Ich mache dir noch eine Schwester

Seit heute Nacht bin ich von Power Plate restlos überzeugt. Ich fühlte mich ja schon den ganzen Abend gerader, als vor dem Training. Als sei meine Wirbelsäule das erste Mal im Leben an der richtigen Stelle. Und dann liege ich heute morgen im Bett und als ich aufwache denke ich: Nanu? Was ist denn das? Ich bin ja viel größer als sonst! Meine Füße hängen aus dem Bett. Das tun sie sonst nie. Über Nacht gewachsen, nach einem Mal Power Plate Training… wenn das nichts ist…

In der Schule heute: schönste Frauenpower.

„Frau Freitag, wir müssen unbedingt mit Ihnen über Hamid sprechen!“
Meine Mädchen kommen immer in ihrer geballten Gesamtheit zum Treppenhaus, wenn ich aus dem Unterricht komme. Mit einer „So, jetzt reicht’s!“- Energie stehen sie dann alle empört vor mir und warten auf meine Reaktion. Ich bin jedes Mal aufs neue gerührt, dass sie sich mit ihrer Empörung an mich wenden.

„Okay Mädels, also, wir haben ja gleich zusammen und da besprechen wir das.“
Nach der Pause sitzen wir mit der Erzieherin im Freizeitbereich. Ich komme etwas später, weil ich mir gleich zu Beginn der Stunde Hamid geschnappt und ihn zu einer schriftlichen Stellungnahme verdonnert habe.

Alina ist schon mittendrin: „Und dann hat es mir gereicht. Frau Freitag, Sie kennen mich. Ich bin nicht so, dass ich gleich ausraste.“, sie guckt zu mir. Ich nicke. Alina ist wirklich die Ruhe selbst. Immer.

Zufrieden fährt sie fort: „Tut mir leid, aber Sie haben wirklich nicht genug gemacht mit Hamid.“ Und das stimmt leider. Wir haben immer pädagogisch auf ihn eingequatscht, dann Mutti einbestellt, dann Muttiheft, dann wieder Mutti. Anscheinend hat er sich mit unserem Eingelulle ganz gut arrangiert.

Alina berichtet weiter: „…und ich habe ihn dann neulich gesagt: Hamid. Du redest noch ein Mal so mit mir, dann passiert was. Er meinte: Wen holst du? Ich habe gesagt: ich hole niemand. Ich regel das selber. Und gestern hat er wieder so geredet und da bin ich ausgerastet. Okay, ich habe ihn auch Ausdrücke gesagt, das gebe ich zu, aber ich konnte einfach nicht mehr. Was denkt er, wer er ist? Haben seine Eltern ihn nicht erzogen? Er muss doch Respekt haben. Vor uns. Vor uns Mädchen, wir sind doch in einer Klasse. Wir sind doch die Mädchen der Klasse. Wir sind doch wie eine Familie. Ist doch, wie wenn wir hier wohnen.“

Sie guckt zu den anderen Mädchen. Die nicken ihr verständnisvoll zu.
Rosa guckt zu mir: „Wir sehen die Klasse doch mehr als unsere Eltern.“
Ich nicke auch. Da hat sie wahrscheinlich sogar recht.

„Also Alina, was sagt Hamid denn zu euch?“ frage ich und öffne damit den Gullideckel.
Jetzt reden sie alle durcheinander.
„Er fragt, ob mein Hintern und meine Brüste operiert sind.“
„Er sagt: Ich mach dir noch eine Schwester. Ich ficke morgen mit deine Mutter.“
„Oder er kommt morgens und sagt: Komm erzähl doch mal, wie gut es gestern mit uns beiden war. Voll eklig.“ Die Mädchen schütteln sich angewiedert, während sie mir von Hamids verbalen Entgleisungen berichten.

„Okay“, sage ich nachdem ich genug gehört habe. „Was machen wir jetzt?“
Alina hat die Idee: „Frau Freitag, holen Sie doch Hamid und wir sagen Ihm das alles.“ Ein hervorragender Vorschlag.
Einige Minuten später sitzt Hamid vor allen Mädchen der Klasse und muss sich so einiges anhören.

„Was haben dir denn deine Eltern beigebracht. Hamid, wie du mit uns redest, das geht nicht. Wir sind nicht solche Mädchen. Wenn du solche Mädchen brauchst. Dann hol‘ sie dir von der Straße. Aber rede nicht so mit uns.“ Alina macht das super. Also überlassen wir ihr auch den Rest der Ansprache. „Das muss sofort aufhören und ich will mit deinen Eltern sprechen und sie fragen, ob sie dich so erzogen haben. Die müssen das hören, wie du mit uns redest. So redet man nicht mit Mädchen.“

Hamid sackt in sich zusammen wie ein alter Luftballon. Am Besten gefällt mir der Part, wo Alina sagt, dass sie mit seinen Eltern sprechen will. Er guckt auf seine Schuhe, aber die scheinen ihm auch nicht zu helfen. Die Erzieherin auch nicht und ich auch nicht.

Irgendwann ist alles gesagt. Hamid schlurft nach draußen. Der hat seine Packung erhalten. Hoffentlich lernt er daraus etwas.

Vergnügt und zufrieden verabschieden sich die Mädchen von uns. „Danke, Frau Freitag.“
„Danke? Wofür? Ich habe zu danken! das habt ihr wirklich toll gemacht.“

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Allgemein

30 Gedanken zu “Ich mache dir noch eine Schwester

  1. Was für tolle Mädchen! da geht einem ja echt das Herz auf. Sie können wirklich stolz auf sie sein (und ihre Eltern natürlich auch)

    • erstmal noch nicht, denn ich werde erst mit den eltern sprechen. aber wenn es sich nicht ändert…dann großer showdown!

  2. Die Mädchen können einem wirklich leid tun. Aber sie haben die Sache super geregelt! So etwas sollte es öfter an Schulen geben; leider trauen v.A. Mädchen bei verbaler Belästigung oft nicht, etwas zu sagen.
    Scheint ja ein sehr energiegeladener Tag gewesen zu sein, auf allen Seiten. 🙂

  3. Ich möchte gerne themenübergreifend für die – wieder einmal passende – Musikauswahl danken.
    Ich sitze schon wieder hier und flippe im Takt rum ….

    Gut haben Ihre Schülerinnen das gemacht.

  4. Da sollte man glatt die Kopfnoten wieder einführen – das wäre gut für die Mädel, allerdings tödlich für Hamid.

  5. Ich stelle mir gerade vor, wie Maskulisten diese Szenen bewerten würden. Das ist ja weibliche Gewalt und Unterdrückung, wenn nicht gar Assimilierung von männlichen Verhaltensweisen! Und das alles natürlich im System Schule, aus dem Männer rausgemobbt worden sind, damit Frauen allein die Bildungsanstalten dominieren und ihre Macht in der Gesellschaft zementieren können, indem sie die junge Generation mit ihrer feministischen Propaganda indoktrinieren!

    Das würde ein Maskulist sagen. Ich würde sagen: Ich find’s gut!

  6. Einfach grandios! 🙂 Tolle Mädels haben Sie da, Frau Freitag, und Ihr Blog gefällt mir gut! Sie erinnern mich stark an einige meiner Lieblingslehrer, die ich damals hatte. 🙂

  7. Also ich muss jetzt mal sagen: So geht das nicht, ohne „Strafverteidiger“ für Hamid – z.B. so ein „überkrasser“ Machotyp!
    Jetzt aber mal ernsthaft!
    Ich finde es gut, dass die Klasse diese Punkte versucht selbst zu regeln und Sie als Erwachsener sich zurück gehalten haben! Ich bin ja mal gespannt ob es irgendwas gebracht hat und wie das „Ansehen“ von Hamid bei den „Kerlen“ gelitten hat. Denn eines ist klar, maximal 90 Minuten später wußte es die ganze Schule 😉

  8. Aber ich muss auch mal sagen, dass Mädels, der heutigen Schülergeneration auch schon ab und zu „die Härte“ sind. Das durfte ich ein paar Monate am eigenen „Leib“ erfahren, als ich in meinen nicht mehr so jugendlichen Leichtsinn auf die Idee kam in einer brandenburger Schule eine Foto-AG anzubieten. Da testeten dann in der ersten Stunde einige Damen aus, wie weit sie gehen können und das war sehr weit unterhalb der Gürtellinie (ich muss dazu sagen, das ich den Gürtel nicht als Stirnband trage). Witziger Weise haben sie schnell erkannt, dass ich auf ihre Anmache nicht so richtig anspringe und danach hatten wir eine Menge Spaß! Was die Truppe gemeinsam „verzapft“ hat, kann man hier sehen: http://fotografiekurs.blogspot.de/

  9. Also…. wenn Hamid wollte, dass er bei den Mädels im MIttelpunkt steht und er auf Zuwendung aus war, ist seine Strategie doch sehr erfolgreich. 🙂

      • Manchmal ist es dem armen Würstchen egal, wer reinbeisst. Ketchup und Senf und Mayo extra? Prima.
        Und manchem ist es lieber überhaupt was zu hören als gar nichts.
        Und Mädchen, die sagen, dass man(n) NETT und höflich und ein guter Zuhörer sei…… HORROR.
        Junge sein ist irre schwer. Echt jetzt.

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