Gefangen zwischen Nackenklatschern

Meine liebe Klasse. Meine liebe Klasse war heute zum größten Teil anwesend und wirklich lieb. Nachdem ich eine unsäglich schlimme Englischstunde in der Siebten überlebt hatte, war das Zusammensein mit Meinen echt angenehm. In meiner Klasse gibt es keine Nackenklatscher mehr. Irgendwo und irgendwann fand in den letzten vier Jahren doch Reifung statt. Ich kann in meiner Klasse eine Stunde halten und vorher sicher sagen, dass niemand weinen wird. Niemand verletzt sich im Unterricht meiner Klasse – abgesehen vielleicht von Ronnie, der regelmäßig beim Kippeln vom Stuhl fällt. Irgendwann knallt er noch mal mit dem Kopf an die Tischkante. Ich kann auch mal rausgehen und ein Plakat holen und wenn ich wiederkomme, sieht der Raum noch genauso aus und alle atmen noch. In der Siebten geht der Punk ab, wenn ich mal kurz an der Tür stehe und sie nicht im Blick habe.

Heute gab es wirklich eine Siebteklasseaktion, wie sie im Buche steht. Tugba steht auf (unerlaubt – „ich musste was wegschmeißen.“) und stolziert zurück zu ihrem Platz. Im Vorbeigehen gibt sie Martin lässig einen Nackenklatscher. Martin, einer der beiden Jungs in der Klasse, die nicht muslemisch sind, ist für Tugba der einzige Junge, an den sie sich rantraut. Er ist noch sehr klein und man kann davon ausgehen, dass er nicht eine Wagenladung Kusengs aktivieren kann, die ihn nach der Schule rächen werden. Sie also – latsch, latsch und dann klatsch. Martin erschreckt sich natürlich voll, dreht sich um und schreit „Schlampe“. Nicht besonders originell, aber was besseres fiel ihm wahrscheinlich so schnell nicht ein. Und diese Beleidigung verfehlte natürlich auch nicht ihre Wirkung. Tugba ist nun völlig empört, versteht die Welt nicht mehr. „Der hat Schlampe gesagt!!!“ Nun fühlt sich Ahmet, der hinter Martin sitzen dazu aufgefordert, die beschädigte Ehre von Tugba zu retten, indem er – nicht etwa Martin auch „Schlampe“ nennt- sondern ihm einfach von hinten einen weiteren fetten Nackenklatscher gibt. Es scheppert richtig. Martin, der sich voll erschreckt, fängt herzzerreißend an zu weinen. Ich gehe mit ihm raus und lasse ihn von einem Kollegen ins Sekretariat bringen. Dann nehme ich mir Tugba und Ahmet vor.
Tugba: „Er hat Schlampe gesagt.“
Ich: „Aber du hast ihn geschlagen.“
„War doch nur Spaß.“
„Vielleicht hat er ja auch Schlampe nur aus Spaß gesagt.“

Endlose Diskussion. Pädagogisches Gewäsch von mir und wenig, aber zumindest geheuchelte, Einsicht von Tugba und Ahmet. Spaß… Wie ich diese Art von Spaß hasse. Ihr hat es bestimmt Spaß gemacht Martin zu hauen. Aber ob er da soviel Spaß dran hatte? Der arme Kerl, sitzt da und versucht meine wenig durchdachte Aufgabe zu bearbeiten und völlig grundlos fängt er sich zwei Nackenklatscher und die gesamte Empörung der Klasse ein.

Aber wenn ich so zurückdenke, dann muss ich sagen, dass meine Klasse in der Siebten genauso war. Was hatten wir für Täler der Tränen… Dramen über Dramen. Jeder Vorfall – zumindest jeder den ich mitbekam – wurde von mir bearbeitet und irgendwie scheint sich über die Jahre da was getan zu haben. Vielleicht liegt das auch nur an der normalen Entwicklung der Schüler. Vielleicht wächst man einfach von selbst aus der Nackenklatscherphase raus. Aber vielleicht hat auch unsere pädagogische Arbeit, wenigstens in diesem Bereich, zarte Früchte getragen. Vielleicht.

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Allgemein

16 Gedanken zu “Gefangen zwischen Nackenklatschern

  1. Guten Abend 🙂
    Ich denke auch, das gibt sich mit der Zeit. Mir wurde mal in der 7. in Chemie ein Teelicht mit heißem Wachs in den Ausschnitt entleert – weil klar war das ich so erschrecken würde das ich nicht würde reagieren können, war dann leider auch so. Und das war Gymnasiumschule auf dem Land, mit 100 km Einzugsgebiet und maximal 10 Kinder mit „ndH“… Die „Mobber“ haben sich auf meiner letzten Klassenfahrt bevor ich die Schule gewechselt habe zerknirscht entschuldigt.
    Ich denke in den nächsten Jahren werden die auch vernünftiger. Als Erwachsener kann man nicht gut nach Belieben Nackenklatscher verteilen ohne ernsthafte Schwierigkeiten zu riskieren.
    Blöd ist halt dass das Opfer das Gefühl behält das die auch noch damit durchkommen.
    Ich wünsche ihnen einen angenehmen Freitag 😉

  2. Nackenklatscher, pah! Bei uns wurde „nur aus Spaß“ das Ohrläppchen geschnippt. Wahlweise die flache Hand aufs Ohr. Oder auch auf beiden Seiten. Einer rotzte gerne in Federmäppchen und hat sich dafür auch immer gleich ne Schelle gefangen – siebte Klasse eben^^ So fieseligkeiten gibt es überall (ja, auch am katholischen privatgymnasium) … und hat es bestimmt auch immer gegeben, oder Frau Freitag? Bei Ihnen daaaamals nicht?

    bester Satz heute: „In der Siebten geht der Punk ab, wenn ich mal kurz an der Tür stehe und sie nicht im Blick habe.“ ^^

  3. Hallo Frau Freitag, habe gerade zu meiner Freude Ihr Blog entdeckt. Ich lese zur Zeit Ihr Buch – vielen Dank dafür! Hilft mir sehr, weil: ich habe eine Praxis für energetische Heilweisen und angehende Heilpraktikerin. Ich bilde zwar Erwachsene in energetischen Heilweisen aus und das macht mir Spaß.

    Jetzt kommen aber Jugendliche auf mich zu – in der Pflegeschule unseres Klinikums werde ich ab August Neurologie unterrichten. Natürlich wird das ein Spaziergang sein zu dem, was Sie jeden Tag mitmachen, aber mir hat Ihr Buch sehr geholfen, schonmal einige Ängste vor dem Unbekannten abzubauen. Ich weiß jetzt, dass ich das hinkriege. Und niemand von denen mir vermutlich hinterher sagen wird, ich hätte sein Leben gefickt. :))

    Herzliche Grüße
    Lakritz und Schokolade

    • na das freut mich aber, dass Ihnen das buch geholfen hat. Jugendliche Neurologen klingt super. ich wünsche viel spaß. Die jugend rockt – wirst du sehen!

  4. Das erinnert mich an den Tag, als mir „nur aus Spaß“ im Unterricht Pfefferspray in die Augen gesprüht wurde. Voll witzig.
    Ich glaube, ich war so in der Siebten…? 😉

  5. In der Gegenwart ist es Mobbing, in der verklärten Vergangenheitsbewältigung werden daraus plötzlich nur nur nostalgische Niggeligkeiten. haben die nicht weh getan? Tun die heute nicht mehr weh, nur weil man den körperlichen Schmerz nicht mehr spürt?

    Der Beginn der Pubertät in der 6. / 7. Klasse ist wirklich schlimm für einige Kinder mit dem L vor der Stirn. Und als Mutter leidet man da sehr mit, wenn man seinem Kind nicht helfen kann.

  6. Knuppis … Dazu gab es dieses Spiel, aus Daumen und Zeigefinger einen Kreis zu formen (wie „alles klar“), den irgendwo irgendwem hinzuhalten (nicht Augenhöhe) und wer reinsieht, bekommt einen KNUPPI. Wahlweise auch auf den Oberschenkel.

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