Kitsch as Kitsch can

Frau Frank steht im Lehrerzimmer und weint. Frau Frank ist bei uns Vertretungslehrerin. Sie ist total nett und unglaublich hübsch. Leider muss sie nach den Ferien gehen. Ich mag sie sehr und rauche immer viel mit ihr. Jetzt steht sie da und weint.
„Was ist denn?“
Gestern habe ich auch geweint. Vor Wut. Stundenplantechnische Wut. Aber Frau Frank…die bekommt doch gar keinen neuen Stundenplan. Warum weint sie?
„Was hast du denn?“ fragen ich sie noch mal und lege ihr den Arm um die Schultern. „Komm, wir gehe erstmal eine rauchen.“

„Ich habe mich von meiner Lieblingsklasse verabschiedet. Wir haben gefrühstückt und die waren so süß. Die haben immer so toll mitgemacht. Die waren jede Woche mein Lichtblick. Und dann sind sie heute auf die Tische gestiegen und haben alle gerufen ‚Oh Captain mein Captain.'“

„Echt?“ jetzt kommen mir plötzlich auch die Tränen. „Echt, das haben die gekannt? Diesen Uraltfilm kennen die?“

„Den habe ich…“ sie schluchzst wieder „…den habe ich mit ihnen im Englischunterricht durchgenommen.“

Und da kam mir die Idee. Nächste Woche gucke ich den Film auch mit meiner Klasse!!!!!! Dann gebe ich ihnen 50Euro und sage, dass sie dafür Blumen kaufen sollen. Meinetwegen an der Tanke, aber sie sollen die Plastikverpackungen abmachen, damit das dann wie ein toller Blumenstrauß aussieht. Der Strauß muss riesig wirken. Die Karte, die sie mir schreiben sollen, habe ich auch schon vorformuliert. In dem kitschigen Style meiner Schüler.

Seit Tagen produzieren wir ja in meiner Klasse nur noch Einladungskarten für die Fachlehrer. Heute haben sie mir fast alle fertigen Karten übergeben: „Und Sie tun die in die Fächer? Ja? Nicht vergessen, Frau Freitag!“

Da sie aber die Karte für ihre Deutschlehrerin Frau Hinrichs noch zu Hause habe, stecke ich mir alle Einladungen erstmal in die Tasche. Im Bus lese ich das Geschwurbel.

„Lieber Herr… wir wollen uns für vier tolle Jahre Matheunterricht bedanken, wir wissen, dass wir nicht immer die besten Schüler waren, wir danken Ihnen, dass Sie es mit uns ausgehalten haebn und laden Sie ganz herzlich zu….“

„Lieber Herr… wie Sie sicher wissen haben wir unsere Abschiedsfeier….wir waren nicht immer die besten Schüler, dennoch haben wir Sie immer sehr gemacht und es hat auch Spaß gemacht….“

„Liebe Frau… Sie waren ein Jahr eine sehr gute Lehrerin, wir mögen Sie und Sie sind eine nette Lehrerin, Sie bringen uns vieles bei und wir haben gut gelernt und darum wollen wir, dass Sie zu unserer Abschlussfeier kommen…Wir bestehen darauf, dass Sie kommen.“

„Liebe Frau… wir hatten zwei wundervolle Jahre mit Ihnen. Ihr Unterricht hat immer Spaß gemacht und gelernt haben wir auch sehr viel….Sie haben uns bis zum Ende unterstützt…“

„Lieber Herr…. wir hatten nicht sehr lange zusammen Unterricht, Sie hatten bestimmt schöne, aber auch schlechte Zeiten mit uns. Trotz der kurzen Zeit würden wir uns sehr freuen, wenn Sie…“

„Lieber Herr… auch wenn wir uns seit vier Jahren nicht gut benehmen, sind Sie dennoch einer unserer Lieblingslehrer. Wir würden uns sehr freuen, wenn Sie mit uns feiern würden…“

„Liebe Frau…. auch wenn einige Schüler unserer Klasse für Sie sehr anstrengend waren…sind Sie uns dennoch ans Herz gewachsen.“

Süß, oder? Und wo ist meine Einladung? Mit vielen dennochs und herzlichst und so? Und Dank für den tollen Unterricht und die tolle Klassenführung? Ich will auch so eine Einladung!!! Jetzt kriegen die Kollegen diese netten Karten und ich? Ich kriege mal wieder nix.

Okay, also die Karte für mich müssen sie nur in ihrer Kinderschrift auf die Karte, die ich ihnen gegeben habe übertragen und die Blumen sollen sie kaufen. Und vor allem sollen sie dicht halten. Wenn die Kollegen rausfinde, dass ich manipuliere….das wäre megapeinlich.

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Sie ist voll Professor

Wenn die Arbeit der Schüler getan ist – beginnt die Arbeit des Klassenlehrers. Zeugnisnoten eintragen, den Noten hinterherrennen, Zeugniskonferenzprotokolle erstellen, Abschlüsse, Wiederholer und Nachprüfungen festlegen und – immer wieder schön – DIE STATISTIK.

„Wie viele Schüler haben welchen Abschluss erreicht, wie viele sind davon Mädchen/Jungen, ndH (nicht deutscher Herkunftssprache), ausländische Schüler und wer kam mit welcher Empfehlung an die Schule und welchen Abschluss haben diese Schüler jetzt. Wie viele Schüler sind während des Schuljahres abgegangen? usw.“

Da stehen nachher nur Zahlen, keine Namen. Deshalb macht mach die Statistik auch immer ganz verrückt. Wenn ich da hinschreiben könnte, dass Abdul doch noch einen erweiterten Hauptschulabschluss bekommen hat und Musti auch, dann wäre es irgendwie leichter. Einer von den zwei Abgängern dieses Schuljahres war Emre. Der stand heute plötzlich neben mir im Kassenraum. Ich schwitze an meinem Pult über dem Protokoll der nahenden Zeugniskonferenz und vier Schülerinnen und Schüler schreiben Einladungen für ihre Fachlehrer. Sie wollen fast alle ihre Lehrer auf die Abschlussfeier einladen und formulieren herzzerreißende Texte: „Wir waren bestimmt nicht immer eine leise Klasse. Aber Sie sind eine tolle Lehrerin… und jetzt gehen wir hinaus ins Leben und fänden es extrem super, wenn sie diesen Anlass mit uns feiern würden…“ So schwülstige Einladungen würden mir gar nicht einfallen und ich hoffe auch, dass nicht alle Kollegen kommen.

„Emre, na sieh mal einer an. Was machst du denn hier? Wie war deine Realschulprüfung?“ Emre hat versucht in irgendso einer Maßnahme, in der sie die Schüler nur auf die Prüfungen vorbereiten, seinen Abschluss zu machen. Bei uns wurde er nicht zugelassen. Emre ist nicht dumm. Mit ein wenig Arbeit und relgelmäßiger Anwesenheit würde der locker die Prüfung bestehen.

„Verkackt. Mathe 6, Deutsch und Englisch 4 und in der Politikprüfung…abooo, was die da für Fragen gestellt haben…“
„Was habe die denn gefragt?“
„Syrien. Nah-Ost-Konflikt und dann meinten sie: Nennen Sie noch mehr Bundespräsidenten. Und da meinte ich Gaddafi.“
„Hmmm.“
„Na ja, durchgefallen.“
„Bundespräsident Gaddafi???“
„Ich wiederhole nächstes Jahr. Dann schaffe ich das schon. Wie lief das denn hier mit den Prüfungen? Haben alle aus der Klasse bestanden?“

„Ha, nee, nee. Aber immerhin fünf. Und vier können sogar in die gymnasiale Oberstufe gehen.“
Musti guckt von seiner Einladung, die er gerade mit Herzen verziert auf: „War voll schwer die Prüfung, vallah. Nur für Adriana nicht. Sie meinte: Realschulprüfung war kein Gegner.“

„Jetzt wird die Oberstufe ihr Gegner. Und dann das Abitur.“
„Frau Freitag, das schafft sie locker. Sie ist voll Professor.“

Na wenigstens eine richtig gute Schülerin habe ich in der Klasse gehabt. Dass sie erst in der Neunten zu uns kam ist doch egal, oder? Und dass sie von Gymnasiumschule war…egal.

Dürfen wir Sie schminken?

Heute gab es Nachprüfungen. Faulheit muss ja bestraft werden. Vier meiner Mädchen mussten antreten. Eben erfahre ich auf Facebook, dass ALLE bestanden haben. Vielleicht ist meine Klasse doch nicht so blöde, wie ich immer dachte. Heute habe ich auch die Zensuren von den Kollegen bekommen. Es sieht eigentlich gar nicht so schlecht aus. Drei Leute können in die Oberstufe gehen und sechs haben den Realschulabschluss. Yeahhh, die Zensurenkonferenz kann kommen. Ich muss mich gar nicht mehr in Grund und Boden schämen. Ich liege voll im Schnitt. Wenn man jetzt noch bedenkt, dass die Mädchen meiner Klasse die hübschesten aus dem ganzen Jahrgang sind, dann liege ich sogar über dem Durchschnitt. Die werden auch am schönsten aussehen bei der Anschlussfeier und am ausgelassensten tanzen.

Zur Zeit kommen wieder mehr Schüler meiner Klasse in die Schule und es wird richtig gemütlich. Wir planen einen Grillausflug und gehen dann noch im Restaurant von Marcellas Eltern essen. Schade, dass sie ausgerechnet ein sehr, sehr schlechtes Zeugnis bekommen wird. Dabei ist sie eine der Schlausten aus der Klasse. Aber ich gebe ihr ein paar Jahre und dann steht sie da, mit Abitur und Plänen für ihr Leben. Dass aus der was wird, wissen wir alle. Sie hat einfach ihre Pubertät extremst ausgelebt und dabei blieb leider der Schulaubschluss auf der Strecke.

Im Bus hatte ich mir die Zensuren angesehen und einige Schüler stehe mal wieder zwischen zwei Schulabschlüssen, d.h. sie könnten eine Nachprüfung machen und bekämen dann einen besseren Abschluss. Oder ich könnte die Lehrer bequatschen, dass sie denen noch einen Punkt mehr geben. Schließlich müssten die auch die Prüfungen abnehmen, wenn sie meinen, so hart bleiben zu müssen. Mal sehen, was die dazu sagen. Momentan gönne ich meinen Schülern alle den besseren Abschluss.

Oh Mann, jetzt geht es echt aufs Ende zu. Nächste Woche die Zeugnisse machen, dann Zensurenkonferenz, dann ein paar offizielle Feierlichkeiten und dann das große Abschlussfest. Das Highlight meines ganzen Schuljahres.
„Sie MÜSSEN im Kleid kommen!!!!“
„Sie können nach der Schule mit zu Marcella kommen, die hat eine Freundin, die macht uns die Haare, die kann Ihnen auch die Haare machen.“
„Dürfen wir Sie schminken?“
„Kommen Sie dann nach der Feier noch mit? Wir gehen Schischa-Bar. Die ganze Klasse. Da müssen Sie auch kommen!“
„Wann machen wir Klassentreffen?“
„Meinen Sie, Sie werden uns vergessen?“
„Na, ich glaube nicht.“
„Wir waren doch Ihre erste Klasse, oder?“
„Ja. Und das ist wie der erste Freund und das erste Mal. Das vergisst man ja auch nicht.“

Gefangen zwischen Nackenklatschern

Meine liebe Klasse. Meine liebe Klasse war heute zum größten Teil anwesend und wirklich lieb. Nachdem ich eine unsäglich schlimme Englischstunde in der Siebten überlebt hatte, war das Zusammensein mit Meinen echt angenehm. In meiner Klasse gibt es keine Nackenklatscher mehr. Irgendwo und irgendwann fand in den letzten vier Jahren doch Reifung statt. Ich kann in meiner Klasse eine Stunde halten und vorher sicher sagen, dass niemand weinen wird. Niemand verletzt sich im Unterricht meiner Klasse – abgesehen vielleicht von Ronnie, der regelmäßig beim Kippeln vom Stuhl fällt. Irgendwann knallt er noch mal mit dem Kopf an die Tischkante. Ich kann auch mal rausgehen und ein Plakat holen und wenn ich wiederkomme, sieht der Raum noch genauso aus und alle atmen noch. In der Siebten geht der Punk ab, wenn ich mal kurz an der Tür stehe und sie nicht im Blick habe.

Heute gab es wirklich eine Siebteklasseaktion, wie sie im Buche steht. Tugba steht auf (unerlaubt – „ich musste was wegschmeißen.“) und stolziert zurück zu ihrem Platz. Im Vorbeigehen gibt sie Martin lässig einen Nackenklatscher. Martin, einer der beiden Jungs in der Klasse, die nicht muslemisch sind, ist für Tugba der einzige Junge, an den sie sich rantraut. Er ist noch sehr klein und man kann davon ausgehen, dass er nicht eine Wagenladung Kusengs aktivieren kann, die ihn nach der Schule rächen werden. Sie also – latsch, latsch und dann klatsch. Martin erschreckt sich natürlich voll, dreht sich um und schreit „Schlampe“. Nicht besonders originell, aber was besseres fiel ihm wahrscheinlich so schnell nicht ein. Und diese Beleidigung verfehlte natürlich auch nicht ihre Wirkung. Tugba ist nun völlig empört, versteht die Welt nicht mehr. „Der hat Schlampe gesagt!!!“ Nun fühlt sich Ahmet, der hinter Martin sitzen dazu aufgefordert, die beschädigte Ehre von Tugba zu retten, indem er – nicht etwa Martin auch „Schlampe“ nennt- sondern ihm einfach von hinten einen weiteren fetten Nackenklatscher gibt. Es scheppert richtig. Martin, der sich voll erschreckt, fängt herzzerreißend an zu weinen. Ich gehe mit ihm raus und lasse ihn von einem Kollegen ins Sekretariat bringen. Dann nehme ich mir Tugba und Ahmet vor.
Tugba: „Er hat Schlampe gesagt.“
Ich: „Aber du hast ihn geschlagen.“
„War doch nur Spaß.“
„Vielleicht hat er ja auch Schlampe nur aus Spaß gesagt.“

Endlose Diskussion. Pädagogisches Gewäsch von mir und wenig, aber zumindest geheuchelte, Einsicht von Tugba und Ahmet. Spaß… Wie ich diese Art von Spaß hasse. Ihr hat es bestimmt Spaß gemacht Martin zu hauen. Aber ob er da soviel Spaß dran hatte? Der arme Kerl, sitzt da und versucht meine wenig durchdachte Aufgabe zu bearbeiten und völlig grundlos fängt er sich zwei Nackenklatscher und die gesamte Empörung der Klasse ein.

Aber wenn ich so zurückdenke, dann muss ich sagen, dass meine Klasse in der Siebten genauso war. Was hatten wir für Täler der Tränen… Dramen über Dramen. Jeder Vorfall – zumindest jeder den ich mitbekam – wurde von mir bearbeitet und irgendwie scheint sich über die Jahre da was getan zu haben. Vielleicht liegt das auch nur an der normalen Entwicklung der Schüler. Vielleicht wächst man einfach von selbst aus der Nackenklatscherphase raus. Aber vielleicht hat auch unsere pädagogische Arbeit, wenigstens in diesem Bereich, zarte Früchte getragen. Vielleicht.

Au Backe, früher war ja richtig schlimm

Ach ihr lieben Leser, da wird mir ja ganz warm ums Herz, wenn ich lese, dass mir so viele Leute Geschenke schicken würden. Aber das nützt ja nichts. Geht mir ja nicht um das Material, dass ich bekomme. Geht ja, wie ihr richtig erkannt habt um den Lehrerzimmerwettbewerb. Und um die Anerkennung und den Dank der Klasse. Sowas kann man ja nicht erzwingen. Jemand gabe mir ja den Tipp, meiner Klasse zu erzählen, was ich alles tolles von meiner letzten Klasse bekommen habe. Da will ich euch mal was ganz Trauriges zu erzählen.

Meine letze Klasse… ein bis in den Darm verdrängtes Kapitel in meinem Leben. Diese Klasse hatte ich nicht lange. Eigentlich nur ein Jahr und die Klassenlehrerin war ich irgendwie auch nie richtig. Jedenfalls haben sie mich nie so behandelt. Die haben sich benommen wie der letzte Dreck. Haben mir bis zur Zeugnisübergabe das Leben schwer gemacht. Aber von vorne.

Als ich die Klasse bekam gratulierte mir mein Freund: „Super. Du wirst Klassenlehrerin. Das ist doch eine Beförderung, oder?“ Und genau so sah ich das damals auch. Stolz ging ich in MEINE KLASSE. Und da saßen sie – lauter riesige Halberwachsene, die absolut keinen Bock hatten. Keinen Bock auf die Schule und vor allem keinen Bock auf mich. Ich habe immer noch Serkan vor Augen, wie er sich mit hochrotem Kopf mit einem Lachkrampf über den Boden rollt. Heute bin ich mir sicher, dass er damals einfach besoffen war oder irgendwelche Drogen genommen hatte. Damals dachte ich: „Warum macht der das?“ und vor allem: „Was soll ICH jetzt machen. Wir haben doch Unterricht und der hört gar nicht mehr auf und der ist doch jetzt schließlich schon in der Zehnten Klasse…“ Respekt- und Distanzlosikeit von allen Seiten. Manchmal kamen die Mädchen in den Klassenraum und kniffen mir in die Backe: „Wie weich sie ist – voll süß.“ Unterricht fand nur statt, wenn sie es erlaubten. Ich war völlig machtlos. Und dann kam die Klassenfahrt. Was mich damals dazu verleitet hat, mit denen wegzufahren – ist mir heute ein absolutes Rätsel. Gegen diese Schüler ist meine jetzige Klasse der reinste Elitehaufen. Die haben damals nur gemacht was sie wollten. Wir waren zum Glück nicht so total weit weg von der Schule. Aber trotzdem eine ganz andere, als die gewohnte Umgebung und eigentlich war alles wie auf einer normalen Klassenfahrt – Anreise, Übernachten, Party usw.

Oh Mann, diese Klassenfahrt – da ist soviel passiert, das muss ich mal in Ruhe aufschreiben und das wird nicht ohne Cliffhanger gehen, es sei denn ihr wollt hier 5000 Wörter lesen. Das will doch kein Mensch – voll anstrengend im Computer zu lesen. Jedenfalls endete die Fahrt damit, dass ich insgesamt 5 Schüler nach Hause schicken musst. Nicht alle auf einmal, schön pöh-a-pöh (das sieht super aus, oder – pöh-a-pöh). Als ich den Schulleiter über den letzten Nachhausegeschickten unterrichtete, sagte er nur trocken: „Na Frau Freitag, dann kommen Sie mal schnell zurück, sonst haben Sie am Ende gar keine Schüler mehr dort.“

Diese schlimme Klassenfahrt hat in der Klasse nicht gerade zu einem besseren Standing meinerseits beigetragen. In den letzten Monaten wurde ich von einem Teil der Klasse regelrecht gemobbt. Das fühlt sich gar nicht gut an, das Mobbingopfer der eigenen Klasse zu sein. Die tonangebenden Mädchen haben nur noch gemacht was sie wollten. In meinem Unterricht haben sie ihre Eltern angerufen und sich über mich beschwert und ich konnte nichts machen. Mist, jetzt müsste ich noch viel weiter ausholen, denn das hatte alles eine Vorgeschichte.
Bei der Zeugnisübergabe eskalierte die ganze Situation so dermaßen, dass ich ihnen die Zeugnisse vor die Füße geworfen habe und rausgegangen bin. Aber wie Frl. Krise immer sagt: „Wer rausgeht, der muss auch wieder reinkommen.“
Irgendwie habe ich ihnen dann doch noch ihre Zeugnisse gegeben und eine Schülerin, die immer sehr nett war übergab mir diese Rose. Damit bin ich dann ins Lehrerzimmer, zu den reich beschenkten, zu den schon reichlich beschwipsten glücklichen Kollegen. Da hing ich jetzt zwischen denen mit meiner ödelligen Tankstellenrose. Und als mich der erste ansprach habe ich geheult und geheult und geheult. Heute kommt es mir vor, als hätte ich damals nie mehr aufgehört zu heulen.

Danke für die Blumen

Die ältere Kollegin steht an ihrem Schrank im Lehrerzimmer und hält ein großes Geschenk in den Händen. Stolz guckt sie in die Runde. „Hab‘ ich von meiner Fünften gekriegt. Einfach so.“

Dieser Satz – aus dem schönen Lehrerfilm „Der Wald vor lauter Bäumen“ ist zu einem Running Gag bei meinen Lehrerfreunden und mir geworden. „Hab‘ ich von meiner Fünften gekriegt.“ Pause „Einfach so.“
Und in den letzten Tagen muss ich immer daran denken. Das Schuljahr nähert sich unaufhaltsam seinem Ende und damit auch der Abschied von meiner Klasse, die ich vier Jahre lang bemuttert, unterrichtet, angemeckert und betreut habe. Und ich weiss jetzt schon, dass ich von denen GAR NICHTS bekommen werde. Nicht mal eine blöde Rose von der Tanke. Keine Tafel Schokolade, nicht mal einen Kugelschreiber.

„Ach lass mal,“ sagt Frl. Krise „die werden dir schon einen Strauß Blumen schenken.“
„Nein, das werden die nicht. Da kommen die gar nicht drauf. Wollen wir wetten?“
Das müssten die organisieren, da müssten die sich absprechen, einer müsste was kaufen, Geld einsammeln, das Gekaufte auch mit in die Schule bringen – dazu müsste man in die Schule kommen…. alles viel zu kompliziert. Und es ärgert mich jetzt schon, dass ich nichts kriegen werde. Warum eigentlich? Lege ich besonders viel Wert auf eine Rose von der Tanke oder türkisches Gebäck? Nein! ich mag keine Schnittblumen und die gehen bei mir auch immer schnell ein. Vasen habe ich auch keine guten und Süßigkeiten – ach, naja.

Trotzdem will ich was bekommen.

Ich sehe es schon vor mir. Der letzte Schultag. Ich habe meiner Klasse gerade die Zeugnisse übergeben, sie dann in die Freiheit entlassen und begebe mich ins Lehrerzimmer. Dort sitzen schon ein paar Fachlehrer („Muss ich da eigentlich kommen? Ist doch sowieso nur Klassenunterricht und bei der Zeugnisübergabe muss ich doch nicht dabei sein – war ich doch noch nie…“) und einige Klassenlehrer sind auch schon da. Und dann geht der Konkurenzkampf los. Wer kommt mit dem dicksten Blumenstrauß? Wer hat die meisten Flaschen Wein, die schönsten Karten und das dollste selbstgebastelte Geschenk? Demonstrativ wird dann alles auf einem Tisch abgestellt. „Hach, wie soll ich das alles nach Hause schleppen?“
„Möchte jemand Baklava? Ich hab‘ schon soooo viel davon gegessen. Hier nimm‘!“
„Guck‘ mal, wie süß, ein Buch mit Fotos, haben Sie ganz alleine gemacht. Süß. Ach das hat mich richtig gefreut.“
Und ich? Ich sitze da, mit einem Glas Sekt oder einem Kaffee und null Blumen und null Geschenken. Voll peinlich. Neidisch und traurig gucke ich auf die Schätze der anderen. Weil ich nichts geschenkt bekommen habe, kommt auch keiner an meinen Tisch. Also sitze ich da alleine und werde immer trauriger. Ich denke: Diese undankbaren kleinen Mistpocken. Vier Jahre rauben sie mir den letzten Nerv, ich reiss mir den Arsch für die auf und dann gibt’s nicht mal ’ne läppische Tankenblume.

Es kommen immer mehr beschenkte Kollegen ins Lehrerzimmer. Die Arme voll mit Blumen und Flaschen. Manche müssen sich von den Schülern noch ihre Blumen tragen lassen, weil es so viele sind. „Kannst du hier abstellen. Vielen Dank Mohamad, lieb von dir, dass du mir geholfen hast. Und sag‘ den anderen noch mal, wie sehr ich mich über die Blumen gefreut habe.“

Ich hasse sie alle. Die beliebten beschenkten Kollegen. Die kriegen soooo viel. Viel zu viel und ich – nichts. „Frau Freitag, was ist denn mir dir? Du siehst ja so bedrückt aus.“ Und dann kommen sie mir auch noch auf die Tour. Schrecklich.

ABER HALT!!!! ES MUSS JA GAR NICHT SO WERDEN!!!!
Zum Glück gibt es ja Frl. Krise. Seit Tagen spreche ich ja mit ihr über nichts anderes mehr. „Frl. Krise, es ist so schrecklich, die werden mir nichts schenken…“
Und eben ruft sie mich an: „Frau Freitag, ich habe DIE Idee. Du kaufst dir einfach selbst einen riesen Strauß Blumen und den ganzen Schnulli. Und wenn du morgens kommst, dann schmuggelst du das alles in die Schule und dann ab damit ins Lehrerzimmer.“
„SUUUUPER!!! Das ist GENIAL. Ich mach so Geschenkkisten – so Schuhkartons, die ich einwickle in Geschenkpapier. Ganz viel.“
„Ja genau und dann sagst du ’nein, das werde ich erst zu Hause auspacken.‘ und du kannst dir die Blumen ja so sogar aussuchen.“

Ha, Frl. Krise made my day. Jetzt kann ich ganz unbeschwert auf die Ferien warten. Echt geniale Idee. Danke Frl. Krise. Was würde ich ohne dich nur machen?

Heidepark deja-vu

„Frau Freitag, würden sie mit Mario Gomez zusammen sein?“
„Wie jetzt? Nur weil der ein Tor geschossen hat?“
„Sie ist doch schon vergeben. Also ihr Herz ist doch schon vergeben.“
„Ganz genau Abdul – du sagst es.“

Ronnie sitzt vorm Computer und spielt Poker. Eigentlich war die Aufgabe, etwas über die Klasse zu schreiben – wir arbeiten seit Wochen an einer Art Abschlusszeitung. Ich will gerade über das Pokern meckern, da zieht er sein T-Shirt an den Schultern runter: „Hier, gucken Sie – Verbrennungen zweiten Grades.“ Sein Rücken ist total rot. Es schmerzt beim Hinsehen. „Warum hast du dich nicht eingecremt?“ frage ich automatisch. Ich bin wandelnde Sonnencreme- und Kopfbedeckungswerbung. Schon bei 12 Grad klatsche ich mir LSF 30 auf die Nase. „Hab‘ ich irgendwie vergessen mit der Sonnencreme.“ nuschelt Ronnie und fügt dann noch stolz hinterher, dass er sechs Stunden in der prallen Sonne gewesen sei.

Die obligatorische Halbklasse, die ich seit Wochen unterrichte (es sind immer nur 11 Schüler) stresst und nervt nicht weiter und einige tippen sogar ein paar Zeilen.
Nach zwei Stunden habe ich frei und sehe meine Schüler auf dem Hof. Die Kollegin hat wohl den Unterricht nach draußen verlegt und da hängen sie nun auf den Bänken rum und warten darauf, dass es klingelt. Weil dann ist hitzefrei. Ich sehe, dass Esra und Elif nun auch angekommen sind. Zu meinem Unterricht, der sich in der ersten und zweiten Stunde abspielt kommen sie schon seit Wochen nicht mehr.
„Frau Freitag, fahren wir nicht an die Ostsee?“ fragt Esra vorwurfsvoll. Ich habe sie, wie gesagt, seit Wochen nicht mehr gesehen und deshalb hat sie wohl auch jetzt erst mitbekommen, dass ich den Tagesausflug abgesagt habe. “

„Esra, es kommen doch immer nur 11 Leute, warum sollte ich denn dann fahren. Ihr habt doch gar kein Interesse mehr an der Klasse und an der Schule. Da wundert mich das jetzt, dass ihr noch an die Ostsee fahren wollt.“ Sie guckt mich beleidigt an. Schon habe ich wieder ein schlechtes Gewissen, aber nicht ihretwegen, sondern, weil ich eigentlich mit den 11 Schülern, die immer noch kommen schon fahren würde.
„Wir können ja irgendwas anderes machen.“ sage ich.
„Was denn?“ fragt Elif, die jetzt auch schmollt. Elif kommt grundsätzlich erst zur dritten Stunde und versaut sich jetzt noch auf den letzen Metern ihren erweiterten Hauptschulabschluss

„Funda hat gesagt, dass wir alle bei ihr im Garten grillen können.“
„Pahhh, grillen, bei ihr im Garten – das ist hier um die Ecke – toll.“ Elif ist nicht begeistert von dem Vorschlag. Wenn die Aktion nicht mindestens eine Busreise beinhaltet, scheint sie keinen Wert zu haben.

Langsam bin ich auch beleidigt und verziehe mich schlecht gelaunt ins Lehrerzimmer. Dort jammere ich rum: „Ich habe ein Dilemma.“ Ich erzähle meinen Kollegen von „Ich würde ja gerne, aber alles ist so schwierig und die habe es eigentlich auch nicht verdient usw.“ Richtigen Rat bekomme ich von ihnen nicht. Aber tolle Abschlussfahrtsberichte, aus den guten alten Zeiten: „Wir waren in Spanien und Griechenland und Thailand und auf dem Mond usw.“
Frustriert verziehe ich mich an einen anderen Tisch. Dort sitzt Anita und stöhnt über irgendwelchen Zetteln. Anita hat auch eine zehnte Klasse und ist auch immer recht genervt von denen. „Anita, machst du denn noch was Schönes mit deiner Klasse?“
„Wir fahren an die Ostsee.“
„Hast du da noch Plätze frei?“
„Vielleicht. Ich muss erstmal warten, wie viele jetzt mitkommen.“
„Kommen denn bei dir immer noch alle?“
„Nein, so ungefähr 13 sind immer da. Der Rest schwänzt.“
„Lass uns doch nur mit den lieben Kindern fahren. Ich nehme meine 11 und du deine 13 und den stressigen Schwänzerrest lassen wir hier.“
„Mal sehen. Klingt eigentlich gut. Ich sage dir am Donnerstag Bescheid.“