Der Nächste, bitte

„Was ist in Englisch?“
„Na, wie war Berat denn in der Grundschule in Englisch?“
„Nicht gut, nicht gut.“ Mama Berat schüttelt den Kopf hin und her und guckt zu ihrem Sohn. Der wird ganz rot. Eingequetscht zwischen Mama und Papa und die Lehrerin gegenüber. Die Berats sind groß, massig. Alle. Berat ist in der Siebten – er könnte jetzt schon Sumoringer sein. Seine Ohren stehen ab und er hat ein ganz knuffig-pausiges Gesicht.

„Ich gucke mal, was Berat in der Arbeit geschrieben hat.“ sage ich und blättere in meinem Notenbuch. Ich weiss es nicht mehr. Berat schon, denn er starrt jetzt auf den Boden.
„Oh, das waren nur null Punkte.“

Wir schweigen alle.
„Na Berat, nächste Arbeit wird aber besser. Schlechter geht ja nicht mehr.“ sage ich, um die Situation ein wenig aufzuheitern.
„Berat, sagen wir eine Vier nächstes Mal, ja? Die Fünf überspringen wir einfach, ja?“
Berat grinst übers ganze Gesicht. Erleichtert, dass wir die Fünf überspringen. Jetzt freut sich Mama Berat auch und Papa, der, glaube ich gar nichts verstanden, hat grinst auch.
„Na dann…“ sage ich und signalisiere durch mein Aufstehen, dass das Gespräch damit beendet ist. Wir schütteln uns alle gegenseitig die Hände und ich hole die nächsten Eltern mit ihren Sprößlingen rein.

Elternsprechtag – wie ich das liebe. Schlau daherquatschen, unheimlich pädagogisch tun, auf alles eine Antwort wissen und wenn man gar nicht weiter weiss – einfach das Thema wechseln. Niemand verlässt unzufrieden meinen Raum.

Diesmal kann ich auch gar nicht so viel Schlechtes über die Kinder sagen. Aus meiner Klasse sind fast alle gekommen. Die vier, die nicht kommen konnten haben sich vorher abgemeldet, weil sie arbeiten mussten.

Oft habe ich heute gesagt: „Alles super. Ich kann nichts Negatives über ihr Kind sagen. Sie können sehr stolz sein.“ Und das war nicht mal übertrieben oder gelogen. Selbst mit den Müttern, deren Söhne die Lochgrößendiskussion gestartet hatten habe ich mich super verstanden.
„Sie haben ja Post von mir bekommen.“
„Ja, wir haben auch darüber geredet und so geht das natürlich nicht.“
„Machst du das jetzt noch?“ frage ich.
Verschämtes Kopfschütteln.
Dann noch eine Moraldusche von mir: „Guck mal, deine Mutter ist eine Dame und ich auch und die Mädchen in der Klasse sind auch Damen – kleine Damen – und wir wollen so was nicht hören.“ Ich grinse, die Mutter grinst, Sohn windet sich innerlich. „Und so bekommst du auch keine Freundin. Du musst charmant und nett sein!“

Lief wirklich super. Ich bin hoch zufrieden. Mit mir, meinen Schülerinnen und Schülern und mit deren Eltern.

Mein Lieblingskollege hat es allerdings heute auf den Punkt gebracht: „Elternsprechtag? Was soll ich den denn den Eltern erzählen? Ich haben mit allen schon 1000 Mal telefoniert und ich sage immer das Gleiche: Weniger Schmink – mehr Bücher!“

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Allgemein

12 Gedanken zu “Der Nächste, bitte

    • klar mache ich. und dann heißt es aber nachher: diese frau freitag ist viiiiiiellll netter als frl krise – die meckert ja nur. musste wissen, ob du das willst. 🙂

  1. Also weniger Schmink – mehr Bücher…gib dem Kollegen einen Kuss von mir. So einfach kann das Leben sein. Gibt aber vielleicht auch son paar Leute, bei denen man das umdrehen sollte. Weniger Bücher – mehr Schmink(e). Sieht der Kollege auch noch ganz nett aus? Jetzt nur mal so….

    • Das beschreibt jetzt die Freitag…..Aha!! Aber der Spruch klappt echt in beide Richtungen. Und ich will auch ein, nein zwei T-Shirts. Je nach Situation. Das wär doch mal ne nette Einnahmequelle. Also, zack, zack, Kollege austricksen und Copyright anmelden!

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