Wandertag

Ein Wandertag zu Dieter Bohlen, ja, das wäre fein.
„Sachma, was is denn mit dir lous? Ham se dich auf slow motion gestellt, mönsch, da ist ja meine Omma schneller als du. Wie heiß du? Orkan? Na, aba das is ja wohl eher ´n Sommerwindchen und kein Orkan…“

Der Deutschlehrer ruft an und will nicht zum Kaffeetrinken rüberkommen. „Handwerker.“
Immer hat er da irgendwelche Handwerker im Haus. „Vielleicht morgen.“
„Wir haben ja Wandertag nächste Woche.“ sage ich, um noch was zu erzählen.
„Und wo geht es hin?“
„Bowlen.“
„Nach POLEN???“
„Ja, nach Polen! Ein Wandertag nach Polen. Zigarettenkaufen und dann wieder zurück.“
Irgendwie haben alle was an den Ohren. Oder ich drücke mich so undeutlich aus. Was ist denn an Bowlen nicht zu verstehen?

Wandertage… wenn man nicht weiss wo man hin will, dann nerven die total. Hat man ein Ziel sind Wandertage schon was Schönes. In wetterunsicheren Monaten – wie März – sollte man sich eher was für Drinnen aussuchen. Im Winter auf jeden Fall Schlittschuhlaufen. Frische Luft und Sport – das kommt immer gut an. Und wenn man selbst ein wenig Fahren kann, dann bekommt man auch noch Anerkennung ob seiner Sportlichkeit, von den unfitten Kindern, die ständig auf dem Po landen.

Im Sommer sollte man mit seiner Klasse auf jeden Fall ins Grüne. Egal wohin – diese Stadtratten kennen kein Grün. Man muss sie deshalb zu ihrem Glück zwingen. Meistens sind sie mit dem Laufen etwas überfordert und am nächsten Tag bleiben sie zu Hause, weil sie „Soooo Muskelkater hatten.“, aber wenn wir sie nicht an die frische Luft bringen, wer macht das sonst.

Dann kann man noch ins Theater, allerdings läuft zu den Wandertagsterminen meistens nur das Stück für die Sechsjährigen oder gar nichts. Kino mache ich nicht. Museum ist immer so eine Sache – sollte man sich genau überlegen. Wenn die Schüler da nichts anfassen dürfen, dann finden sie es meistens nicht gut. Schön wäre es, vorher selbst hinzugehen und sich Aufgaben für die Schüler auszuarbeiten. Aber wer macht das schon. Ich jedenfalls nicht.

Bowlen ist auch ein guter Wandertag, denn da müssen sie in Gruppen aufgeteilt werden. Gruppen die größer sind als „mein bester Freund und ich“. Gruppen sind für die Klassengemeinschaft immer gut. Streit wird es auch geben, Orkan wird die Kugel nicht heben können, Volkan wird auf die Bahn laufen und ich werde besser spielen als die Schüler, denn ich war nun schon so oft beim Bowlen…

Bowlen oder Dieter Bohlen. Eigentlich wäre ein Wandertag, bei dem wir uns bei einer Castingshow anmelden auch mal ganz witzig. Germanys Next Top Model – ich komm‘ mit der ganzen Klasse. Oder das Supertalent, oder Popstars. Man liefert die da ab: „So, da drüben gibt es die Nummern, die müsst ihr euch an den Pulli kleben und dann müssen wir warten.“
„Och, die haben dich nicht genommen? Hast du denn gesagt, dass Popstar schon immer dein Traumberuf war? Naja, vielleicht nächstes Jahr.“
Und wer weiss, vielleicht nehmen sie doch den einen oder anderen. „Klar kann er sich das erlauben, ein paar Wochen aus der Schule rausgenommen zu werden… das kann er ja dann nachholen.“

Und ich kann dann vorm Fernseher sitzen: „Guck, guck, die ist in meiner Klasse, mal sehen, ob die merken, dass die keine Peilung von Englisch hat.“

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Allgemein

29 Gedanken zu “Wandertag

  1. Bowling (nicht zu verwechseln mit Polen oder Bohlen) ist auch bei uns eine beliebte Aktivität. Das muss man nicht groß können, das lernt selbst der Unsportlichste innerhalb weniger Minuten, und es macht einen Mordsspaß.

    Außerdem kostet es nicht viel, und es ist immer wieder amüsant, wie die Schüler sich lautstark beschweren, „so doofe Schuhe“ tragen zu müssen, und es dann doch in Kauf nehmen. Alle haben’s überlebt.

    Die Ergebnisse immer schön vom Betreiber ausdrucken lassen; die bieten sich geradezu an für eine Excel-Stunde für Anfänger.

  2. Ein Wandertag zu „Polen sucht den Superstar“ mit dem Gastmoderator Dieter Bohlen. Das passt doch. Vielleicht können manche Schüler polnisch singen, dann braucht es gar keine Eglischkenntnisse.

  3. Bowling. Du musst Bowling sagen. Dann denkt keiner an irgendwelche deutschen Wörter. 😉

    Habt ihr denn kein Anfassundmitmachmuseum? Kindermuseum oder sowas. Irgendwas, wo man Wissenshaft hautnah erleben kann. Sowas macht doch Spaß.

    • Wem? Den Lehrkräften meist schon sehr 😉 Aber den Schülern? – Nö. Einmal Klimahaus hat mich da doch sehr ernüchtert… dabei war das erleben mit allen Sinnen. Man konnte anfassen, musste aber nicht einmal…

      • Ich hab mit mit paar Freunden halb kaputt gelacht, bei dem Versuch mit hoch gehaltenen Füßen (mit Schuhen verboten, aber die wollte ich nich ausziehen) durch so einen Tunnel zu kriechen. Für Kinder, weil Kindermuseum (im Hygienemuseum). Überhaupt hatte ich in diesem Museum den größten Spaß, den ich je in einem Museum hatte. Wahrscheinlich mehr als die anwesenden Kinder. 😉
        Man muss sich dabei drei Erwachsene von Anfang 20 bis Mitte 30 vorstellen.

  4. Auf meinem letzten Wandertag hat eine 7. Klässlerin den ersten Frosch ihres Lebens in Natura gesehen. Das war für mich mindestens ebenso aufregend wie für die 7. Klässlerin.
    „Kraaaaaaas, ein Frosch. Ist der echt?“

    • Na, immerhin ist sie nicht schreiend davongelaufen. Meine Großstadtschüler haben regelrecht Naturphobie. Verirrt sich im Sommer mal eine einsame Wespe ins Klassenzimmer, bricht jedes Mal das große Chaos aus – Panik, Geschrei, Flucht, aggressives Schlagen nach dem Tierchen, was alles nur noch schlimmer macht … puh.

  5. Tzzz, Bowlen… Bei uns hieß der Wandertag nicht umsonst so. Wir mussten kilometerweit wandern, Meine damalige Klassenlehrerin hatte leider so gar nichts für Freizeitaktivitäten übrig, die den Schülern Spaß machen.

  6. Ist das bei dir auch so, fraufreitag, dass die Schüler auf keinen Fall ihre „richtigen“ Namen in die Bowling-Terminals eingeben wollen, sondern immer „Kiezqueen“, „Habibi“, „Pothead“ und so was?

      • Da bin ich mal gespannt. Ein Glück, dass das alles heute elektronisch geht – früher musste einer, der die Bowlingregeln so richtig versteht, alles akribisch mit der Hand notieren, das war viel komplizierter. Splits und Strikes usw.

  7. Damals (TM) hieß das Kegeln und die Ergebnisse wurden mit Kreide auf eine Tafel gekritzelt (hohe Hausnummer, niedrige Hausnummer…)

  8. Bei uns gab es mal gleichzeitige Diskussionen um Bowlenwein, bolnische Erntehelfer und Holzbohlen… Das war ein wunderbares Dreiergespräch, alle hatten viel zu erzählen und alle wunderten sich, was für einen zusammenhanglosne Schwachsinn die anderen von sich gaben. Und dann noch rumstreiten, daß sich das B in Bolen anders ausgesprochen wird als das B in Bowlenwein… Säggsisch halt 😉

  9. Die Idee mit dem Casting ist Klasse. Wenn man erstmal von Dieter gehört hat dass man aussieht wie ne Mischund zwischen Wiesel, Mops und Krähe wird vielleicht in dem Einen oder Anderen der Verdacht keimen, daß „Suppastah“ oder „reich“ oder „Model“ nicht wirklich erlernbare Traumberufe sind.

    Das könnte den Notendurchschnitt und auch diesen Blog verändern.

    Blogbeitrag:
    Englischarbeit. Alle waren still und haben die ganze Zeit geschrieben. Nach der großen Pause kam Orkan mit einem Strauß Blumen und entschuldigte sich, weil er in der Vorlage zur Arbeit einen Grammatikfehler entdeckt und angestrichen hat. Volkan lobte meinen schönen pink/orange gestreiften Esprit-Pullover. Ich sähe damit aus wie Giselle, sagte er und wurde rot.
    Danach Referat von Gülistan und Taifun auf freiwilliger Basis zum Thema „die Deutsche Sprache im Wandel der Zeit“. Wie immer für beide eine glatte 1. Abends mit Frl. Krise telefoniert – man, die hat es vielleicht schwer in ihrer Klasse…

    Wer will schon, dass die so aussehen?
    🙂

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