brust.

  5. Also so ganz verstehe ich einige Kommentare nicht.
    Ich arbeite mit Grundschülern und wir duzen uns. „Du ,Frau***“ kein Problem. Aber wenn sich ein älterer Schüler zu uns verirrte und auf meine (freundliche) Aufforderung wegzugehen mit „Schrei nicht“ antwortete, würde ich das im besten Fall als „Reg‘ dich nicht auf Alte“ und im schlechtesten Fal ail „Halt‘ Maul“ interpretieren.
    Und das geht natürlich überhaupt nicht.

  6. Also es ist schon klar dass man als Schüler einen Lehrer nicht duzen sollte, weils halt so üblich ist (ev. in manchen Hausregeln auch verankert ist), dennoch ist man kein „cooler“ Lehrer wenn man mit so einer Art hinterher rennt und den Schüler selber mit „du“ auf’s Duzen anspricht. Hat man gar nix davon, denn erstens kommt man inauthoritär rüber und zweitens wie die „doofe Lehrerin“. Ich hab meine Lehrer immer bewundert und hatte mehr Respekt vor ihnen als vor anderen Lehrern, wenn sie sich gekonnt mit etwas Humor und gleichzeitig respektverschaffenden Sprüchen uns entgegenstellten. Dadurch waren das dann die berühmten Lieblingslehrer und jene die uns nach der Matura/Abi das Du-Wort angeboten haben: „Und bin ich ab sofort für euch alle der Peter….endlich!!“
    Solche Lehrer gabs leider damals nur sehr selten und sie haben sich leider nicht vermehrt wie’s scheint!

  7. “Geh’n Sie mal lieber Lernen beibringen!” – hat also gefruchtet der Einsatz, dessen empfundene Notwendigkeit ich sehr gut nachvollziehen kann. Seh das wie Tia Uta

  8. Ich sieze automatisch, selbst wenn es oft nicht nötig ist, das wurde mir anerzogen und das bekommt man auch aus mir ncihtmehr raus. Das finde ich auch gut und werde das bei meinen eigenen Plagen genau so fortführen.

  9. das Duzen ist in der türkischen sprache wohl geläufig. im gegenzuge dürfte fr.freitag allerdings erwarten dürfen, daß zumindest ihre hand geküßt u. kurz zur stirn geführt wird. da sie ja eine lehrende gelehrte ist. und sicherlich etwas älter als ihre schüler. also wenn schon duzen, denn schon die gesamte tradition anwenden….

    • spätere auswüchse sehen dann so aus: unser 40-jähriger türkischer nachbar duzt mich 52-jährige…u. das sehe ich ja gar nicht ein. ihn zur rede gestellt, weswegen er mich unverschämt duze, kam zur antwort: weil du freches frau bist.

  10. Ein bisschen vermisse ich auch die Lockerheit, Frau Freitag, mit der rüpelhaften Art des Jungens umzugehn.
    Es ist nicht okay ohne Erlaubnis von Schülern geduzt zu werden, keine Frage, aber ihn mit so barschen Worten anzugehn zeugt nicht gerade von Souveränität.
    Außerdem wissen wir doch aus eigener Erfahrung, dass Befehlston, von wem auch immer, IMMER Trotz oder pampige Antworten nach sich zieiht.
    Ein „Stop! Wir arbeiten gerade konzentriert, wenn ihr mich sprechen wollt, wartet bitte bis zur nächsten Pause. Draußen. Danke.“ wäre sicher bei der neuen Siebten klasse angekommen.

    Übrigens… anderen Kommentierenden mit „weil ich die lehrerin bin. schon mal gehört, dass man erwachsene nicht duzt und schüler aber schon?“ zu antworten ist auch nicht guter Stil.
    „Schon mal gehört…?“ ist eher Umgangssprache der Lernenden.

    Du schreibst (ansonsten) interessant. 🙂

  11. Frau Freitag, du gefällst dir ein bißchen darin, die Löwendompteurin zu spielen und darin zu glänzen.

    In meinem Unterricht haben wir angefangen, uns alle zu duzen. Weltweit gibt es viele Schulbeispiele dafür. Ich bin in einer internationalen Klasse mit Familien aus der ganzen Welt. Ihre Erfahrung: Man duzt sich. Seither ist mein Unterricht und mein Umgang mit Eltern wesentlich entspannter. Das ist für alle ok., außer für die LehrerInnen. Man kann unsere Gewohnheiten auch hinterfragen und ändern. Das „Sie“ hat mit Respekt so wenig zu tun, wie das „Du“ mit Respektlosigkeit. Wenn jemand bewusst aus Verachtung und Provokation duzt, ist das was anderes.

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