Adam Yauch

„Adam Yauch ist gestorben.“, sagt mein Freund.
„Oh nein!!! Wie traurig. Der war so nett und ich glaube das war der Schlauste von den Beastie Boys. Der hatte Krebs, oder?“
„Ja. Ohrkrebs.“
„Ohrenkrebs?“, frage ich „Was soll denn das sein? Ach ist das traurig. Und der war doch erst Mitte Vierzig…“
„47.“
„Sag ich doch.“

Vor zwanzig Jahren – ich war noch weit entfernt so etwas Skurieles wie Lehrerin zu werden fragte mich ein Freund: „Du, sag mal, hast du morgen Zeit? Ich soll für unser Musikfanzine die Beastie Boys interviewen und kann morgen nicht. Du kannst doch Englisch, willst du das machen?“
Ich so: „Klar.“

Zwei Minuten später kamen mir leichte Zweifel: Ich kenne mich doch gar nicht aus mit Musik. Was fragt man denn so bei einem Interview? Vielleicht sollte man vorher schon irgendwas über die Band wissen. Wer sind diese Beastie Boys eigentlich? Ach, ich weiss, das sind diese total dicken schwarzen Typen, die immer so frauenfeindliche Sachen singen. Oh Gott, die werden mich bestimmt fertig machen oder nicht akzeptieren, weil sie doch Frauen nicht mögen – also die mögen bestimmt nicht von Frauen interviewt werden. Und wenn ich keine Ahnung von Musik habe, dann bestätige ich doch gleich wieder ihr Vorurteil, dass Frauen keine Ahnung haben… oh Gott, Oh Gott. Und wie die aussehen. Voll groß und so dick. Ich habe Angst vor denen…

Am nächsten Tag gehe ich mit meinem Walkman und ziemlich viel Schiss, dafür aber immer noch ohne jegliche Hintergrundinformation zu den Beastie Boys, zum Konzertort. Dort sollte ich hinkommen und dann würde das Interview in dem Café nebenan stattfinden.
Eine ziemlich verkabelte Frau zeigt auf drei dürre weiße Jungs: „Das sind die Beastie Boys.“ Und plözlich war meine Angst wie weggeflogen. Na, die drei zu interviewen, das wird doch kein Problem. Im Café sitzen noch ein paar Typen, die ebenfalls an dem Interview teilnehmen wollen. Musikspezialistentum tropft ihnen aus jeder Pore.
Ich hatte die Beastie Boys mit den Fat Boys verwechselt.

Wir setzen uns alle an einen großen Tisch. Die Typen fragen sofort ihre Fragen, die jedem zeigen sollen, wie gut sie sich in der Musikszene auskennen. Checkerfragen. „Warum habt ihr das Label gewechselt, bzw. warum habt ihr jetzt euer eigenes Lable aufgemacht? Was unterscheidet eurer neues Album von dem alten? Hat wieder blah blah blah das poduziert oder blah blah blah?“ Ich verstehe nur Bahnhof und langweile mich. Traumjob Musikjournalist beginnt zu verblassen

Die Beastie Boys rattern ihre Antworten runter. Auch sie scheinen sich ein wenig zu langweilen. Wahrscheinlich werden sie ständig das gleiche gefragt. Plötzlich dreht sich einer von ihnen zu mir. „Don’t you have a question?“
„Ich äh…äh…yes. What’s your names?“ stammel ich leise.
„This is Michael Diamond and that is Michael Horowitz and my name is Adam Yauch.“
Will der mich verarschen? „Diamond, Horowitz and Yauch? Are those your REAL names?“
frage ich nach, denn ich will ihm nicht auf den Leim gehen. Er grinst und nickt.
„Horowitz, Diamond…“ ich schüttele immer noch den Kopf. Dann fällt mir noch was ein, was ich wissen möchte: „Are you married?“
Ist doch gar nicht so schwer, dieses interviewen. Ich frage, ob sie sich schon die Stadt angeguckt haben, was sie von der Wiedervereinigung halten. Es wird eine angeregte Unterhaltung zwischen mir und Adam Yauch. Er ist echt nett. Fragt, ob ich zum Konzert abends käme, er würde mich auch die Gästeliste setzen. Ich bilde mir ein, dass er mit mir flirtet. Einer von den Beastie Boys flirtet mit mir. Der netteste und irgendwie ist er auch der, der am besten aussieht. Wir verabschieden uns und zu Hause will ich meinem Freund das Interview vorspielen. Ich drücke auf play – nichts. Mist, ich hatte während des Interviews vergesssen den Pause-Knopf wegzudrücken. Wie soll ich denn jetzt das Interview schreiben.
Na ja, das kann warten. Abends gehe ich auf das Konzert und tanze zwei Stunden durch. Auch die Beastie Boys hüpfen ganze zwei Stunden auf der Bühne rum. Super.
Später bitte ich den Freund, für dessen Musikmagazin ich schreiben sollte, mir eine Aufnahmen des Interviews von den Musikcheckern zu besorgen.

Nach ein paar Tagen ruft er mich an: „Ich habe die Aufnahme. Und weisst du was der Typ meinte? Der hat gefragt, wen wir denn da zum Interview geschickt hätten, du hättest die Jungs ja voll um den Finger gewickelt.“

Tja, so begann und endete eine vielversprechende Karriere als Musikjournalistin.

Adam Yauch…der Tod holt immer die Falschen.

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Allgemein

9 Gedanken zu “Adam Yauch

  1. „…der Tod holt immer die Falschen“

    Ja, leider. Da hält sich jemand, der so talentiert ist von den Verlockungen dieser Branche fern und lebt ein angenehm normales Familienleben fernab von Drogen, die so manches Talent zugrunde richteten, fernab von Sexgeschichten mit immer wechselnden Partnern, welche man häufig von Neureichen und Neuprominenten hört und dann stirbt dieser Jemand an einem scheiß Ohrenkrebs!

    Die Musikwelt hat ein bemerkenswertes Talent und sympathischen Menschen weniger.

  2. Frau Freitag, Sie sind einfach total cool!
    Es ist wirklich sehr traurig, dass Adam Yauch so früh gestrorben ist, er gehört zu meiner Jugend. Eine Freundin von mir, der Inbegriff von gesundem Leben, ist auch mit 49 an Krebs gestorben. Es ist so verdammt ungerecht!

  3. Haar in der Suppe: ADAM Horowitz, nicht Michael.
    Ansonsten alles prima, einer meiner Lieblingsblogs! Vielen Dank dafür 🙂

  4. Also Frau Freitag. Ich creepe hier bestimmt schon 3 Monate rum. Aber jetzt muss ich mal was sagen: Ich fühle mich Ihnen ein bisschen seelenverwandt. Das wars! Achja, ich liebe den Blog und hab Hörbuch und alles. 🙂

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