Wie viele Montage kommen noch?

Ein Montag. Ein Montag.
Ich kann nicht mehr laufen, nicht mehr sprechen – nur noch liegen und mich bemitleiden lassen. Fast die Hälfte meiner Unterrichtsverpflichtung erledige ich montags und bin dann von der ersten Stunde bis um halb fünf (!!!!) in der Schule.

Und so sieht der Verfall an einem solchen Arbeitstag dann aus:

1. Stunde – noch gut gelaunt, geduldig und gnädig unterrichte ich herrlichen Englischstoff in meiner eigenen Klasse. Sie sind zuckersüß, leise, fleißig und nett. Wir klären noch ein paar Klassensachen und ich bewege mich im siebten Lehrerhimmel – Soundtrack der Stunde: Ich bin ja wohl so was von toll! Wie ich das hier alles wuppe – grandios! Ich liebe meinen Job!

2. Stunde eine andere Siebte – Kunst. Eine Referendarin kommt mit. Ziel der Stunde: Na, der werd ich jetzt mal zeigen, wo das Klavier steht. Ich unterrichte kleinstschrittig, mit allem Gedöhns. Zugewandt und trotzdem halte ich die Zügel non-stop in der Hand. Niemand zweifelt daran, wer hier das Sagen hat. Jeder kleinste Versuch von Aufgemüpfe wird im Keim erstickt. – Soundtrack: I’m the boss and don’t you ever forget that!

3. Stunde. Ich erwarte die Achte Klasse für eine heitere Englischgrammatikstunde. In der Vierten – meine einzige Freistunde heute sollen mich irgendwelche Zehnten begrüßen – Vertretung. Ich sitze da und warte. Niemand kommt. Ich verbringe die Hälfte der Stunde auf der Suche nach der Klasse. Erfolglos gehe ich mit ein paar neuen Kollegen rauchen. Leichtes schlechtes Gewissen, weil ich vielleicht nicht gründlich genug nach den Schülern gesucht habe, mischt sich bei.
Ein neuer Kollege strauchelt schon – wie Anita sagt. Ich spreche mit ihm – er kommt nicht klar. Will sich aber wohl auch nicht dem pädagogischen Abenteuer stellen. Soundtrack: Ich strauchelte am Anfang auch – sogar sehr – aber nie NIE NIE NIE hätte ich aufgegeben. Kleine Erleichterung, dass ich die Achten nicht unterrichten muss und mir die schon vorbereitete Stunde im Laufe der Woche einiges an Arbeit spart.

4. Stunde: Ich erwarte die Zehnten – relaxed, denn ich habe nur vor, gechillt mit denen über ihre Zukunft zu sprechen. Plötzlich kommen die Achten. Ich: Ähhhhh, was wollt ihr denn hier? Na wir haben jetzt bei Sie!
Stellt sich raus, dass ich meinen Stundenplan noch gar nicht richtig kenne. Plötzlich geht die Tür auf und die Zehner stehen da. Superwoman bin ich nun auch nicht und schicke die ins Sekretariat. Diese Englischstunde wird nicht in meine „best of“ Sammlung eingehen. Die Schüler kommen genauso ahnungslos raus, wie sie reingekommen sind. Nur meine Nerven wurden sehr strapaziert. Soundtrack: Ohhhhh noooo! Schnell vergessen! Aus gesundheitlichen Gründen sollte diese Stunde bis auf Weiteres verdrängt werden.

Mittagspausenaufsicht – natürlich am Verkehrsknotenpunkt: Großer HOF. Im Regen!

5. Stunde: Erneut meine Klasse. Der Raum ist heiß und leergeatmet. Die Stunde läuft gut. Ich habe alles unter Kontrolle, nur leider langsam keinen Bock mehr. Soundtrack: Hier könnte der Schultag eigentlich auch beendet werden.

6. Stunde: Siebte Klasse. Chaos pur. Niemand hat sich mehr im Griff – weder die Schüler-noch ich. Ich bin zickig, kurz angebunden, tendenziell ungerecht, pädagogisch nicht mehr zurechnungsfähig. Es würde mich nicht wundern, wenn die Schüler in dieser Stunde eher so einiges VERlernt hätten. Eine absolute Negativstunde. Trotzdem unterrichte ich bis zum Klingeln. Wir sind alle froh als es vorbei ist. War wie eine Operation ohne Narkose. Wie ein böser Traum.
Soundtrack: Get me out of here! Somebody wake me up, please!! Ich will nicht Lehrerin sein!!!!!!!!

Und zu Hause, auf der Couch, wenn man sich wieder etwas erholt hat – dann sieht alles gar nicht mehr so schlimm aus. Aber meinen Montagsstundenplan wünsche ich niemandem.

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Allgemein

22 Gedanken zu “Wie viele Montage kommen noch?

  1. Lasst mich mal mit den rechtschreibfehler heute in ruhe. mein korrekturleser ist nicht hier. und ja, das lied habe ich schon mal gepostet. aber passt jede woche wieder neu. vielleicht kommt das jetzt jede woche.

  2. Ach Frau Freitag!
    Mitleid.
    Noch 35 Montage wahrscheinlich. Und ich bastle mit meiner Kollegin an den Stundenplänen für das kommende Schuljahr. Hoffentlich gibt es zufriedene Lehrer. Wenn bei uns jemand in den Nachmittag muss, dann kommt er morgens später… wenn`s geht.

  3. Stundenpläne…ach ja…haben Sie sich zufällig mit dem Stundenplanteam verkracht?
    Mich konnte der Stundenplanmacher nämlich nicht leiden, so sah mein persönlicher Oberstufenplan auch aus…allerdings nicht mit Stunden gefüllt bis zum geht nicht mehr, sondern mit Freistunden…das kann einen auch abnerven, sowohl als Schüler als auch als Lehrer

  4. Frau Freitag, jetzt muss ich aber doch einmal nachfragen: Du unterrichtest aber nicht in Wuppertal, oder? Denn: unser (und ich weiß nicht welcher kreative Fuchs sich so etwas ausdenkt) aktuelles Stadtmotto ist (ohne Spaß): Wir wuppen das. 😀

  5. Oje, Sie arme Lehrerin! Ich erinner mich auch sehr gut, aus Schülersicht, wie doof das war, in der Oberstufe MEHRMALS die Woche ZEHN Stunden unterricht zu haben. Gerne auch mal sowas wie LATEIN als DOPPELSTUNDE in der 9. und 10. Stunde!!! Ja ja, zu Glück bin ich keine Lehrerin geworden…

  6. Arme Frau Freitag! Montage gehören verboten…meiner ist auch immer übelst anstrengend, getoppt von einer Stunde „Soziales Lernen“ in der 9. Stunde in der 7. Hauptschulklasse. Da möchte man dann ganz unpädagogisch die Praktikanten rein setzten, damit die Spass haben- und man selbst ein bißchen Ruhe 😉

  7. Im Regen? Man Sie unterrichten dann wohl wirklich nicht in Bärlin, da schien den ganzen Tag die Sonne. Jetzt ist mein Weltbild zerstört, ich dachte die lustige Migrantensache ist nur bei uns so krass. 😉

  8. Also, wenn eine Blockstunde – wie bei uns – anderthalb Stunden entspricht, dann hätten Sie montags im herkömmlichen Sinne eigentlich 12 mal 45 Minuten Unterricht( = 6 Blockstunden )? Verstehe ich das richtig? Das wäre ja sowohl für den Lehrer als auch Schüler hammerhart…

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