Pflegestufe 3

„Frau Freitag, ich bin vielleicht am Donnerstag nicht da.“
„Warum? Wo bist du denn da?“
Rosa steht vor mir, grinst und dreht während sie spricht ihren Oberkörper hin und her.
„Ich habe vielleicht einen Termin.“
„Was denn für einen Termin?“
„Beim Kinderarzt.“
Oh Mann, immer dieses Zum-Arzt-gehen-während-der Schulzeit.
„Rosa, am Donnerstag ist doch Schule. Warum legst du dir denn da einen Arzttermin hin?“ Gesünder als Rosa kann man gar nicht aussehen. Sie strahlt eine jugendliche Vitalität aus, dass ich mir gerne davon ein paar Scheiben für mich und die schlappen Kollegen im Lehrerzimmer abschneiden möchte.
„Also ist ja auch noch nicht klar, ob am Donnerstag oder am Freitag.“
Jetzt kommt Irina, stellt sich mit einem ganz traurigem Gesicht neben Rosa: „Ich muss morgen zum Augenarzt. Ich kann nicht zu Deutsch gehen.“
„Also Kinder, ihr hattet gerade zwei Wochen Ferien, warum seid ihr denn da nicht zum Arzt gegangen. Und ich habe euch doch schon 1000 Mal gesagt, dass ihr euch die Termine nicht in die Schulzeit legen sollt. Wann ist denn dein Termin, Rosa?“
„So um 15 Uhr.“
„Na, da kannst du doch zu Deutsch gehen.“
„Aber ich muss erst Tropfen rein machen. Um 14 Uhr und dazu muss ich nach Hause.“
„Und warum hast du die Tropfen nicht mit in die Schule gebracht? Warum sind die zu Hause… ach egal. Setzt euch mal hin, dass wir anfangen können.“

Sie schleichen auf ihre Plätze. Ich gucke mir den Zettelhaufen auf meinem Schreibtisch an. Die Fehlzettel von gestern. In der vorletzten Stunde waren sie alle noch da und jetzt steht da, dass Hamid, Orkan und Taifun nicht bei Musik waren.“

„Sagt mal Jungs, Hamid, Orkan und Taifun, wo wart ihr denn in der letzten Stunde?“
Hamid macht ein sehr ernstes Gesicht: „Ich bin nach Hause gegangen. Ich hatte Kopfschmerzen.“
„Aha, und hast du dich irgendwo abgemeldet – z.B. bei mir – nein hast du nicht. Orkan, wo warst du?“
„Ich hatte auch Kopfschmerzen.“
„Hmmm. Wie praktisch. Und ich gehe recht in der Annahme, dass du auch einfach nach Hause gegangen bist?“ Er nickt. „Und Taifun? Auch Kopfschmerzen?“
„Nein ich musste zum Arzt. Immunisierung.“

Ah, wenigstens mal was anderes. Ich gucke zu Taifun, der um seine linke Hand einen Verband trägt. Ich will gleich mit denen etwas schreiben. Jede Art von Verband nervt mich. „Taifun, was ist denn mit deiner Hand?“ Ich höre eine verworrene Geschichte mit mehren Tanten, einem Arztbesuch und einer Prellung. Ich glaube ihm kein Wort.
„Na, du kannst aber trotzdem mitarbeiten.“
„Nein, ich bin doch Linkshändler.“
„Linkshänder!“
„Ja.“

Die Schüler fangen an zu arbeiten. Ich rege mich innerlich noch über ihre Weicheierichkeit und ihre Arztbesuchsmanie auf, da kommt Raifat zu mir: „Frau Freitag, mein Ohr tut weh.“
„Raifat, setzt dich mal wieder hin, das geht wahrscheinlich gleich vorbei.“
Die Erzieherin ist in dieser Stunde auch bei uns im Raum. Raifat geht an seinen Platz und leidet dort still vor sich hin. Ich habe sein Ohr gleich wieder vergessen und brüte über irgendwelchen Listen und Statistiken, da steht plötzlich die Erzieherin neben mir. „Du Frau Freitag, ich bringe den Raifat mal runter. Das Ohr sieht gar nicht gut aus.“
„Jaja, mach‘ mal.“

Kopfschmerzen, Handprellung, Ohrenschmerzen, Heuschnupfen, Augentropfen…das ist keine Klasse, das ist das reinste Lazarett.

Nach der Stunde kommt die Erzieherin zu mir ins Lehrerzimmer: „Du, den Raifat habe ich abholen lassen.“
„Echt?“
„Ja, das Ohr, da war ein riesen Bluterguss und als er den Kopf gedreht hat, da lief da Eiter raus.“
„Oh, echt?“ Eiter, denke ich, auf dem Weg in die nächste Stunde, Eiter der aus dem Ohr rausläuft, voll schlimm. Hoffentlich geht der gleich zum Arzt.

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Allgemein

15 Gedanken zu “Pflegestufe 3

  1. Cool, abhören durch den Kittel bei Kermit, das ist schön!!!

    Ansonsten wünschen wir den „zukünftigen Arbeitskollegen“ mal gute Besserung!

  2. Au weia, Raifats Ohr … genau wegen solcher schlimmen Geschichten wage ich es schon lange nicht mehr, selbst eine Diagnose „ist tatsächlich schlimm“ oder „ist nur vorgeschoben“ (wie allzu oft) zu wagen. Wenn die Schüler meinen, sie müssen wegen Unwohlseins gehen, dann müssen sie eben gehen. Ohne elterliche Entschuldigung oder ärztliche Bescheinigung ist und bleibt es aber unentschuldigte Fehlzeit.

    Gute Besserung für den armen Raifat!

  3. Als Dozentin an der Uni bekommt man dann schon die härteren Entschuldigungen. Studies haben anscheinend oft psychische Erkrankungen (die meisten meiner Studies wollen übrigens mal Lehrer werden ). Es gibt aber auch Krebs und häusliche Gewalt. Da sind eiternde Ohren ja harmlos!

  4. Sehe das wie Kejo111. Man kann auch, wenn man sagt, man hat Kopfschmerzen, was ernstes haben. Das nehme ich einmal zu oft, als einmal zu wenig ernst. Gerade Ohren sind was fieses. Mittelohrentzündungen lassen mich da erschauern und mit Eiter – oje. Da wünsche ich gut Besserung.

  5. Zu eiternden Ohren fällt mir nur ein, dass es natürlich – zumindest wenn Mittelohrentzündung die Ursache ist – in dem Moment wo der Eiter fließen kann, die schlimmsten Schmerzen vorbei sind …. trotzdem natürlich kein Grund in der Schule zu bleiben – gute Besserung 🙂

  6. Kränkliche Bande! Kopfschmerzen? Ich glaub, ich spinne! Ärgerlich, sich die immer gleichen Quatschausreden anhören zu müssen, aber Sie haben ja wohl zum Glück Nerven aus Stahl! 😉

  7. Tja, da kommen Erinnerungen hoch. 5. Klasse, ich hatte wegen einer beginnenden Magen-Darm-Grippe üble Bauchkrämpfe. Die Lehrerin meinte, ich solle in der Schule bleiben, Bauchschmerzen kämen bei Mädchen in meinem Alter öfter vor. Von der nächsten Stunde bekam ich nicht mehr viel mit, da rannte ich dann nämlich alle 10 Minuten zum Klo – aber der Lehrer ließ mich dann auch gehen! 😉
    Aber tatsächlich, es gibt die gruseligsten Sachen auch bei Schülern und Studis. Umso ärgerlicher werde ich aber wenn ich mitbekomme, dass gesundheitliche Probleme erfunden oder stark übertrieben werden um sich vor etwas zu drücken.

  8. Puh.. der tut mir echt Leid :/
    Bei uns im Gymnasium (Vor Abitur Klasse) wird auch total oft Blau gemacht wegen „miristschlecht“ oder „kopfweh“

  9. „Also Kinder, ihr hattet gerade zwei Wochen Ferien, warum seid ihr denn da nicht zum Arzt gegangen. “

    Bei meinem Sohn fielen am Mittwoch zwei Stunden aus, weil die Lehrerin Korrekturtag hatte. Da habe ich mir genau da gedacht:
    Die hatte gerade zwei Wochen Ferien, warum braucht sie da JETZT einen Korrekturtag? Kann man von einer Lehrerin, die gefühlte 20 Wochen Ferien im Jahr hat, nicht mal verlangen, dass sie 2 oder 3 Ferientage für die Abikorrektur opfert??? Offenbar nicht …

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