Allein unter Jungs

„Frau Freitag, Felix hat kein Sperma.“ sagt Onur und kichert dabei vor sich hin.
Ich übertrage gerade die Fehlzeiten meiner Schüler in eine Liste. Onur soll eigentlich seine Mathehausaufgaben machen.
„Soso. Und woher weißt du das?“ frage ich ihn.
„Er hat es mir gesagt.“
„Na ja, bei dem einen kommt das eben später und bei dem anderen früher. Aber du hast schon Sperma.“
„Ja natürlich.“ sagt Onur stolz.
Mit einem „Na ist doch schön.“ will ich mich wieder den Fehlzeiten widmen. Allerdings erwacht nun Hamids Mitteilungsbedürfnis.
„Frau Freitag, mein Kuseng hat meinen Onkel und meine Tante beim Liebe-machen gesehen und da meinte er…“
„Hamid, schön, dass du dich vor mir so gepflegt ausdrückst. „Liebe-machen“ – wirklich schön.“
„FICKEN!!!“ schreit Paul von hinten aus der letzten Reihe. Ich gebe ihm einen missbilligenden Blick.
„Frau Freitag und da meinte er, also mein Kuseng, ob er nicht mitmachen könnte.“
„Haaamid.“ sage ich in einem Tonfall, der ihm klarmachen soll, dass ich die Geschichte erstens nicht glaube und zweitens nicht an weiteren Geschichten dieser Art interessiert bin.
Hamid schweigt. Dafür setzt sich jetzt auch noch Taifun zu uns in die erste Reihe und fängt an zu erzählen: „Haben Sie gehört, dass Firats Mutter ihn seine Schamhaare rasiert.“
„Wer hat das gesagt?“ fragt Hamid.
„Firat sein Kuseng.“ antwortet Taifun.
Ich kenne weder diesen Firat, noch seinen Kuseng und ich will mir die ganze Sache auch gar nicht vorstellen. Muss ich aber trotzdem – „denken Sie nicht an einen grünen Elefanten“-mäßig.
„Warum macht die Mutter das?“ frage ich.
Taifun weiss es: „Weil der sich immer schneidet.“
„Aha. Taifun, hast du schon Mathe fertig?“
„Fast. Ihhhhh, stell‘ dir mal vor die Mutter….“
Hamid verzieht das Gesicht. Onur auch. Mein Bedarf ist auch gedeckt. „Taifun, jetzt hör mal auf damit. Mach mal Mathe.“
„Können wir Stadt Land Fluss spielen?“ fragt Paul.
„Ja, eine gute Idee.“ antworte ich schnell. Bloss das Thema wechseln. Und mit der gleichen Inbrunst, mit der es gerade noch um Sperma und Schamhaarrasur ging, widmen wir uns nun Ländern, Automarken und Fußballspielern.
Jungs….

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Allgemein

13 Gedanken zu “Allein unter Jungs

  1. ???

    Ich bin baff!
    Als ich in der Schule war, wäre mir und meinen Mitschülern niemals die Idee gekommen mit unseren Lehrern über so etwas zu sprechen. Und gerade als türkischer Schüler waren ich und meinesgleichen bei solchen Themen eher noch verklemmter.

    Weiß gerad‘ net was ich sagen soll ….

    • was ich ganz vergessen habe – es ging ja auch noch darüber, ob es Hure, Nutte oder schlampe heißt. Da musste ich auch erst mal erklären… puh pubertät ist anstrengend.

  2. Ganz klar: ich wäre als Lehrerin so was von nicht geeignet … auch und besonders in solchen Situationen.
    Kompliment, dass Sie so gelassen bleiben.

    Mir fiel spontan der Song von den Ärzten ein: „Das sind Dinge von denen ich gar nichts wissen will“.

    Ob dieses Mitteilungsbedürfnis auch ausgesprochen intimer und privater Informationen daraus entspringt, dass ihnen sonst niemand zuhört?

  3. Oh Mann. Als Schülerin wäre ich wohl peiinlichst berührt ob diesen Themas unter dem Tisch im hintersten Eck anzutreffen gewesen. Und ich hab viel mit Jungs zu tun gehabt, aber was zu viel ist, ist zu viel. Too much information!

  4. Uii, das ist ja noch schlimmer als das, was ich von den Metaljungs in der Kneipe höre wenn ich da arbeite. Gruselig! Und da kommen einem Bilder, die man gar nicht im Kopf haben will!

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