Neulich Kennedyplatz

„Wie, du wurdest von einer Frau verfolgt? Setz‘ dich mal hin. Das musst du mir genauer erklären.“ Orkan schleppt sich zu seinem Platz. Die ganze Klasse beobachtet ihn genau. Alle schweigen gebannt. Keiner will den Verlauf dieser spannenden Geschichte verpassen.
Die Erzieherin ist die Einzige, die noch nichts mitbekommen hat. Sie versucht drei Herren unserer Klasse zu erklären, dass man Bilder erst auf ein Plakat klebt, wenn man weiss, welchen Text man schreiben möchte. Jetzt guckt sie zu mir. „Komm‘ mal kurz her, ich glaube Orkan hat was Interessantes erlebt.“

Orkan sitzt uns gegenüber und schweigt.
„So, also was war mit der Frau?“
Orkan verdreht die Augen. „Na die hat mich verfolgt.“
„Ja, aber wieso?“
Orkan ist kein Freund der detailreich ausgeschmückten Erzählung. Wie bei allem in seinem Leben hält er sich auch beim Reden eher auf der minimalistischen Seite. Orkan ist ein großer Anhänger der Ein-Wort-Sätze.

„Ich hatte doch ihren Sohn gehauen.“
Chronologie ist für Orkun auch keine Größe.
„Also jetzt mal von vorne, Orkun. Wo? Wie? Was?“
„Also, neulich Kennedyplatz war eine Frau und ihr Portmonie ist runtergefallen und sie meinte ich wollte das klauen und dann hat ihr Sohn mich gehauen und dann hab‘ ich ihn gehauen.“
Damit ist für Orkan die Sache hinreichend erklärt. Wir Zuhörer allerdings verstehen die Zusammenhänge noch nicht ganz. Die Klasse starrt ihn weiterhin an. Ich auch.

„Orkan. Also du warst am Kennedyplatz und da ist einer Frau das Portemonaie runtergefallen.“
Er nickt.
„Und dann hat sie dich beschuldigt, dass du es klauen wolltest.“
Er nickt wieder.
„Und was hast du gesagt?“
„Gar nichts.“
„Wie gar nichts? hast du nicht gesagt, dass du ihr nichts klauebn wolltest?“
„Doch.“
„Und das hat sie dir dann nicht geglaubt.“
„Nein. Und dann?“
„Dann hat ihr Sohn mich gehauen. Und ich habe ihn zurückgehauen.“
„Und dann?“
„Dann bin ich weggerannt.“
„Und das ist vorhin am Kennedyplatz passiert?“
„Nein, letzte Woche.“
„Und heute?“
„Heute habe ich sie wieder gesehen, wieder Kennedyplatz und da hat sie mich verfolgt.“
„Und was hast du gemacht?“
„Ich bin weggerannt.“

„Hmm. Und nun?“
Orkan zieht kurz die Schultern hoch.
„Hast du das deinen Eltern erzählt?“ fragt die Erzieherin.
Orkan guckt uns an, als hätten wir ihn gefragt, ob er ohne Hose am Kennedyplatz war.
Er läßt einen kurzen verneinenden Zungenschnaltzer hören.

„Wie können wir dir denn jetzt helfen?“ will die Erzieherin jetzt wissen.
Er zuckt mit den Schultern. Mir fällt auch nichts ein.
„Willst du zur Polizei gehen?“ Er schüttelt den Kopf.
„Vielleicht solltest du mal mit der Frau sprechen.“ schlägt die Erzieherin nun vor. Ich muss grinsen. Auch Orkan scheint nicht besonders begeistert, bei dieser Vorstellung.

Ratlos sitzen wir noch eine Weile mit ihm am Tisch. Als die anderen merken, dass die Geschichte nicht mehr weitergeht, widmen sie sich wieder ihren Plakaten. Ich bleibe noch ein wenig bei Orkan sitzen. Er tut mir leid.
„Na, Orkan komm erst mal richtig an. Wenn du willst, darfst du heute auch deine Jacke anlassen.“
Er nickt und grinst ganz kurz.

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Allgemein

23 Gedanken zu “Neulich Kennedyplatz

  1. Ein wenig blaß die Geschichte. Geldbörse fällt herunter. Orkan, höflich wie er ist, hebt sie auf. Frau ruft: „Haltet den Dieb!“ Sohn haut den vermeintlichen Dieb. Dieser haut zurück. Mit „Isch schwör“ hätte ich ihm sofort geglaubt. Nun bleiben leider leise Zweifel. Aber das mit der Jacke war ein großartiger pädagogischer Kniff. 🙂

  2. Er durfte die Jacke anlassen? Pass mit sowas bloß auf. Einmal ne Ausnahme und dann will jeder. Nicht, dass die dir noch damit auf der Nase rumtanzen. Und sag dann nicht, dich hätte niemand gewarnt. 😉

  3. Orkan hätte jetzt so toll im Mittelpunkt der Aufmerksamkeit stehen können. Hatta wohl verkackt… Nix is!
    Aber das ist echt ne komische Tante, die ihn da verfolgt, wenns denn wirklich so gelaufen ist, wie er erzählt.
    Die glaubt auch nicht mehr an das Gute im Menschen, oder???

  4. Nehmen wir mal an (da ich Orkan nicht kenne), die Geschichte stimmt… Ich finde es schade, dass so etwas immer wieder vorkommt. Und nicht nur bei Leuten dieses oder eines ähnlichen Namens.
    Ein guter Freund von mir sucht seit ewigen Zeiten eine neue WG. Ist ein netter, unkomplizierter, junger Student – aufgrund seiner Haut- und Haarfarbe könnte man ihn jedoch für einen Menschen aus Italien, Spanien oder eben der Türkei halten.
    Und ich glaube, dass sowas gerade in begehrten WGs ein Grund sein kann, jemanden eben nicht zu nehmen. Auf seinen urdeutschen Vor- und Nachnamen wird leider nicht immer geachtet.
    Worauf ich hinaus möchte: Vorurteile. Vorurteile sind ein Problem in der deutschen Gesellschaft. Ich verweise gerne auf den heutigen taz-Artikel zur Migrantenstudie. Genau DA liegt das Problem. Und diesem Problem ist leider auch Orkan begegnet, der mir ebenfalls richtig, richtig leid tut. Denn wegen soetwas fühlen sich doch (junge) Menschen wie Orkan erst ausgeschlossen.

  5. Ach Mensch wie blöd, armer Orkan.
    Sollten die Eltern nicht besser informiert werden? Wer weiß, was der Frau und ihrem Sohn noch so einfällt. Es kann ja auch nicht sein, dass Orkan den Kennedy Platz nun meiden muss oder?

    ~Anja~

      • Ach so, hmm. Einen direkten Weg von Zuhause bis zur Schule einzuschlagen und dann 100% ig vom Unterricht etwas mitzubekommen, hat auch ‚was.

        Leider merken Schüler dies meist erst Jahre später, was ihnen entgangen ist. Schade eigentlich.

        ~Anja~

  6. Abgesehen davon, dass ich gespant bin, ob und wie sich die Geschichte auflöst – Ich finde es bei jeder Erwähnung bemerkenswert, wie wichtig es für Ihre Jungs ist, die Jacken auch im Unterricht zu tragen. 🙂

  7. Die Geschichte fängt sehr spannend an und auch der Abschluss, dass er seine Jacke anlassen darf ist süß, aber irgendwie hatte ich mir mehr versprochen. Ich bin einfach zu neugierig! Viellicht begegnen sich die beiden ja nochmal auf dem Kennedyplatz?

  8. Mobbing im öfferntlichen Raum ist heute nichts Neues, leider wehren wir uns zu selten dagegen.
    Mir wurde auch mal von einem Gast, der gar kein Geld hatte, unterstellt, ich hätte seine Brieftasche geklaut. Zum Glück kam die Polizei, die ich zu vor wegen seinen Beleidigungen und Nötigungen gerufen hatte.
    Zu mindest haben sie mir geglaubt, doch auf eine Anzeige habe ich damals verzichtet, weiß nicht ob das klug war.
    PS. Ich finde den Blog sehr gelungen und die Themen sehr interessant.

  9. So extrem wie bei Orhan ist mir so was zum Glück noch nie passiert, aber ich wollte mal vor einigen Jahren (mit ca. 16, als ich noch zur Schule ging) einer älteren Dame 2 Euro aufheben, die ihr beim Bezahlen im Supermarkt runtergefallen sind. Worauf sie mich übelst angefahren hat – von wegen, ich wolle ihr wohl das Geld klauen usw. Dabei wollte ich einfach nur höflich sein. Oder vielleicht nicht mal das – es war einfach ein Automatismus: Jemandem ist was runtergefallen und man hat’s gesehen, also hebt man’s auf.
    Manche Leute sind schon sehr misstrauisch, gerade gegenüber Jugendlichen… Außer ihren eigenen Kindern/Enkeln natürlich, denn bei *denen* sei es ja ganz was anderes…

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