Aus dir wird nichts

„Ihr sollt jetzt noch den Vokabeltest schreiben, dann noch diesen einen Hörtext im Buch bearbeiten – also nur zuhören und mitlesen, dazu ein paar kleine Aufgaben, dann gebe ich euch die Arbeit zurück und dann ist auch schon Schluss.“ diesen Stundenplan hauche ich mit letzter Kraft dem Widerwillen von 20 durchgeknallten Siebtklässlern entgegen. „Guckt mal, ihr seid heute nur so wenig Schüler, ihr seid fertig vom Tag, wir hatten alle heute schon so viel Unterricht, ich habe Kopfschmerzen… lasst uns mal versuchen, heute eine ruhige letzte Stunde zu haben.“
Beim Anblick der Schüler wird mir sofort klar, dass daraus nichts wird. Ich habe mein Pulver schon längst in anderen Klassen verschossen. In der blöden Achten, die ich auf eine Arbeit vorbereiten wollte, wogegen die sich aber äußerst erfolgreich gewehrt haben.

Am Ende der Stunde und meiner Kräfte habe ich sogar noch einen Schüler vor die Tür gestellt und ihm draußen mit finsterster Miene angezischt: „Aus dir wird nichts werden!“ Dreimal habe ich das sogar wiederholt: „Nichts wird aus dir werden – g a r n i c h t s!!!“ Der hat mich nur mit großen Augen ungläubig angeglotzt und ich bin wütend wieder in die Klasse. In der Pause tat mir das schon wieder voll leid. Sowas Gemeines und Vernichtendes habe ich noch nie zu einem Schüler gesagt. Aber der hat echt sooo gestresst und ich konnte einfach nicht mehr. Ich werde mich bei Zeiten beim Schüler entschuldigen. Aber der muss mir ein wenig entgegenkommen. Nicht mitarbeiten und meinen Unterricht non-stopp zerstören fetzt ja auch nicht.

„Also ihr Lieben, dann bleibt mal so schön ruhig, wie gesagt, mein Kopf tut weh und die Stunde wird schon schnell vorbeigehen.“ Ruhig blieben sie ÜBERHAUPT nicht. Immer wieder musste ich rummeckern, den Unterricht stoppen und auf der Metaebene diskutieren: „So geht das hier nicht! So kann ich euch hier nicht unterrichten…“
Ibos neuste Masche: Immer, wenn ich mich an die Tafel drehe flüstert er: „Mama.“ Jedesmal, wenn ich sein MAMA höre, bin ich so heilfroh, nicht seine Mama zu sein, dass ich mich gar nicht über diese Unterrichtsstörung aufrege. Sie macht mich eher zufrieden. „Mama“ Ich: hihihihi NEIN, zum Glück bin ich das nicht!!!!

Gegen Ende der Stunde brechen jegliche Dämme. Jetzt schnattern sie alle durcheinander. Unterricht ist nicht mehr erkennbar. Jetzt geht es nur noch ums nackte Überleben bis zum Klingeln. Mit letzter Kraft flüstere Ich: „Seid doch noch mal die letzten fünf Minuten leise. Ich habe Kopfschmerzen.“

„Da hilft Aspirin.“ schreit mir Firat freudig entgegen. „Das isst meine Mutter auch immer, wenn sie Kopfschmerzen hat.“ Firat sitzt direkt vor meiner Nase.
„Aspirin. Ja. Es würde schon helfen, wenn du nicht so schreie würdest.“
„Oder sie nehmen diese Punkte, die man im Wasser tut.“ schlägt er mir jetzt noch begeistert vor. Wo hat der zu dieser Stunde nur noch diese Energie her?

Irgendwann das erlösende Klingeln. Stühle hoch, tschüß und ab nach Hause. Auf die Couch. Und nachdem ich diese Punkte im Wasser zu mir genommen habe, geht es mir sogar langsam etwas besser.

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24 Gedanken zu “Aus dir wird nichts

  1. Punkte im Wasser? Was das? Leiden Sie schon an Sehstörungen, Frau Freitag?
    Sehen Sie Punkte im Wasser, wo keine hingehören? Fängt so das Lehrerdelirium an?
    Und warum erzählt mir das keiner an der Uni? 😀

  2. Hmmm, irgendwas („Aus Dir wird nix“ & „Aspirin“) scheint da falsch zu laufen.
    …und das scheint mir auf Ihre und die Kosten der Schüler zu gehen.

    Was soll / kann noch passieren…
    …wieviel Gesundheit soll / muss in den Job eingebracht werden und bis zu welchem Grad ist dies überhaupt sinnvoll?

    Nachdenkliche und aufmunternde Grüße

  3. ich stelle mir vor, das auf dem tisch einer lehrerin ohnehin schon jede menge pröddel rumliegt (z. b. 8 handys, 5 mascara, 7 tuben handcreme, ein spiegel und 3 böreks).
    was spricht dagegen, auch die bedarfsmedikation griffbereit zu positionieren? für den notfall empfehle ich: „aspirin akut“ (geht notfalls auch ohne wasser runter), „beloc“ (50 mg), wirkstoff metoprolol, macht ruhig und senkt die herzfrequenz, vorher mal ausprobieren, wird gern auch bei examenspanik geschluckt. für den absoluten notfall: „tavor expidet“ – da ist der wirkstoff bereits in der drageeumhüllung enthalten – dem sabbelnden schüler in den mund geschnipst und schon kehrt ruhe ein. selbst wenn die pille wieder ausgespuckt wird. ist das praktisch? ja, nech?

      • ich bin beruflich auch „schulfremd“, erkenne jedoch immer wieder parallelen zu dem lehrerinnenberuf und meinem – ich arbeite auf einer intensivstation. interdisziplinär könnten wir da eine menge reißen:-))

      • anstrengend, ja, und dann sowas: man versucht ganz viele leben zu retten und das klappt dann nicht immer, leute flippen aus und man kriegt die nicht zur räson, man muss x-mal denselben kram erzählen – also, da seh ich sattsam parallelen:-)

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