Wenn sich der Anfang dahinschleppt

„Das machen dann die Klassenlehrer mit ihren Klassen.“ Mit diesem Satz macht man aus einer Unterrichtsstunde vier Zeitstunden. Bingo. Immer machen das dann mal die Klassenlehrer mit ihren Klassen.

„So Leute, die Plakate MÜSSEN heute fertig werden, damit wir die morgen ausstellen können.“
„Aber Volkan ist nicht da.“
„Dann müsst ihr halt alleine arbeiten.“
„Aber er hat alles mitgenommen.“

Uähhhhh, dieser Satz… warum muss eigentlich der, der fehlt immer alles mitgenommen haben? Und warum hat Volkan überhaupt alles mitgenommen. Zu Hause hat er ja wahrscheinlich kein Plakat gemacht. Volkan ist schließlich kein Mädchen. Denn die sind alle da und die haben ihre Plakate mitgenommen und schön wieder mitgebracht. Und zu Hause haben sie die fertiggestellt. Herrlich, mit Gold und Silber und Farbausdrucken und allem, was man sich nur denken kann. Mädchens halt, wie Elli sagen würde.

Meine Klasse verteilt auf ein paar Gruppentische, sieht irgendwie klein aus. Ich zähle sie. Gucke auf meine Klassenliste, ziehe die drei Kranken ab, subtrahiere dann noch die Dauerschwänzerin Justine und werde wütend. Es fehlen wieder vier Schüler.

Die Anwesenden starren mich erwartungsvoll an. Da fällt mir etwas ein: „Wisst ihr Kinder, als ich noch studiert habe, da war ich immer pünktlich, aber da gab es auch viele Studenten, die immer zu spät kamen und unsere eine Professorin, die hat am Anfang der Stunde immer rumgemeckert, dass so viele wieder fehlen. Ich habe dann irgendwann gesagt, dass WIR ja da seien und sie uns deshalb ja eigentlich nicht anzumeckern bräuchte. Und so machen die Lehrer es ja auch oft. Sie meckern mit denen, die da sind.“

Gülistan guckt mich entsetz an: „Warum meckern Sie mit uns?“
Ich: ????
Rosa, leicht genervt: „Tut sie doch gar nicht, sie sagt doch gerade, dass man das eigentlich nicht machen soll.“
Güli: „Aber die Lehrer machen das. Oft.“
Ich: „Ja, weil sie total sauer sind, wenn man Unterricht machen will und dann fehlen so viele s
Schüler.“
„Aber warum lassen sie dann ihre schlechte Laune an uns aus?“
Rosa rollt mit den Augen und ich habe eigentlich auch schon alles gesagt. „Güli, manchmal ist man einfach sauer und dann kann man das nicht gut kontrollieren. Aber ich freue mich, dass ihr jetzt hier seit und wir anfangen könn…“

Die Tür geht auf und Orkan und Taifun latschen wie Oma und Opa rein. Sie wollen sich an mir vorbei zu ihrem Tisch schleichen.
„Moooooment!!! Orkan, Taifun, kommt mal her! Warum kommt ihr 30 Minuten zu spät?“

Taifun hält seine Tasche hoch: „Ich habe noch was ausgedruckt für das Plakat.“
„Aber warum kommst du zu spät?“
Taifun verwirrt: „Na, sag‘ ich doch, ich habe noch was ausgedruckt.“
„Ja, aber wieso morgens, das hättest du doch … okay, setz dich mal hin.“
Taifun, die alte Mimose schleicht schmollend zu seinem Platz. Da hat er nun schon mal was ausgedruckt – FÜR DIE SCHULE – und dann meckert die Freitag auch noch.

„Und Orkan, warum bist du zu spät?“
Orkan hat bestimmt nichts ausgedruckt. Orkan würde niemals was für die Schule ausdrucken, geschweige denn außerhalb der Schule etwas für die Schule tun. Er tut ja auch IN der Schule nichts FÜR die Schule. Orkan schläft gerne. Morgens gerne aus. Andere Interessen habe ich noch nicht entdeckt. Er verbirgt jegliche Kenntnisse oder Fähigkeiten, die in ihm schlummern, äußerst geschickt. In der Antizipation seines typischen Entschuldigungsstandardwortes „Verschlafen“ will ich schon eine Geste in Richtung seines Gruppentisches machen, da sagt er: „Ich wurde von eine Frau verfolgt.“

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Allgemein

19 Gedanken zu “Wenn sich der Anfang dahinschleppt

  1. Frau Freitag…ich wurde am Dienstag auch von einer Frau verfolgt…ich glaube das ist grad so die jahrezeit für solche zwischenfälle…^^ die hat behauptet ich sei ihre verschollene nichte und mich gefragt, ob ich mir sicher sei, am nächsten morgen wieder aufzustehen…die lief mir nach bis ich zufällig einer bekannten gesamtschullehrerin über den weg lief…

  2. Eine Frau hat ihn verfolgt???? häh? Kommissar Freitag, bitte dranbleiben! War sie Stalker? Oder Schultaschenräuberin? Und wieso dauert der Schulweg länger, wenn man verfolgt wird?

  3. Cliffhänger ist unfair, Frau Freitag! Was für eine Frau??? Eine Schulspionin, eine Exhibitionistin, eine Kulturschaffende?? Jetzt kann ich nicht einschlafen 🙂

  4. Die Sache mit den Plakaten kenne ich auch zu gut. Auch ich habe daher eigentlich immer alles in der Schule. Dennoch nehmen immer Schüler, von denen man es nie erwartet, ihre Plakate mit, um sie fertig zu stellen. Noch besser finde ich aber die Nummer:“ Das habe ich Ihnen doch gegeben. Es ist aber im Stapel nicht dabei, aber ich bin mir ganz sicher, dass ich es abgegeben habe.“ Am Anfang meines Lehrerdaseins habe ich den Schülern immer geglaubt und im Zweifel sogar ihre Note ausgesetzt. ich konnte mich noch zu gut an mein eigenes Schülerdasein erinnern. Heute akzeptiere ich solche Ausreden kategorisch nicht mehr. Kam einfach zu oft vor. Ich passe ja inzwischen auch sehr gut auf abgegebene Sachen auf, zähle sie vor den Schülern, errechne, wie viele nichts abgegeben haben, u.s.w.
    So wie es Ihnen mit der Anekdote aus Ihrer Studienzeit ging, ging es mir übrigens, als ich aus dem Blog zitierte. Die Schüler waren ob der Ironie völlig überfordert. Schweigen im Walde, irritierte Blicke. Ihr Blog ist also höchst anspruchsvoll. Sie brauchen sich da gar nicht ins Bockshorn jagen zu lassen. Sie brauchen kein Buch lesen, Sie sind die Autorin, Sie lassen lesen! Im zweifel ist alles Kunst;)

      • Das war aus Fräulein Krises Blog vom 22.2.12 „zu früh gefreut“. Wir haben gerade das Thema Arbeit und Zukunftsplanung. Da dachte ich, das passt ja und man könnte vielleicht darüber reflektieren. Schön wäre auch gewesen, jemand hätte wenigstens leicht die Mundwinkel nach oben verzogen. Nein, die haben geguckt wie Autos. Keiner hatte dazu etwas zu sagen.
        In einem passenden Moment habe ich auch mal zwei Schülerinnen, mit denen ich mich eigentlich sehr gut verstehe den Klappentext aus Ihrem Buch vorgelesen- höfliches Lächeln. Ich denke, ich lasse es erstmal und versorge lieber angehende Lehrerfreunde und den ein oder anderen Kollegen mit diesem literarischen Hochgenuss .

  5. So ein OpaundOpa-Pärchen habe ich auch in der Klasse, ganz schrecklich. Eine Zeit lang hatte ich mir angewöhnt, wann immer ich mit der Klasse irgendwo unterwegs war, hinter den Beiden herzuhuschen und „schneller, schneller“ zu rufen. Mittlerweile rennt eigentlich immer mindestens ein Mitschüler mit „schneller, schneller“-Rufen hinter ihnen her, was beide sehr nervt und (sporadisch) auch tatsächlich hilft. Verdammte Lahmärsche, sehr nervig!

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