Mittelalter – ein Zustand am Ende der Woche

„Frau Freitag, was wollen Sie später mal werden?“ fragt mich Valli und guckt mich dabei wartend und äußerst interessiert über seine schmutzige Brille an. Er trägt seine Brille immer auf dem unteren Ende der Nase. Dadurch sieht er aus wie ein Professor.
„Lehrerin. Aber Valli, guck mal, ich bin schon Lehrerin.“
Valli denkt kurz nach, dann fällt es ihm auch auf.
„Wie heißen Sie mit Vornamen?“ ruft jetzt Taifun von hinten. Wir befinden uns in der Hausaufgabenstunde. Jeder primelt vor sich hin und tut so, als mache er seine Hausaufgaben. Die Mädchen sind bei der Erzieherin und backen Waffeln. Ich habe jeden Freitag immer nur die Jungs.
„Frau. Frau ist mein Vorname. Frau Freitag. Frau ist Vorname, Freitag der Nachname.“
Taifun grinst: „Dann haben alle meine Lehrerinnen die gleichen Vornamen.“
„Hmmm, haben sie.“

„So kommt Jungs, jetzt macht mal diese Geschichtsaufgabe zuende. Hier, ausschneiden, sortieren und dann aufkleben.“ Volkan, brauchst du Hilfe?“
Volkan nickt.
„Also, wer steht denn ganz oben?“
„König.“
„Genau. Dann schieb‘ den schon mal an da hin. Wer kommt dann?“
„Kaufleute?“
„Nee.“
„Ahhh, Adel.“
„Genau. So, dann guck‘ mal, wer ganz unten ist.“
„Zigeuner.“
„Zigeuner? Hä?“
„Na hier, Bettler.“
„Ja. Bettler. Aber wieso Zigeuner?“
„Na, sag ich doch, Zigeuner. Bettler.“
Ich erkläre: Sinti, Roma, Zigeuner-no-no, Diskriminierung, Bettler blah, blah, blah. Irgendwann hat er es kapiert.
„So, jetzt die Sprechblasen. Wer sagt was? Lies mal vor“
„Wir kümmern uns um das Seelenheil der Menschen.“
„Ah, Kirche“
„Aber Kirche gibt es ja hier gar nicht. Hier gibt es nur Menschen.“
„Ahhh, Geistliche.“
„Richtig. Also schieb mal die Sprechblase dort hin. Was steht denn in den anderen Sprechblasen? Lies mal vor!“

„Wir sind oft Opfer von Ungerechtigkeiten und wir tätigen Geldgeschäfte.“ Volkan guckt sich seine Mittlelalter-Leute an und schreit dann: „Ich weiß, Kaufleute.“

„Nein, das ist nicht Kaufleute.“ mischt sich jetzt Prof. Vallis ein. „Das ist Juden.“
„Juden?“ denke ich. Und tatsächlich gibt es neben den leibeigenen Bauern, dem Bettler, dem Adel und den Kaufleuten auch die Juden. Und die zeichnet also aus, dass sie Geldgeschäfte tätigen. Alle, immer und ausschließlich, logo. Was ist das denn für eine Kopiervorlage? Wo kommt die denn her? Blood and Honor Schulbuch GmbH, oder was?

„Hmm, ich glaube da hat Vallis recht. Leg die Sprechblase mal neben Juden. Den Rest kannst du ja alleine machen.

„Firat, soll ich dir helfen? Zeig mal her.“
„Ich weiss nicht wo das hier hinkommt.“
„Was steht denn da?“
„Wenn wir noch nicht zum Adel gehören, dann werden wir irgendwann dazu erhoben. Ist das Adel?“
„Neee, kann ja nicht. Ist doch unlogisch, warte mal.“
„Ritter!“ schreit Vallis von hinten.
Firat freut sich über den unerwarteten Geistesblitz von hinten und klebt sofort die Sprechblase auf.
„So Firat und das hier? – „Wir leben am Rand der Gesellschaft.“ zu wem gehört das?“
„Kaufleute?“
„Neein, wäre ja lustig, aber nein, die würden so was nicht sagen.“
„Adel?“
„Stimmt zwar irgendwie, aber hier ist der untere Rand gemeint, nicht der obere.“
„Ahhh, Peter.“
„Peter?“
„Na hier, Peter. Ach nein, das heißt Bettler. Bettler. Also Zigeuner.“
„Hmmm, genau.“ Freitag 14 Uhr. Die Woche war lang. „Ja, Zigeuner. Kleb‘ das mal hin. Aber mach bitte den Tisch nicht dreckig.“

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Allgemein

36 Gedanken zu “Mittelalter – ein Zustand am Ende der Woche

  1. Mhm? Was? Wie? Seltsames Arbeitsblatt.

    Geht es um Stände? Dann ist immer noch der Klerus der 1. Stand, der Adel der 2. Geht es um Bevölkerungsgruppen? „Zigeuner“ waren im Mittelalter keine Bevölkerungsgruppe? Geht es um ehrliche und unehrliche Berufe?

    Rätselhaft.

  2. So antisemitisch das auch rüberkommt, für einen Großteil des Mittelalters stimmt das mit den Juden und den Geldgeschäften sogar, leider. Sogenannte „ehrliche“ Handwerksberufe waren ihnen ja verboten und adelig konnten Sie nicht werden. Dennoch wundert es mich, dass man im Sinne der politisches Korrektheit nicht darauf verzichtet hat.

      • Vielleicht ist das ja erzieherisch gemeint, d. h. ein Versuch zu erklären, weshalb es dieses (natürlich falsche) Vorurteil des jüdischen Wucherers wie Shylock gibt. Ich stimme Ihnen aber zu, „Wir dürfen bestimmte Berufe nicht ausüben“ wäre besser gewesen und hätte die schon immer vorhandene Diskriminierung von Juden schön verdeutlicht, ohne die Gefahr bestimmte Klischees zu bestätigen.

      • Weil das zu unpräzise gewesen wäre. Es geht dabei offenbar um eine genaue zeitgeschichtliche Darstellung der Gruppen, und dafür ist die Beschreibung wie im Text wesentlich besser geeignet als „Wir dürfen bestimmte Berufe nicht ausüben“. Um Ihrem Einwand Rechnung zu tragen, hätte man schreiben können „Wir sind oft Opfer von Ungerechtigkeiten und wir dürfen als Beruf nur Geldgeschäfte tätigen.“. Das traf zwar auch nicht immer zu, ist aber ein gangbarer Kompromiß, finde ich.

    • Auch wenn ich wohl die Einzige bin, die das etwas anders sieht.
      Vielleicht wurde dieser Satz gewählt, weil hier in Sprechblasenkürze (!) dargestellt werden soll, welches Ansehen die jeweiligen Gruppen hatten, welchen Platz sie im System einnahmen und welche Aufgaben sie hatten und ihr Vorschlag diese Fragen vielleicht ein wenig zu einseitig…

      „Wir sind oft Opfer von Ungerechtigkeiten und wir tätigen Geldgeschäfte.“ – Was ist denn dagegen einzuwenden?
      Okay, der Zusammenhang. Aber dazu gibt es ja die Lehrer!

      Man kann es auch übertreiben mit der „political correctness“!

      • “ „Wir sind oft Opfer von Ungerechtigkeiten und wir tätigen Geldgeschäfte.“ – Was ist denn dagegen einzuwenden? “

        Och, was soll schon dagegen einzuwenden sein? Nur, dass es bezogen auf „die Juden“ nicht stimmt, sondern ein antisemitisches Vorurteil ist. Kleinigkeit.

      • Warum so polemisch?
        Sind sie sich sicher, dass ich das Verständnisproblem habe?

        Korrigieren Sie mich, falls ich irre, aber hier geht es doch um eine Übung im Fach Geschichte, Thema: Mittelalter, Subthema: „Hierarchien/Gesellschaft im Mittelalter“?

        Wogegen ich in diesem Zusammenhang nach wie vor nichts einzuwenden habe – und nur dagegen nicht – ist die fiktive und historisch weitgehend richtige Aussage eines Juden aus dem Mittelalter (und Juden nannten sich Menschen jüdischen Glaubens damals wahrscheinlich auch selbst).
        Dieser berichtet, dass Menschen seines Glaubens in seiner Zeit unter Ungerechtigkeiten litten und im Geld-und Kreditgeschäft tätig waren, weil es vereinfacht und wertfrei betrachtet nun mal so war. Geschichte war politisch nicht eben korrekt.

        Aus meiner Sicht reißen Sie diesen Satz aus dem ursprünglichen Zusammenhang, ergänzen ihn für sich mit allen naheliegenden Konnotationen, verallgemeinern ihn dann und „basteln“ sich so einen Satz mit antisemitischer Prägung, über den man sich trefflich empören kann.

      • @paule_t die Aussage ist aus dem Mund eines Juden der damaligen Zeit nicht zwingend falsch und schon gar nicht antisemtisch, sondern mit hoher Wahrscheinlichkeit eine Tatsache. In vielen Gegenden durften Juden damals nun mal als Beruf nur Geldgeschäfte tätigen. Die aus dieser Tatsache *abgeleitete* in der Tat antisemtische *Interpretation*, Juden würden durch diese Tätigkeit das Wirtschafts- und Bankensystem kontrollieren , kam erst später auf und hat historisch im Mittelalter überhaupt nix verloren. In diesem Kontext von Antisemitismus zu reden, ist somit historisch einfach falsch. Juden haben damals oft Geldgeschäfte getätigt – eben weil sie oft nix anderes tun durften, was wiederum eine der genannten Ungerechtigkeiten war.

    • Was:

      Kaiser, König, Prinz, Major, Edelmann, Bettelmann, Doktor, Pastor

      mit diesem Spuch hat man uns früher die gesellschaftliche Rangliste beigebracht.

  3. „Freitag 14 Uhr“ Ja, die Freitags-Hausibetreung… Hab ich auch gerade hinter mir, nur dass das bei mir bis um vier dauert… (seien Sie bloß froh! Immerhin kein Mathe!)

  4. „Einigen wir uns auf unentschieden!“ ….

    Danke, dass ich mich neben der interessanten Geschichtsstunde auch wieder an die Ritter der Kokosnuss erinnern darf.

  5. Das AB find ich aber auch sehr merkwürdig und ihr Befremden sehr verständlich (und ihre bessere Formulierung oben aus den Kommentaren sehr geeignet), Frau Freitag! Vielleicht lohnt sich da ein Wort mit dem Kollegen/der Kollegin GeschichtslehrerIn.

  6. Bettler, Juden, Zigeuner, Adel, Ritter – das mal alles den Kindern zu erklären. DEN Kindern. Oh mann oh mann. Aber irgend wer muss es ja tun. Danke, Frau Freitag. Übrigens – Das Video: Ich würde sagen pädagogisch wertvoll. Weckt Interesse am Thema. Der ganze Film gibt einiges her…

  7. Kaiser, König,…Bettelmann, Schuster , Schneider, Leineweber, Bäcker, Kaufmann, Totengräber – war in meiner Kindheit ein Abzählvers und Ballspiel. Man wählte einen „Stand“, zog einen Kreis, stellte sich rein, dann wurde von einem Mittspieler mit den Worten „ich schicke einen Brief an den (z.B.) König“ dem entsprechenden Mitspieler zugeworfen. Dieser musste den Ball fangen, ohne den Kreis zu verlassen. Musste er doch raus und hatte einen lukrativen Stand, so ging ein eifriges Wechseln los, jeder versuchte sich zu verbessern bis alle wieder in einem Kreis standen und neue „Post “ verschickt wurde. Mich hat bei dem Spiel immer gestört, dass der Bettelmann vor den Handwerkern kam. Allerdings waren wir nie so viele Mitspieler, dass es über den Bettelmann hinausgereicht hätte.

  8. Das Arbeitsblatt kommt mir auch etwas unsystematisch vor… aber wenn man mal davon absieht, dass immer alle einen Herzinfarkt bekommen, sobald jemand „Jude sagt“, ist es doch halberwegs korrekt… Soweit ich weiss, gab es doch sogar (mäßig erfolgreiche) „Judenschutzverträge“ mit dem Kaiser, und eigene Judenviertel etc… Also war „Jude“ für Zeitgenossen eine Kategorie, in der man gedacht hat. Ausserdem waren die Juden eine geschlossene Bevölkerungsgruppe, schon allein, da es keine interreligiösen Ehen gab, und sich traditionell das jüdisch-Sein vererbt… warum also nicht die Juden als Bevölkerungsschicht darstellen? Und soweit ich weiss, gab es für Juden im Mittelalter doch tatsächlich nur die Möglichkeiten Geldwirtschaft oder Arm sein.

    Also was falsches lernen die Kinder nicht gerade… oder?

    • Sie lernen, dass Juden Geldgeschäfte machen. Und zwar so nahezu ausnahmslos alle, dass man es als quasi definierendes Merkmal dieser Bevölkerungsgruppe verwenden kann (arme Juden? Gibt’s nicht.). Und andere machen das im Umkehrschluss nicht (Fugger? Nie gehört.).

      Geht’s noch näher dran am antisemitischen Stereotyp vom „jüdischen Wucherer“, ohne eine NPD-Mitgliedschaft ehrenhalber für Verdienste bum teutsche Bildung zu kriegen?

  9. Ha! Ich habe letztes Schuljahr fachfremd Geschichte unterrichtet und, ja: Ich hatte die gleiche Kopiervorlage…hatte ich schon fast verdrängt. Typisch deutsch irgendwie. Bin ich ja froh, dass das Ihnen, Frl Krise, auch komisch vorkam mit den Juden.Schönen Abend noch. Schuster, bleib bei deinen Leisten: Ich unterrichte halt lieber Deutsch!

  10. uff … also @fabian das mit den juden und der mittelalterlichen standesordnung ist so … den juden waren alle zünftigen handwerksberufe und der landbesitz verboten. es war ihnen aber von ihrer religion ,anders als den christen und auch heute noch den muslimen, nicht verboten zinsen von christen zu nehmen (untereinander sah das wieder anders aus.).

    daher war das verleihen von geld gegen zinsen durchaus ein alleinstellungsmerkmal der juden.
    nicht alle juden waren geldverleiher, aber alle geldveleiher waren juden. juden betätigten sich jedoch oft als händler, wirte, kaufleute und auch ärtzte oder apotheker.

    man hätte es sicher geschickter durch eine negative abgrenzung wie z.b. “ uns sind geldgeschäfte erlaubt aber handwerk, grundbesitz und öffentliche ämter verboten.“ ausdrücken können, andererseits macht das auf dem holzschnittartigen niveau auf dem da geschichte unterrichtet wird auch keinen großen unterschied mehr.

  11. Der wirbel um diesen einen Satz ist übertrieben. Solange die Kinder von den Lehrkräften den zusammenhang bei bedarf richtig erklärt bekommen ist doch nichts gefährliches daran. Zumal es Kinder sind und keine Erwachsenen die zwanghaft versuchen so etwas aus dem Zusammenhang zu reisen und ihrer Meinung entsprechend in einem völlig anderen Kontext wieder zu geben wie paule t.

  12. Ja, OK, scheiß auf durchdachte didaktische Reduktion. Wenn Kinder durch blödsinnigen, halbrichtigen Mist auf die Fährte verbreiteter Vorurteile gelockt werden, was schadet es schon? Es kann ihnen ja immer noch irgendwann von irgendwem besser erklärt werden (wann auch immer). Warum sich also die Mühe geben, von vorneherein korrekte Texte zu verfassen? Völlig unnötiger Aufwand.

    Merk ich mir, falls ich irgendwann einmal Mathe fachfremd unterrichte noder vertrete. Wenn dann das Arbeitsblatt sagt, Pi ist drei, dann ist das schon OK, ist schließlich viel einfacher zu rechnen und ja auch fast richtig. Und die kleinlichen Details hinterm Komma, Herrgottchen, macht eh fast nix aus, und kann ja sonst irgendwer mal besser erklären, wenn’s mal nötig ist.

  13. Moment mal, hier wird über Schüler geredet. Schüler haben einen ganz einfachen Anlaufpunkt. – Alles was verboten ist, ist interessant – Nun denken wir weiter. Die NPD soll verboten werden, also wird sie interessant. Was sind das für Leute? Genau, es sind jene die heute noch über Juden und Ausländer richten wollen. -„Wir sind oft Opfer von Ungerechtigkeiten und wir tätigen Geldgeschäfte.“ – ist somit, zumindest in meinen Augen, ein konkreter Anker zwischen der eh meist unzufriedenen Jugend und dem was wir alle so gern verbieten wollen. Allein aus diesem Grund sollte das AB angepasst werden.

  14. Wurden eigentlich die Bettler, Lehensleute und Leibeigenen alle immer gerecht behandelt? Freie Berufswahl gab es auch nicht. Das wäre mir neu.
    Warum wird eigentlich nur im Zusammenhang mit den Juden davon gesprochen?

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