Au Backe, früher war ja richtig schlimm

Ach ihr lieben Leser, da wird mir ja ganz warm ums Herz, wenn ich lese, dass mir so viele Leute Geschenke schicken würden. Aber das nützt ja nichts. Geht mir ja nicht um das Material, dass ich bekomme. Geht ja, wie ihr richtig erkannt habt um den Lehrerzimmerwettbewerb. Und um die Anerkennung und den Dank der Klasse. Sowas kann man ja nicht erzwingen. Jemand gabe mir ja den Tipp, meiner Klasse zu erzählen, was ich alles tolles von meiner letzten Klasse bekommen habe. Da will ich euch mal was ganz Trauriges zu erzählen.

Meine letze Klasse… ein bis in den Darm verdrängtes Kapitel in meinem Leben. Diese Klasse hatte ich nicht lange. Eigentlich nur ein Jahr und die Klassenlehrerin war ich irgendwie auch nie richtig. Jedenfalls haben sie mich nie so behandelt. Die haben sich benommen wie der letzte Dreck. Haben mir bis zur Zeugnisübergabe das Leben schwer gemacht. Aber von vorne.

Als ich die Klasse bekam gratulierte mir mein Freund: „Super. Du wirst Klassenlehrerin. Das ist doch eine Beförderung, oder?“ Und genau so sah ich das damals auch. Stolz ging ich in MEINE KLASSE. Und da saßen sie – lauter riesige Halberwachsene, die absolut keinen Bock hatten. Keinen Bock auf die Schule und vor allem keinen Bock auf mich. Ich habe immer noch Serkan vor Augen, wie er sich mit hochrotem Kopf mit einem Lachkrampf über den Boden rollt. Heute bin ich mir sicher, dass er damals einfach besoffen war oder irgendwelche Drogen genommen hatte. Damals dachte ich: „Warum macht der das?“ und vor allem: „Was soll ICH jetzt machen. Wir haben doch Unterricht und der hört gar nicht mehr auf und der ist doch jetzt schließlich schon in der Zehnten Klasse…“ Respekt- und Distanzlosikeit von allen Seiten. Manchmal kamen die Mädchen in den Klassenraum und kniffen mir in die Backe: „Wie weich sie ist – voll süß.“ Unterricht fand nur statt, wenn sie es erlaubten. Ich war völlig machtlos. Und dann kam die Klassenfahrt. Was mich damals dazu verleitet hat, mit denen wegzufahren – ist mir heute ein absolutes Rätsel. Gegen diese Schüler ist meine jetzige Klasse der reinste Elitehaufen. Die haben damals nur gemacht was sie wollten. Wir waren zum Glück nicht so total weit weg von der Schule. Aber trotzdem eine ganz andere, als die gewohnte Umgebung und eigentlich war alles wie auf einer normalen Klassenfahrt – Anreise, Übernachten, Party usw.

Oh Mann, diese Klassenfahrt – da ist soviel passiert, das muss ich mal in Ruhe aufschreiben und das wird nicht ohne Cliffhanger gehen, es sei denn ihr wollt hier 5000 Wörter lesen. Das will doch kein Mensch – voll anstrengend im Computer zu lesen. Jedenfalls endete die Fahrt damit, dass ich insgesamt 5 Schüler nach Hause schicken musst. Nicht alle auf einmal, schön pöh-a-pöh (das sieht super aus, oder – pöh-a-pöh). Als ich den Schulleiter über den letzten Nachhausegeschickten unterrichtete, sagte er nur trocken: „Na Frau Freitag, dann kommen Sie mal schnell zurück, sonst haben Sie am Ende gar keine Schüler mehr dort.“

Diese schlimme Klassenfahrt hat in der Klasse nicht gerade zu einem besseren Standing meinerseits beigetragen. In den letzten Monaten wurde ich von einem Teil der Klasse regelrecht gemobbt. Das fühlt sich gar nicht gut an, das Mobbingopfer der eigenen Klasse zu sein. Die tonangebenden Mädchen haben nur noch gemacht was sie wollten. In meinem Unterricht haben sie ihre Eltern angerufen und sich über mich beschwert und ich konnte nichts machen. Mist, jetzt müsste ich noch viel weiter ausholen, denn das hatte alles eine Vorgeschichte.
Bei der Zeugnisübergabe eskalierte die ganze Situation so dermaßen, dass ich ihnen die Zeugnisse vor die Füße geworfen habe und rausgegangen bin. Aber wie Frl. Krise immer sagt: „Wer rausgeht, der muss auch wieder reinkommen.“
Irgendwie habe ich ihnen dann doch noch ihre Zeugnisse gegeben und eine Schülerin, die immer sehr nett war übergab mir diese Rose. Damit bin ich dann ins Lehrerzimmer, zu den reich beschenkten, zu den schon reichlich beschwipsten glücklichen Kollegen. Da hing ich jetzt zwischen denen mit meiner ödelligen Tankstellenrose. Und als mich der erste ansprach habe ich geheult und geheult und geheult. Heute kommt es mir vor, als hätte ich damals nie mehr aufgehört zu heulen.

Advertisements
Allgemein

36 Gedanken zu “Au Backe, früher war ja richtig schlimm

  1. ach Mensch das klingt schrecklich! ich freue mich das Sie das Handtuch nicht geworfen haben und weiterhin Lehrerin sind!

    Liebe Grüße
    eigentlich nur still lesend Anja…
    engagierte Mutti an ´ner freien Schule…bei uns besorgen die Eltern was für die Lehrer….

  2. Lehrersein klingt kompliziert und anstrengend. =/
    Aber vielleicht tröstet es Sie, dass an meinem Gymnasium in den letzten fünf Jahren wohl kein Lehrer irgendein Geschenk von seiner Klasse bekommen hat. Vielleicht ist ihre Klasse wie meine ganze Schule – sie kommt einfach nicht auf die Idee, etwas zu schenken. (Und das mit dem Erzählen von früheren Geschenken find ich ne gute Idee. Wirklich. Sie können ja Geschenke von früheren Klassen erfinden, dann müssen sie nicht die Rosen-Geschichte erzählen.)

  3. Oh, wie schrecklich! Man steckt einfach nicht drin wie es wird. Ich träume manchmal solch ähnliche Horrorszenarien, teilweise habe ich das Gefühl in Echtzeit, und bin fix und foxi wenn der Wecker klingelt. Die Krönung ist dann, wenn noch ein Aufseher/Aufsichtsbeamter/“wohlmeineder“ Kollege hinten drin sitzt.

  4. Puh, starker Tobak. Immer wenn ich bei Ihnen oder frlkrise solche Stories lese, frage ich mich, wie man sich da täglich wappnet.
    Was mich wundert, ist, daß es überhaupt einen solchen Lehrergeschenkewettbewerb gibt. Ich glaube, ich würde bei so vielen Dauerschwänzern , und ja, man muß sammeln und dann noch was kaufen, gar nichts mehr erwarten. Insofern verstehe ich auch nicht, daß Ihre Kollegen das so zu zelebrieren scheinen.
    Und nach den Erlebnissen mit Ihrer ersten Klasse ist klar, Sie haben ein Tankenrosensyndrom. 😉 Ok, hilft Ihnen jetzt auch nicht weiter.

  5. Ohhh…ich erinnere mich noch zu gut an diese Schreckenszeit! Da ist die derzeitige Klasse doch echt gold und jäckpott dagegen! (Mit oder ohne Blumentopf am Ende!!)

  6. Sie Arme! Angesichts dessen sollten Sie Ihrer heutigen Klasse vielleicht nicht frühere als Vorbild empfehlen… 🙂

  7. Guten Abend, Frau Freitag

    Der heutige Eintrag erinnert mich sehr an meine erste „eigene“ Klasse: Auch wenn das damals „nur“ Drittklässler waren, haben dir mir das Leben ein Jahr lang echt zur Hölle gemacht. Ich war total verzweifelt. In der Zeit von Januar bis März war ich so oft krank, dass meine Hausärztin irgendwann anfing von Burn out zu sprechen.
    Gott sei dank, ergaben sich im 2. Halbjahr einige Änderungen in der Klassenzusammensetzung durch Ab- und Zugänge. Dadurch entspannte sich die Lage in der 4. Klasse etwas. Auch wenn diese Klasse von ihrer Leistung und ihrem Verhalten bis zum Schluss jenseits von Gut und Böse war, bleibt für mich das 2. gemeinsame Jahr doch irgendwie ein Erfolg.

    Liebe Grüße von Frau Reiter!

  8. Pöh-a-pöh ist super. Und ich kann auch mehr als 5000 Wörter am Computer lesen, wenns sein muss, also nicht anders erhältlich ist. Klingt jedenfalls nach einem Sequel back, Frau Freitag!

  9. Ohje. Wie schrecklich. Ich kenne die Schule (also die Schule an sich) nur als Vertretungslehrer (Fremdsprache) und fand es schon niederschmetternd was man sich da so anhören muss. Jeden Tag würde ich es jedenfalls nicht schaffen.

  10. arme frau… so eine klasse zu haben, das beschert einem ja glatt ein trauma… aber warum waren die schüler ihnen gegenüber von vorneherein so eingestellt? wie kam es dazu? wahrscheinlich wissen diejenigen es selbst nicht…

    schön, dass sie dennoch (oder vielleicht auch aufgrund der erfahrungen?) noch immer mit soviel elan und enthusiasmus bei der sache sind! respekt! 🙂

  11. Ja. Schlimm mit den Einspringerklassenlehrern. Die haben damals nie so richtig dazugehört. Aber als Schüler denkt man weniger an den Lehrer, sondern nur, womit einen Gott gestraft hat, diese Klassenlehrerin zu bekommen.

  12. Oh mann, ich kann das nachvollziehen, ich bin selber mal 1/2 Jahr in der Schule gemobbt worden. Das ist so… argh! Mein Mitgefühl.

    Trotzdem (oder gerade deswegen?) schließe ich mich Hafensonne an – 5000 Wörter sind kein Problem. 10000 auch nicht 😉

  13. Mhm. Ich habe nix gegen Worthäufungen, auch nicht wenn sie 5000 Wörter gross sind.

    In meiner Schulzeit gab es damals auch eine Lehrerin, die von meiner Klasse (ich war Schüler), gemobbt wurde. Ein paar Jahre lang hatten wir Englisch bei unserer Klassenlehrerin, die zwar supernett war, aber was gelernt haben wir bei ihr nicht wirklich.
    Und dann kam Miss P. und die war strenger. Nicht harter Hund-Typ, aber sie wollte uns was beibringen. Ihre Masslatte lag höher, sie achtete darauf das wir Rechtschreibung und Grammatik beherrschen, das wir Vokabeln lernen, etc.

    Leider war damit ein grossteil der Klasse nicht einverstanden und es gab in jeder Stunde lautstarke Auseinandersetzungen mit Miss P. Die Lautstärke kam von den Schülern.

    Was ich bis heute nicht verstehe, warum hat unsere Klassenlehrerin nie eingegriffen? Meine Klasse war wirklich furchtbar, schlechte Noten, es wurde kaum mitgearbeitet und so wirklich Zusammenhalt gab es auch nicht. Das galt für alle Schuljahre und für alle Unterrichtsfächer.

    Nur bei unserer Klassenlehrerin war immer alles super. Weil sie nicht streng genug war. Nennt mich altmodisch, aber Schule soll ja nicht nur Wissen vermitteln, sondern auch Durchhaltevermögen, Fleiss, etc.

    Ich glaube, vor ein paar Jahren gab es das erste Klassentreffen, nach dem Realschulabschluss damals. Ich bin nicht hingegangen und möchte mit diesen Leuten auch nichts mehr zu tun haben.

    Haben Sie damals von ihren Kollegen keine Hilfe bekommen?

    Bitte stellen Sie sich vor, wie sie am letzten Schultag als letzte im Klassenzimmer sind, wie es an der Tür klopft und dann viele Leser hineinkommen, ihnen Blumen aus dem Garten oder Blumenladen, Schokolade und kleine Geschenke bringen. Und wie wir dann alle in einer Parade zum Lehrerzimmer gehen und Sie unter Beifall in die Ferien verabschieden 🙂

  14. ach gott, wie furchtbar, das tut mir total leid. :((((

    (und macht mir angst, ich bin ab nächstem jahr auch klassenlehrer… uh-oh.)

  15. Tach, Frau Freitag. Ich hätte da eine Frage an Sie, weil ja heute gerade für kleienr Klassen gekämpft wird: Wie groß ist die ideale Klasse? 32, 26, 22, 18, 12, 7, 5, oder 1 Schülerin(nen) oder Schüler? Ihrer Antwort entgegensehend mit bestem Dank.

  16. Hallo,
    ich (Langzeitleser, Kommentarjungfrau) kenn das, wie wohl viele hier: Grad als Lehrer schaut man oft mit Grausen auf die eigene Wirkungsgeschichte zurück… Und obwohl ich auch noch nicht so ewig dabei bin, werd ich gern mal innerlich knallrot, wenn mir einfällt wie ich vor 2,3,4 Jahren auf eine bestimmte Provokation etc. reagiert habe… Just sayin‘.

  17. Sehen Sie es doch mal nüchtern und weniger emotional: Sie sind der Dienstleister (Lehrer) und werden dafür entlohnt (Gehalt), dass Sie Ihre Kunden (Schüler) betreuen. Nicht mehr und nicht weniger. Warum wollen Sie noch extra einen Ausdruck des Dankes?

    Wenn Sie (Kunde) zum Metzger gehen, kaufen Sie Fleisch, bezahlen dieses und fertig. Sie schenken dem Metzger (Dienstleister) doch auch nicht noch etwas aus Dankbarkeit, weil er Ihnen so tolles Fleisch verkauft hat (oder doch?!). Im Gegenteil, vielleicht erwarten Sie von ihm sogar noch kostenlos etwas zum Probieren …

    Ich war auf einer Privatschule. Ein auch nicht immer einfacher Haufen Schüler, nette Eltern, die jeden Monat Schulgeld gelöhnt haben und halt die Lehrer. Nie wären wir oder die Eltern auf die Idee gekommen, unseren Lehrern was zu schenken … Wozu auch?

    Ihre Schülern versauen sich mit schlechten Zensuren selbst das Leben. In deren Augen sind SIE Schuld an den schlechten Zensuren. Die können Ihnen gar nicht dankbar sein. Für was denn? Für einen schlechten Schulabschluss?

    Bleiben Sie cool! Vallah!

    • Interessanter Ansatz. aber irgendwie hinkt der vergleich. emotionslos geht irgendwie nicht, denn obwohl lehrer sein natürlich mein beruf ist und ich dafür meinen lohn bekomme ist es doch was anderes, als jemandem 100g Salami über die Theke zu reichen. es sähe anders aus, wenn ich und der Metzger die letzten 4 jahre zusammen verbracht hätten, wenn ich seine geschwister, eltern und seine persönlichen probleme kennen würde, wenn er in den letzten jahren schon mehrfach geweint hätte und von mir geströstet worden wäre… kurz gesagt – der verkäufer hat doch eine eher oberflächliche beziehung zu seinem kunden. ich habe eine sehr enge beziehung zu den schülern. ob man das will oder nicht. das passiert einfach. das macht die zeit und die erlebnisse, die man miteinander hatte. ich habe meine schüler öfter gesehen, als meine freunde oder meine familie.
      da ist emotionslosigkeit schwierig. und ich will auch keinen ausdruck des dankes, ich hätte gerne, dass sie sich was für mich überlegen, weil es sie so als klasse nicht mehr geben wird. einfach ein abschiedsgeschenk. eine karte mit unterschriften würde mir schon reichen.
      und eben telefoniere ich mit dem deutschlehrerfreund und der ist an einer privatschule und der wird ja so dermaßen mit geschenken überhäuft am ende des schuljahres.
      by the way – meine schüler sehen das nicht so, dass wir lehrer an ihren schlechten zensuren schuld sind. die wissen ganz genau, dass sie faul waren. sie sehen doch, dass die schüler, die mitgemacht haben auch gute zensuren bekommen. die wissen schon wer schuld ist. die sind ja nicht blöd, sondern nur faul.

    • Wäre Lehrersein nicht einfach, wenn man das so sehen könnte. Blöd nur, dass dann trotzdem mehr Herzblut drin hängt, als man manchmal investieren wollte. (Hach, der Rausch, der Melancholie, weil meine Großen in drei Wochen weg sind.)

  18. Liebe Anett, danke für die Analogie – denn sie beschreibt genau, wie man als Lehrer m.E. niemals sein sollte. Ob wir es wollen oder nicht, wir sind nun mal auch Lebensbegleiter unserer Schüler. Das ist ja die größte Schwierigkeit in unserem Job, das Ausbalancieren von Distanz und Nähe, was ich in Frau Freitags Texten auch immer wieder finde. Auch wenn ihr Publikum ein etwas anderes ist als meins. Was Sie beschrieben, kenne ich schon auch: Ich war mal an einer Schule mit, sagen wir mal, potenziell privatschulaffiner Klientel, wo ich als Lehrer (vielleicht auch nur unbewusst) als dienst leistender Bildungsdomestik für die eigene Brut gesehen wurde. Nee danke, egal wie schön das Fleisch ist…
    Und ja, Frau Freitag, es gibt wenig netteres als Anerkennung für das gemeinsam Geschaffte, vor allem von /&(„%&“§-Klassen. Kommt sicher noch – denn eigentlich wissen die doch immer, was sie an uns haben 😉

  19. Oh je, das ist wirklich furchtbar traurig – Respekt, dass Sie das Jahr (welches Ihnen unendlich lang vorgekommen sein muss) irgendwie durchgehalten haben…
    (meine Augen sind beim Lesen ganz wässrig geworden)

  20. Wow, als ich diesen Eintrag und die dazugehörigen Kommentare gerade gelesen habe, sind mir so viele Gedanken durch den Kopf geschossen! Eins muss ich nur vorschicken: ich habe gerade Ihr Buch gelesen, Frau Freitag, und arbeite mich nun rückwärts durch den Blog – ziemlich bescheuert, wenn mans näher betrachtet, aber lassen wir das! 😉 Falls ich also irgendwas wiederhole, was schon jemand gepostet hat, o.ä., dann haben Sie bitte Nachsicht.
    Ich finde es absolut verständlich, dass da so eine Art Lehrerzimmerwettkampf entsteht. Nun ja, Lehrer, die sich mit ihren drölftausend Geschenken brüsten und dabei beinahe hämisch werden, DIE verstehe ich nicht, aber Sie schon. Denn egal wie unnötig, kindisch oder unreif man solche Kollegen findet – man möchte doch nicht Zielscheibe dieser Häme werden, weil man nichts oder fast nichts von seinen Schülern bekommt. Wer von uns würde das schon!?
    Und jetzt zu Ihren Schülern (ich weiß ja durch mein Rückwärtslesen bereits, was passiert ist): Frau Freitag, wenn ich mir Ihre Klasse so ansehe – allen voran den einmaligen, sturen Bodyguard Samira – dann bin ich überzeugt davon, dass das völlig anders gemeint ist, als es vielleicht erstmal wirken mag. Ich könnte mir vorstellen, dass Ihre Schüler Sie immer als extrem schülernah empfunden haben: eine Lehrerin, die Humor hat und ironisch ist, die ab und an unter Tourette-Anfällen leidet, die Kunststunden gerne für Diskussionen aller Art benutzt, sich tatsächlich in den Heidepark schleppen lässt, usw. Mal ehrlich, Sie haben doch oben von der besonders nahen Beziehung gesprochen, die sich zwangsläufig ergibt – das sehen doch nicht nur Sie so, sondern auch die Schüler! Pubertierende, unreife, pöbelnde, sich-daneben-benehmende Schüler, die sich vier Jahre lang auf Ihre Kosten voll ausgelebt haben und die das auch ganz genau wissen. Erinnert mich an Kinder und Ihre Mütter. Um bei dem zu Vergleich zu bleiben: wann sagen Kinder ihren Müttern schonmal, wie einmalig, toll, super, wunderbar und überhaupt spitze sie sind? Äh… selten? 😉 Aber sie empfinden es trotzdem, nur eben in dieser typisch egoistisch-selbstbezogenen Art, die Kinder eben so haben, sprich: Mama ist da und wird schon wissen, dass ich ihr dankbar bin. Bei manchen dauert es noch Jahre, bis sie plötzlich aufwachen und feststellen, dass sie ihrer Mutter das ruhig mal sagen könnten (meistens dann, wenn sie ihrerseits Eltern geworden sind).
    Klar könnten Sie jetzt sagen, dass der Vergleich hinkt, weil es sich hierbei immerhin um einen richtigen, kompletten Abschied handelt, und da müssten die lieben Kleinen doch eigentlich aufwachen, oder? Aber warum denn? Sie sind doch auch in der ganzen Abschlussfeier-Vorbereitungs-Phase hautnah dabei gewesen; in Ihrem Unterricht wurden die Karten gepinselt, Sie haben sie letztendlich verteilt. In die Wahrnehmung der Schüler übersetzt: Mama ist ja eh dabei, der muss ich doch nix sagen, die ist ja eh eher eine von uns als eine von denen da draußen. So kann das nämlich auch gemeint sein. 😀 Na sicher, Sie sind die, bei der man sich selbst im letzten Moment noch danebenbenehmen kann, weil sie eben die Vertraute – nein, blöder Ausdruck, aber irgendwie auch richtig. Hmm… weil Sie die… Hauptbezugsperson im Lehrerkörper sind. Oder ist das doch eher Frau Schwalle, was meinen Sie? ^^
    Ok… das war jetzt ein sehr langer Text und der ist zu allem Überfluss wahrscheinlich auch noch schrecklich verworren, aber jetzt kommt das große Fazit: diese Kinder werden sich mit hundertprozentiger Sicherheit noch in vielen Jahren an Sie, Ihren Humor und Ihr Verständnis erinnern und an das, was sie bei Ihnen gelernt haben (das wird für jeden etwas anderes sein; in den seltensten Fällen prägt der Stoff, eher das Menschliche!) Sie werden ziemlich sicher ab und zu mal ihren Kindern von dieser Lehrerin, die doch mal echt menschlich war ;-), erzählen, die sie damals hatten… und DAS – auch wenn Sie jetzt noch nicht viel davon haben, das kommt erst später bei Schulbesuchen und Klassentreffen – ist tausendmal mehr wert als jede Blume und jede noch so umsichtig daherschwadronierte Einladungskarte (die, wenns mans genau betrachtet, doch recht distanziert ist, oder?), die eine Frau Schwalle möglicherweise bekommt.

    Entschuldigen Sie den ewiglangen Text, aber das hat mir jetzt gerade so wahnsinnig Leid getan, dass ich das einfach mal alles sagen musste. Ich hoffe, ich konnte halbwegs rüberbringen, was ich meine.

    Und ich hoffe, Sie hatten schöne Ferien!

    Liebe Grüße,

    JulKra

  21. P.s.: Nachtrag zum zweiten Absatz: Man muss ja gar nicht Zielscheibe der Häme werden, soweit müssen wir überhaupt nicht gehen. Es genügt doch schon, einsam, still und alleine vor den ganzen jubelnden Kollegen zu stehen mit leeren Händen – das tut weh. Trotz allem. Und das mag keiner!

Kommentar verfassen

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden / Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden / Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden / Ändern )

Google+ Foto

Du kommentierst mit Deinem Google+-Konto. Abmelden / Ändern )

Verbinde mit %s