So riecht der Libanon

Einem grauenhaften Tag folgte eine desaströse Nacht. Um halb neun(!!!!) schlief ich wimmernd vor dem Fernseher ein. Vorher habe ich in Gedanken mein Leben und meine Berufswahl verflucht. Alles scheiße, scheiße, scheiße. Macht gar keinen Spaß. Ich will nicht mehr. Und dann schwerer ungemütlicher Schwitzerschlaf und um 1.30 Uhr hellwach. Aus dem Bett – in das ich irgendwie gebracht wurde – zurück auf die Couch – Fernseher an, dösen, wieder einschlafen, wieder aufwachen und dann schließlich um vier Uhr eine Zigarette rauchen – geht es noch grauenhafter? Ich kann mich gleich bei „Familien im Brennpunkt“ anmelden.

Und dann auch noch punktgenaues Eintreffen in der Schule. Punktgenau heißt mit dem Klingeln, also zu spät. Meine Klasse hängt schon im Treppenhaus über dem Geländer: „Sie sind zu spät Frau Freitag!“ „Ich weiss.“
„Sie müssen am Freitag nachsitzen, Frau Freitag!“
„Ja, muss ich ja sowieso immer, wenn ihr nachsitzt. Ich werde mich gleich eintragen.“
Und dann habe ich ein paar schöne produktive Stunden mit MEINER Klasse verbracht. Die sind echt immer noch süß und haben mich auf ihre fuzzige Art wieder aufgebaut. Nach vier Stunden dachte ich bereits: „Na guck mal einer an, wie ich das drauf hab. Ich bin doch wohl die geborene Lehrerin.“

Mittags sitze ich mit mehreren Kollegen vor Kartoffelpüree und irgend so einem undefinierbaren Fleischklops und wir reden über die Schüler. Am Tisch sitzt Manfred – schon jahrelang an unserer Schule- leicht desillusioniert, aber immer sehr freundlich zu den Schülern. Dann ist da noch eine hochmotivierte neue Kollegin, die alles super findet und zwei Typen von so einem Projekt. SCHULFREMDE, die sich mal wieder mit unseren Schülern schmücken wollen. Mal kurz vorbeikommen, ein Kamerateam dabei haben, alles für ein-zwei Tage auf den Kopf stellen und dann wieder gehen. Ach ich vergass – zwischendurch natürlich unheimlich schlau daher quatschen.

„Also wir machen gerade in Erdkunde ein Projekt über den Libanon und die Türkei.“ erzählt die neue Kollegin und die Schulfremden sind sofort ganz Ohr. „So riecht der Libanon und so riecht die Türkei, heißt es.“
„So riecht der Libanon??? Komm doch einfach mal in meinem Raum vorbei.“ nuschele ich, den Mund voll mit Kartoffelpüree.
„Hohohoho.“ kommt es von dem einen Schulfremden. Sein ‚hohohoho‘ soll Entrüstung kommunizieren, die ich erstmal gar nicht verstehe.
Ich stopfe mir noch mehr von dem Kartoffelpüree rein, bevor ich antworte: „Wieso? Was ist daran jetzt schlimm? Wahlweise riecht es da auch wie die Türkei. Wie soll es denn da riechen?“
„Na, wahrscheinlich geht es da eher um die Gewürze, so Karamon und so.“ erklärt der andere Schulfremde.
„Ach so. Hmm, Gewürze.“
„Aber vielleicht riechen ja Leute aus dem Nahen-Osten anders als die aus Europa.“ gibt der HOHOHO-Typ zu bedenken.
„Na, das klingt jetzt aber sehr nach Rassenlehre.“ kontere ich. Touche (hier soll so ein Strich sein auf dem e)
Stille. Jetzt meldet sich der andere Schulfremde wieder zu Wort. „Sind denn die Schüler hier wirklich so schlimm?“
„Wer hat denn gesagt, dass die schlimm sind?“ frage ich. Immer diese Vorurteile… immer fragen alle, ob die schlimm sind. Die sind ganz normal. Schlimm sind Montage. Schlimm ist Unterricht nach 16 Uhr. Schlimm ist, wenn man nicht schlafen kann. Oder wenn man Krebs hat oder ein Tsunami vor deinem Haus oder Cellulitis am Bauch oder noch schlimmer Cellulitis am Hals oder wenn man seinen Hausschlüssel verliert. Aber unsere Schüler…. die sind halt Schüler.
Aber ich kann das auch nicht immer wieder jedem erklären. Deshalb esse ich schweigend meinen Teller auf und gehe dann zufrieden nach Hause. Dienstage sind auf jedenfall überhaupt nicht so schlimm wie Montage.

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Allgemein

19 Gedanken zu “So riecht der Libanon

  1. Liebe wunderbare Frau Freitag,
    erst ma n fetten Dank. Ich bin keine Lehrerin, sondern Erzieherin in einem Jugendheim für Jungs. Ihr Buch hab ich in einer Freizeit mit unseren Jungen gelesen und ich habe es geliebt.
    Mein Job ist grade das einzige Chaos und ich bin echt froh, dass andere Menschen in anderen Jobs wegen den geliebten Arschloch-Kindern (ja, ich hab sie wirklich gern) nicht schlafen können. Mir wird es heute genau so gehen.
    Danke

  2. Nee, bitte nicht Teller aufessen! So ein Scherbengericht ist gesundheitsgefährdend! Lieber Teller leer essen, Püree kratzt nicht so im Hals.

  3. Zigaretten so früh, das ist aber nicht gesund Frau Freitag, haben Sie denn die Studie nicht gelesen, wie schädlich die morgendlichen Zigaretten sind? Wie schädlich sind dann erst die VORM Aufstehen, sozusagen?
    Schließlich brauchen Sie Ihre ganze Gesundheit für die Montage!

  4. Tja, indem wir etwas so oder so verstehen, geben wir auch immer etwas von uns selbst preis.
    Ich habe keine Ahnung, wie der Libanon riecht. War noch nie da.
    Und an die anderen da oben: Das Sams, das findet Teller lecker. Alles eine Frage des Geschmacks 😉

  5. Das ist doch normal, daß andere Leute, wegen ihrer Essgewohnheiten anders ausdünsten. Den Asiaten in Asien stinken die Europäer auch. Das hätte der Höhöhö – Typ eigentlich wissen können. Und auch nicht jeder Europäer schaufelt sich zu jeder Mahlzeit Knoblauch in den Wanst.

  6. Wahrscheinlich riechen Die Libanesen und Türken wirklich anders, ganz ohne Rassenlehre. Manche Gewürze werden doch u. A. über die Haut ausgeschwitzt. War letztes Jahr in Indien und hatte den Eindruck, dass alle nach Kreuzkümmel, Kurkuma und Koriander riechen. Irgendwann hab ich’s nicht mehr gemerkt (ich roch wohl selber so). Ob wir für die wohl nach Pfeffer und Salz riechen?

    • Ich war auch mal laengere Zeit in Indien und angeblich nehmen viele dort den Geruch von Europaern als unangenehm war (also nicht auf Einzelpersonen bezogen, sondern auf die gesamte Umgebung, so haben es mir zumindest Inder erklaert, die schon mal in Europa waren). Ich kann mir das nur so erklaeren, dass die verschiedenen Gewuerze wahrscheinlich die Eigenkoerpergerueche verdecken und wenn dann so gut wie gar keine Gewuerze verwendet werden, diese staerker hervortreten. Vielleicht haengt es auch damit zusammen, dass in Europa ja relativ viel Fleisch gegessen wird, waehrend in Indien wiederum viele Leute Vegetarier sind. In Indien rauchen uebrigens auch weniger Leute, das kann vielleicht auch eine Rolle spielen, wenn so ein Inder in einem verrauchten Cafe sitzt (gibt es sowas jetzt ueberhaupt noch) und sich danach ein Urteil bildet.

  7. Die Accents sind übrigens neben dem ß, oben rechts. einfach drücken, bevor der Buchstabe kommt, der ihn braucht. Auch wenn viele Menschen denken, das sei ein Apostroph… das widerum sitzt aber klein und bescheiden neben dem Ä.

    🙂

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