Erste Erfolge

„Könntet ihr mir mal kurz helfen?“ frage ich Katarina, Suszan und Elena, die sich in der großen Pause auf dem Gang vor meinem Raum rumdrücken.
„Ja, gerne Frau Freitag. Können wir unsere Sachen auch schon in den Raum bringen?“
„Klar, wartet mal, ich schließe eben auf. Und ich brauche ein paar Tische aus dem Nachbarraum, ich will nämlich gleich einen Test schreiben lassen, in der anderen Klasse und da soll jeder einen eigenen Platz haben.“ erkläre ich
„Damit die nicht abschreiben können, oder?“ fragt Suszan und grinst.
Ganz genau. Wir schleppen gemeinsam Tische und bauen eine mega frontale Sitzordnung.
Es sind noch 10 Minuten bis zum Unterricht. Eigentlich sollen alle Schüler auf dem Hof sein.
„Können wir drinnen bleiben?“ fragt Elena. „Meinetwegen.“ antworte ich geistesabwesend, denn ich sortiere die Englischarbeiten für die achte Klasse.
„Können wir an die Tafel schreiben?“ fragt Katarina.
„Hmmm, könnt ihr.“
„Yippppihhhh, Frau Freitag, ich liebe Sie.“ schreit Elena und nimmt sich die Kreide. „Ich liebe Sie.“ …nur weil ich sie an die Tafel schreiben lasse. Meine Strategie in dieser Klasse zahlt sich schon aus. Ich hatte mir ja diesmal vorgenommen mich nicht so emotional auf sie zu stürzen, wie ich es in der letzten Klasse getan habe. Da war ich ständig an denen dran, habe immer zu mit denen geredet, mir alles erzählen lassen und am Ende war da zu wenig Distanz und dadurch wahrscheinlich nicht mehr genügend Respekt. Jetzt mache ich bei jeder Begegnung klar: ich bin der Chef. Ich bin die Lehrerin und ihr macht, was ICH sage. Ihr unterbrecht mich nicht, wenn ich spreche und ihr redet nicht mit mir, wie ihr mit euren Freunden redet. Es klappt ganz gut. Mein Wort ist Gesetz.

Ich sortiere Blätter und die drei Mädchen schreiben irgendwas an die Tafel und wischen es wieder weg. Es ist richtig gemütlich. Sie reden über ihre Geburtstage. Elena wird nächsten Freitag 13.
„Frau Freitag, wann haben Sie Geburtstag?“ Ich sage es ihnen.
„Ohhhh, da müssen wir dann nächstes Jahr Geschenke kaufen.“ sagt Katarina, als wäre es eine Selbstverständlichkeit, seiner Lehrerin etwas zum Geburtstag zu schenken.
„In Russland schenken die Schüler ihren Lehrern immer voll viel.“ erklärt sie. Ich drehe mich zu ihnen. „Ja? Was kriegen denn die Lehrer da so von den Schülern?“
„Also ich weiss nicht so genau, ich bin ja hier zur Schule gegangen, aber Elena muss das wissen, die ist ja erst zwei Jahre in Deutschland.
Ich gucke Elena erwartungsvoll an. Sie ist sehr schüchtern und spricht noch nicht viel, weil sie meint, dass ihr Deutsch so schlecht sei. „Also, sie schenken Blumen und so Kisten mit, äh, mit Schokolade. Und so Kartchen.“
„Blumen, oh, sehr schön und Schokolade… ich liiiiieeebe Schokolade.“ sage ich und hoffe fest, dass sie sich das bis zu meinem Geburtstag merken werden. Ich muss diese Klasse besser trainieren. Jedes Jahr ein paar Geschenkchen zum Geburtstag und zu den Zeugnissen und dann die Hammerpräsente am letzten Schultag, wenn sie die Schule verlassen. Nie wieder möchte ich mit NICHTS ins Lehrerzimmer kommen.
Wenn ich weiterhin so distanziert und sachlich bleibe mit meinen Fuzzies, dann könnte das sogar klappen.

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Allgemein

19 Gedanken zu “Erste Erfolge

  1. Aha, Distanz ist das Zauberwort. Fr.Freitag könnte ich Ihnen mal meine Freundin schicken und sie zeigen ihr dann wie das mit der Distanz so funktioniert? 😉
    Erst die zweite Woche wieder Schule. Die Schüler waren letzte Woche seeeehr motiviert aber heute einer der eine Regel nicht beachtet und schon denkt sie wieder sie ist an allem schuld und eine schlechte Lehrerin.

  2. Das einzige, was wahrscheinlich hilft, ist sie unter Zugzwang zu setzen.
    Jedes Geburtstagskind kriegt von Ihnen so eine 50g Aldi-Täfelchen Schoko (das müsste ja eigentlich auch mit allen Speisevorschriften konform gehen :D) mitm Schleifchen zum Geburtstag und die packen dann nen Präsentkorb für Sie. So müsste es eigentlich klappen 😀

    • Nein das geht in ihrer Schule GARNICHT! Eine kleine Schule in einem seeehr kleinen Dorf. Dort legt man noch mehr Wert auf gesunde und biologisch angebaute Nahrung. Viel Obst, nur Wasser oder Tee und nahrhaft gesund belegte Brote. Die armen Kinderchen 😉 😀

  3. Ich will Ihnen ja nich Ihren Kinderglauben rauben…. aber was mir schon alles zum Geburtstag versprochen wurde…und nichts davon bekam ich! Aber wenigstens hab ich immer Blumen zum Abschied bekommen, lalalala….

      • ich sag ihnen mal was frau freitag,selbst wenn sie’s nicht hören wollen: Елена und Катя werden, wenn sie zu hause weiter die braven Mädchen bleiben wollen, von ihren Mammis Blumensträuße in die hände gedrückt bekommen und nächstes jahr am 3.Augu1.September mit eben diesen vor ihnen stehen….und sollten sich diese madamchens allzu schnell assimilieren und sich gegendiese „peinlichkeit“ wehren , dann bekommen sie die blumen halt in drei jahren zum schulabschluss von den muttis….

        wäre ich doch schon fertig…ich befürchte, dass wenn ich anfange zu arbeiten, keine frischen russen mehr den weg nach deutschland finden =(

  4. Das klingt doch ganz gut!! Sie sind auf einem guten Weg (hoffe ich) und nächstes mal gibt’s mega hammer Geschenke zum Schulabschluss!
    viele Grüße aus Kanada

  5. Liebe Frau Freitag,
    sie sind mir ans Herz gewachsen, obwohl ich keine Lehrerin sondern nur Mutter bin. Sorry, muss mal schleimen: Ich musste unbedingt ihr Buch haben. Es hat meine Erwartungen mehr als erfüllt: Ich hab mich köstlich amüsiert… und auch getröstet (mein Sohn ist 17, entstammt durchau keiner bildungsfernen Familie, ist hochintelligent…. aber sowas von lebensfremd! Wer glaubt schon seinen Eltern, seufz. Da geht es Eltern nicht besser als Lehrern). Sollte es einen Nachfolgeband geben – ich würd mich freuen!

    LG MamaBeate

  6. Pingback: Neunnachneun « Ansichten aus dem Millionendorf

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