Hamids Auflagen

„Der kriegt ein Muttiheft! Und die Mutter soll ihm gleich das Handy abnehmen und er bekommt es abends erst wieder, wenn alle Lehrer was Gutes in das Heft geschrieben haben.“ informiere ich die Erzieherin kurz vor dem Elterngespräch.
Heute geht es Hamid an den Kragen. Heute wird er gegrillt. Nachdem sich Anil in meiner Klasse durch unglaublich bescheuertes Nervverhalten ins Abseits gespielt hat, meint Hamid, das Machtvakuuum mit seiner Wenigkeit füllen zu können. Er spielt sich seit Wochen wie der Chef der Klasse auf. Wenn alle still sind, muss er immer noch mal losquaken. Wenn ich was sage, dann hat er grundsätzlich die ein oder andere sehr wichtige Nachfrage und wenn es mir dann irgendwann zu bunt wird und ich ihn dann auffordere ruhig zu sein, dann kommt von ihm immer noch ein Einwurf und nochwas und nochwas. Echt unerträglich. Und ich möchte gar nicht wissen, wie er sich bei den Fachlehrern aufführt, denn ich vermute, bei mir verhält er sich noch verhältnismäßig gut. Am Wochenende hatte ich die Kunstbilder meiner Klasse zensiert und sehe, dass hinten auf Hamids Bild draufsteht: THE BOSSSS! Habe ich sofort durchgestrichen und drunter geschrieben: I’m the boss! Denn er irrt, wenn er meint der Chef der Klasse zu sein. Deshalb heute das Elterngespräch.

Ich sitze im Lehrerzimmer mit der Erzieherin und warte auf Mama Hamid. Wir kennen sie vom Elternabend. Eine imposante Frau. Groß und breit – wie Hamid. Die arme Frau hat drei Jungs und zwei Mädchen. Hamid ist der jüngste und lebt wahrscheinlich zu Hause wie Graf Koks von der Gasanstalt (kennt ihr den noch Graf Koks… habe ich als Kind nie verstanden.) Hamids Mama geht jeden Tag arbeiten. Sie steht sehr früh auf und man würde erwarten, dass die vielen Kinder ihr dann nachmittags und abends zu Hause helfen – aber Hamid wirkt so, als hätte er noch nie einen Finger im Haushalt gekrümmt. (Na ja, ich habe gut reden… ich mach auch nicht gerade viel.)

Fatma, aus meiner alten Klasse, sagte mal: „Natürlich helfen wir alle zu hause. Wir machen den ganzen Haushalt. Wozu hat meine Mutter denn sonst so viele Kinder bekommen?“ Fatma hat sieben Geschwister.

Anita zischt durchs Lehrerzimmer und beugt sich im Vorbeigehen kurz zu mir: „Frau Freitag, dein Termin ist da.“
Überpünktlich ist Mama Hamid. Gut! Aber Pünktlichsein ist auch nicht Hamids Problem. Wir gehen raus und setzen uns an den Tisch vorm Lehrerzimmer.
Und dann wird ausgepackt. Wie schlecht sich der Sohn benimmt, wie die ganze Klasse durch seine Störereien nicht zum Arbeiten kommt, wie sich die Fachlehrer bei mir über ihn beschweren, wie sie sagen, dass man, wenn Hamid fehlt, wunderbaren Unterricht mit der Klasse machen kann usw.
Ich betone ausdrücklich, dass sich Hamid das Chefsein abschminken kann, denn diese Position sei schon durch mich und die Erzieherin besetzt. Hamid hört sich alles schweigend an und wird immer kleiner.
Mama Hamid erzählt von ihrem Werdegang, von ihren anderen Kindern und sagt ihrem Sohn, wie peinlich es für sie ist, seinetwegen immer wieder in die Schule bestellt zu werden. In der Grundschule wurde sie fast wöchentlich eingeladen. Wir erklären ihr, wie das Muttiheft funktioniert und setzen das Strafmass fest. Bei schlechten Einträgen der Lehrer muss Hamid Freitags zur Nullten Stunde kommen und eine schriftliche Strafarbeit erledigen, die sich gewaschen hat. „Das geht sehr gut, ich kann ihn dann morgens gleich wecken und wir können zusammen das Haus verlassen. Ich muss ja auch um sieben Uhr los.“ sagt Mama Hamid. Hamid schluckt. Im Kopf rattert es: Um halb acht in die Schule, puhhh… Und gleich heute Abend wird der Laptop eingezogen und erst freigegeben, wenn er sich den ganzen Tag in der Schule gut benommen hat.
Hamid verspricht mit Handschlag sich zu bessern. Wir verabschieden uns herzlichst von seiner Mutter und gehen hochzufrieden noch einen Kaffee trinken bevor es klingelt.
Wer sagt’s denn – FROH ist definitiv noch da.

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Allgemein

14 Gedanken zu “Hamids Auflagen

  1. Und du hast am Anfang des Schuljahres gejammert, mit deiner Klasse gäbe es kaum Blogeinträge.

    Darf ich neidisch gucken? Bei uns ging die Nullte schon 6:45 Uhr los und damit waren wir nicht die einzigen. Regulärer Beginn war dann 7:30 Uhr. Die Nullte ging nur 40 Minuten und danach gabs nur fünf Minuten Pause.
    Also so spät hätt ich dann doch gerne angefangen.

  2. Wenn Mama Hamid wirklich kooperiert und sich an die Vereinbarungen hält, werden Sie bald eine Besserung im Unterricht erleben.
    Ich drücke Ihnen soooooooo die Daumen, dass sie mitmacht, denn meine Erfahrungen sind so, dass Eltern sehr schnell nachlässig werden, was dann auch den Effekt von weiteren ELterngesprächen auf die Schüler deutlich sinken lässt. Möge alles gut werden!

  3. Immer und wirklich immer wieder kann ich nur sagen: Gott sei dank bin ich nicht mehr in der Schule 🙂

    Das scheint ja so gar keinen Spaß mehr zu machen, ganz gleich auf welcher Seite man steht ^^

  4. Ich find Muttiheft gut!

    Die Idee ist doch prima.
    Mutti kann immer jammern -würde Dir das Handy/Schlepptop/etc. ja sooo gern geben- aber die Lehrer, da muß ich auch gehorchen! Kann sich einfachst stur stellen. Man muß wohl nur in der ersten Zeit den Kontakt zu Mutti eng halten, wg. Motivation.

    Werd ich versuchen bei uns einzuführen.

    Hab auch schon ein paar Kandidaten dafür!

  5. „Graf Koks“ kenn ich auch noch *meld*

    Ich hinke zwar im Nachlesen meiner Blogliste ganz schön hinterher, aber besser spät als nie, oder?

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