Der Lehrer

Was sind Lehrer eigentlich für Menschen? Jeder kennt Lehrer. Viele sind Lehrer. Aber wer nicht Lehrer ist, der sieht – oder sah den Lehrer ja nur handeln. Wie sieht es IM Lehrer aus? Dieses Mysterium möchte ich heute mal lüften.

Lehrer haben eine moralische Verpflichtung ihren Schülern und der Gesellschaft gegenüber. Nicht nur im Unterricht, sondern auch davor, danach und dazwischen. Eigentlich immer. Lehrer sind Vorbilder. Lehrer sind moralisch höherwertigere Menschen.

Der Lehrer lügt nicht. Ist immer pünktlich, beleidigt niemanden und hält sich selbstverständlich an alle Regeln und Gesetze, die es gibt. Das tun viele Leute, könnte man jetzt meinen, aber der Lehrer hält sich auch an die Gesetze, die es eigentlich nicht gibt: Der Lehrer schläft bei offenem Fenster. Der Lehrer zieht Obst dem Fleisch vor. Der Lehrer kauft Bio und Fair Trade – auch wenn es viel teurer ist und gar kein Bio oder Fair Trade ist. Der Lehrer fährt kein Auto, weil das die Umwelt belastet. Und wenn er Auto fährt, dann aber nicht Mercedes oder BMW, sondern Volvo. Er tankt auch Bio – E10 lieber nicht. Er tankt mit schlechtem Gewissen – wegen der Umwelt. Der Lehrer ist für multikulti und wohnt gerne in Bezirken mit hoher kultureller Vielfalt, aber nur so lange, bis die eigenen Kinder eingeschult werden. Der Lehrer ist für Frühförderung – bei den eigenen Kindern. Der Lehrer hat Biostrom und trennt seinen Müll. Selbstverständlich trennt er seinen Müll. Der Lehrer denkt: jeder trennt seinen Müll. Der Lehrer ist gegen Verpackungen – falls die Milchkanne wieder eingeführt werden würde – der Lehrer wäre sofort dabei. Der Lehrer ist bei der Post- nicht bei der Deutschen Bank. Der Lehrer hat keine Aktien – und wenn, dann grüne. Der Lehrer fährt Fahrrad. Mit Helm. Der Lehrer gibt sein Rad jährlich zur Inspektion. Der Lehrer benutzt die Plastikflaschen mehrfach. Bevor er neues Wasser – Leitungswasser – was sonst? – einfüllt, spült er die Flasche kurz aus – wegen Hygiene. Der Lehrer benutzt keinen Weichspüler. Der Lehrer macht Yoga. Der Lehrer würde gerne auf dem Land wohnen – aber irgendwie auch nicht. Der Lehrer kauft sich keine überteuerte Eigentumswohnung in einem Arbeiterbezirk und vertreibt deshalb niemanden aus dem billigen Wohnraum. Der Lehrer beteiligt sich überhaupt nicht an Gentrifizierungsversuchen. Der Lehrer findet die Piraten irgendwie gut – ist aber trotzdem skeptisch. Ihm ist die Naivität der Neulinge ganz sympatisch, aber trotzdem möchte er, dass die jetzt mal in die Puschen kommen.

Der Lehrer hat einen Aufkleber am Briefkasten: Keine Werbung – steht da drauf. Der Lehrer ist für Palästina, aber irgendwie auch für Israel, wegen der Juden und so. In Sachen Nah-Ost-Konflikt ist er zwiegespalten. Eigentlich ist er für beide. Der Lehrer kauft Obdachlosenmagazine – aber nur, wenn die Verkäufer nicht zu sehr stinken. Wenn der Lehrer nach Hause kommt wäscht er sich immer zuerst die Hände.

Der Lehrer ist gegen den Markenwahn der Schüler – kauft sich allerdings auch nur Markenware – aber andere Marken. Der Lehrer hat kein Smartphone – braucht er nicht. Der Lehrer behält seinen Röhrenfernseher, bis er kaputt ist. Eigentlich schaut der Lehrer nicht fern. Und wenn dann nur 3SAT, Arte und manchmal ARD.

Der Lehrer nimmt lieber die Treppen, auch wenn es einen Fahrstuhl gibt. Der Lehrer hat immer eine Meinung. Die ist immer richtig. Streit löst er gewaltfrei. Der Lehrer liebt Ich-Botschaften und Therapien. Der Lehrer atmet in den Bauchraum – immer. Der Lehrer nimmt Magnesium und Kieselsäure. Der Lehrer liest Tageszeitungen. Der Lehrer trinkt GUTEN Wein und liest GUTE Bücher. Der Lehrer geht in Off-Kinos, damit die nicht aussterben. Der Wa(h)l- und Robbenfang ist ihm ein Dorn im Auge, genauso wie der Autobahnausbau oder Stuttgart 21. Stuttgart ist ihm aber auch ein Dorn im Auge, weil seine Eltern dort wohnen. Der Lehrer guckt mit schlechtem Gewissen Fußball, aber er liebt die spanische Spielweise. Der Lehrer hat keine Freunde, die Kevin heißen.
Wenn der Lehrer auf’s Klo geht, dann riecht es nach Rosen.

Ihr seht also, der Lehrer ist einfach der bessere Mensch. Gut, dass man ihn Kinder unterrichten läßt.

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Allgemein

45 Gedanken zu “Der Lehrer

  1. Ist der Lehrer als Solcher gegen Wahlfang oder Walfang? 😉
    [Klugscheißermodus aus]
    Klar dass Lehrer die besseren Menschen sind. Bin mir sicher, dass Lehrerinnen auch nicht unter PMS leiden, oder dass der Lehrer auch nie schlecht geschlafen hat oder einen schlechten Tag haben kann…

      • bei vollem lohnausgleich???? DA HAST DU WAS FALSCH VERSTANDEN. das musst du erst mal belegen.

      • So so. Ich weiß nur von drei Monaten unterrichtsfreier Zeit, wofür wir zum Ausgleich während der Schulzeit eine Arbeitszeit von gut sechsundvierzigeinhalb Stunden pro Woche haben. Nur kein Neid.

  2. Was bleibt mir da zu sagen, Frau Freitag:
    You’re simply the best
    better than all the rest
    better than anyone …!!!

  3. Die Kritik an den geklauten Blasenpflastern hat dir ganz schön zugesetzt, was? – Nein, Lehrer müssen keine perfekten Menschen sein, natürlich nicht. Aber die Vorbildfunktion geht dann schon so weit, dass man wenigstens ganz klar nix klaut. (Und nein, so ein Ladendiebstahl macht einen nicht zum schlechten Menschen, das habe ich damit NICHT gesagt.)

  4. Ich bin sehr beruhigt über die Stelle mit dem Rosenduft, denn bis zu der Stelle war ich mir nicht so sicher, ob sie das nicht womöglich Ernst meinen.
    Die Frau von unten (Realschule a.D.) ist bzw. sieht sich nämlich genau so!
    Die Frau von ganz oben (Gymnasium) auch.
    Ich (Nicht-Pädagoge) bin leider noch nicht ganz so vorbildlich und fehlerlos, aber die Nachbarinnen arbeiten daran….

  5. Danke Frau Freitag, das Sie mein Weltbild wieder gerade gerückt haben. Nun kann ich die Früchte meiner Lenden doch beruhigt aufwachsen sehen, da ich nun weiß – sobald sie in die Schule kommen, kümmern sich genau die richtigen Menschen darum, aus ihnen wertvolle Mitglieder unserer Gesellschaft zu machen :-). Wenn Sie so weitermachen, dann müssen wir wohl doch ernsthaft über das Bundesverdienstkreuz nachdenken.

  6. Gut, dass ich nach zwei Semestern aufgehört habe. Da ahnte ich schon, dass ich diese Vorgaben nie würde erfüllen können!
    😉

    • mütter sind doch die noch viel perfekteren wesen – da sieht doch der lehrer blass aus gegen so eine MUTTER.

  7. Pingback: ertappt « Notizblog

  8. Das bekommen meine Schüler demnächst als Strafarbeit zum Abschreiben, wenn sie was blödes gegenüber diesem Beruf äußern :o) Zusatzaufgabe: Markiere alle Punkte, die auf deine Lehrerin nicht zutreffen und beweise sie 😉

  9. Das hätten Sie locker kürzer formulieren können: „Lehrer machen und wissen alles richtig.“ Aber auch alles, wirklich alles. Darum ist er/ sie ja auch „Lehrer(in).“
    Favorisiert als Wohnungsmieter bei Vermietern (natürlich nicht, weil Lehrer immer alles besser wissen), gern gesehen als kritische Verbraucher (nie meckern Lehrer immer herum, weil…) und als sehr beliebte Geiseln bei Entführungen im Jemen o. ä bevorzugt., weil sie da eben arglos, philantrop und fremdenfreundlich im Wüstensand herumlatschen in Birkenstocksandalen mit Mineralwasserflaschen und Stadtrucksack.
    Dennoch unentbehrlich.
    Sie haben es einfach einfach gut. 😉

    • und dann vorzeitig erschossen werden, weil der Zettel mit den Forderungen nicht vorgelesen, sondern korrigiert zurückgereicht wird mit den Worten: „Setzen! Sechs!“ oder so.

  10. Aaaaaaaah! Du bist jetzt schuld daran, dass ich statt meinen Unterricht vorzubereiten, als Ausgleich die ersten drei DVDs von „Nightmare on Elm Street“ ansehen muss! 🙂

  11. DIe Heiligsprechung steht kurz bevor.
    Aber ich werdewohl keinen glänzenden Schein bekommen, leider.
    Zu laut, Nagellack, wildes Parfum und gewagter Kleidungsstil, alles nicht erlaubt. Schade.

  12. Das mit dem Rosenduft stimmt nicht!Als ich, unterwegs mit SchülerInnen einen Kollegen traf, der eine Packung Klopapier unterm Arm trug erklärte dieser ganz richtig: „Das ist für meine Freundin. Ihr wisst doch, Lehrer müssen nicht aufs Klo.“

  13. Ich bin so unökö und überhaupt wenig von dem, was da steht – ich sollte sofort den Abschluss wechseln… xD
    Und den Artikel mal dem Asta-Lehramtsreferat unterschieben…

  14. Lehrer rauchen außerdem hinter der Sporthalle und verdonnern arme kleine Praktikantinnen dazu, das ebenfalls zu tun, denn die Schüler könnten ja merken, dass es sowas wie Zigaretten gibt.

  15. Oh Gott, der Lehrer ist wie ich! Ich fühle mich zutiefst ertappt. Nur einen Volvo kann ich mir nicht leisten. Mist. Zuviel guter Wein und Fairtade-Bio-Essen vermutlich.

  16. Oh, das finde ich als „fast fertige“ Lehramtsstudentin fast ein bisschen gruselig, wie sehr ich mich in dem Text wieder finde- bisher dachte ich immer, dass diese Eigenschaften meine Individualität ausmachen 😉 Naja, immerhin zeigt das ja wohl, dass ich doch das richtige Studium gewählt habe!

  17. …jaja, es ist jetzt schon hundert Jahre her, dass dieser post online ging usw…
    Trotzdem bin ich gerade erst drauf gestossen und muss aus sieben Jahren Kellnererfahrung hinzufügen:
    Der Lehrer ist ein Gast mit Sonderwünschen und gibt trotzdem kein Trinkgeld.

    Das macht uns, die Heerscharen der sich in der Gastronomie versklavenden Student_Innen, sehr, äh – …traurig?
    😉

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