Der Rest von Frau Freitag

Montags ist bekanntlich Frau Freitags schwerster Arbeitstag, deshalb ist ihr heute auch nicht nach Schreiben zumute. Also schreibt jetzt der Freund.
Vorhin kam sie nach Hause und ihr war noch noch nicht mal nach Sprechen zumute. Mit schweren Beinen schleppte sie sich die Treppen hoch und wie so oft bin ich voller Mitleid ein paar Absätze entgegen gegangen, um ihr die schwere Schultasche abzunehmen. „Na, wie war´s? Sehr anstrengend?“, erkundige ich mich neugierig, als wir in der Küche sitzen. Ich sitze, sie liegt schon auf der Couch. Frau Freitag hat auch eine Couch in der Küche. „Sag du mal was, ich kann jetzt nicht reden.“, sagte sie mit vollen Bäckchen und hielt mir entkräftet ihren Teller entgegen. Offensichtlich war ihr selbst das Essen zu anstrengend. Ich kenne sonst niemand, der so isst wie meine Freundin. Sie stopft sich das Essen immer wie ein Backenhörnchen in die Backen und kaut dann von da aus weiter. Die Angewohnheit muß ihrer harten Kindheit in einer Großfamilie geschuldet sein, in der sich die Geschwister täglich um das Essen kloppten. Was einmal im Mund war, konnte nicht mehr von anderen Konkurrenten erbeutet, und später dann in Ruhe verdaut werden. Jetzt als Erwachsene macht die Strategie zwar scheinbar keinen Sinn mehr, aber das Backenhörnchenvorratsprinzip verfolgt sie auch ausserhalb ihrer Backen. Gestern hatte sie sich zum Beispiel im hintersten Winkel des Kühlschranks einen Rest Schokolade zurück gelegt. Der war heute allerdings leider verschwunden – in meinen Magen. Für das Aufstocken des verbrauchten Vorrats bin allerdings ich zuständig, denn Einkaufen liebt sie nicht. Die Häppchen, die ich ihr geschmiert hatte, hat sie dennoch nicht ganz aufgegessen. Aber weil Frau Freitag eine kuriose Person ist, die sich selbst in der verzweifeltsten Situation, ganz ohne einen Witz langweilt, hat sie mir auch noch etwas übrig gelassen. Man muß sie einfach lieben.


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Allgemein

30 Gedanken zu “Der Rest von Frau Freitag

  1. keine zeit gehabt& zu faul zum brotkrustenessen gewesen 😀 ich schmeiss mich weg…dem geänderten schreibstil nach zu urteilen, kann es nur der freund gewesen sein…

    freund (oder besser Herr Crusoe) was waren sie nochmal von beruf? 😉

  2. Sehr süß! Sowohl das Brotemachen als auch die Brotereste! Dabei ist die Kruste doch das Beste – wenn das berliner Schulsystem den Lehrer dermaßen ausknockt, dass er zu schwach zum Brotrindenessen ist, dann läuft vielleicht doch was schief!

    • Genau das wollte ich auch gerade anmerken! 🙂
      Ich habe das jetzt auch endlich bekommen, weil meine Eltern es nicht mehr nutzen und ich freue mich jeden Tag darüber, wie schön es ist.:)

    • Kein Lehrer, aber in einem ’normalen‘ 8-17h-Arbeitstag gibt’s halt auch immer wieder relativ lange Phasen, wo man in Ruhe und ohne Stress arbeiten kann und sich nicht mit schreienden Blagen rumnerven muss.
      Das zehrt an Kräften und Nerven, ich möchte nicht tauschen, auch, wenn ich in den Ferien immer neidisch bin, wenn meine Frau rumlungert und ich arbeite… 🙂

  3. Lieber Freund….sie sprechen mir ja sowas von der Seele!
    So etwas ähnliches habe ich fast JEDEN Montag mit meiner Lehrerin (Freundin). Selbst das Backenhörnchenprinzip ist mir wohl bekannt 😀

  4. Hey Frau Freitag,
    passt nicht zum Thema, aber: Danke fürs Buch! Werde ich jährlich lesen, weil´s gut tut. Habe einige meiner SchülerInnen wiedererkannt. Und du hast recht: Die einzige Chance, die sie einem lassen, ist sie zu lieben.
    Gre
    Lehrer in der Berufsvorbereitung
    Gewerbeschule HH-Eidelstedt

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