Ich bring Brötchen!

Wie versprochen: Heute Hamid.
Eigentlich gar nicht so eine dolle Geschichte, aber irgendwie seltsam. Nach der ganzen Julklappkärtchenzieherei musste ich mit meiner Klasse auch noch das Weihnachtsfrühstück planen. Denn ohne Frühstück – kein Julklapp – das gehört für mich zusammen wie RTL und HartzIV.

Die ganze Diskussion, wie das jetzt geht, mit den Zahlen und dem Ziehen hat sich sehr lange hingezogen, so dass wir nur noch zwanzig Minuten hatten, um das Frühstück und das wer-kauft-was-ein zu organisieren. Mit meiner jetzigen Klasse habe ich noch nicht gefrühstückt, denn am Anfang des Schuljahres war Ramadan und vor den Herbstferien war auch keine Zeit.

Mit meiner alten Klasse lief das ja wie geschmiert. Ein Frühstück organisieren war überhaupt das Einzige, was die bei ihrer Entlassung aus der Schulzeit gekonnt haben. Ein Frühstück planen und schwänzen – das habe ich denen beigebracht. Na immerhin.

„Also, ich werde jetzt mal ranschreiben, was wir brauchen. Bella, du schreibst bitte mit, damit wir das später auch auf einem Zettel haben. Ich kann ja nicht die Tafel mit mir rumtragen. Also, bitte mit melden – was brauchen wir?“

„Brötchen!“ schreit Hamid.
„Ja, okay, aber bitte mit melden.“
Ich schreibe Brötchen an die Tafel. Bella schreibt Brötchen auf ihren Zettel und guckt mich erwartungsvoll an.
„Wie viele brauchen wir denn? Wir sind 28 Leute.“
„Anil meldet sich: „40“
„Vierrrrrzzziiiichhhhh, ist doch viiiiiel zu wenig!“
„Wir brauchen 100.“
Hundert Brötchen denke ich und überschlage im Kopf, wie viele dann jeder essen muss. 100 durch 28 geht leider nicht.
Langes hin und her – viel angewandte Mathematik und irgendwann steht an der Tafel, dass wir 75 Brötchen brauchen.
Hamid meldet sich und schreit dabei: „Ich bring Brötchen! Ich bring Brötchen!“
„Hamid, soweit sind wir noch nicht. Was brauchen wir denn noch?“
„Eistee.“
„Butter“
„Frischkäse. Mit Kräuters und ohne.“
„Scheibenkäse und Marmelade.“
„Gurken und Tomaten.“
Ich schreibe die Tafel voll und bekomme Hunger.
„Senf und Ketchup.“ sagt Anil.
„Hääää, das ist ein Frühstück!“ wirft Hamid von hinten ein. Und teilt uns noch mit: „Ich bring Brötchen!!!“
„Ja Hamid, soweit sind wir noch nicht, wir verteilen das gleich, wer was mitbringt. Jetzt müssen wir doch erst aufschreiben, was wir brauchen. Als die Tafel voll ist und wir nur noch 10 Minuten bis zum Klingeln haben, geht es ans Verteilen.

„Ich bring Brötchen!“ schreit Hamid sofort.
„Okay, aber 70 Brötchen sind zu viel für eine Person. Wir teilen das auf – jeder bringt nur 15 Brötchen mit. Also wer will die Brötchen übernehmen?“
„Okay, Karim, Bella,Taifun, Vanessa.“
Ich gucke zu Hamid: „Und du Hamid? Was ist mit dir? 15 Brötchen? Soll ich dich aufschreiben?“
„Hamid guckt mich böse an: „Nein.“
„Wieso? Du wolltest doch Brötchen mitbringen.“
„Nein. Jetzt nicht mehr.“
„Warum nicht?“
„Darum.“
Hamid schmollt, die Zeit rinnt mir durch die Finger und ich stelle Hamid und das Brötchenproblem hinten an. Schnell sind die anderen Sachen verteilt. Die Mädchen melden sich fast für alles.

„Bella, du hast doch schon die Brötchen und die Butter, das reicht dicke. Wir haben doch genug Schüler. Jeder muss nur eine Sache mitbringen.“

Kurz vorm Klingeln sind alle Sachen, die ich an die Tafel geschrieben habe verteilt, außer Sucuk und Erdnussbutter. Die 15 Brötchen, die Hamid nicht mitbringen wollte, holt jetzt Volkan. Alle Schüler bringen etwas zum Frühstück mit. Alle außer Anil und Hamid.
Es klingelt.

„Okay, tschüß dann. Anil und Hamid, bleibt mal bitte kurz hier.“
Widerwillg setzen sie sich mir gegenüber und gucken mich genervt an.
„So, was ist jetzt mit euch? Was bringt ihr mit.“
„Gaaaar nichts.“ sagt Anil sofort.
„Warum? Alle bringen doch was mit.“ gebe ich zu bedenken.
Anil: „Na und, ich kaufe doch kein Essen für andere Leute.“
„Aber das machen doch die anderen auch. So funktioniert: gemeinsam Frühstücken.“
„Na und, ich bringe aber nichts mit.“ Anil bleibt stur und ich kenne ihn schon gut genug, um zu wissen, dass das jetzt keinen Zweck mehr hat, weiter zu diskutieren. Hamid bleibt auch dabei, dass er nichts mitbringen will. Ich lasse die beiden zum Unterricht gehen, stelle ihre Stühle hoch und denke:

Na wartet, wenn ihr wirklich nichts mitbringt, dann sitzt ihr beide, vorm Sekretariat mit einer schriftlichen Aufgabe, die sich gewaschen hat. Und wir frühstücken schön ohne euch.
Woher allerdings Hamids plötzlicher Stimmungsumschwung kam, hat sich mir noch nicht erschlossen. Aber ich bleib dran.

Advertisements
Allgemein

29 Gedanken zu “Ich bring Brötchen!

  1. Hamid hat ’ne Brötchen Connection, die unter 75 Brötchen nicht funktioniert!

    Es könnte auch sein das er schon ausgerechnet hat, wieviel er mit 75 Brötchen verdient und die Kohle in Gedanken schon angelegt/ausgegeben hat. Unter 75 Brötchen kann er sich das, was er sich leisten wollte allerdings nicht kaufen.

    Ergo: gar keine Brötchen!

  2. ist doch klar wie klosbrühe. 100 brötchen mitbringen ganz allein für alle ist eine coole aktion mit der man aufmerksamkeit bekommt oder die man zumindest gesprächsmäßig schön verbraten kann und sie kennen ja das renomierverhalten ihrer pappenheimer.

    15 brötchen mitbringen und vielleicht eine gurke wie alle anderen ist nicht so sexy für den mothefucker von welt, da ist man ja nur einer von vielen.

  3. Haben die vielleicht ’ne Bäckerei? Oder denkt er vielleicht, dass ihm seine Chance genommen wurde als alleiniger „Brötchenheld“ „dazustehen?

  4. Die Hamids haben doch eine Bäckerei.
    Oder sein Onkel hat eine.
    Und da hilft er immer.
    Und er kann die Brötchen mitbringen,
    für alle und für umsonst.
    Jetzt aber nicht mehr.
    Jetzt ist er beleidigt.

  5. Zu wenig Aufmerksamkeit? Erst nicht sofort als der Held drankommen dürfen, der 75 Brötchen besorgt, sondern abwarten müssen, bis alles aufgeschrieben ist; und dann auch noch nur einer von fünf sein?
    So ist er halt der, der gar nichts mitbringt – was dann auch jeder mitkriegt.

  6. Moment, Frl. Krise kommt vom Zahnarzt, Frau Freitag ist ständig beim Zahnarzt, schon mal jemand drüber nachgedacht, dass die beiden ein und dieselbe Person sein könnten……..

      • Nagut, ich muss zugeben ich habe noch nicht alles gelesen was die beiden Blögge zu bieten haben und hätte mir denken können das dieser Geistesblitz schon mal jemanden durchzuckt hat. Mea maxima culpa.
        Und doch möchte ich an der Theorie festhalten. Zumindest könnten die beiden Geschwister sein…. So wie bei Dexter….einer weiß nur noch nichts von der gemeinsamen Vergangenheit, weil z.B. Frl. Krise von der Supernanny im Alter von drei Jahren aus einem Container voller…. hm….. voll was eigentlich…. naja, jedenfalls gerettet wurde und darum ist Frau Freitag heute diese eiskalte…. neee, irgendwie……. ich überarbeite die Theorie noch mal…..

      • …diese eiskalte… das gefällt mir. ich habe auch schon mal gehört: du bist herzloser als ein mann. wenn das kein kompliment ist…

        auf die überarbeitete theorie freue ich mich schon.

  7. Kultur-Clash. Wer die großzügige und gern gewährte Gastfreundschaft (Engagement) wiederholt zurückweist und jemand anderen vorzieht, verletzt einen türkischen (aber auch: arabischen….) Mann tief in der Ehre. Er ist vermutlich nicht nur beleidigt – er ist gekränkt.
    Darüber kann man sich lustig machen oder ihn dafür bestrafen – oder halt verstehen lernen.

    „Gemeinsames Frühstück“ – aber ohne alle, die in ihrer primär-Kultur gelernt haben, dass es lobenswert ist, sich als Einzelner für alle verantwortlich zu fühlen?
    Ja, das sind (hier: tragische) Helden. Verkannte.

  8. Hier irrt Frau Schlau mal. Endlich!
    Es wäre ja wohl ein Leichtes gewesen, die Hilfsbereitschaft des Hamids loben und zu sagen: Okay, bring 40 Brötchen! Für den Rest hätte man dann noch jemand gefunden. Oder ihn zu fragen, wieso er so wild aufs Brötchen holen ist.
    Aber so, dürfen schön die Mädchen alles herbei holen, sogar mehrere Sachen (aber 75 Brötchen, für einen das geht nicht)…
    Wäre ich auch beleidigt gewesen…aber vielleicht will Mme die ja auch gar nicht dabei haben…
    Ich finde jedenfalls nicht, dass sich der Brötchen-Hamid selbst ausgeschlossen hat,
    Und im übrigen denke ich dass Paul Recht hat!

    • In der Tat. Ein elementarer Fehler, Frau Freitag!
      Wie kann man nur so wenig Rücksicht auf einen in der Brötchenfrage unendlich generösen, aber kulturbedingt leicht kränkbaren, weil ausgesprochen „ehrenkäsigen“ (süddeutscher Ausdruck, wird das verstanden?) jungen Männer türkisch/arabischer Herkunft nehmen?
      So ein ständiges Einfühlen in den anderen kulturellen Hintergrund ist ja nun wirklich nicht zu viel verlangt – von Frau Freitag natürlich, nicht von Hamid!

  9. Hmm.. naja, aber es is ja auch riskant, die Last der 75 Brötchen auf nur ein paar Schultern zu legen. Wenn der jetzt an dem Morgen schlimmes Mirsschlecht hat, dann sitzt man da mit ohne 75 Brötchen. So hat man bei einen Ausfall immerhin noch 60.

    • Niemals hätte sich Hamid auch beim übelsten Mirstschlecht vom Brötchenbringen abhalten lassen.
      Die Ehre!
      Die Schule steht in diesem Zusammnehang weit unter der Gastfreundschaft, kann man gar nicht vergleichen….

Kommentar verfassen

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden / Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden / Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden / Ändern )

Google+ Foto

Du kommentierst mit Deinem Google+-Konto. Abmelden / Ändern )

Verbinde mit %s