Sie ist voll Professor

Wenn die Arbeit der Schüler getan ist – beginnt die Arbeit des Klassenlehrers. Zeugnisnoten eintragen, den Noten hinterherrennen, Zeugniskonferenzprotokolle erstellen, Abschlüsse, Wiederholer und Nachprüfungen festlegen und – immer wieder schön – DIE STATISTIK.

„Wie viele Schüler haben welchen Abschluss erreicht, wie viele sind davon Mädchen/Jungen, ndH (nicht deutscher Herkunftssprache), ausländische Schüler und wer kam mit welcher Empfehlung an die Schule und welchen Abschluss haben diese Schüler jetzt. Wie viele Schüler sind während des Schuljahres abgegangen? usw.“

Da stehen nachher nur Zahlen, keine Namen. Deshalb macht mach die Statistik auch immer ganz verrückt. Wenn ich da hinschreiben könnte, dass Abdul doch noch einen erweiterten Hauptschulabschluss bekommen hat und Musti auch, dann wäre es irgendwie leichter. Einer von den zwei Abgängern dieses Schuljahres war Emre. Der stand heute plötzlich neben mir im Kassenraum. Ich schwitze an meinem Pult über dem Protokoll der nahenden Zeugniskonferenz und vier Schülerinnen und Schüler schreiben Einladungen für ihre Fachlehrer. Sie wollen fast alle ihre Lehrer auf die Abschlussfeier einladen und formulieren herzzerreißende Texte: „Wir waren bestimmt nicht immer eine leise Klasse. Aber Sie sind eine tolle Lehrerin… und jetzt gehen wir hinaus ins Leben und fänden es extrem super, wenn sie diesen Anlass mit uns feiern würden…“ So schwülstige Einladungen würden mir gar nicht einfallen und ich hoffe auch, dass nicht alle Kollegen kommen.

„Emre, na sieh mal einer an. Was machst du denn hier? Wie war deine Realschulprüfung?“ Emre hat versucht in irgendso einer Maßnahme, in der sie die Schüler nur auf die Prüfungen vorbereiten, seinen Abschluss zu machen. Bei uns wurde er nicht zugelassen. Emre ist nicht dumm. Mit ein wenig Arbeit und relgelmäßiger Anwesenheit würde der locker die Prüfung bestehen.

„Verkackt. Mathe 6, Deutsch und Englisch 4 und in der Politikprüfung…abooo, was die da für Fragen gestellt haben…“
„Was habe die denn gefragt?“
„Syrien. Nah-Ost-Konflikt und dann meinten sie: Nennen Sie noch mehr Bundespräsidenten. Und da meinte ich Gaddafi.“
„Hmmm.“
„Na ja, durchgefallen.“
„Bundespräsident Gaddafi???“
„Ich wiederhole nächstes Jahr. Dann schaffe ich das schon. Wie lief das denn hier mit den Prüfungen? Haben alle aus der Klasse bestanden?“

„Ha, nee, nee. Aber immerhin fünf. Und vier können sogar in die gymnasiale Oberstufe gehen.“
Musti guckt von seiner Einladung, die er gerade mit Herzen verziert auf: „War voll schwer die Prüfung, vallah. Nur für Adriana nicht. Sie meinte: Realschulprüfung war kein Gegner.“

„Jetzt wird die Oberstufe ihr Gegner. Und dann das Abitur.“
„Frau Freitag, das schafft sie locker. Sie ist voll Professor.“

Na wenigstens eine richtig gute Schülerin habe ich in der Klasse gehabt. Dass sie erst in der Neunten zu uns kam ist doch egal, oder? Und dass sie von Gymnasiumschule war…egal.

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Allgemein

20 Gedanken zu “Sie ist voll Professor

  1. Emre tut mir irgendwie leid. Auch wenn Gaddafi nun mal nicht der Bundespräsident ist 😉 Aber ehrlich? Bei dem derzeitigen Bundespräsidenten weiß das wohl ein großer Teil der dt. Bevölkerung nicht. Wulff ist wirklich niemand, der sich so richtig einprägt

    Mit Adriana – ich kenne sie nicht, aber es wundert mich nicht. In der neuten Klasse hat man soooo viele andere Dinge im Kopf und er Stoff der Neunten war nicht wirklich der Bringer. Viele, die damals bei uns auf dem Gymnasium schlecht abgeschnitten haben, sind später im Abitur viel besser gewesen 😉

    Ich drücke Ihnen und Ihren Schülern auf jeden Fall die Daumen 😉

      • Wenn der wulff mit seiner annalena nicht nach yadvashem gereist wäre, hätte ich den garnicht bemerkt…
        Köhler war…naja irgendwie passender…
        Verrückt übrigens, dass es diese statistiken wirklich gibt!
        Wusstich garnich , ich schöar!
        Jetzt verstehe ich auch in so etwa was sie damit meinen, dass sie die tatsächlich schlechten leistungen ihrer schüler auch so aufschreiben…ich meine das ja, damals in meinem kommentar, eher scherzhaft , dass sie wahrscheinlich am liebsten bei einer einmaligen Statistik (für eine schulinspektion beispielsweise) bei allen schülern deutsch als nationalität eintragen würden… ;D

  2. Och, so Statistik ist doch noch ganz niedlich, da könnte ich ganz andere Kantaten singen … ^^
    Und im Nachhinein sind solche Texte immer schwülstig, weil man sich als Schüler immer am Ende an die positiven Sachen erinnert.
    Dann hoff‘ ich mal, dass sie auch so einen schönen Text bekommen 😉 🙂

  3. Wenn ich Lehrer wäre (zum Glück bin ich keiner), käme ich nur wegen dieser Texte auf jeden Fall zur Abschlussfeier – die sind einfach niedlich!

    Da Sie für ein paar Tage verschwunden waren, nahm ich an, dass Sie auf Lesereise waren. Wenn Sie wieder einmal in Norddeutschland lesen sollten, könnten Sie nicht die Termine und Orte bekanntgeben? Ich hätte da ein Buch zum Signieren!

  4. Echt? Eine Lehrerin währen der heißen Zeugnisphase auf Leserreise? Boah! Einfach so? Nä, echt eij!
    Voll der Stress dann!
    Und dann noch die Sache mit den Bundespräsidenten… die heißen doch alle „Herr Bundepräsident“, dachte ich? Namen sind eh Schall und Rauch, und nur (schmückendes) Beiwerk, wie die ganze Gestalt sowieso.

  5. Pingback: Der Lehrkörper bloggt! « Amuse Bouche

    • Ich finde Grebe nervt. Nicht kreativ, nicht lustig und kann nur ein Gesicht. Möchte immer etwas „durchgeknallt“ rüberkommen und alles soll kurios oder interessant klingen. Meist ist es aber nur negatives Geschreie und Gehetze. Was will er uns denn damit nur sagen?

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