Na is doch

„So, please read the next sentence, Halil.“ Wir hängen in den letzten Minuten der Englischstunde. Seit Wochen versuche ich meiner Klasse den Unterschied zwischen regelmäßigen und unregelmäßigen Verben näher zu bringen.
„Es gibt zwei Arten von Verben. Weiß jemand welche?“

„Vergangenheit!“

„Ja, der UNTERSCHIED macht sich bei der Bildung der Vergangenheit bemerkbar.“
Alle starren mich an. Niemand meldet sich. Überforderung pur.
„Okay, regelmäßge und unregel….“ Ich erkläre, zeichne Tafelbilder, gebe Beispiele – irgendwann tun die Schüler so, als hätten sie es kapiert. Ich tue auch so, als hätten sie es verstanden und teile ein Arbeitsblatt mit Übungsaufgaben aus. Taifun hat mal wieder irgendwas am Finger und kann deshalb nicht schreiben. Ich setze mich neben ihn und lasse mir die Sätze diktieren. Ich gucke mich im Raum um, alle arbeiten. Alle, außer Halil. Der sitzt einfach nur auf seinem Stuhl und versucht Onur, der vor ihm sitzt zu ärgern.
„Halil, arbeiten!“
„Mach ich doch.“
„Nein, machst du nicht, du versuchst Onur vom Arbeiten abzuhalten.“
„Waas??? Hier, ich arbeite doch.“ Halil hält mir sein Blatt entgegen, auf dem lediglich der Beispielsatz von der Tafel steht. Ich rolle mit den Augen und gebe ihm mit dem Kopf ein Zeichen, dass er loslegen soll.
Noch ein kleines „Üfff“ und dann guckt er aufs Arbeitsblatt. Ich beobachte ihn, während Taifun die unregelmäßigen Verben nachschlägt.
Halil arbeitet nicht. Die ganze Stunde macht er nichts. Als ich sage, dass wir in fünf Minuten die Sätze vergleichen, wird er plötzlich ein wenig unruhig. Ich gehe wieder nach vorne und stelle mich vor die Tafel. Halil schreibt. Aber nur von Taifuns Blatt ab. Ich ignoriere.

„Okay let’s hear your sentences!“
Die Schüler melden sich, lesen, ich korrigiere, lobe, nehme den nächsten dran. Alles läuft wie es soll.

„Please read the next sentence, Halil.“ Ich gucke zu Halil, der über seiner Tasche hängt und seine Sachen einpackt.
„Halil, ich habe die Stunde noch nicht beendet. Warum beendest du sie jetzt schon?“
„Na is doch.“
„Nee, is nicht. Pack die Sachen wieder aus und lies den achten Satz vor.“

Wenig später klingelt es. Tschüß und schönen Tach noch.
Unterrichten ist easy. Schwer ist nur, denen was beizubringen, denn bis nächste Woche haben sie das mit den Verben wieder vergessen. Au Backe – da kommen ja noch die Brückentage – da wissen die dann nicht mal mehr, was Verben sind. Tja.

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Allgemein

16 Gedanken zu “Na is doch

    • wieso, da lebt eine ganze industrie von. und so wird doch auch unser herrlichliches privatfernsehen finanziert…also nix gegen verben!

  1. Ich hab schon in der 3. Klasse gelernt, was französische unregelmäßige Verben sind. Und englische. Hab nämlich Hanni und Nanni bzw. Tina und Tini gelesen, da wird das erklärt… *hihi*

    • Mir geht`s genauso, nur steh ich auch am anderen Ende …:( (vor der Klasse!) Ich frag mich, wie man je einen vernünftigen Satz im Past oder Perfect sagen will, wenn man sich strickt weigert, die Dinger sich einmal einzupaiken,dann reicht`s doch fürs ganze Leben…

      • Ich mochte die englische Sprache von Anfang an, das hat sicherlich einen Unterschied gemacht. Außerdem wollte ich die Englischen Songtexte der Stars zu meiner Zeit richtig mit trällern und verstehen können 🙂

        ~Anja~

  2. Die Schüler im ersten Jahr der BFS sind immer ganz entsetzt, wenn ich ihnen erkläre, dass wir in diesem Jahr doch eigentlich nur den Hauptschulstoff wiederholen. Present Progressive? Simple Past? Unregelmäßige Verben? „Ms B, das hatten wir noch niiiie, ischwör auf Koran!“

    Und ja, ihr Gedächtnis reicht gerade mal von einer Englischstunde zur nächsten. Mit Mühe.

    • „ihr Gedächtnis reicht gerade mal von einer Englischstunde zur nächsten“
      Wer es glaubt, ist selber schuld…
      Ich kann mich noch erinnern, wir haben unsere Lehrer mit solchen Tricks auch wahnsinig gemacht. Und, sie haben tatächlich geglaubt, wir wären zu blöd. Nur, dass es heutzutage immer noch so naiven Lehrer gibt, hätte ich nicht geglaubt. Meine Schüler kommen mit solchen Tricks auf jeden Fall nicht durch.

      • „Ihr“ wart vermutlich Gymnasiasten. Du verkennst offenbar den Unterschied zwischen eher einfach gestrickten Gemütern (die auch nach sechs Jahren Englischunterricht Basics wie „he, she, it – S muss mit“ entweder nicht verstanden oder nicht verinnerlicht haben) und Gymnasiasten.

  3. Verben kommt das von Werben?
    Jetzt verstehe ich das auch mit regelmäßig und unregelmäßig! Im öffentlich rechtlichen TV gibt es regelmäßige Verben und bei den Privaten unregelmäßige (oder dauerhafte) Verben!

    Oder auf die Kids runter gebrochen:
    Regelmäßig sind sie bei Facebook & Co und unregelmäßig in der Schule! Oder sehe ich das falsch!

  4. Mir ist gerade noch ein Grund eingefallen warum die Kids mit Verben nichts anfangen können:
    REGELmäßig und unREGELmäßig – das mit den REGELN ist nicht Ihr Ding! 😉 Wünsche Euch ein schönes Wochenende und den „Bildungsbeauftragten“ dieser Republik eine erfolgreiche Woche!

  5. Oweh…das erinnert mich daran, dass mein Sohn (13!) nä Wo eine Engl-Arbeit schreibt – das is ja auch für die mitlernende Mutter nicht einfach ;o) ich schwör! Und von alleine geht er da lieber nicht dran. P.s. Super Buch, super Blog
    Grüße und ein schönes langes Wochenende

  6. Ja, ja, Unterrichten ist so einfach.
    Freitag 4.Stunde, Klasse 2 sitzt im Kreis.
    „Jan, du bist zu spät.“
    „Mia, hast du zugehört?
    „Yussuf, lass deinen Nachbarn in Ruhe!“
    „Können wir jetzt alle noch mal zuhören, was Anna sagt?“
    „Stefan, nicht auf dem Boden liegen, setz dich wieder!“
    ……..
    Okay, ab und zu fließt auch das Unterichtsgespräch weiter.
    Bis zum Gong – da springen alle soofort auf.
    „Halt! Nee, nee, alle noch mal hinsetzen!“

    Obwohl… herrlich, jetzt fängt für MICH das Wochenende an!
    „KInder! Ab in die Pause! Und tschüss!“

    Euch allen ein wunderbares Wochenende!

  7. Haha.. Ich hab letztens auch echt ‚teached‘ geschrieben. Ist mir dann aber zum Glück noch aufgefallen. Das wäre wohl ganz schön peinlich geworden :/

  8. Narf… Sprachen! Englisch war nie meins! Schon gar nicht die Grammatik. („Warum kann ich die Wörter nicht so setzen wie in deutsch, Frau Lehrerin?“) Unregelmäßige Verben waren mir auch ein graus.
    Auswendig lernen? Kann ich bis heute nicht. Maximal so lange, bis es geprüft wird. Dann ist es weg. Komplett. Ging mir auch bei Gedichten so. v-V
    <—muss den Inhalt verstehen und/oder sich herleiten können; geht bei Sachen zum auswendig lernen aber nicht

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