Wie hässlich!

Meine Nerven bluten. Aua. Montag. Aua.

„Wie hässlich!“ zischt Belinda beleidigt vor sich hin. Ich hatte ihr einen Brief weggenommen, den sie heimlich während der mündlichen Phase meines schlechten Unterrichts schrieb. Eigentlich ist in dieser grauenhaften Achten Klasse immer mündliche Phase – jedenfalls für die Schüler.
Ich war stinksauer, weil Belinda sich einfach an MEINEN Notizzetteln, die ich auf dem Schreibtisch stehen habe, bedient hatte. Jetzt war es ihr enorm peinlich, dass sich ihre Liebesverwirrungen in meiner Hosentasche befanden. Eigentlich ist Belinda immer darauf bedacht gut mitzumachen oder jedenfalls den Anschein einer guten Schülerin zu vermitteln – sonst fragt sie ständig, ob sie gut mitgemacht habe. Heute nicht. Heute schmollt sie und zischt „Wie hässlich.“ Sie meint mich, aber sie ist zum Glück schlau genug nicht „Ist die hässlich“ zu sagen. So muss ich nicht reagieren und sie bekommt keinen Ärger.

Seitdem Kufa und Hamsa ihre Briefe bekommen haben, ziehen sie von selbst ihre Jacken aus und haben auch immer ihr Arbeitsmaterial dabei. An der Mitarbeit und dem Nicht-Stören müssen wir noch arbeiten. Insgesamt ist es in der Klasse etwas ruhiger geworden, aber Spaß macht es uns allen nicht. Heute habe ich es mir durch meine nervende Körnel-Art auch noch mit den ruhigen, lieben Schülern verdorben. Da muss ich aufpassen, dass das nicht einreisst. Wenn ich die ganze Klasse gegen mich habe, dann wird das nichts mehr.

In der Mittagspause versuche ich mich vom Unterricht zu erholen. Fällt mir schwer, denn ich habe Hofaufsicht. Aber die Sonne scheint, es ist friedlich und da kommt auch schon Anita, der ich mein Leid klagen kann. Sie hatte die blöde Klasse auch schon mal ein Jahr in Deutsch und war heilfroh, sie dieses Jahr abgeben zu können. Wenigstens kann sie sich an die Schüler erinnern und so kann ich ihr jeden Montag mein Leid klagen.
„Oha, heute war schlimm. Nicht nur, dass die so lahm sind, ich frage die, wie das große Land über den USA heißt und da sagt Miriam: Los Angeles. Wo soll ich denn da anfangen? Ich frage nach dem größten See in den USA und die sitzen vor einer Landkarte und da zeigt Belinda auf den Mississippi. Oh Mann, ich habe bekomme gerade meinen Tiefpunkt. Mist! Und ich muss noch bis halb fünf weitermachen…“
Ich jammere und jammere. Von weitem sehe ich Dschinges mit einem Freund auf uns zukommen. Er grinst. Ich grinse zurück. Wenigstens grinst mich noch irgendein Schüler an. Diese Achten sind kurz davor mich zu lynchen.
„Frau Freitag!“ schreit mir Dschinges schon von weitem entgegen.
„Dschinges!“ antworte ich ihm genauso laut.
Jetzt stellt er sich vor Anita und mich: „Frau Freitag, ich bedaure sooo, dass ich nicht mehr bei Ihnen Kunst habe. Wirklich!“
„Dschinges, ich find’s auch schade.“
„Frau Freitag, ganz ehrlich, Sie sind die beste Lehrerin, dies gibs.“
„Danke Dschinges.“ sage ich und denke an die grauenhafte Stunde, die ich gerade hinter mir habe.
Dschinges will wieder los. Irgendwann dreht er sich noch mal um und schreit: „Frau Freitag, ein Kuss auf Ihr Herz.“

Danke Dschinges, kann ich gebrauchen.

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10 Gedanken zu “Wie hässlich!

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