Chill mal dein Leben!


Sie marschieren ein. Betont gelangweilt. Soll cool wirken. Sie sind jetzt nicht mehr in der Siebten. Sie sind jetzt Achte. Die Mädchen setzen sich in die letzte Reihe. Es sind nur sechs und sie passen alle an die drei Tische, die vor der Wand stehen.
Dann kommen die sechs Jungen – harmlos sehen die aus. Sie setzten sich alle in die erste Reihe. Auch die passen an die drei Tische. Zwischen den Jungen und den Mädchen sind jetzt vier Tischreihen. Ein komischer Anblick. Diese extreme Geschlechtertrennung habe ich noch nicht erlebt. Naja, ich lasse sie heute mal so sitzen, wie sie wollen und in der nächsten Stunde hole ich sie mir näher ran.
Ich will anfangen. Will mich kurz vorstellen und ihnen die Bücher austeilen, da geht die Tür auf und zwei Typen schubsen sich gegenseitig in meinen Raum. Groß, laut, kichernd. Unsere Blicke treffen sich kurz. Klarer Fall – die wollen es wissen. Die wollen wissen, wie weit sie bei mir gehen können. Ich bin bereit. Bereit ihnen zu zeigen, das es nicht besonders weit sein wird.

“Nehmt bitte eure Federtaschen raus, Papier, euren Englischhefter und macht euch mal ein Namensschild. Während sie kramen, lese ich die Namen vor, um die Anwesenheit festzuhalten. Vor allem will ich schnell wissen, wie meine beiden Herausforderer heißen. Hamsa und Enes. Die beiden haben sich in die zweite Reihe gesetzt. Alle Schüler schreiben ihre Namen auf Zettel. Hamsa und Enes kichern an ihrem Platz. Sie haben noch nicht mal einen Stift in der Hand. Auf ihren Tischen liegt nichts.
“Ihr sollt auch ein Namensschild machen. Und ihr sollt eure Arbeitsmaterialien rausholen.” erinnere ich sie.
Sie gucken mich an und bewegen sich nicht. Grinsen.
Als ich sie nicht weiter beachte beugen sie sich nach unten und holen in Zeitlupe, aber unter lautem Gekicher ihre Blöcke aus den Taschen.

Plötzlich schreit ein Mädchen aus der linken Ecke: “Ihhhhh die haben auf den Boden gespuckt!”
Hamsa und Enes gucken etwas überrascht. Sofort bin ich bei ihnen und suche nach dem nassen Indiz. Es dauert ein paar Sekunden, bis ich die Rotze sehe. Ich gehe ans Waschbecken, nehme zwei Papierhandtücher und halte sie Hamsa und Enes unter die Nase. “Aufwischen!”
“War ich nicht” sagt Hamsa entrüstet. “Ich auch nicht!” reiht sich Enes ein. Die Spucke ist direkt hinter ihrem Tisch. Aus der ersten Reihe wäre so ein Spuckleistung schon olympiareif und aus der letzten Reihe eigentlich unmöglich.
“Wir waren das nicht!”
Denken die ich bin bescheuert? Ich stehe wortlos da und halte ihnen die Papierhandtücher hin. Irgendwann nimmt sich Hamsa eins und wischt damit auf dem Boden rum. Enes steht vor mir. Zu dicht. Er bewegt sich nicht. “Du nimmst deine Sachen und setzt dich da rüber!” sage ich ihm.
“Nein. Mach’ ich nicht.”
Here we go. Der Machtkampf ist kurz vorm Höhepunkt und ich weiss, dass ich ihn gewinnen werde. “Du setzt dich jetzt da rüber!” sage ich noch einmal.
“Chill mal dein Leben.” zischt Enes und die Klasse hält die Luft an.
“CHILL MAL DEIN LEBEN? – CHILL MAL DEIN LEBEN, sagst du zu mir?????” kurze Pause, die unterstreicht, dass man wohl nichts Unverschämteres zu mir sagen kann, als das.

“Raus. Nimm’ deine Sachen und verlasse den Raum. Ich werde heute nachmittag deine Eltern anrufen.”
Enes nimmt seine Tasche und verzieht sich in den Flur.

Chill mal dein Leben… tzzzz, wenn schon dann doch bitte Chillen SIE mal IHR Leben.
Ich schließe die Tür und fange freundlich mit dem Unterricht an. Ab und zu gehe ich zu Hamsa und helfe ihm bei der schriftlichen Aufgaben. Die Stunde läuft wie geschmiert. Ich bin sehr zufrieden mit mir.

Nach dem Klingeln kommt Enes zu mir und entschuldigt sich. Ich sage ihm, dass ich ihn in der nächsten Stunde genau beobachten werde, denn das sei seine letzte Chance einem Elterngespräch zu entgehen. Wir geben uns die Hand drauf, grinsen kurz an und ich bin mir sicher, dass Enes am Ende des Schuljahres einer meiner Lieblingsschüler sein wird.

Wenn alles läuft, läuft hier nix


Was soll ich sagen? Meine neue Klasse ist einfach süß. Heute ging ja der Erst des Lebens für sie richtig los. Gleich Mathe und dann Englisch bei mir. Es waren alle da, alle pünktlich, alle mit Arbeitsmaterial und wenn ich sagte, sie sollten leise sein, weil jemand was vorliest, dann waren sie leise. Beim Schreiben – absolute Ruhe. Ich will mein Glück hier nicht beschreien, aber ich kann eigentlich nichts Negatives über sie sagen. Ich weiss, die werden noch auftauen, aber bisher… alles voll Jäckpott, wie Frl. Krise sagen würde.

Momentan macht es jedenfalls voll Spaß. Morgen lerne ich noch zwei neue Klassen kennen. Mal sehen, wie das wird. der einzige Nachteil – ich habe gar nichts zu zu berichten. Niemand hat was Deppertes gesagt, keine Konflikte, die ich nicht lösen konnte und über denen ich jetzt hier grübeln müsste, keine Kriminalfälle – nur stinknormaler Unterricht. ‘Laaaangweilig’ denkt ihr jetzt – sorry, aber ich denke: Paradies!
Aber keine Angst, immer wenn ich dachte – jetzt läuft’s, dann wurde alles ganz schrecklich. Und wahrscheinlich bricht morgen schon alles wieder zusammen. Kann ja nicht so happy- happy weitergehen. Oder ich habe überhaupt keine Probleme mehr und stelle den Blog ein und unterrichte glücklich und konfliktfrei bis zur Rente mit 67.
Oder ich starte einen Koch- oder Strickblog – oder noch besser – Fernsehblog – freut ihr euch auch schon auf DIE ALM – mit Gina Lisa und Tessa – das wird super, das könnte ich mir 24 Stunden lang ansehen – mit Dauerstandtelefonleitung zu Frl. Krise. Oder ich hab noch eine Idee – jetzt wo ich ja so eine super-duper Lehrerin geworden bin – weil – vielleicht ist meine Klasse ja auch nur so leise, weil ich jetzt den Dreh raus habe – vielleicht sollte ich einfach mal zu Frl. Krises Klasse gehen und da mal richtig Zug reinbringen … die Krise ist wahrscheinlich einfach zu lasch mit ihrer Schmusepädagogik…

Ich erzähle euch noch einen Witz, den ich von Mustafa habe – Facebook-Chat.
“Ein Türke, ein Araber, ein Kurde und ein Pole sitzen im Auto – wer fährt?

Die Polizei. Hahahahahahahahahahahahahaha”

Wer ist hier der Boss?


“Frau Freitag, kann ich schreiben, also hier bei ‘Was ist dein Lieblingsspruch’ – kann ich da schreiben – Deine Mutter ist so dick, dass sie beim Sex…”
“Nein Anil, nicht sowas.”
“Oder ‘Deine Mutter kackt, wenn sie..'”
“Aaaaniiiil, nicht sowas. Und diese ‘Deine Mutter’-Sprüche will ich hier überhaupt nicht hören.
“Aber ich finde die so lustig.”
“Ich aber nicht.”
Leicht schmollend zieht Anil ab. Die Schüler sollen sich gegenseitig interviewen. Anil will unbedingt die lustigsten Antworten gegen. Anil will unbedingt der Clown in der Klasse sein. Gestern abend habe ich mit seinem Betreuer telefoniert. Anil wohnt im Betreuten Wohnen.
“Ja, es gefällt dem Anil sehr gut in der Schule. Er sagt er ist der lustigste der Klasse und er hat schon sehr viele Freunde.”

Anil ist ständig in Bewegung und deshalb sehr dünn. Eine Tasse schwarzer Kaffee. Sein Finger ist immer in der Luft. Er fragt und fragt und fragt. Nie passen die Fragen zu dem Thema, über das ich gerade spreche. Anil kommt gerne.
“Ich war schon um 7Uhr in der Schule.”
“Aber Anil, wir haben doch erst um 9Uhr angefangen.”
“Na besser zu früh, als zu spät.”
“Stimmt auch wieder.”

Die Jungs müssen aufs Klo. Das Klo ist zugeschlossen. “Okay, kommt, ich gehe mit euch runter und schließe euch auf.” Wie ruhig die sich hier im Treppenhaus verhalten – super. Aber plötzlich hat Orhan seine Hände um Anils Hals. “Hey!!!!” schreie ich sofort “Hör’ auf damit!” Orhan weicht zurück. Ich schicke die anderen Jungs vor und nehme mir Anil und Orhan zur Seite. “Was war eben los?” Orhan ist ziemlich groß für seine 12 Jahre und sehr dick. Seine Ohren stehen ab und er hat auch schon den einen oder anderen Pickel.
“Ich laufe so und plötzlich schubst er mich und sagt ‘verpiss dich’.
“Anil? Was sagst du dazu?”
Anil, der immer noch sichtlich geschockt ist, dass Ohrhan nicht gleich in die Opferrolle geschlüpft ist, stottert rum. Er wäre fast gefallen und dann hätte er sich nur abstützen wollen… Offenlichtlich hat er sich einfach mit dem falschen angelegt. “Okay, entschuldige dich jetzt bei Orhan.”
Sie geben sich die Hand. der Konflikt ist so schnell geklärt, wie er gekommen ist. Wir gehen weiter zum Klo. “kommen Sie mit rein?” fragt Umut besogt. “Ja, ich gucke, ob ihr wirklich aufs Klo müsst.”
Ich warte vor der Tür.
Drinnen höre ich Anil: “Orhan, du bist wahrscheinlich der Stärkste in der Klasse.”
Gruppendynamik – spannender als jeder Krimi.

Einfrieren, einfrieren, einfrieren!


“Habe ich geschnarcht?” verwirrt tauche ich aus dem Tiefschlaf auf. Ich habe an einem Lehrerpult geschlafen. Ältere Schüler starren mich an. Ich kenne sie nicht. “Wir haben jetzt eigentlich Physik bei Ihnen.” sagt einer. Anscheinend habe ich die Stunde komplett verschlafen. “Habe ich geschnarcht?” frage ich noch mal in die Runde. Eine Schülerin schüttelt den Kopf.
“Auweia, wie spät ist es?”
“Halb zehn.”
Scheiße, scheiße, scheiße, ich muss doch um 9Uhr die Erstklässler abholen. “Ey Leute, sorry, ich muss los. Bitte bleibt hier, bis es klingelt. Ich muss echt los. Tschüß.”

Die Erstklässler, die Erstklässler…wo sind die? Mist, Mist, Mist…Und wo bin ich eigentlich? Was ist das für eine komische Schule? Die kenne ich doch gar nicht. Und wo sind die Erstklässler?

Plötzlich bin ich wach. Ich liege in meinem Bett und es ist 5Uhr. Nur ein Traum. Schweißgebadet. Physikunterricht, Erstklässler… was war das für ein Quatsch?

Und dann kommen sie wirklich. Meine neue Klasse. 28 neue Schüler. Mädchen und Jungen. Große und Kleine. Dicke und Dünne. Ich habe Namensschilder gemacht. Für die Mädchen in pink und für die Jungen in grün. Jeder nimmt sich sein Schild und setzt sich hin. Alles ist total still. Nimand spricht. Drei Schilder bleiben übrig.

“Wir warten mal noch bis es neun Uhr ist. Einige nicken schüchtern. Plötzlich steht Fatma in der Tür. Fatma aus meiner alten Klasse. Wie eine Mutter schiebt sie ihren kleinen Bruder in meinen Raum. “Hallo Frau Freitag. Das ist Yussuf” sagt sie leise und umarmt mich. Wie groß sie aussieht und wie erwachsen. Wir quatschen ein wenig und dann bitte ich sie, mich mal kurz in der Klasse zu vertreten, weil ich nach den fehlenden Schülern suchen will. Im Treppenhaus denke ich plötzlich: “Oh Mist, wenn sie denen jetzt lauter Quatsch erzählt. Dass man bei Frau Freitag alles machen kann, oder sonst was. Als ich ohne weitere Schüler wiederkomme steht sie immer noch schüchtern an der Tür. Ich entlasse sie in ihr eigenes Leben und wende mich meiner neuen Klasse zu.

Erwartungsvoll gucken die mich an. Hören mir aufmerksam zu. Ich bin völlig baff. Wenn ich sie doch nur einfrieren könnte. So wie heute sollen sie immer sein. Sie melden sich, wenn sie etwas fragen wollen. Sie hören einander zu. Sie hören mir zu.

Ich nutze die Gunst der Stunde und knalle ihnen alles mögliche um die Ohren: Stundenplan, Räume, AGs, Harz4-Bescheide, Passfotos, Materiallisten, Buchlisten usw.
Es läuft echt super. Ich bin begeistert. Wenn die doch nur immer so sein könnten. Aber ich mache mir nichts vor – sie werden schon morgen nicht mehr so ruhig sein und spätestens am Freitag, wenn sie sich ein wenig eingelebt haben zeigen sie was sie drauf haben. Aber heute kann ich wirklich sagen – das ist eine sehr nette neue Klasse, die ich da bekommen habe.

Wer warmes Wasser hat, hat mehr vom Leben


Was soll ich sagen? Ich hatte habe die schönsten Sommerferien ever. Wegfahren, wiederkommen, wieder wegfahren, wieder wiederkommen und noch mal wegfahren und wiederkommen und jetzt hier sein und mich von dem ganzen hin her erholen. Der Freund immer dabei. Koffer packen, Koffer schleppen, Koffer wieder auspacken, Sachen waschen, Koffer wieder packen usw.

Mein Leben ist perfekt, denke ich eben noch und öffne den Briefkasten. Ein verwirrender Zettel liegt da. Ohne Umschlag ohne Vorwarnung: ‘An die Mieter des Hauses…’ Blah, blah, blah – wegen irgendwas erneuern wir die Heizblahblahs und deshalb kann es zu Einschränkungen im Warmwasserbereich kommen. Kann – muss aber nicht. Häääääähhhhh?????? denke ich, was denn nun? Vom 15.8. – 19.9. besteht also die Möglichkeit, kein warmes Wasser zu haben. Jeden Tag? Der Zettel antwortet nicht. Was soll ich nun mit dieser Information anfangen? Ich kann doch nicht auf Vorrat duschen? Muss ich damit rechnen, dass ich mir morgens Wasser auf dem Herd warm machen muss? Werde ich im September wie im Mittelalter leben? Stinkend vor einer Horde Achtklässlern stehen? “Mama, die neue Lehrerin ist ganz nett, aber sie riecht komisch. Es wird jeden Tag schlimmer.” Wenn ich mir meine Haare nicht täglich wasche, dann setzt sofort eine ganz schlimme Verfettung ein. Schon nach einem ungeduschten Tag verwahrlose ich.
Au Backe, das kann ja was werden. Aber noch habe ich ja ein paar Tage Zeit. Werde ich mal täglich heiß baden. Vielleicht kann ich mir ja ein paar Liter warmes Wasser bunkern.

Ansonsten sehe ich dem Schulbeginn in diesem Jahr sehr gelassen entgegen. Vorbeireitet habe ich absolut nichts und ich hatte deswegen noch nicht einmal ein schlechtes Gewissen. Fühlt sich super an. Was soll sein? Wird schon! Wurde doch immer irgendwie. Und wenn nicht? What shalls?

Jetzt ist sowieso Ramadan, also sind die Schüler eigentlich zu gar nichts zu gebrauchen. Dann habe ich so eine Vorahnung, dass es bis Ende September noch mal so richtig schön heiß wird, so mit Hitzefrei und so und dann sind doch auch schon die Herbstferien. Also brauche ich mich doch eigentlich auf gar nichts vorzubereiten. Lieber noch die letzten freien Tage genießen und vielleicht die Bude ein wenig aufräumen und mal wieder ein bisschen fernsehen. Vielleicht stricke ich auch noch einen Strumpf.