Krass – so viel Demokratie auf einmal

„Sollen wir einen Stuhlkreis machen?“
„Oh nöööö, Frau Freitag. Das dauert so lange.“
„Okay, aber dann sollen sich die, die in der Mitte sitzen, an den Rand setzten, damit sich alle sehen können.“, sage ich und bin mir nicht sicher, wie das jetzt werden wird.

Unser erster Klassenrat. Oder wenigstens eine abgespeckte Version davon. Hamid und sein Verhalten haben mich ja noch das gesamte Wochenende beschäftigt. Mit Mama Hamid habe ich dann sogar noch während des Showdowns beim Tatort telefoniert, so dass ich überhaupt nicht mehr mitbekommen habe, warum die Frau entführt wurde. Hamid hatte nicht die Mädchen wiederholt beleidigt, sondern auch andere Schüler der Klasse massiv unterdrückt. Jedenfalls waren die Erzieherin und ich auf 180. Freitag stand für uns schon fest, dass wir ihn nicht mit auf die Klassenfahrt nehmen werden. Dann 1000 Telefonate – mit Hamid, mit einer anderen Mutter, mit der Erzieherin und schließlich dann auch mit Hamids Mutter.
Nach jedem Gespräch wurde ich aufs Neue verunsichert: Haben wir uns richtig entschieden?
Waren wir zu hart? Ist die Sache wirklich so und nicht so gelaufen… Am Sonntag um 23Uhr war ich sehr viel unschlauer als am Freitagnachmittag.

Die Erzieherin und ich beschließen, alles mit der Klasse zu besprechen. Der Deutschlehrer – der alte Diplomat – gibt mir Tipps. Und heute ist es dann endlich soweit. Unser Plan war zunächst: Aufklärung.

Erste Stunde: Wir schrieben zwei Themen, die beide Hamid betrafen an die Tafel, inklusive ein paar Stichwörter. Jeder sollte aufschreiben, was ihm oder ihr dazu einfiel. Anonym. In absoluter Ruhe fassten die Schüler alles zusammen. Kurz vor dem Ende der Stunde sammelten wir die Blätter ein und lasen sie vor. Am Ende kam ein lückenloses Bild heraus. Sehr gut.

Ein paar Stunden später also unsere Demokratieübung:
Ich erkläre kurz einige grundsätzliche Gesprächsregeln, Rosa führt die Rednerliste und schon geht es los. Die Schüler melden sich, sagen sachlich ihre Meinung, gehen aufeinander ein, keine Unterbrechungen, keine Kommentare, keine Beleidigungen. Nur mir fällt es schwer nicht immer sofort meine pädagogischen Zusätze in den Raum zu werfen. Auch ich muss mich melden und warten, bis ich dran bin. Voll anstrengend für jemanden, der es gewohnt ist, IMMER zu sprechen, wenn er gerade Bock drauf hat.

Zunächst geht es um die Klasse allgemein. Ich frage, warum sich die Mädchen untereinander so gut verstehen und wie das bei den Jungs sei.
Die Mädchen haben das schnell erklärt und stellen dann fest, dass sich die Jungs gerne mal aus Spaß hauen und ärgern. Hamid sagt, dass er in den Pausen immer mit den Leuten aus seiner Grundschule zusammen ist und deshalb die aus der Klasse gar nicht so gut kennt. Überhaupt wird vermutet, dass man sich besser verstehen würde, wenn man mehr miteinander zu tun hätte.

Dann geht es darum, ob Hamid mit auf die Klassenfahrt kommen soll oder nicht. Die meisten Schüler sprechen sich dafür aus und begründen ihre Meinung auch sehr gut: „Ich sag mal, wenn er mitkommt, dann kann er doch alle viel besser kennenlernen und dann verändert sich sein Verhalten bestimmt.“
Hamid muss nach vorne kommen und zu sich selbst Stellung nehmen: „Meinst du denn, dass du dein Verhalten ändern kannst? Willst du das überhaupt?“
Er will und er meint er könne sich verbessern. Das ist ja auch nicht so schwer – schlechter geht es ja kaum.

Die Erzieherin und ich sind noch misstrauisch. Am Ende beschließen wir, dass es am Mittwoch in der Mittagspause eine geheime Abstimmung geben wird, ob er mit darf oder nicht. Bis dahin ist er auf Bewährung. Bis Mittwoch ist nicht mehr lange. Man darf gespannt sein.

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Allgemein

12 Gedanken zu “Krass – so viel Demokratie auf einmal

  1. o mann, das ist doch jetzt spannender als jeder Tatort: ich hab in meinen Kalender eingetragen: Mittwoch: gucken, ob Hamid mitdarf!!!

  2. Oh, das ist natürlich kompliziert. Wenn er nicht mitkommen darf kann es sein, dass sich sein Verhalten nur verschlimmert (er ist ja eh der Außenseiter), andererseits könnte er aber auch die ganze Klassenfahrt versauen. Ich bin gespannt, wie die geheime Abstimmung ausgeht =)

    • wenn sich sein verhalten nicht verbessert, dann fliegt er über kurz oder lang sowieso aus der klasse – ist eigentlich nicht so kompliziert.

      • Oh, das ist natürlich auch eine Möglichkeit. Ich hatte das in meiner Schulzeit gar nicht, dass jemand wegen seines Verhaltens rausgeflogen wäre (eher wegen Fehlzeiten), deswegen kam mir das nicht in den Sinn.

  3. Demokratie pur – toll! Und eine Supergelegenheit für Hamid, etwas über sich und seine Wirkung auf andere zu lernen plus eine tolle Lerngelegenheit für die anderen, Konflikte zu bewältigen. Das werden sie bestimmt nie vergessen. Toll aus der Zitrone eine Limonade gemacht!!!

  4. Hallo,
    ich finde es sehr richtig wie ihr vorgegangen seid! Vor allem den Klassenrat finde ich sehr wertvoll. Nun kann man nur hoffen, dass dieses Bewusstmachen auch seine Wirkung bei Hamid zeigt. Ich bin gespannt, ob er mitfahren darf 🙂
    LG

  5. Oje, da tut mir der Kleine ja fast schon leid, so vors Tribunal gezerrt zu werden! Aber wie soll es auch anders gehen… schön, dass de Schüler das nicht ausgenutzt haben. Ich wäre ja dafür, dass er mitfahren darf, wenn die Probleme wirklich darauf zurück zu führen sind, dass er die anderen noch nicht so gut kennt!

    Ich war selbst mal bei so einem Klassenrat dabei und war beeindruckt, wie ernst die Kinder das nehmen. Als dann aber so ein kleiner Knirps (6. Klasse), der sich darüber beschwerte, dass ein anderer ihn ständig verarscht, aufgeregt folgendes erzählte: „Der, der, der hat gesagt, wenn man mein Gesicht auf Briefmarken drucken tun würde, dann würde die Post innerhalb von einem Tag Pleite gehen“ – da musste ich meine gesamte Willenskraft zusammen nehmen, um nicht loszubrüllen vor lachen! Ich meine… was ist denn das für ein saugeiler Spruch! 😀 Wäre pädagogisch aber nicht so gut gekommen, zumal die Kinder mit toternsten Gesichtern den Schilderungen zuhörten 😉

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