Hamid nervt

Nur noch 19 Montage, dann sind Sommerferien. Geht doch eigentlich. Sommerferien…hach…wird erst mal Zeit, dass die Weihnachtsferien kommen.
„Wann sind denn die Ferien?“
„Wie, was denn für Ferien?“
„Na, die Weihnachtsferien.“
„Wie Weihnachtsferien? Ihr feiert doch Zucker- und Opferfest, oder?“ die gesamte Siebte Klasse, die ich in Kunst unterrichte nickt.
„Na, dann habt ihr doch keine Weihnachtsferien.“ sie schlucken es, sie schlucken es „Ihr feiert doch gar nicht Weihnachten. Wieso solltet ihr denn dann Ferien haben?“
„Aber, aber,… die Lehrer… die aber…da sind doch dann gar keine Lehrer da.“
Ich lächle milde und erlaube ihnen die Weihnachtsferien: „Na gut, ihr dürft auch Ferien haben… aber eigentlich ist das doch ungerecht. Zuckerfest, Opferdingsda und dann auch noch Weihnachtsferien…“
Sie freuen sich, dass sie Profitöre, von soviel Ungerechtigkeit sind.
Letzten Freitag war Hamid nicht da. Die Deutschlehrerin kam in der Pause freudig auf mich zu: „Boaaah, deine Klasse… die haben heute ja soooo toll mitgearbeitet und die waren soooo süß.“ Ich hoch erfreut, gratuliere mir innerlich zu meinen Topleistungen als Klassenlehrerin. „Na, Hamid und Anil hatten ja auch gefehlt.“ Dieser kleine Informationszusatz relativiert natürlich jedes Lob auf ein Mü (auf die kleinste – next to nothing – Ebene)
Ohne Anil und Hamid könnte jeder Depp, jeder dahergelaufene Rentner von der Straße mit meiner Klasse guten Unterricht machen. Mit Hamid und Anil sieht das schon anders aus.

Heute hat Hamid nicht gefehlt. Überhaupt fehlt er sehr selten. Hamid ist einer der vier Kugeljungs, die ich in meiner Klasse habe. Komischerweise habe ich dieses Mal vier richtig kleine kugelige Jungen abbekommen. Hamid ist schon relativ groß für sein Alter und wie gesagt recht schwer. Alles ist für ihn anstrengend. Laufen, Sport, im Unterricht mitarbeiten, Konzentration und vor allem Ruhig sein, wenn ich oder andere etwas sagen. Hamid hat sich in den letzten Wochen in der Rolle des ewig alles kommentierenden Klassenclowns eingepupt.Er hat eine sehr laute Stimme und muss zu allem seinen Senf dazugeben. Er ist der Einzige, der sich nicht erst meldet, wenn er was sagen möchte, sondern einfach losblubbert. Immerzu. Und je später der Schultag, umso quengeliger wird seine Stimmlage. Nachmittags kann er sich gar nicht mehr konzentrieren und versprüht auf eine nervige Art und Weise sein Leid im Unterricht.

Am Wochenende habe ich viel über ihn nachgedacht. So kann das nicht weitergehen mit Hamid. Der kann nicht immerzu den Unterricht stören. Das kann ja wohl nicht sein, dass die Klasse gut arbeitet und voll süß ist – wie die Deutschlehrerin sagte – und wenn er da ist, dann ist Chaos.
Frl. Krise erklärt mir ihr berühmtes ETEP. „Du musst mit den Resourcen arbeiten. Du musst mit ihm ein Ziel ausmachen. Ein Wochenziel. Und das muss positiv formuliert sein – also das erwünschte Verhalten auf einen Zettel schreiben und bei ihm auf den Tisch kleben.“
„Okay, verstehe. Also so was wie: Ich melde mich, wenn ich etwas sagen möchte.“

Ich hatte mir nicht nur vorgenommen, mit Hamid heute so ein Ziel zu formulieren, ich habe sogar morgens noch der Deutschlehrerin großspurig mitgeteilt, dass ich das mache.

Und was habe ich gemacht – um drei Uhr, nachdem ich schon den ganzen Tag mit lauter siebten und der doofen achten Klasse gekämpft hatte – ich habe Hamid irgendwann rausgeschmissen und als er zum dritten Mal die Tür öffnete und etwas in die Klasse schrie habe ich ihn auch noch beleidigt. Sehr unpädagogisch beleidigt.
Tja, so kann’s gehen. Gute Vorsätze und dann ein Montag… aber morgen – neue Chance.

Advertisements
Allgemein

15 Gedanken zu “Hamid nervt

  1. So geht es mir auch, Frau Freitag. wir hatten eine vierteilige, 16stündige interkulturelle Fortbildung. Und zwei Tage später blaffe ich eine Mutter an, die 20 Jahre in Deutschland lebt und kein Wort Deutsch spricht und meine Dolmetscherin – eine Schülerin, wohl überlegt ausgesucht – nicht akzeptiert.
    Manchmal muss das halt raus. Never mind.

  2. Ja, es gibt solche Tage…letzte Woche hab ich auch sehr lautstark und unfein mit einem pöbeligen Antragsteller um die Wette gebrüllt. Heute um 08:05 Uhr hatte ich einen der auf die anmaßende Idee kam in meinem Büro seine Zigarette zu drehen; der hat auch nen Rüffel bekommen.

    Es gibt solche Tage. Mal ist man Baum, mal ist man Hund.

    Keine Sorge, morgen sind wir beide wieder die Guten. Und wenn nicht: dann übermorgen. Oder so…

  3. hallo frau freitag,
    können sie bei gelegenheit das frl. krise mal fragen, ob etep auch bei meiner 7a funktioniert? ich krieg nämlich jedesmal die krise, weil es in dieser klasse ca.10 hamids (respektive halbwahnsinnige) gibt. und obendrein haben wir im musikraum keine tische.

    lg

    • cajonero: habt ihr etwa im Musikraum auch diese linkshänderdiskriminierenden Stühle mit dranmontierten Schreibbrettchen auf der rechten Seite, auf die kein handelsübliches DIN-A4-Blatt passt? 😉

      • nee, gott sei dank gar keine tische, weil ich auch keine brauche, dafür aber massig instrumente und ein whiteboard! also wohin mit den „wunschzetteln“ für erwünschtes schülerverhalten? interaktiv an’s board? muss ich versuchen.

      • oooh wie süß …diese stühle hatten wir an meinem gymmi im raum mit dem fernseher, den gesteinsproben und putzmittel bevor eben dieser abgeschgafft wurde 🙂

  4. Die Reinquatscher, von meiner Seminarlehrerin auch gerne Wurstverkäufer genannt, weil sie überall ihren Senf dazugeben müssen. Hab ich auch so ein Exemplar, schön mittig platziert für den Effekt – muss ja auch jeder mithören können.

  5. „Wie Weihnachtsferien? Ihr feiert doch Zucker- und Opferfest, oder?“ die gesamte Siebte Klasse, die ich in Kunst unterrichte nickt.

    Hmmm vllt. so zwei oder drei passende Lehrkräfte einstellen? Dann brauchen die da keine Ferien.

  6. Hamid, der Kugelfisch, hat vielleicht (jetz escht ma!) beginnende Diabetes und ist deshalb so fett und zappelig – kommt oft vom Zucker. Kann man mit der Mutter über das reden, was er so täglich in sich reinstopft? – Wahrscheinlich nicht – bei uns kommt dann immer: „Aber Ali immer Hunger!“ Anklagender Blick und der Gedanke, dass ich arme Ali elend darben lassen will, wenn ich ihm die Schokolade-Brötchen-Chips-Red-Bull-Eistee-Diät verbieten will.

  7. Danke dafür! Ich habe auch so einen Hamid, ihn heute sehr unpädagogisch vor die Tür gesetzt und ihm – nach dem dritten Stören erklärt, dass er nur Mist erzählt und ich ihn in dieser Stunde nicht mehr sehen kann. Sehr unpädagogisch ihm gegenüber – unglaublich pädagogisch den andren Schülern gegenüber. 🙂 Manchmal, ja manchmal….

Kommentar verfassen

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden / Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden / Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden / Ändern )

Google+ Foto

Du kommentierst mit Deinem Google+-Konto. Abmelden / Ändern )

Verbinde mit %s