Kränk

„Guten Morgen, ich bin krank. Ich kann heute nicht kommen und morgen auch nicht.“
Nach dem Telefonat falle ich zurück auf die Couch. Frühstücksfernsehen läuft, draußen geht die Sonne auf. Nie liege ich um diese Uhrzeit. Normalerweise sitze ich auf der Couch, esse meinen Toast mit Butter und Salz, trinke Kaffee, rauche und ziehe mich dann an. Gestern liege ich. Verkehrte Welt. Ich habe Hals und Gelenkeschmerzen und jetzt auch noch ein schlechtes Gewissen. Krank. Wieso bin ich krank? Ich trage schon seit einem Monat Wintermantel, Mütze und Schal. Trotzdem krank. Krank nervt. Kranksein nervt voll. Mein Freund steht irgendwann auf, bringt mir Tee. Endlich kann ich wimmern und jammern: „Auauauauauaua, mein Hals. Mir tut alles weh.“

Ich schalte mich von einem Regionalsender zum nächsten. Als ich beim Homeshopping stoppe, meckert mich der Freund auch noch an: „Nee, also nicht so was jetzt.“ Ich fange sofort wieder an zu jammern. Er entschuldigt sich und ich höre kurz mit meinem Wehklagen auf. Draußen scheint die Sonne. Dann ruft meine Erzieherin an. Wir hatten Eltern eingeladen – es soll eine große Anhörung geben. Ich freue mich schon seit einer Woche darauf. Nun kann ich nicht dabei sein. Mist. Ich gebe Instruktionen und falle nach dem Gespräch erschöpft zurück in die Kissen. Die Erzieherin sagt: „Geh‘ mal raus, draußen ist schön. Nur Rumliegen ist nicht gut.“ Draußen scheint die Sonne. Ich wälze mich von links nach rechts. Eigentlich nur, weil ich nicht weiss was ich sonst machen soll. Ich weiss nicht, wie Kranksein geht.

„Du bist wie ein Pups, der im Zimmer hängt.“ sagt der Freund. Voll nicht nett. Vor allem wenn man das zu einer Kranken sagt.

Gegen Mittag gehen wir raus. Ich muss dem Finanzamt einen Zettel bringen. Das Finanzamt meckert. Seit ich nicht mehr zu Hause wohne, haben Ämter das Elterliche Meckern übernommen. Früher hieß es: „Bring den Müll runter, räum dein Zimmer auf. Heute meckert die Rentenbehörde: „Wir haben Ihnen schon im Mai geschrieben, dass Sie Ihre Beschäftigungszeiten von 1990-1994 nachweisen sollen…“. Das Finanzamt, die Krankenkasse, die Bank, die Personalstelle usw. Alles meine mich anmeckernden Eltern.

Der Weg zum Finanzamt ist sehr viel weiter als sonst. Wir schleichen. Es ist kälter als es aussieht. In meinem Kopf ist Druck und ich kann nicht richtig hören. Draußen ist man immer viel kränker, als drinnen.

Irgendwann will ich nur noch zurück auf die Couch. „Du isst jetzt deine Suppe und dann schläfst du.“ befielt der Freund. Ich gehorche. Ich schlafe nachmittags!!! Als ich aufwache ist es dunkel. Der Tag ist vorbei. Der Tag hat ohne mich stattgefunden. Langweilig. In meiner Vorstellung fetzt das zu Hause bleiben immer voll, aber in real life ist es überhaupt nicht so toll. Vor allem, weil man ja gar nichts gebacken kriegt, obwohl man so viel Zeit hat.

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Allgemein

26 Gedanken zu “Kränk

  1. Wunderwaffe gegen schlechte Laune (und ich behaupte sogar gegen Burnout):Täglich „Chill mal, Frau Freitag“ lesen! Und ich bin gerne Lehrerin! Gute Besserung!

  2. Krank sein kann ich auch nicht. Ich bin gestern sogar noch krank in die Arbeit gegangen, obwohl ich ab und zu mal kurz davor war, meinen Mageninhalt vor den Schülern auszubreiten…. daraus lerne ich trotzdem nicht. Krank rumliegen ist einfach viel zu öde.

    • Genau. Statt öde und gelangweilt zu Hause rumzuliegen, geht man besser krank zur Arbeit und steckt alle an.
      Das ist viel unterhaltsamer…

  3. Hallo Frau Freitag! Ich könnte unglaublich gut ihre Hilfe gebrauchen! Ich muss Montag ein Referat über das Buch „Mit Schülern klarkommen“ von Lohmann halten! Und ich hasse das!! In ihrem Buch haben sie das Buch auch mal erwähnt (S.75ff) und dann diese herrliche Beispiel mit den Schimpfwörtern gebracht! Haben sie dieses Beispiel wirklich aus diesem Buch?? Ich finde das einfach im Lohmann nicht! Wenn das da drin stände würde ich total gerne das kopieren und mit dem Text aus ihrem Buch verteilen!! PLEASE HELP! Auch wenn sie krank sind, sie würden eine angehende Lehrerin sehr glücklich machen!!

    • ich ürde so gerne helfen, aber ich glaube ich habe die bücher verwechselt und wenn das mit den schimpfwörtern nicht in dem buch steht, dann ist das aus – die kraft der klasse fördern. sorry. mit schülern klarkommen, das steht bei mir im regal, aber ich glaube ich habe da gar nicht reingeguckt. sag doch einfach, dass das buch nicht gut ist, weil ja schon der titel suspekt rüber kommt. aber ich glaube frau dienstag hat das buch mal gelesen und meinte, das ist gar nicht so schlecht. ich würde einfach das inhaltsverzeichnis kopieren und dann kurz was zu allem sagen – das ist doch auch in themen aufgeteilt, oder? Sorry, referate halten ist sooo weit weg – war im letzten jahrtausend…

      • Trotzdem vielen Dank für die Antwort! Alles was der Mann da in der Theorie schreibt ist ganz nett, aber die Praxistipps…HILFE…Er hat 12 Tipps aufgestellt, wie man seinen Humor verbessern kann, z.B öfters mal in einem witzigen Dialekt sprechen oder so wie Werner (das war 1990 bestimmt mal lustig) oder :am Nikolaustag eine Nikolausmütze tragen und an Karneval eine Pappnase -oder umgekehrt(!!!) Das ist doch sozialer Selbstmord. Vielleicht bring ich aber das Beispiel mit den Schimpfwörtern trotzdem, ich finde das zeigt perfekt den Kontrast zwischen Theorie und Praxis! Weiterhin gute Besserung!!

      • die tipps probiere ich gleich mal aus. hihihi.
        und ja, mach das mal, mit den schimpfwörtern – wäre doch ein super einstieg in das referat, – was passiert, wenn man es so macht, wie die theorie es will. und dann schwenkst du rüber auf sein buch. schnarcht dir bestimmt niemand weg, während deines referats. aber bitte, bitte berichte, wie es war. und viele grüße von mir. praxiserfahrung schlägt sowieso jede theorie! viel glück.

      • Referat lief ganz gut, das mit den Schimpfwörtern habe ich nicht mehr geschafft, weil mir ein anderes Mädchen mit ihrem Referat Zeit gestohlen hat!! Voll Blöd!! Aber ich behalte es als Trumpf für die nächste Diskussion in der Hinterhand! Die Dozentin hat ganz schon blöde geguckt, als ich das Buch kritisiert habe! Blabla..das sind alles wissenschaftliche Erkenntnisse!! Dann habe ich sie gefragt ob denn diese Pappnasen-Idee wissenschaftlich ist! Nein, nein…das ist nur sein persönlicher Tipp! Super wissenschaftlich! Leider bin ich im Ruhrgebiet, sonst würde ich sofort spionieren und mir an euren Schulen einen Platz fürs Referendariat sichern! Ich finde auch Praxiserfahrung ist das wichtigste! Alle meine Jobs bringen mir mehr als diese „wissenschaftlichen“ Seminare. Frau Freitag lesen hilft übrigens auch sehr gut 😉

  4. „du bist wie ein pups, der im zimmer hängt“ – geil, das hätt ich gestern besser auch zu meinem freund gesagt. der hatte nämlich ’ne ein-tages-grippe (wobei ich eher glaub, dass das ein kater war..)

    ansonsten: gute besserung! playstation spielen find ich bei krank sein immer enorm gut. hat man ja sonst nie zeit für und wenn doch, will man ja andere sinnvolle dinge tun.

  5. Krank sein ist blöd! Aber dann auch noch son Freund, der blöde Kommentare abgibt. Dassja noch blöder. Dann lieber rumliegen und Homeshopping gucken. Da denke ich dann immer – lieber krank als so aussehen und so einen Job machen. Aber das geht nur ohne F. s. o. Gute Besserung.

  6. frau freitag, du bist doch eine mit nehmerqualität!
    ich bin jetzt die 6. woche krank (es ist das knie, ich konnte kaum laufen, jetzt „geht es“ wieder) und diese extrementschleunigung fand ich irgendwann richtig gut! lange nicht mehr so viel gelesen.
    und garantiert kein einziges fachbuch! oh, doch. eins. aber sei’s drum. ich hab das ja wieder weggelegt:-)

  7. Krank sein im Referendariat ist auch schrecklich-und am Mittwoch steht der nächste Unterrichtsbesuch an. Oh weia…Das schlechte Gewissen nagt an mir.

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