Schulbesuch ohne Unterricht

„Alina, wo warst du denn gestern?“ Alina ist Dauerschwänzerin. Seit das Schuljahr begonnen hat, schwänzt sie was das Zeug hält und das Zeug hält viel. Dieses Halbjahr war sie erst 8 Tage in der Schule. Ich dokumentiere jegliche Fehlzeit penibelst, stelle den Kontakt zum Jugendamt her, schreibe eine Schulversäumnisanzeige, dann noch eine und telefoniere regelmäßig mit Mama Alina. Die kommt dann immer in die Schule, wir reden, Alina ist dabei und verspricht jedes Mal: „Jetzt ändert sich alles.“ Dann kommt sie zwei Tage und dann fehlt sie wieder wochenlang, bis ich wieder die Mutter zum Gespräch einlade.

„Erziehungshilfe????? Neeeeeeiiiiinnnn, sowas brauchen wir nicht.“
„Aber Sie schaffen es ja anscheinend nicht, Alina morgens aus dem Bett zu schmeißen.“
„Ja, ich bin wahrscheinlich einfach eine zu nette Mutter. Ich bin zu lieb.“
„Aber Mama Alina, eine nette Mutter würde alles dafür tun, dass ihre Tochter zur Schule geht und einen guten Abschluss macht. Sie verbauen Ihrem Kind doch alles. Alina bleibt im Bett und später kann sie nur langweilige Hilfsjobs machen, weil sie keinen Schulabschluss hat.“

Nun ist seit einer Woche Alinas beste Freundin in meiner Klasse. Sie kommt von einer anderen Schule und hat es irgendwie geschafft, sich direkt zu mir in die Klasse versetzen zu lassen. Alina kam am letzten Montag überglücklich mit ihr zur Tür rein.

„Ab jetzt wird AAAAALLLES anders!!! Sie werden sehen! Jetzt komm‘ ich IMMMER!!!“
Das klang gut. Klang aber auch bekannt. Wie oft habe ich das schon von ihr gehört. Okay, jetzt haben wir eine veränderte Situation. Die beste Freundin geht jetzt in ihre Klasse und was sollte sie jetzt noch daran hindern in die Schule zu kommen.

Montag lief super. Alina klebt an ihrer BF, zeigt ihr die Schule, erklärt wie es bei uns läuft und strahlt wie ein Honigkuchenpferd. Dienstag das Gleiche. Mittwoch höre ich, dass sie sich in den letzten beiden Stunden mit Bauchschmerzen nach Hause schicken lies. Donnerstag war sie zu Hause (wahrscheinlich immer noch Bauchschmerzen.) Freitag ist sie in der Schule -die anderen Schüler sehen sie auf dem Hof – im Unterricht war sie allerdings nicht. „Ich kam zu spät, also erst zur zweiten Stunde und dann habe ich mich nicht in den Unterricht getraut. In der dritten Stunde hatte sie einen Termin beim Schuldistanziertenprojekt „Komm‘ mal aus den Puschen“. Da will sie aber nicht hin, denn ab jetzt wird ja alles anders.

Gestern fehlt sie in der ersten Stunde. Nach der zweiten Stunde frage ich den Kollegen im Lehrerzimmer: „War Alina eben bei dir im Unterricht?“
„Nein.“
Ich sehe sie durchs Fenster auf dem Hof. Denke: Okay, jetzt ist sie ja da. Wahrscheinlich hat verschlafen und ist dann nicht zum Unterricht gegangen. Gleich hat sie Sport. Ich habe eine Freistunde und bleibe im Lehrerzimmer sitzen. Der Kollege hat auch frei und geht rauchen. Als er wiederkommt erzählt er mir: „Du die Alina habe ich gerade draußen gesehen.“
„Wie draußen? Die hat doch jetzt Sport. Naja, ich habe sie ja gleich in der noch in der fünften Stunde, dann werd‘ ich sie mir mal vornehmen.“
In der fünften Stunde sind alle da – auch Alinas Freundin. Nur Alina herself fehlt. Sie tauchte natürlich auch in der sechsten Stunde nicht mehr auf.

Heute sehe ich sie in der Pause: „Alina, komm mal her! Wo warst du denn gestern?“
„Ich war zu spät und da bin ich dann nicht mehr in den Unterricht.“
„Aber ich habe dich nach der zweiten Stunde auf dem Hof gesehen. Warum warst du in der dritten nicht bei Sport?“
„Die Turnhalle war zu und ich kam nicht rein.“
„Dann warst du zu spät. Aber du warst ja schon in der Pause auf dem Hof. Du hättest also pünktlich sein können. Und warum warst du in der fünften nicht bei mir im Unterricht?“
„Auf dem Vertretungsplan stand, dass die Siebte nur bis zur vierten Stunde hat.“
„Nein das stand da nicht.“
„Doch.“
„Nein. Und du willst mir doch wohl nicht erzählen, dass du den ganzen Tag mit keinem aus der Klasse gesprochen hättest. Die anderen waren doch auch im Unterricht.“
„Ich dachte die letzten Stunden fallen aus.“
„Sag mal Alina, ist dir eigentlich aufgefallen, dass du zwar gestern in der Schule warst, aber überhaupt nicht im Unterricht?“
Sie grinst und guckt auf den Boden.
In der Mittagspause ruft das Jugendamt an. „Ich wollte mich erkundigen, wie es mit Alina läuft. Sie sagt, seit ihre Freundin in der Klasse ist, sei alles perfekt. Sie käme jetzt immer in die Schule.“
„Ja, in die Schule schon…aber perfekt ist irgendwie anders.“

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Allgemein

10 Gedanken zu “Schulbesuch ohne Unterricht

    • du denkst doch wohl nicht, dass das meine idee war oder, dass ich da irgendwas zu sagen konnte – erster tag nach den ferien: frau freitag, du hast eine neue schülerin. hier ist die akte – viel spaß…

  1. Dumm ist sie nicht – immerhin der Bldungsindustrie erfolgreich ein Schnippchen geschlagen. Und mal ehrlich: schlauer wird sie nicht, wenn sie täglich im Klassenzimmer hockt. Das einzige, was fehlt, ist dieser seltsame Zeugnis-Schein. Kann man den nicht einfach so ausstellen?

  2. Oh ja, die kenne ich, solche Schüler, die zwar irgendwann mal wieder in der Schule sind, sich aber im Unterricht nicht blicken lassen.

    Ab und zu leiere ich schließlich auch ein Bußgeldverfahren an, weil wir nun mal ab einem bestimmten Punkt nicht drum herumkommen. Es hat zumindest bei mir/uns noch nie dazu geführt, dass ein Schüler dann regelmäßig zur Schule kommt.

    Bei euch, fraufreitag …?

  3. Ich verstehe nicht, wie ihre Mutter sie nicht jeden Morgen aus dem Bett schmeißen kann. Meine Eltern sind immer vor mir zur Arbeit gegangen, da ging das schlecht, aber so versaut sie ihrer Tochter doch echt alles, nur um nicht mit ihr anzuecken. Wahrscheinlich würde Alina eh auf dem Schulweg „abhanden kommen“.
    In Berlin gibt/gab es die Möglichkeit, schulsäumige Jugendliche von der Polizei zum Unterricht eskortieren zu lassen – habe ich zumindest mal gehört.

  4. Wenn ihre BF im Unterricht ist, dann frag ich mich, was die Alina die ganze Stunde über allein auf dem Schulgelände macht. Unterricht kann ja wohl kaum langweiliger sein.
    Diese Kinder… nicht mal richtig schwänzen und in der Zwischenzeit was cooles machen können die heute…

  5. Ahhh, da wird der Hund doch in der Pfanne verrückt! Ich bin selber bis vor kurzem und bald wieder Mitarbeiter von stationären Einrichtungen für Erziehungshilfe. Da bekommt man schnell mit, dass es eben gerade die Eltern sind, die KEINE Grenzen setzen (Mutter Alina?!?), die ihre Kinder dazu bringen, selbst Grenzen zu suchen…leider auf dem falschen Weg. Wenn diese Eltern, egal ob allein erziehend oder als Elternpaar, nur schon die Einsicht hätten dass sie Hilfe brauchen, dann wäre SO VIEL gewonnen. Aber das geht nicht, weil dieses Hilfegesuch in unserer Gesellschaft bei viel zu vielen Menschen noch als „Unfähigkeitseingeständnis“ gewertet wird, statt die Stärke zu sehen, die man braucht um zu sagen: „Ich brauche Hilfe. Alleine schaffen wir das nicht mehr“. DAS braucht mehr Mut, aber es hilft letzten Endes doch auch.
    Das ist aber ein ähnliches Problem wie das, wenn Menschen nicht einsehen wollen, dass sie Hilfe von Psychologen oder Psychiater bräuchten…dann wäre man ja verrückt!
    Gruß, der Abenteurer

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