Fragen über Fragen

„Aber wieso heißt das nine eleven?“
„Gute Frage Ali. Das heißt so, weil die Amerikaner erst den Monat und dann den Tag schreiben. Also wir sagen elfter September.“
Wir sprechen über New York City im Allgmeinen und über alles Mögliche im Besonderen. Zum World Trade Center hat mal wieder jeder Schüler was zu sagen und vor allem viel zu fragen.
„Aber wieso sind die Leute aus den Fenstern gesprungen?“
„Na guck mal,“ ich zeichne die Zwillingstürme und dann das Flugzeug in den Nordturm an die Tafel. „Also hier ist das Flugzeug reingflogen. Und dann hat alles gebrannt. Und hier oben waren ja auch noch Leute im Gebäude.“
„Aber wieso haben die nicht ihr T-Shirt nass gemacht und sind durch das Feuer gegangen?“ will Ali wissen.
„Das war so stark, das Feuer, da konnte man nicht durchgehen.“
„Aber wieso sind die gesprungen?“
„Mann, weil die nicht verbrennen wollten.“ wendet sich nun Erhan genervt an Ali.
„Hatten die Fallschirme?“ fragt Bilal.
Ich bin auch schon leicht gereizt, weil wir uns immer weiter weg von meiner Unterrichtsplanung bewegen. Ich wollte mit denen noch die Fragen im Buch und die Übungen im Workbook bearbeiten und vor allem will ich, dass sie Englisch sprechen, was allerdings in dieser World Trade-Diskussion unmöglich ist.
„Ja Bilal, die hatten alle Fallschirme. Ist doch immer so, dass man einen Fallschirm mitnimmt, wenn man in ein Hochhaus geht.“ Ironie. Der Lehrer und die Ironie. Manchmal geht es eben nicht ohne. Allerdings denke ich gleich – Fallschirme – gar keine so schlechte Idee. In allen Stockwerken, die nicht mehr mit der Feuerleiter zu erreichen sind, sollte man eigentlich Fallschirme haben. Plötzlich sehe ich das schiefe Kreuzfahrtschiff vor der italienischen Küste vor meinen Augen. Die hatten auch nicht genügend Rettungsboote. Aber Rettungswesten hatten die für alle, oder?
Bilal reisst mich mit einer weiteren Frage aus meinen Gedanken: „Sind die denn gestorben, als die runtergesprungen sind?“ Ich gucke ihn nur ungläubig an. „Na, denkst du man überlebt einen Sprung aus dem 100sten Stock? Probier das mal.“
Jetzt kommt Ali mit dem unvermeidlichen: „Das war Bush, der hat die Flugzeuge da rein fliegen lassen.“
Keine Ahnung von Nichts haben, aber sich gut auskennen mit jeglicher Verschwörungstheorie – das sind unsere Schüler.
„Na ich glaube nicht, dass das Bush war. Die Flugzeuge wurden doch von Ägyptern geflogen….“
„Warum haben die das gemacht, wenn sie doch wußten, dass sie sterben?“ fragt Bilal.
„Das waren doch Selbstmordattentäter. Märtyer.“
Bilal guckt mich verwirrt an. „Weißt du nicht, was das ist?“
„Nein.“
„Na, das sind Leute, die glauben, dass sie ins Paradies kommen, wenn sie das machen.“
Bilal guckt immer noch verwirrt. Ich lege gleich nach: „Aber das ist natürlich Quatsch, denn in keiner Religion ist das Töten erlaubt.“
„Doch, wenn Krieg ist.“ sagt Ali. Bevor wir jetzt in Richtung Heiliger Krieg abwandern steuere ich uns zurück zu Ground Zero. „Also, die wollen dort jetzt neue…“ weiter komme ich nicht, denn Ali meldet sich schon wieder. „Ja Ali?“
„Sind die Amerikaner Rassisten?“
„Nein, wieso, also alle Amerikaner sind doch nicht Rassisten. Vielleicht einzelne, aber…“
„Aber wieso verbrennen die immer den Koran?“
„Also nicht jeder Amerikaner verbrennt dauernd den Koran. Das war doch nur dieser eine Typ, der ein bisschen irre war und der hat gesagt, dass er das machen will. Das hat er aber doch dann gar nicht gemacht. Der wollte sich wichtig machen und groß rauskommen damit und das hat er ja auch geschafft. Das heißt aber noch lange nicht, dass die Amerikaner alle was gegen den Koran haben.“
„Zurück zu Ground Zero…“
Ground Zero… ein Ort an dem sich mein Unterricht ständig befindet.

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Allgemein

14 Gedanken zu “Fragen über Fragen

  1. Was soll man denn da noch sagen?
    Schade, dass sich unsere Kids so wenig für Geschichte, sei es alte oder neuere oder neue, interessieren.
    Und wenn, dann hat man mit Halb- oder Falschwissen zu kämpfen. Interessant ist auf jeden Fall eine Unterrichtsreihe über Kleinasien, so ca. 1500 v. Chr. bis heute. Das endet immer in Streit, Aufgewühltsein und Beschimpfungen. Halbwissen. Falsche Behauptungen. Originäre Heimat der Osmanen, bis zu Homer zurück.
    So ist das. Ground Zero, liebe Frau Freitag.

  2. hihi, so ähnlich ging es mir heute auch.
    ich habe mit dem thema smoking angefangen und als einstieg ne mind map gemacht. als wir dann dazu kamen, was man alles rauchen kann, sie können es sich wohl denken, nahm der ideenreichtum meiner schüler der 8. klasse kein ende. schon mal was von Ot gehört? ich nicht. als ich nachfrage, bekomme ich zur antwort, das wird geraucht und dann ist man im haze. ah ja, jetzt weiß ich bescheid. als marouan dann von speed anfängt, klare ich ihn auf, dass man das nicht raucht und beendet diesen ast unserer mind map.
    aber ich muss doch sagen, so ne rege schülerbeteiligung hatte ich in meinem achter g-kurs schon lange nicht mehr. nahe an der lebenswelt der schüler.
    es ist wochenende!

  3. Der Fallschirm nutzt dir nur was, wenn du hoch genug bist und erfahrener Fallschirmspringer. Am besten Basejumper. Ich glaub in Deutschland gibts nur ein Gebäude, das hoch genug dafür ist. Sonst bringt dir das Ding auch nichts, in so einer Situation. Leider.

    Haben die denn in Ethik noch nicht darüber gesprochen? Klingt ja fast, als wäre das ein kaum bekanntes Thema.

  4. Also, ich finde die Stunde nicht verkehrt. Immerhin wurde das mit dem Datum geklärt und auch sonst zeigten die Schüler Interesse. Das Halbwissen konnte ein wenig revidiert werden. Vielleicht lässt sich darauf ja aufbauen. Ist doch süß, wie sie, Kraft ihrer Pupertät, sich einfach nicht vorstellen können, dass man in so einer Misslage sein kann, wie die Menshen im brennen, einstützenden World Trade Center. Die Lebenswirklichkeit ist ja nun offensichtlich schon einmal besser erfasst worden als bei der „Sportstunde“. Dass die Schüler Nowitzki nicht kennen kann ich ehrlich gesagt immer noch nicht glauben. Noch viel weniger, dass die nicht wissen, was ein Selbstmordattentäter oder Märtyrer ist, oder kennen die nur die deutschen Begriffe nicht?

  5. Mich wundert es etwas, dass bei Ihnen im Englischunterricht so wenig Englisch gesprochen wird. Bei uns fällt eigentlich nie ein deutsches Wort. Das war auch schon in der 5. Klasse so, als wir es grade anfingen und noch kaum Englisch konnten. Als der Lehrer dann mal auf dem Gang mit jemandem Deutsch gesprochen hat, waren wir total erstaunt, dass der Deutsch kann.
    Vielleicht würden die Schüler ja nicht mehr so viele nervige Fragen stellen, wenn sie sich weigern würden, auf Deutsch zu antworten? 🙂

  6. Erschreckend an gerade diesem Thema ist die Tatsache, dass mein heute 18-jähriger Sohn 9/11 bewusst miterlebt hat, 14-15-jährige in der Beziehung schon eine Generation weiter sind. Für die ist 9/11 nervige zu lernende Vergangenheit.
    Wenn wir aber in unsere eigene Schulzeit zurückblicken – Haben wir die nicht alle im „Mustopf“ verbracht? Wann erwacht bei den meisten Kindern und Jugendlichen das Interesse an Dingen, die außerhalb des eigenen begrenzten Horizonts vorgehen?
    Ich persönlich kann mich an die Ölkrise und das Sonntagsfahrverbot erinnern (November 1973), außerdem an die Guillaume-Affäre (Rücktritt Brandt Mai 1974), da war ich aber auch schon 16/17 Jahre alt.

    Und das Abschweifen im Unterricht ist keine schülerspezifische Macke – das können Lehrer auch.

    • Also, ich bin Baujahr 63, und kann mich noch an Ölkrise und Guillaume erinnern- da war ich 10-11 Jahre alt. Definitiv keine eigenen Erinnerungen habe ich an Ereignisse zu der Zeit, als ich vier oder fünf Jahre alt war. So alt waren die 7 bis 8-Klässler aber 2001.

      14-15jährige müssen, denke ich, erstmal ein Bewusstsein dafür haben, was sich zur Zeit um sie herum abspielt, und dass das nicht nur die Dinge umfasst, die sie täglich selbst miterleben. Ein Bewusstsein dafür, dass es andere, größere Zusammenhänge gibt- vielleicht kommen sie dann auf den Geschmack, auch den historischen Zusammenhang kennen zu lernen. Wer weiß…

      • Koran, Sure 2,191: Und tötet sie, wo ihr sie
        zu fassen bekommt, und vertreibt sie, von
        wo sie euch vertrieben haben. Der Versuch
        zu verführen ist schlimmer als Töten.
        Jedoch kämpft nicht bei der heiligen Kultstätte
        gegen sie, solange sie nicht dort gegen
        euch kämpfen! Aber wenn sie gegen
        euch kämpfen, dann tötet sie! Derart ist
        der Lohn der Ungläubigen.

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