Anil auf dem heißen Stuhl

„Wo sind die anderen? Hat es nicht schon geklingelt?“ Ich warte auf Anil, Hamid und Halil. Die Mädchen haben Sport und ich habe meine wöchentliche „Nur ich und die Jungs“-Stunde. Eigentlich sehr nett. Die Hälfte der Klasse ist klasse.
Hamid und Halil kommen rein: „Anil hatte einen Kampf mit ein Junge aus der Neunten.“
„Ja Mann, Frau Freitag, er ist voll frech. Auf dem Hof sagt er zu jeden Ausdrücke und dann sagt er immer ‚willst du kämpfen?'“
Und jetzt wollte wohl einer mal kämpfen. „Er war richtig frech und dann hat der Junge ihn geschlagen und dann hat Anil geheult.“ Es klingelt.

„Fangt schon mal an zu arbeiten, ich gehe mal nach Anil gucken.“ Im Treppenhaus kommt er mir entgegen. Seine Backe ist ganz rot und seine Augen leicht wässrig.“
„Was war denn los? Hattest du Stress?“
„Ich weiss auch nicht. Dieser Junge, er hat mich einfach gehauen.“ sagt Anil.
„Wie, einfach so? Und du hast nichts gemacht?“
„Nein. Nichts. Ich hab nichts gemacht.“
„Na, komm erst mal rein und setz dich hin. Hol mal ein Blatt raus und schreib mal auf, was passiert ist.“
Anil nimmt ein Blatt aus seinem Rucksack.
„So, nun schreibe mal eine Überschrift. „Vorfall am 16.9.2011 um 12 Uhr“ diktiere ich. Er schreibt: „Forfall am 16.9.2011 umd 12Uhr“ darunter den Namen des Jungen und die Klasse. Dann hört er auf. Anil schreibt nicht gerne und vermeidet es deshalb nach Möglichkeit sich schriftlich mitzuteilen.

„Anil, hast du die Einladung an deine Mutter mitgebracht?“ Er hat sie mit und legt sie mir vor. Dazu sein Hausaufgabenheft, in das jeder Lehrer sein Verhalten eintragen soll. „Warum schreiben Sie denn eigentlich immer nur was ich gemacht habe in das Heft?“ fragt er.
„Na, weil das für DEINE Mutter ist. Ich kann ja deiner Mutter schlecht schreiben, dass sich Hamid im Deutschunterricht nicht gut benommen hat. An seine Mutter würde ich das ja auch schreiben, aber nicht an deine.“
„Aber ich störe doch nicht alleine. Die anderen…“ Anil fühlt sich ungerecht behandelt und die Schlinge um seinen Hals, die sich von Tag zu Tag enger zuzieht, fängt an zu nerven.

„Vincent, komm mal kurz her.“ ich möchte klären, ob sich seit Montag Anils Verhalten ihm gegenüber verbessert hat.
„Vincent, ärgert dich Anil immer noch?“
„Ja, er sagt immer noch Ausdrücke.“
„Gar nicht.“ widerspricht ihm Anil.
„Doch, als du dich beim Sport vorgedrängelt hast, da habe ich dich angemeckert und da hast du gleich wieder Ausdrücke gesagt.“
Jetzt kommt auch Maurice. „Und er beleidigt immer meine Familie und die Toten.“
„Mach ich gar nicht.“ sagt Anil.
„Doch das machst du. Warum lügst du jetzt?“ fragt ihn Volkan. Mittlerweile stehen sieben Jungs um uns herum und Anil sitzt auf der Anklagebank.
Ich übergebe die Gesprächsleitung an Erhan. „Erhan, moderiere du das mal. Nimm aber nur die dran, die sich melden und wenn Anil etwas sagen möchte, dann darf er das natürlich auch.“

Halil meldet sich. Erhan hält ihm seine Faust unter die Nase während er spricht. Es dauert kurz bis ich merke, dass er ihm ein imaginäres Mikrofon anbietet. „Erhan, wir brauchen kein Mikro, wir sitzen ja alle ziemlich eng hier und können uns ganz gut verstehen.“

Und dann geht es los. Jeder packt aus. Anils sämtliche Verfehlungen werden besprochen.
„Warum sagst du immer zu Marie, ob es schön war Vincent einen zu blasen?“
„Warum erzählst du rum, dass Marie im Tischtennisraum gestrippt hat?“
„Du sagst immer ‚du kannst was erleben nach der Stunde‘ und du bedrohst immer die anderen.“
„Warum beleidigst du meine Familie?“
„Immer willst du kämpfen und jetzt hattest du deinen ersten Kampf und dann hast du gleich geheult.“

Anil hört sich alles an, streitet die Hälfte ab, gibt einige Sachen zu und sitzt, als alle gegangen sind noch alleine an seinem Platz. Dann geht er. Er sieht traurig aus. Traurig und nachdenklich. Ich hoffe sehr, dass er jetzt endlich mal anfängt über sein Verhalten nachzudenken.

Advertisements
Allgemein

33 Gedanken zu “Anil auf dem heißen Stuhl

  1. Bei meinem Anil lief am nächsten Tag die Mama brüllend durchs Schulhaus – natürlich nicht ohne vorher schon beim Schulrat angerufen zu haben. Das sei ja sooo gemein gewesen, dass ich ihrem Sohn das angetan habe, sie wüsste gar nicht, ob er jetzt jemals wieder in die Schule gehen könne und ich solle mich doch umgehend bei ihm entschuldigen… sonst würde er am Ende noch mit Baseballschläger wieder in die Schule kommen.

  2. irgendwie tut er mir jetzt leid. Voll fies den so zu grillen…

    (ich weiss ja, er hat ja praktisch danach gefragt…)

    Was ich net verstehe, is‘, warum der noch lügt, wenn des mit dem „Kämpfen wollen“ doch eh jeder mitbekommen hat. So nach der Beschreibung hab ich langsam den Eindruck, dass er total wenig Aufmerksamkeit hat, wenn er nicht negativ auffällt (wave for Hobby-Pschükologie). Gibt’s nix, was der total gut kann, damit der auchmal positiv so auffallen kann? Müsste man mal rausfinden und so.

  3. Ich finde es schön, wie gesittet und sachlich der Rest der Klasse seine Meinung vorbringt und nicht an Randale oder so interessiert ist, sondern sowas wie einen anständigen freundlichen Schulalltag haben möchte. Mannomann, sind die lieb

  4. Kinder können so grausam sein. Jetzt hat Anil mal die Retourkutsche nicht nur auf körperlicher, sondern auch auf emotionaler Ebene bekommen.
    50/50: Entweder er bessert sich oder wird noch schlimmer, weil ja jetzt wirklich und nachgewiesenermaßen ALLE gegen ihn sind. Und Er, der arme Junge, kann ja gar nichts dafür …

    Ich finds ne gute Idee, die Kinder sich mal aussprechen zu lassen in einem ruhigen Ton, ohne sich gleich anzubölken. Bin gespannt, wies weitergeht.

  5. Bei sowas frage ich mich ja schon, warum Anil das macht. Ich hoffe, er denkt ein wenig darüber nach und bessert sich. Denn wie man sieht kann das schon hässlich werden wenn auf die Frage „suchst du Streit?“ wirklich jemand Streit sucht oder der große Bruder inkl. Kumpels es gar nicht lustig findet wenn Anil irgendwelche Sachen über seine Schwester erzählt…

  6. Hallo Frau Freitag,
    sehr gern lese ich hier ab und zu mal Ihre Beiträge, welche ich häufig als sehr interessant und bereichernd, manchmal auch als unterhaltend empfinde. 🙂
    Vielen Dank dafür!

    Zu Ihrem von mir hiermit kommentierten Beitrag:
    Ohne Pädagoge zu sein, erscheint mir der beschriebene Ausgang der Situation sehr unglücklich.

    Der Jung‘ bekommt von seinen Mitschülern (These: die er häufig versucht durch seine Faxen für sich zu gewinnen) eine geballte Ladung Kritik.

    Dies empfinde ich als sehr gut und richtig.

    Jedoch stelle ich mir die Frage wie der Jung damit umgeht und ob ihm dazu das nötige Handwerkzeug zur Verfügung steht?

      • Da ich hier unregelmäßig lese:
        Gibt es an Ihrer Schule eigentlich ErzieherINNEN oder ähnlich geschulte (Vertrauens-)Personen, welche in solchen Fällen unterstützend wirken könnten?

        So kann ich mir gemäß Ihrer Beschreibung sehr gut vorstellen, dass da jemand mit der eigenen Situation unzufrieden ist und ggf. empfänglicher für vorsichtige Denkanstöße ist als sonst…

  7. ich bin auch gespannt, wie es da weiter geht… hoffentlich wird alles gut

    was ist eigentlich aus den beiden Mädels geworden, die den Leidbogen hoffentlich nicht bekommen haben?

  8. Man kann als Lehrer ja auch nicht ALLES zu 100% klären. Die Schüler müssen auch selbst irgendwann lernen, wie man Konflikte löst und seine Schlüsse draus zieht.
    Bei „meinen“ Grundschülern versuche ich auch teilweise, mich rauszuhalten und beobachte, wie sie mit Konflikten umgehen – aber so richtig kompetent sind sie noch nicht 😉

    Ich blogge übrigens auch, unter:
    http://dersteinigeweg.wordpress.com/

    (Falls Frau Freitag mal nix zu erzählen hat 😉 )

  9. Wow…Frau Freitag, Ihre neue Klasse gefällt mir wirklich. Ich hoffe wirklich, dass sich die Lütten nicht so schnell (oder am besten gar nicht) negativ verändern wenn sie älter werden. Scheint ein ganz toller Haufen zu sein.

  10. Da versucht er doch immer wieder, seine Mitschüler für sich zu gewinnen, und dann klappt das nicht – armer Anil. Hoffentlich überdenkt er nach der geballten Ladung Kritik (die hoffentlich genau so gesittet abgelaufen ist wie’s hier steht) doch mal sein Verhalten.

  11. Uuuh 🙂 Ich hab Ihr Buch gelesen und ich liiieeebee es. 🙂 (Auch wenn ich in der neunten Klasse bin ) 😀

    Ich mag den Heidepark. 😦 🙂

Kommentar verfassen

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden / Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden / Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden / Ändern )

Google+ Foto

Du kommentierst mit Deinem Google+-Konto. Abmelden / Ändern )

Verbinde mit %s