Wer nicht fragt bleib dumm

„Frau Freitag?“
„Ja Anil?“
„Deutschland hat doch Schulden, oder?“
„Ja.“
„Und da gibs doch diese eine Uhr und da kommen doch jede Sekunde 5000 Euro Schulden dazu.“
„Ja. Ich weiss nicht wie viel, aber ziemlich viel. Wieso?“
„Wie will Deutschland die denn jemals zurückbezahlen?“
„Tja… das weiss ich auch nicht. Ist aber ’ne interessante Frage.“ antworte ich. Anil lächelt zufrieden und widmet sich wieder der nicht ganz so interessanten Kunstaufgabe, die ich ihnen vor mehreren Wochen gestellt habe.

Leider stellen nicht alle Schüler so interessante Fragen wie Anil. Die meisten Fragen, die ich heute gestellt bekam, bestätigten mich nur wieder darin, dass ich mit meiner täglichen Arbeit wenig zum Abbau von Deutschlands Schulden beitragen werde.

„Frau Freitag, was sind feuchte Träume?“ fragt Firat kurz vor vier.
Ich entdecke gerade einen Pickel an meinem Kinn und kann gar nicht aufhören, den anzufassen.
„Firat, frag deine Mutter.“
„Yousef sagt immer, dass ich feuchte Träume habe. Aber was heißt das?“
„Frag doch Yousef.“

Ich habe wirklich keine Lust, mich weiter mit diesem Thema auseinander zu setzen. Das merkt auch mein Freund Ibo, denn dem fällt nun auch noch eine ganz dringende Frage ein: „Frau Freitag, was ist ein Analstopfen?“ Ibo steht direkt vor mir und grinst mich dreckig an. „Was ist das, ein Analstopfen?“ Ich beuge mich zu ihm runter – er ist noch ziemlich klein und eher bilateral. Leise flüstere ich ihm zu: „Ibo, wir können gerne deine Mutter einladen und die kannst du das dann fragen.“

Ansonsten wollten die Schüler heute noch sowas von mir wissen:
„Können wir heute nicht einfach mal nichts machen?“
„Warum meckern sie immer mich an, die anderen reden doch auch.“
„Wie alt sind Sie?“
„Warum kann ich die Jacke nicht anlassen? Mir ist kalt.“
„Wann klingelt’s?“
„Warum haben Sie das nicht kopiert? Dauert doch viel zu lange abschreiben.“
„Seit wann darf man keine Chips essen in Unterricht?“
„Wie Test?“
„Warum geben Sie mir nicht mein Handy wieder?“

Die Generation von morgen. Die Steuerzahler von übermorgen. Ihre Fragen – recht eindimensional. Sorry.

Außerdem war heute mein Handyabnehm Tag. Gleich drei habe ich ergattert. Wenn man einmal damit anfängt…

1. Handy:
„Ich wollte nur mein Handy anrufen, weil ich es nicht finde. Das Handy ist von Dilara. Meine Eltern können das nicht abholen kommen, die sind nicht da. Sie sind voll gemein. Übertreiben Sie nicht… bitte…“
(Handy im Büro abgegeben!)

2. Handy:
„Kann ich es bitte wiederhaben, ich wollte nur gucken, wie spät es ist, ich kann die Uhr nicht erkennen.“
(Handy nach der Stunde zurückgegeben.)

3. Handy:
bei der Hofaufsicht: „Ich habe mit meiner Mutter telefoniert. War voll wichtig.“
Ich stecke das Handy in meine Hosentasche. Dort klingelt es. Ich gucke auf das Display: „Aha, und deine Mutter heißt Volkan, ja?“
Theatralischer Auftritt der jungen Dame im T-Shirt: „Suuuuuuuppperr, jetzt wo ich gerade ins Heim komme, nehmen SIE mir auch noch das Handy ab. Toll!!!“
Ich: ????
(Handy im Büro abgegeben.)

In meiner Klasse dann: „Josi, das ist doch wohl kein Handy, da in deiner Handy, oder? Ich habe heute schon drei Handys abgenommen. Soll das das vierte sein?“
Anil: „Aber sie haben doch eben gesagt, dass Sie nur zwei abgegeben haben, was denn nun? Zwei oder drei? Entscheiden Sie sich mal.“

„Ich habe drei Handys abgenommen und zwei davon im Büro abgegeben.“

Anil…smart der Junge…aus dem wird noch was.

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Allgemein

30 Gedanken zu “Wer nicht fragt bleib dumm

  1. Montag ist immer schwer. Hier auch. Aber diesen November legt sich da gerade so eine (langweilige, weil altbekannte) Schwere drüber. Wie wäre es mit Streik und dann – alle gemeinsam ohne Schüler und eigene Kinder 3 Monate ab in die Sonne?

  2. Fehlen noch die Fragen:

    „Warum haben Sie die Klausur immer noch nicht mit?“
    „Können wir nicht eher Schluss machen?“
    „Können wir nicht das Fenster zu machen?“

    Einkassierte Handys heute: 4

  3. Bestimmt ne eher doofe Frage: Warum dürfen Schüler/innen in der Pause ihre Mobilfunktelefone nicht benutzen? Während des Unterrichts ist mir klar…

  4. Ich möchte Sie beruhigen: Ich arbeite an einem Gymnasium und unsere Schüler stellen genau diese Fragen. Und die Diskussionen über das Handy kommen mir auch sehr bekannt vor.
    Mein Highlight des Tages: Wieso hat der Künstler das so gemalt? Wenn der nackte Mann da rennt, dann müsste doch eigentlich sein Pimmel wackeln, oder? (8. Klasse)

  5. Aber was ich mich frage: Was bedeutet „bilateral“? Haben wir nicht alle zwei Seiten, egal ob groß oder klein? Oder meinten Sie verschlüsselt was anderes, was Sie nicht laut sagen dürfen (Wagenladungen Kusengs und so)?

  6. Klingt alles ein wenig nach Frustration.
    Was würde denn geschehen, wenn die Frage nach den „feuchten Träumen“ ernst genommen werden und tatsächlich nach Antworten gesucht wird? Meiner Erfahrung nach reduzieren sich provokante Erfahrungen dann sowieso von selbst – nur verbleibe ich ohne Frust und Stress.

    • wenn es an dem tag nicht schon so spät gewesen wäre hätte ich ihm das auch erklärt. bricht mir ja kein zacken aus der krone, einem schüler zu erklären was ein feuchter traum ist – ist leichter, als denen das simple past zu erklären. aber um 16.20 hatte ich eben keinen bock drauf.

  7. Fragen kann auch ganz schön gefährlich sein: Wer fragt, hat vielleicht nicht aufgepasst -dann setzt’s ein Minus. Auch das sind Erfahrungen von Schülerinnen und Schülern.

    Und überhaupt: Läuft nicht das ganze Getriebe verkehrt herum? Warum sollten Schülerinnen und Schüler überhaupt auf die Idee kommen, irgend etwas zu fragen? In der Schule werden sonst auch zuerst Antworten auf Fragen gegeben, die niemand gestellt hat.

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