Die fiese Mistpocke

„Please read exercise nr.4, Benni!“ Wir erarbeiten eine langweilige Aufgabe im Workbook. Die Vergesslichen schreiben einen Text aus dem Textbook ab. Ibo der Neue sitzt vor Mustafa und soll auch schreiben. Ich gucke zu ihm rüber und was macht er? ER KIPPELT!!!!! Ibo sieht, dass ich ihn beobachte.

„Nicht kippeln!“ sage ich streng. Er zögert eine Sekunde, guckt sich in der Klasse um.
„He, Ibo! Ich sagte, dass du aufhören sollst zu kippeln!“
In Zeitlupe kippt er seinen Stuhl in die Waagerechte. Ibo ist schon so dick, dass ich Angst habe, der Stuhl bricht auseinander, wenn er den nicht vorschriftsmäßig benutzt. Warum sind diese Jungen heute eigentlich so dermaßen dick? Keine 13 Jahre alt und schon einen Bauch, wie ein 60jähriger. Merken die Mütter nicht, dass die sich falsch ernähren? Und wenn die so dicke Beine haben, dann haben die auch Schwierigkeiten zu laufen. Die watscheln dann. Gibt es bei Ibo zu Hause nur 1,5l Flaschen River Cola? Ich wende mich wieder dem Workbook zu. Gucke noch mal zu Ibo, ob er auch schreibt. Da kippelt der schon wieder und diesmal guckt er mich dazu auch noch ganz frech an.

„Sag mal, hörst du schwer?“ frage ich nun völlig genervt „Ich habe dir nun schon zweimal gesagt, dass du nicht kippeln sollst.“
Er, immer noch kippelnd: „Wieso?“
„Was wieso?“
„Wieso darf ich nicht kippeln?“
Langsam reicht es mir echt mit dem.
„WIESO???? Weil ICH es sage!!!“

Er hört – wieder leicht verzögert – auf zu kippeln. Oh Mann, das kann ja heiter werden mit dem Typ. Nach fünf Minuten sehe ich, wie Ibo nach hinten greift und Mustafa schlagen möchte. Ich gehe zu seinem Tisch, nehme seinen Block und das Buch, sage kurz „Komm mit!“ und verfrachte ihn an den Tisch neben der Tafel.
Sofort will er sich beschweren: „Aber er hat…“
Ich unterbreche ihn mit einem „Wir klären das später. Jetzt schreib erstmal.“
„Nein, ich schreibe nicht.“ sagt er und verschränkt die Arme vor seinem riesigen Bauch.
„Schreib!“
Ich bleibe so lange neben ihm stehen, bis er den Stift wieder in die Hand nimmt.
„Du bleibst nach der Stunde noch mal hier.“ sage ich ihm und setze mich an mein Pult. Er protestiert, aber das überhöre ich und unterrichte, bis zum Ende der Stunde weiter.
Als es klingelt packt Ibo sofort seine Sachen ein und will mit den anderen Schülern auf den Hof.
„Ibrahim, du bleibst noch mal hier!“
„Wieso?“
„Weil ich mit dir sprechen will!“
Widerwillig steht er jetzt neben mir. Ich sitze an meinem Schreibtisch.
„Setz dich mal hin.“ fordere ich ihn auf.
„Nein ich stehe lieber.“
„Setz dich dort hin!“ Das ist ja echt zum Verrücktwerden mit diesem Typi.
„Wieso?“
„WEIL ICH DIR SAGE, DASS DU DICH DA HINSETZTEN SOLLST UND ICH DIE LEHRERIN BIN!!!“ Bei dem muss ich ja echt beim Urschleim anfangen. Als er endlich vor mir sitzt werde ich wieder etwas milder.
„Sag mal von welcher Schule kommst du eigentlich?“
„Gymnasium.“
„Und warum bist du jetzt hier?“
„War zu schwer.“
„Und meinst du, du kannst dich hier so aufführen, wie du willst? Du bist hier das erste Mal in meinem Unterricht und machst gleich so einen Stress? Das geht ja nun gar nicht….“ Ich labere und labere. Er hört mir notgedrungen zu. Am Ende gebe ich ihm die ISBN Nummer des Workbooks und er mir das Versprechen auf einen Neuanfang in der nächsten Stunde.

Ich gucke ihm nach, wie er aus meinem Raum watschelt. Das wird nichts mit dem. Da bin ich mir soooo sicher. Der ist trouble.
Ich gehe ins Schulbüro und frage laut: „Ibrahim El-Farid!!! Wer hat dem erlaubt hier an die Schule zu kommen??? Der Typ geht ja wohl sowas von gaaar nicht!!!“
Die Sekretärin grinst. „Das dachte ich mir schon, als der gestern mit seinem Vater hier war.“
„Haben wir den auf Probe? Der muss postwendend wieder zurück!!!“
„Der kommt vom Gymnasium. Die haben uns angefleht den zu nehmen, der sei dort soooo überfordert.“
„Überfordert, dass ich nicht lache. Den wollten die loswerden. Das ist eine ganz fiese Mistpocke. Der muss weg!!! Der macht die ganze Klasse kaputt.“

Im Lehrerzimmer läuft mir Ibos neue Klassenlehrerin über den Weg. „Verena, dein neuer Schüler!!!“ Sie grinst und wartet. „Der geht gaaaar nicht!!! Wie der sich aufgeführt hat, in der siebten Klasse…als Neuer… das gibt nur Probleme mit dem!“
„Und hässlich ist der.“ sagt Verena.
„Na, das wäre mir jetzt egal, aber sein Verhalten u n m ö g l i c h!!!“
„Verena grinst noch immer und erzählt mir, dass er sich auch bei ihr nicht gut aufgeführt hat. „Der muss weg!!!“ versuche ich sie aufzustacheln. „Da müssen wir was tun! Der ruiniert deine nette Klasse…“ In dem Moment kommt Anita an uns vorbei. Sie unterrichtet in Verenas Klasse Geschichte: „Dein neuer Schüler? Na das ist ja einer… ich wollte nach dem Unterricht mit dem sprechen, da trinkt der während ich rede.“

Super, diese Schlacht ist noch nicht verloren. Jetzt genügend Allianzen schmieden und dann geht es diesem Ibo an den Kragen. Von dem lasse ich mir nicht meine Nerven ruinieren!

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Allgemein

44 Gedanken zu “Die fiese Mistpocke

  1. Ach Frau Freitag, nach nem bescheidenen Schultag wie heute mit nur ätzenden Schülern tut es mir immer wieder gut zu lesen, dass du dich auch fleißig durchkämpfst! Dass diese Ibos auch immer meinen, sie könnten gewinnen….

  2. Der muss weg…ja, das denke ich auch bei einigen, aber Niedersachsen hat sich jetzt was doofes ausgedacht:
    Wir spielen jetzt Oberschule, also ein neuer Name für den Zusammenschluss von Hauptschule und Realschule. Das heißt, alle, die wir gerade mühsam in der Realschule losgeworden sind, haben wir im nächsten Sommer wieder an der Backe… da kann man die nur noch nach unten in die Klassen darunter weitergeben und beten, dass man dort nicht eingesetzt wird *seufz* Aber so lohnt sich die Mühe beim Schüler rauswerfen gar nicht mehr.
    Hätte ich doch mal Gymasiumschullehrer gelernt….

      • aber es gibt doch noch diese schulen für schwere fälle…also ich mein jetzt nicht die schulen für geistig behinderte, sondern das, was dazwischen ist…mit so einer hat sich meine grundschule den schulhof teilen müssen…blutige nasen bei den grundschülern inklusive…eins von den mädchen schlug immer besonders brutal zu…die habe ich dann ein paar jahre später in meinem selbstverteidigungskurs wiedergesehen und ich dachte nur: wozu das denn jetzt? einen zusammenschlagen kann die doch schon?!

      • @ KC: oha… da fühlt sich eine Sonderschullehrerin aber gerade ziemlich angegriffen und hat das Gefühl ihre Schüler verteidigen zu müssen. Wenn du das alles schon mitgemacht hättest, was diese Kinder schon durchgemacht haben…
        @ Blümchen: ob abschieben immer die beste (oädagogische) Lösung ist ??

      • Oh, der kommt z.B. gerne in ein Jugendhaus, Mehrgenerationenhaus, eine Begegnungsstätte o.ä. zur Hausaufgabenbetreuung! Nicht, dass der da lernen will, aber da kann er sagen: „Ich hab jetzt doch bezahlt, jetzt sehen Sie zu, dass ich meine Hausaufgaben fertig kriege.“ Da kommt Freude auf…

  3. Davon abgesehen, dass Schüler natürlich nicht alles in Frage stellen sollten, was die Lehrer von ihnen wollen…

    Beim Kippeln habe ich die Erfahrung gemacht, dass Horrorgeschichten ziehen. Nämlich das Ausmalen des blutrünstigen Szenarios, was passiert, wenn man hinten überschlägt. (Kopfaufschlagen etc.) Das kann man noch damit würzen, dass man das selbst während seiner Schulzeit erlebt hat.
    Habe ich übrigens wirklich. Wir hatten so wunderbare Steinfensterbänke, da ist mal einer mit dem Kopf rückwärts auf die Kante, das war überhaupt nicht schön.
    Und in einer anderen Klasse ist er gegen die Wand gekippt und hat sich einen aus der Wand herausstehenden Nagel in den Kopf gehauen.
    Ihr bisschen Gesundheit scheint den Schülern dann doch tatsächlich wichtig zu sein. Sie haben es dann nämlich gelassen. Mir kamen sie nämlich auch mit diesem „Warum?“ …
    Wobei ich es in dem Praktikum, wo ich das angewendet habe, SEHR kontraproduktiv fand, dass meine Mentorin hinten saß und was tat? Sie kippelte!
    Aber erklären Sie dann mal einer Klasse einer Brennpunktschule, was quod licet Iovi, non licet bovi heißt 😀

    • also die horrogeschichten hatten wir life in meiner letzten klasse. ronnie ist so oft -so heftig vom stuhl geflogen und er hat trotzdem noch bei der zeugnisübergabe gekippelt.

      • Also, ich kann kippeln auch nicht leiden, weil ich schon Horrorgeschichten (Kopf an alten Heizkörper, z. B.) erlebt habe……aber ich selber mach das auch ganz gerne…

      • Mädels! Das Kippeln ist doch eigentlich ne gesunde Reaktion! Nervig, klar! Aber nu gibt die Freitag endlich zu, dassse (man darf jetzt dreimal) auch gekippelt hat. Ich hab in der Oberstufe Zigaretten gedreht……..Päckchenweise. Referendar nebendran hat dann geholfen……
        Ach und ich hab auch ne Idee für die Lösung. Schlagzeug!!! Das hilft! Gegen alles!!

      • Hahaha so a la musik- bewegungstherapie für agressionsabbau…
        mein vorschlag wäre überhaupt einfach zurück zum gym den jungen..
        .wenn die sagen er sei ueberfordert müsste man ja eigentlich den spiess auch wieder umdrehen können…die haben sich das zu einfach gemacht…denn auch gym.lehrer sind nicht aus zucker und müssen sich auch ab und zu durchkämpfen … die wissen wahrscheinlich nichtmal, ob er ein lernproblem hat, weil er ein desziplinproblem hat!
        man kann ja nicht einfach alle die sich nicht benehmen können zu krises und freitagmanns abschieben…

      • Wie wär´s mit: „Kennst du einen guten Tischler? Nein? Dann musst du wohl selber kommen und den Stuhl leimen, wenn er kaputt ist.“ Und dann wirklich antanzen lassen, den Stuhl auseinander bauen, den alten Leim von den Holzverbindungen kratzen lassen und neu verleimen. Aber bitte im Winkel und alle Verbindungen dicht mit Schraubzwingen usw. Übt nebenbei noch Geometrie und macht deutlich, wieviel Arbeit das ist.

    • Horrorgeschichten haben bei mir nur Diskussionen über den Abstand zum Hinterbänkler bzw zur Wand ausgelöst. Mehr aber auch nicht. Doch – schwärmendes Ausmalen der freien Zeit, die man hätte, würde einem sowas passieren….
      Die einzige, die Angst vor den Horrorgeschichten hat, bin ich. Mir wird da schon immer ganz übel, wenn ich nur sehe, wie die auf ihren Stuhlbeinen balacieren…

  4. Ach Frau Freitag, so ist das mit den Gymnasiumschülern! U n m ö g l i c h! Schön, sowas mal zu lesen. Da freut man sich doch direkt noch mehr, wenn die eigenen Gesamtschüler sich lieb und knuffig halten (so wie meine heut). 😀

  5. Habt ihr nicht im Keller noch so eine alte Schulbank aus Omas Zeiten, wo Bank und Pult zusammen geschweißt sind. So was völlig kippeluntaugliches?. Könnte doch der Hausmeister extra für Ibochen wieder flott machen. Und gleich dazu ne Schiefertafel für die Textbookabschriften. Braucht sich Ibochen nicht abschleppen mit Hefter und Federmappe! Er hat es eh schon SCHWER genug, oder? 😉

    Bin gespannt, wie es weiter geht mit ihm. More informations fo me, please! ;o)

  6. Erstmal Grenzen testen. Wenn der von allen Seiten zu verstehen bekommt, dass sein Verhalten ihm nicht weiterhilft, überdenkt er das Ganze ja vielleicht noch mal. Irgendwie ist er auch erstmal aufs Gymnasium gekommen…
    (Meine Schülerkinder sind 2-3 Jahre alt, die kippeln nicht nur, die setzen sich gleich auf die Stuhllehne und sind dann ganz verwirrt, wenn man sie da so schnell wie möglich runterholt.)

    • Man nehme z.B. fehlende schul(art)übergreifende Leistungsstandards, die Gauss`sche Normalverteilung (a.k.a. Glockenkurve) und eine leistungsschwache Klasse und schon wird das Mittelfeld zum Spitzenfeld!
      Und/oder man berücksichte, aus welchen Gründen auch immer, lieber nicht, dass zum erfolgreichen Besuch einer „Gymnasiumschulle“ nicht nur ein helles Köpfchen und passable Noten, sondern auch Lernfreude, Wissbegier, Ehrgeiz, die Fähigkeit zur Selbstorganisation und ein gewisses Maß an Disziplin gehören.
      Ein entsprechend förderliches Umfeld zu Hause soll ebenfalls kein Ausschlusskriterium sein (auch wenn es de facto in den meisten Fällen eines ist) und schon haben wir:

      „Irgendwie ist er auch erstmal aufs Gymnasium gekommen…“

      Leider lässt die Überforderung dann oft nicht lange auf sich warten und die Kinder werden nach unten durchgereicht.
      Übrig bleiben Frust, Wut, ein lädiertes (hier noch erschwerend männliches und wahrscheinlich muslimisches) Ego…

      Was dem Phänotyp einer kleinen Mistpocke nicht widerspricht.
      Trotzdem tut er mir ein wenig leid.

  7. Fragst du dich eigentlich auch manchmal, was du tun würdest, wenn Ibo sich weiter weigern würde zu schreiben/sich hinzusetzen/das zu tun, was du sagst? Hab ich mich schon oft gefragt, so nach dem Motto „Ismail, raus vor die Tür“ und dann täte dieses 2m-Geschöpf das nicht – aber irgendwie machen sie’s ja doch immer wieder 😉

  8. Ich hoffe dieser Blogeintrag ist „nur“ eine erfundene Geschichte. Wenn nicht, finde ich das Verhalten der Lehrkraft sehr fragwürdig. Zum einen, weil hier öffentlich über die betreffenden Schüler geschrieben wird (leider nicht im positiven Ton); zum anderen, weil die Herangehensweise bzw. Heranschreiensweise im Unterricht suboptimal ist. Da gibt es bessere Möglichkeiten. Irgendwann wirkt Schreien und drohendes Fordern nicht mehr.

  9. Zitat von Markus: „Irgendwann wirkt Schreien und drohendes Fordern nicht mehr.“

    so lange es noch funktioniert, ist doch alles in Butter. daher mein Tipp an Frau Freitag: Weitermachen!

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