Heal me!!!

Wartezimmer Dr Müller: Ich lese gerade, eine heiße Diskussion, ob man mit 40 noch im Bikini, oder nur noch mit Burka an den Strand darf. Wenn man nicht zum Arzt geht, bleibt einem dieser spannende Teil des Lebens völlig verborgen. Frauenzeitschriften nehme ich nämlich nur dort in die Hand und beim Friseur. Und dann will ich die aber auch von vorne bis hinten studieren und mich danach körperlich und modisch ganz furchtbar unansehnlich fühlen.

Aber seit neuestem bin ich privat versichert und da lässt man mich nicht mehr in Ruhe die Sommermode und die Partnerschaftsratschläge lesen. Kaum sitze ich, blättere gerade durch „Das tragen die Stars auf den Malediven“, schon heißt es: „Frau Freitag, bitte Sprechzimmer eins.“ Jetzt werde ich wohl auch nicht mehr erfahren, warum Julia Roberts Lächeln so bezaubernd ist. Was ich allerdings sehr genieße, sind die neidischen Blicke der Kassenpatienten. War ich doch vor kurzem selbst noch so ein lange wartender und dann nur oberflächlich behandelter Patient.

Die Sprechstundenhilfe erwartet mich im Sprechzimmer. Sie scheint etwas verwirrt: „Sie? Sie waren doch gestern hier.“
„Ja, und ich sollte heute noch mal kommen.“ Wahrscheinlich denken wir beide das Gleiche: Frau Freitag ist doch privat versichert, da bestellen wir sie uns jeden Tag und rechnen immer schön ab. Dann kommt Dr Müller.

Er macht mit mir original das gleiche wie gestern. Das muss dann aber auch bitte genauso viel wie gestern kosten. „Wie geht es denn Frau Freitag?“
„Ich finde es könnte besser gehen. Ich fühle mich noch nicht geheilt.“
„Ich bin ja auch nicht Jesus. Objektiv sieht es sehr gut aus. Subjektiv ist der Schmerz noch da.“
„Ich hätte das lieber andersrum.“
„Nein, das hätten Sie nicht. So wie es ist, ist es gut.“
Wir sprechen während er hinter mir steht und meinen Rücken massiert. Ich schlenkere dabei mit dem linken Bein und stütze mich vorne auf der Liege ab. Muss unheimlich bescheuert aussehen. Und ich vermute, dass das mit dem Beinschlenkern auch unnötiger Firlefanz ist, der nur zur Belustigung von Dr. Müller und der Sprechstundenhilfe gedacht ist.

Ich nehme einen neuen Anlauf: „Ich hatte doch jetzt schon eine Woche Rückenschmerzen. Das reicht doch jetzt. Vielleicht müssen Sie noch die andere Seite einrenken. Vielleicht haben Sie die falsche Seite eingerenkt. Sind Sie sicher, dass Sie die richtige Seite behandeln?“
„Ganz sicher.“
Dr Müller hört kurz auf zu massieren: „Frau Freitag, Sie sind zu ungeduldig.“

Tja. Hat er wohl recht. Bevor ich die Praxis verlasse erklärt er mir noch meinen Rücken und was sich da verschoben hat, an so einem Skelettteil. Ich höre nur mit halben Ohr zu und denke: Das berechnet der bestimmt als Anatomische Extraberatung. Kostet bestimmt noch mal 100 Euro.

Aber draußen fühle ich mich schon viel besser und jetzt werde ich meinen maroden Rücken mal aufschwingen und Tanzen gehen. Mal sehen ob alles hält. Und wenn nicht – nich bin mir sicher, dass sich Dr Müller über einen erneuten Besuch freuen wird.

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Allgemein

19 Gedanken zu “Heal me!!!

  1. Als Kassenpatient beschleicht mich der leise Verdacht, sie machen sich über meinesgleichen lustig. Das ist nicht ok.

    Es wäre schade, wenn sie mir Ihren wunderbaren Block verleiden, indem sie regelmäßig über die Vorteile ihres Ausstiegs aus dem Solidarsystem reflektieren.

    • neeeeiiin, ich mache mich nicht lustig. ich war selbst mein leben lang kassenpatient und ich komme mit diesem privatversicherten status noch nicht so ganz klar. ich werde wahrscheinlich bald wieder zurückwechseln. solidarsystem – das wird von mir zur genüge unterstützt. ich bin nicht verheiratet und zahle dementsprechend steuern.

      • Was sagt uns das? Sie sollten heiraten (lohnt wahrscheinlich für die Steuern eh nicht), oder wahlweise nach Monacco auswandern. Dort könnten sie dann Lifestyle und Mode in echt beobachten. Sie könnten dann Frau Freitags Modeblog betreiben. Oder so.

      • modeblog….eine super idee…gibt’s so was schon? man könnte auch mal übers kochen bloggen.

      • Danke, und das obwohl sich Mode für mich in der Gegend „Passt dieses Hemd zu jener Krawatte“ bewegt.
        Modeblogs gibts bestimmt. Aber keins mit Frau Freitag. Das macht den kleinen, aber feinen Unterschied. Und das Thema Kochen fänd ich auch super. Da hätte ich sogar ein wenig mehr Expertise.

      • Guten Morgen,

        da ich von Grund aus gegen Burkas, Kopftuch… bin, muss ich sage, zum Teil haben Sie richtig gehandelt, aber hätte Sie von Anfang an mit Bikini geschwommen, anstatt tanzen zu gehen, wären Sie noch in Solidarsystem und noch dazu Gesünder 🙂

        Anderer Seit wenn ich die Music höre, muss ich Ihnen recht geben.
        Aber Spaß beiseite, die beste Kasse ich die Gesundheit selbst.

  2. Hmm.. mir scheints ich bin nicht alleine mit der Erkenntnis: Kaum ist man privat versichert, ist man todkrank und kommt aus den Arztpraxen nimmer raus.. Komisch, komisch..

    • Kommt wohl auf den Vertrag an. Hat man eine hohe Selbstbeteiligung und hohe Beitragsrückerstattungen und muss folglich alles selber zahlen so lange man nicht über X-Tauschend EUR im Jahr kommt hinterfragt man automatisch jede Leistung auf ihre Notwendigkeit.

    • Das deckt sich mit dieser vielgeglaubten These: Geht man ins Krankenhaus, kommt man nicht mehr raus, weil die Ärzte dauernd was neues finden…
      Ich erspare mir jetzt mal den Monolog über den Interessenskonflikt des Arztes als Ansprechpartner für Krankenheiten inkl. Informationsvorsprung gegenüber dem Patienten auf der einen Seite und als Anbieter von Leistungen auf der anderen Seite. 😉

    • Ei, ein heisses Thema.. Es hatte mich nur amüsiert, das Fr. Freitag den gleiche Verdacht andeutete, der mich auch schon zuweilen beschlich. Ansonsten Annika sagte so schön: ein marodes System, das gründlich neu geregelt werden müsste.

  3. Zur Privatversicherung, die wird erst ab 60 so richtig lustig (steigende Beiträge die praktisch unbezahlbar sind).

    Und für den Rücken würde ich Ihnen einmal eine „alternativ“ Therapie empfehlen, mir hat der Heilpraktiker erfolgreich geholfen, für den Süddeutschen Raum kann ich Ihnen gerne eine Adresse zukommen lassen …..

  4. Hallo

    ich habe vor einigen Wochen einen bösen Hexenschuss gehabt und kroch auf dem Zahnfleisch zur Arztpraxis (ich bekam nicht mal die Beine hoch genug um ins Auto zu steigen).
    Die gute Frau Doktor verschrieb mir ne Salbe, die nichts nützte und völlig überteuerte Pflaster.
    Diese dumme Sache viel natürlich genau auf meinen Abschlussball der Ausbildung und ich hatte Panik, das ich da überhaupt hin kann.

    Naja das Ende vom Lied war, ich hab die Salbe weggelassen und mir in nem großen Warenhaus Wärmepflaster gekauft und mich mit ner Ladung Schmerztabletten selbst kuriert.

    Nun bin ich gesund und kann meine Ferien genießen bevor ich Erzieher werde 😀

    Vielleicht hilft Ihnen diese Erfahrung ja etwas.

  5. Ja, elende Diskussion … privat … kasse … beim Kinderdoc vor ein paar Tagen dasselbe. Interessant, was da für Meinungen kommen! Aber ganz gleich, wie sehr man als Privater sich über Kasse-P. herzieht und so sehr sich ein Kasse-P. aufregen kann – privat wär doch jeder gerne, wers sich leisten kann. Und wie die Kassen mit den Ärzten abrechnen ist auch nicht sehr solidarisch oder sozial.
    Ein Marodes System (mehr), das überarbeit werden muss!

  6. Mensch, Knut, bzw. Leute, das ist doch Satire! Warum beschwert sich denn niemand bei Atze Schrö…der macht sich z.B. übelst über andere Bevölkerungsgruppen lustig, aber alle zahlen dafür und rennen zu ihm hin. Aber von den Lehrern wird natürlich Ehrenhaftigkeit gefordert!

  7. Ich habe zufällig in Yahooseite über ihr Weblog gelesen.Ich könnte noch nicht alle Beiträge lesen.Aber die einige, die ich gelesen habe,waren fantastisch und ich hab ein bisschen geweint,weil ich an meinen Job in meinem Heimatland erinnert habe.Ich war auch 14 Jahre Lehrerin und kenne gut diese Bengel,weil ich auch damals ein Bengel war 🙂 und ich mochte und mag meine Schüler sogar sehr.Ich bemerke es,dass Sie auch Ihre Schüler mögen.Ich wünsche Ihnen viel Erfolg und Spaß mit Ihrem Job und Leben.

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