Wissenswertes Teil 2

„Wird man bei Anzeige abgeschoben?“ fragt jetzt Hamid, bereit, sich wieder konstruktiv in die Diskussion einzubringen.
„Wenn du keinen Deutschen Pass hast, dann kann das passieren.“ Ich frage, wer aus der Klasse einen solchen hat. Sind viele, aber nicht alle. Wir sprechen darüber, wie man den bekommt. Die Schüler, mit der deutschen Staatsangehörigkeit scheinen schon gute Erfahrungen gemacht zu haben.

„In Libanon sie haben voll Angst vor deutsche Pass.“ sagt Taifun und erzählt, dass man wohl respektvoller an Grenzkontrollen behandelt wird, als Einheimische. „Aber wenn sie auf dem Markt hören, dass man Deutsch spricht – ALLES wird teurer. Sie denken voll wir sind Millionär.“
„Vielleicht bist du im Verhältnis zu denen auch so was wie ein Millionär.“ sage ich und denke daran, dass Taifun mir auf der Klassenfahrt erzählt hat, dass sein T-Shirt, ein Geschenk seines Onkels, 120 Euro gekostet hat.

„Aber sie verdienen nicht wenig da.“ sagt Fatime. „Sie haben alle Häuser. Große Häuser. So Villen. Und große Autos.“
„Aber wenn man da so gut verdient, warum gehen die Leute nicht dorthin und leben da?“ frage ich und gucke abwechselnd sie und Taifun an. „In Libanon ist sooo schön.“ sagt Lia. Verträumt starrt sie mich an. Sie sitzt direkt vor meiner Nase. „Ich will da sterben.“ flüstert sie jetzt.
„Was willst du?“
„Ich will in der Heimat sterben.“
„Wieso willst du sterben?“ frage ich sie „Willst du dort auch leben?“
„Nein, also, äh..“ stottert sie rum und scheint langsam aus ihrer Verklärung zu erwachen.
„Nein, also leben kann ich da nicht.“
„Wieso nicht? Wenn es doch dort so schön ist?“
„Also leben, nein. Das geht nicht. Ich bin doch hier aufgewachsen.“ erklärt sie und ich füge für sie dazu: „..aber wenn du stirbst, dann möchtest du dort begraben sein, das meinst du, oder?“
„Ja, genau.“ sagt sie, nickt und grinst zufrieden.

Dankbar für Lias Gedankengang wende ich mich wieder Hamid zu: „Hamid, könntest du dir vorstellen, in der Türkei zu wohnen?“
„Ja, klar, ist voll schön bei uns im Dorf“ Er denkt kurz nach. „Nur die Klos, die haben da so Plumpsklos.“ Ich erinnnere mich, wie ich entsetzt bei dem Anblick meines ersten Plumsklos am Mittelmeer meine Mutter rief, um ihr zu sagen, dass jemand die Toilette geklaut hätte. Später, mit schwerem Durchfall in Marokko, lernte ich den hygienischen Aspekt dieser Art der Notdurftverrichtung erst richtig schätzen.
„Jaaaa, ihhhh, die gibt es in Libanon auch. Ich bin extra immer ein Kilometer gelaufen zu mein Onkel, damit ich da nicht rauf musste.“ schreit Taifun. Auch Lia hat Plumpsklo-Angst und es stellt sich heraus, dass meine Klasse kollektiv diese Art der Sanitäranlage missbilligt. Pluspunkt für Deutschland und die Erfindung des Porzellanklosetts.

„Aber sonst könnte ich da leben.“ informiert uns Hamid nun doch noch in die Klodebatte hinein.
„Aber was würdest du denn dort arbeiten?“ frage ich ihn, denn ich stelle mir natürlich vor, dass es in „unser Dorf“ nicht gerade viele Arbeitsplätze gibt. „Ich würde so auf Feld arbeiten oder Kirschen pflücken bei den Nachbarhof. Mache ich mit mein Kusengs im Sommer immer. Wir kriegen 35 Euro am Tag.

„Soso, 35 Euro.“ sage ich und schreibe eine 35 an die Tafel „Also, wieviel Geld würdest du denn dann im Monat verdienen?“ frage ich und Vincent holt sofort seinen Taschenrechner raus. „35 mal 31… ist gleich… 1085. Reicht doch.“ sagt er zufrieden.
„Mal 31? Willst du sieben tage die Woche arbeiten frage ich und schreibe x5 hinter die 35 an die Tafel.“ Es folgt eine lange Diskussion darüber, ob nun die Fünf-Tage-Woche oder die Sechs-Tage-Woche das Übliche sei. Meine Klasse entscheidet sich, dass man eigentlich sechs Tage die Woche arbeiten gehen kann. Irgendwann haben wir einen Eurobetrag an der Tafel stehen.

„Okay Hamid, guck mal, das verdienst du also im Monat. Was brauchst du denn jetzt zum Leben?“
„Miete!“ ruft Rosa. Wir überlegen gemeinsam, was wohl eine Durchschnittsmiete in „unser Dorf“ kostet, da wir alle keine Ahnung haben, verlagern wir unser Beispiel nach Deutschland. Okay, also Miete?“
„400 Euro“ sagt Orkun.
„Ja, okay, könnte hinhauen.“ sage ich und schreibe 400 unter den Ausgangsbetrag. Gucke zu Vincent „Von dem oben abziehen, oder?“ fragt er und ich nicke. Er nennt mir die Summe, die übrig bleibt und ich schreibe sie an die Tafel. Dann ziehen wir die weiteren Fixkosten für Hamids Singlehaushalt ab: Handy, Strom, Monatskarte, unter anderem erkläre ich Warm- und Kaltmiete, Haftpflicht- und Hausratsversicherung, dann ziehen wir 200 Euro fürs Essen ab. Nadja besteht darauf, dass man ja noch die Taps für die Spülmaschine mit aufschreiben müsse und Waschmittel und Putzzeug. Dafür veranschlagen wir 20 Euro. „Möchstest du rauchen?“ frage ich Hamid und er schüttelt den Kopf, da er wahrscheinlich selbst sieht, dass er sich das für die 70 Euro, die übrieg bleiben nicht mehr leisten können wird.

„Also, 70Euro bleiben übrig, davon musst du dir noch Klamotten kaufen und wenn du in die Disco oder ins Kino willst den Eintritt bezahlen, Geschenke für Geburtstage oder so bezahlen und Reisen sind da auch noch nicht drin.“ Alle starren an die Tafel und sind leicht entsetzt. „Okay, Vincent, jetzt zieh mal die ganzen Ausgaben zusammen, dann können wir sehen, wieviel man eigentlich braucht, um bequem zu leben. Vincent rechnet und wir kommen auf 1200 Euro.
„Geht doch.“ sagt Taifun.
„Ja, wenn das netto wäre. Aber wir sind ja Steuerzahler und da kommen erst mal noch die Abzüge.“ Ich erkläre Brutto und Netto – das dauert.

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Allgemein

29 Gedanken zu “Wissenswertes Teil 2

  1. „Meine Klasse entscheidet sich, dass man eigentlich sechs Tage die Woche arbeiten gehen kann.“
    Na tiptop, das lob ich mir! Hoffentlich haben Sie Ihrer Klasse vorgeschlagen, dann auch den Samstag als Wiederholungs- und Vorbereitungstag zu nutzen!

  2. Und von da aus sind sie auf Inflation gekommen? 😉 Immerhin haben ihre Schüler damit einen großen Wissensvorsprung vor ganz vielen Leuten sofern sie das Prinzip verstanden haben. Einer meiner alten Lehrer hat sich immer herrlich über den heimlichen Diebstahl im Geldbeutel des kleinen Mannes ereifert… 😉
    Übrigens Daumen hoch das sie sowas, wenn auch ausser der Reihe, behandelt haben. Auf dem Gymnasium gabs das damals nicht, zumindest bei mir.

      • Die Wege des Wissens sind unergründlich… 😉 Aber vermutlich ist schon etwas hängen geblieben. Ob es das Richtige ist… Wer weiß. 😉 Einem Huhn, das nicht pickt, kann man noch so viele Körner hinwerfen; aber wenn man ihm nie Körner gibt, muss man sich nicht wundern, wenn es keine aufsammelt. Also Kikeriki. 😉

  3. SUUUPER!!!
    Lebensnaher, wirklichkeitsbetonender Unterricht!!
    Toll wäre ja, wenn es das im Lehrplan gäbe, aber das wäre wahrscheinlich viel zu sinnvoll.
    Also an Sie ein GROOOOSSES Lob, Daumen hoch, high five usw. für Ihren Unterricht!!
    🙂

  4. DAS sind die wirklich wichtigen Stunden. Die, wo man was mitnimmt und nicht nur dröge aufsaugt (oder durchrauschen lässt 😉 )

    Gut gemacht, Frau Freitag 🙂

  5. Also so nahe sind wir dem echten Leben auf dem Gym damals nie gekommen… Und einige der Experten guckten dann auch schön blöd aus der Wäsche im Nachhinein! Gut, dass die Kids das frühzeitig gesagt bekommen. Aber wohnt man denn in Unser Dorf nicht idyllisch bei der Grossfamilie? Da hätten sich dann auch Disco und Klamotten recht bald erledigt. Ne menge Geld kann gespart werden, dass man dann in eun Auto steckt, um ASAP aus dem vermeintlichen Himmel zu flüchten… 😉

  6. Solche Stunden lehren unsere Schüler, wie das Leben läuft. Etliche von ihnen haben es bitter nötig, einmal durchzurechnen, was das Leben kostet. Ich versuche, jedes Jahr eine Unterrichtseinheit zum Thema Hartz IV durchzuführen – die äußerst knapp kalkulierten einzelnen Positionen des Regelbedarfs sind ein höchst interessantes Thema, das immer wieder zu aufgeregten Diskussionen und blankem Entsetzen führt („Tschüüüüsch, nur 4 Euro pro Tag fürs Essen? Dafür geh ich einmal McD und bin dann nicht mal satt!“).=

  7. Wenn das Beispiel nach Deutschland verlagert wurde ist zu berücksichtigen, dass die Erntehelfer im Sommer hier (für die Kirschen, die Erdbeeren, den Spargel) schon seit vielen Jahren beispielsweise aus Polen kommen.
    In den letzten Jahren sind noch einige z.B. aus Bulgarien usw. dazu gekommen.
    Das würde bedeuten, dass sich diese langbewährten Arbeitskräfte vielleicht nicht ihre Saisonarbeitsplätze streitig machen lassen.

    Und ich möchte – aus eigener Erfahrung beim Spargelstechen und im Herbst bei der Weinlese – zu Bedenken geben, dass dies unglaublich körperlich anstrengende Arbeiten sind. Und außerdem macht man sich schmutzig dabei …
    😉

  8. In der DDR hatten wir selbst in den 80er Jahren teilweise noch Plumpsklos. Auf dem Hof. Im Winter. Nicht schön sowas. 😦
    Ich erinnere mich noch, dass ich als Kind wohl auch gedacht habe, man könne von recht wenig Geld leben und ich war total geschockt, als wir für meinen ersten Anzug soooooooo viel Geld ausgegeben haben.

    In jedem Fall ein Lob für deinen absolut praktischen Unterricht Frau Freitag. 🙂

  9. Ich finde solche Praxisbeispiele super, aber eines irritiert mich:
    Hamid verdient in der Türkei 35,00€/Tag. Warum werden die Fixkosten mit deutschen Durchschnittswerten errechnet?
    Die Miete für eine Wohnung in „unser Dorf“ wird wohl kaum 400,00€ betragen.

  10. So eine (wenigstens eine!) Unterrichtseinheit hätte ich mir in den 8ßern am Gym gewünscht…brutto/netto, Miete, Abzüge, Versicherungen. Aber nein, dafür waren sich die Herrschaften zu fein. Kam dann alles per Crashkurs bei der ersten (ernüchterneden) Zimmersuche während des Studiums. Oh weia, keine schöne Rückblende. Hoffentlich ist es heutzutage anders, weniger theoretisch!

    • Gibt es bei uns im Gymnasiumschulzweig in Klasse 7 in Politik und Wirtschaft – heißt „wirtschaften im privaten Haushalt“ und ist auch mit so ’ner Beispielrechnung und Schock „Voll viel Geld!!“. Hartz IV kommt in Klasse 8, auch komplett mit ausrechnen, worauf die eigene Familie verzichten müsste, wenn sie davon leben müsste – muss aber meistens zum Glück keiner…
      Bei mir in der Schule gab es das auch nicht, aber Mutti und Vati haben es mir beigebracht…

  11. Gut gemacht, Frau Freitag.
    Solche Dinge glauben sie einfach den Lehrern eher als den Eltern.
    Teuer Geschenke erwecken die Illusion, dass das Geld schon irgendwo her kommt. Dass sie ein Zeichen der Liebe sind, und manchmal mit Verzicht verbunden, sehen sie nicht, wenn sie teure Handys und Tshirts haben.

  12. Ach, Frau Freitag, Sie sind so toll! Sie sind mein Alter Ego am anderen Ende der Republik. Ich liebe Ihren Blog und die beiden Bücher, die daraus entstanden sind. Ich lese meiner Ayse, meiner Esra, meinem Mert und Mehmet daraus vor – und wir erkennen uns alle wieder. Ihre Zuneigung zu Ihren Schülern trotz diverser Aufreger ist dabei das Schönste! Bitte immer mehr! Herzliche Grüße, Nicole Krenzer

  13. in der jugendarbeit im jahr 2000 fand ich es noch mehr als schlimm, daß jeder Ü-18 eine eigene wohnung haben durfte. da gab es keinerlei rechenbeispiele, denn bezahlt wurde alles. toll, daß frau freitag mal ein exempel aufmacht, wie das wäre, wenn man selbst für seinen lebensunterhalt aufkommen müßte. ist natürlich nur hypothetisch.

    • nennen wir ihn orkan, der vor 10 j. seine projektwoche bei einer freundin im computerlädchen verbrachte…u. jahrelang nicht mehr ging. wir halfen ihm bei bewerbungen u. eines tages klappte sein wunschtraum mechatroniker. allerdings kam heraus, daß ein auge blind war…u. aus wars. es stellte sich heraus, daß die ganze familie behindert war, weil stets innerhalb der nahen verwandtschaft geheiratet wurde. orkan teilte mir mit, daß er der erste u. einzige sei, der sich überhaupt für ausbildung interessiere, die ganze familie lebe stets auf dem sofa. und das würde er jetzt halt auch so machen. ne cousine heiraten, kinder kriegen, geld erhalten, so sei das immer gelaufen. jahre später traf ich ihn wieder. er war sauer. tatsächlich hatte er eine nahe verwandte unbekannterweise geheiratet. die durfte aber nicht einreisen. neue gesetze.

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