Blasenschwach ist blöd

„Erhan und Burak, ihr bleibt mal noch hier, die anderen können gehen.“
„Waaaas denn???“ Erhan ist gleich wieder auf hundertachtzig. Burak schweigt.
„So Erhan, jetzt hol dir mal einen Schwamm und mach den Schrank sauber!“
„ICH WAR DAS NICHT!!!“ schreit er gleich los.
„Wer war es denn dann?“
„Weiss ich nicht!!!“
Ich wende mich an Burak: „Burak, wenn es Erhan nicht war, dann musst du es ja gewesen sein.“
„Nein, ich war’s nicht.“ sagt er ruhig.

Erhan wird unruhig. Mit ausgestreckten Armen steht er vor mir: „Ich SCHWÖÖÖÖRE ich war es nicht!!!“
Als wenn sein Schwören mich noch umstimmen könnte. Für mich ist er zweifelsfrei der Täter. Er schwört immer weiter. Auf seine Mutter, den Koran und die Toten. Was erwartet der jetzt eigentlich? Soll ich sagen: „Ach, wenn du auf die Toten schwörst, na dann… na dann glaube ich dir natürlich.“
Ich bin genervt. Es geht nicht weiter.
„Erhan, gib es doch einfach zu.“ biete ich ihm an. Ich wäre ja bereit, ihn den Schrank säubern zu lassen und dann alles wieder auf Null zu stellen. Aber verdammt noch mal, er soll es wenigstens zugeben. Aber Erhan ist nur noch am Schwören und wird immer lauter. Ich habe Pause und Aufsicht und vor allem keine Lust mehr.
Resigniert frage ich: „Wer soll es denn gewesen sein wenn ihr beide es nicht wart?“
„Vielleicht Jesus.“ antwortet Burak und spätestens jetzt wird mir klar, dass wir hier wohl nicht weiter kommen. Ich lasse sie gehen. Schäme mich für ihre verlogene Feigheit, hole mir aus dem Sekretariat einen Tadelvordruck und begebe mich zu meiner Hofaufsicht.

Dort sehe ich drei meiner Schüler vor der Schule stehen. Vor der Schule ist nicht in der Schule. Und das Schulgelände verlassen ist ein Verstoß gegen die Schulordnung. Nach meiner Aufsicht kopiere ich das Tadelformular drei Mal.

Dann Gruppenarbeit in meiner Klasse. Gruppenarbeit fetzt nicht!

Und das Highlight des Tages kommt in Form einer überdrehten siebten Klasse kurz nach drei zu mir in den Raum. Ab da heißt es nur noch: Schaden möglichst gering halten! Zwei Handys nehme ich ab. Drei Mädchen lasse ich vor der Tür arbeiten, da sie 20 Minuten zu spät kommen. „Unsere Sachen waren irgendwo eingeschlossen…bah blah blah, ich schwöre….“ Und bei ‚ich schwöre‘ habe ich mir geschworen, dass ich die heute nicht mehr im Raum haben will.

Die letzten fünfzehn Minuten liefern mir drei Jungs einen monotonen Soundtrack: „Aber ich muss!!! Ganz dringend, ich mach‘ mir gleich in die Hose. Ich schwöre ich muss!“ Ich ignoriere das Gejaule. Irgendwann ist auch diese Stunde zuende. Die Mädchen von draußen, kommen rein und entschuldigen sich. Als Zeichen der Reue stellen sie die Stühle hoch. Ich verlasse mit den blasenschwachen Jungs den Raum und plötzlich erwacht in mir noch ein Funken Häme.
„So Jungs, auf auf, wir gehen jetzt zur Toilette.“
Sie gucken mich verwirrt an.
„Na, ihr müsst doch so dringend. Ich komme jetzt mal mit und warte vor der Tür.“
„Ich muss nicht mehr.“
„Ich auch nicht.“
Ich lasse sie stehen und gehe.

Irrenhaus!!!Und irgendwie pathologisch.

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Allgemein

21 Gedanken zu “Blasenschwach ist blöd

  1. Du solltest so einen Tadelvordruck bei Beginn der Stunde an die Tafel heften und laut ansagen, dass er unter allen Schülern verlost wird, die sich nicht benehmen können.

    Das wirkt Wunder, Frau Freitag! Wirste sehen…

  2. Ach so, ich wollt‘ doch noch mal was sagen…

    Also ich glaube, die Schüler veräppeln Sie einfach nur. Hinterher fühlen Sie sich dann als etwas Besseres, weil sie die „olle doofe Miezekatze“ ausgetrickst haben.

    Ich würde die Eltern anrufen, dass die Söhne unter Blasenschwäche leiden und dass Sie dringend mal zum Arzt müssen, eine Blasenspiegelung machen, weil der Bruder von irgendwem blabla das auch mal hatte.

    Die müssen in der Stunde nie wieder lulu, da bin ich von überzeugt…

    Einfach mal ausprobieren! Hinterher geht es Dir besser Frau Freitag. Versprochen…

  3. das mit der Blasenschwäche ist echt nervig ! Auch die Androhung oder auch wirklich das Mitbringen von Windeln beeindruckt Schüler erfahrungsgemäß kaum. Werde das „Begleit-Angebot“ zur Toilette aber das nächste Mal ausprobieren. Bin gespannt, wen das schockt 🙂

  4. Musste grad an einen Teil des Programms von Chris Böttcher denken, das ich vor kurzem erst gesehen hab.

    Er macht Waldi´s WM-Studio nach:
    „Olli Kahn“: Ich halt das nicht aus, dieser Druck! Dieser Druck!
    „Waldi“: Ja Olli, was für ein Druck denn???
    „Olli“: Dieser Druck, dieser schlimme Druck… Auf meiner Blase!!!

    Sorry, hatte eben dieses Kopfkino bei den Jungs hier.

  5. Beklopptes Geschwöre = Tadel, nur so gehts. Wenn ich U-Bahn fahre, ist mein (gefühlt) komplettes Sitzumfeld nur am schwören. Schwören, Digga, schwören, Digga, schwöre, Digga. Hilfe, hört mal auf mit dem Scheiß!

  6. Liebe Frau Freitag. Isch schwör hat heute dieselbe Bedeutung mit der sie bereits Hadschi Halef Omar Ben Hadschi Abul Abbas Ibn Hadschi Dawuhd al Gossarah bei Karl May verwendet hat. Es soll von einer faustdicken Lüge ablenken.

  7. Mhhh – aber eins verstehe ich nicht:
    Entweder, man kann den Beiden nachweisen, dass sie es waren, dann können sie noch so viel schören, dann müssen sie es in Ordnung bringen.
    Oder man kann es ihnen nicht nachweisen (obwohl man es möglicherweise genau weiss, aber „wer soll es denn sonst gewesen sein“ ist eben kein Beweis), dann kann man ihnen aber auch keinen Tadel verpassen.

      • Das mag Notwehr sein und in der Praxis funktionieren, ist aber ungerecht und sollte man eigentlich nicht machen.

        Insofern war Buraks Antwort, auf die Frage, wer es denn sonst gewesen sein soll, „voll korrekt“. Kann man einem Tadel eigentlich widersprechen, wenn er ungerecht ist?

  8. Bei uns war es so, dass derjenige, der waehrend des Unterrichts die Toilette besuchen wollte, spaeter die Tafel putzen musste.
    Fand ich damals ’nen fairen Deal.

  9. Hmm.. die armen „Nicht-zur-Toilette-gehen-Dürfer“, ich kenne das Problem auch, wenn man das Window-of-Opportunity zum Pinkeln verpasst hat, dann ist das halt vorbei.. Das muss wenns muss und ned auf Kommando zu vordefinierten Pausenzeiten..

    .. aber die Idee mit Geleitschutz zur Toilette klingt spannend. Bitte unbedingt mal austesten und die Ergbnisse posten, allein schon die Reaktion auf das „Ok, dann komm mal mit ich bring dich hin“ dürfte höchst amüsant werden.

    (PS: jaja, ich weiss, ich bin spät dran, aber zur Zeit is hier die Hölle los.. Arbeit zieht Arbeit nach sich, ein Teufelskreis!)

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