Günther

„Frau Freitag, du hast einen neuen Schüler.“ sagt Frau Klarcheck und zieht an ihrer Mentholzigarette. Wir stehen vor der Schule in der Sonne und rauchen. Wie auf der Terrasse eines Sanatoriums reckt jeder mit geschlossenen Augen sein Gesicht in die Sonne. Nur ich nicht, da ich Pigmentverfärbungen befürchte – ja, auch schon im März.

„Ja, Günther.“ antworte ich leise, denn ich habe eigentlich keine Lust mir meine Pause mit den ersten Horrorgeschichten über meinen neuen Schüler zu versauen.

Frau Klarcheck pustet genüßlich den Rauch aus und justiert dann sofort ihr Gesicht wieder Richtung: Maximaler Sonnenbestrahlung. „Du, der hat ja richtig was in der Birne. Ich musste den erstmal zurechtstoßen, aber dann war der richtig gut. Hat sich gestern zwei Einsen abgeholt.“ Zwei Noten in einer Stunde denke ich – wofür denn?
„Echt? Der war gut?“
„Ja, wo kommt der denn her?“
„Strafversetzt aus der Kernertklasse.“

Es klingelt. Wir verlassen das Sonnendeck und ich gehe ins Lehrerzimmer. Eltern bzw. Muttigespräch mit Mama Taifun und Taifun himself. Die Erzieherin ist auch mit dabei. Mama Taifun wartet schon mit ihrem Sohn. Taifun kommt morgens immer zu spät und geht zu früh nach Hause. Außerdem bleibt er weit unter seiner persönlichen Leistungsgrenze. Das stört uns und das muss sich ändern. Wir labern links rum und rechts rum und hierhin und dorthin. Irgendwann frage ich, als es um Taifuns magelhafte Mitarbeit im Unterricht geht: „Taifun, weisst du denn schon, was du später mal machen willst?“

„Ja. Tiefflieger.“
Tiefflieger. Tiefflieger???? Denke ich. Was soll das denn sein? Ich sehe Taifun in einem Starfighter durch die Luft fliegen wie bei Top Gun: „Holy shit, vipers! Vipers everywhere!“
„Na, das ist doch toll, da kann er bestimmt auch ein interessantes Praktikum machen.“ höre ich die Erzieherin sagen. Hä? Ein Praktikum als Tiefflieger? Bei der Bundeswehr, oder wo?

„Taifun, was willst du werden?“
„Tiefflieger.“
„Tiefflieger????“
„Nein, TIERPFLEGER!“

Nachdem sich auch dieses Missverständnis geklärt hat verabschieden wir uns alle und versichern uns gegenseitig, dass ab jetzt alles super werden wird. Zurück ins Lehrerzimmer.

Die Chemielehrerin schleicht vorbei.
„Frau König, wie war der Neue? Günther, war der schon bei dir?“ ich will soviel Informationen über Günther sammeln wie nur möglich, da wir ihn in der nächsten Stunde aus dem Unterricht holen wollen, um ihm mal gleich Bescheid zu stoßen, wo’s langgehen soll.
„Du, der hat ganz toll mitgemacht und der wollte dauernd rumgehen und den anderen helfen.“
„Wollte der helfen, oder wollte der die anderen blöde anmachen?“
„Nein, der wollte denen die Aufgabe erklären, wirklich das kann richtig gut werden mit…“ Es folgen weitere Lobeshymnen auf Günthers Verhalten. Auch im Deutschunterricht hätte er sich sehr gut benommen.

Was sagt man nun dazu??? Dieser Günther…
Wenig später hole ich ihn aus dem Matheunterricht.
„So Günther, nun setz dich mal da hin. Wir wollen mal mit dir reden. Was ist denn eigentlich passiert in der letzen Klasse?“
Er erzählt und erzählt. Er hätte den Unterricht gestört, nicht mitgemacht, geschwänzt usw.
„Und jetzt? Ich habe eigentlich viel Gutes gehört. Was war denn in Musik?“
Er grinst und wird ein wenig rot: „Ja, da war ich erst frech. Aber dann habe ich zwei Einsen bekommen.“
„Warum warst du frech?“
„Ich wollte sehen, was das für eine Lehrerin ist.“
„Und das hast du ja dann wohl auch gesehen.“
Er nickt.
„Und was hat mehr Spaß gemacht – das Frech sein oder die Einsen?“
„Die Einsen.“
Wir bestärken Günther darin, sich weiterhin so gut zu benehmen, versprechen ihn dann auch auf die Klassenfahrt mitzunehmen und lassen ihn dann wieder in den Matheunterricht ziehen.

Ich gucke die Erzieherin an und sie mich. Sie zuckt mit den Schultern. Eigentlich zu schön, um wahr zu sein.
Ich stehe auf, denn der Unterricht wartet: „Aber weisst du was?“ frage ich die Erzieherin „Weisste,…. ich will das jetzt einfach glauben.“

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Allgemein

15 Gedanken zu “Günther

  1. Mama Taifun ist ein Tiefdruckgebiet, lese ich gerade…

    „Taifun bezeichnet einen tropischen Wirbelsturm in Ost- und Südostasien […]. Er wird durch ein mächtiges Tiefdruckgebiet gebildet.“

    Tiefflieger ist klasse, solange er das nicht aufs Geistige bezieht. Die Bundeswehr braucht doch bestimmt regelmäßig Piloten… 😉

  2. Ich hab auch nen Günther, fast genau die selbe Geschichte, nur dass er gleich von einer anderen Schule kommt, wo sie ihn nicht mehr ertragen haben. Ich hab ihn immer im Blick und Dusel ihn regelrecht ein mit Gesprächen. Er ist schon regelrecht süchtig, meldet sich ständig, will gute Noten – mal zur Abwechslung nach all den Jahren Remmidemmi. Nun beginnt er aggressiv zu werden wenn man ihn nicht dran nimmt, man, man. Jetzt ist er vom Terroristen zum Terrormelder mutiert 😀 Ich hoffe Ihr Günther bleibt unfrech

  3. Tiefflieger-Tierpfleger, LOL! Dass Tierpfleger zu 80 % Putzkräfte sind (und Praktikaten erst recht), hat Taifun wohl noch nicht so richtig verstanden …

    Und was Günther betrifft:
    Die Hoffnung stirbt zuletzt. Ich habe auch gerade einen „Strafversetzten“ in einer Englischklasse dazubekommen, der hat ohne jegliche Vorbereitung die Englischarbeit mitgeschrieben und eine 2+ geschafft. Dickes Lob, worüber er sich echt gefreut hat.

    Könnte klappen …

  4. Ist Günther einer der wenigen Fälle, die stören, weil sie unterfodert sind? Ist ihm einfach nur langweilig? Den Stoff scheint er ja problemlos bewältigen zu können.

  5. Tiefflieger – Tierpfleger super geschrieben und ich bin ja mal gespannt wie die ersten Erfahrungen mit Günther so sind. Es ist immer wieder herzerfrischend die Zeile hier zu lesen! Da bin ich mit meinem Blog noch weit, weit weg!

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