Heidepark deja-vu

„Frau Freitag, würden sie mit Mario Gomez zusammen sein?“
„Wie jetzt? Nur weil der ein Tor geschossen hat?“
„Sie ist doch schon vergeben. Also ihr Herz ist doch schon vergeben.“
„Ganz genau Abdul – du sagst es.“

Ronnie sitzt vorm Computer und spielt Poker. Eigentlich war die Aufgabe, etwas über die Klasse zu schreiben – wir arbeiten seit Wochen an einer Art Abschlusszeitung. Ich will gerade über das Pokern meckern, da zieht er sein T-Shirt an den Schultern runter: „Hier, gucken Sie – Verbrennungen zweiten Grades.“ Sein Rücken ist total rot. Es schmerzt beim Hinsehen. „Warum hast du dich nicht eingecremt?“ frage ich automatisch. Ich bin wandelnde Sonnencreme- und Kopfbedeckungswerbung. Schon bei 12 Grad klatsche ich mir LSF 30 auf die Nase. „Hab‘ ich irgendwie vergessen mit der Sonnencreme.“ nuschelt Ronnie und fügt dann noch stolz hinterher, dass er sechs Stunden in der prallen Sonne gewesen sei.

Die obligatorische Halbklasse, die ich seit Wochen unterrichte (es sind immer nur 11 Schüler) stresst und nervt nicht weiter und einige tippen sogar ein paar Zeilen.
Nach zwei Stunden habe ich frei und sehe meine Schüler auf dem Hof. Die Kollegin hat wohl den Unterricht nach draußen verlegt und da hängen sie nun auf den Bänken rum und warten darauf, dass es klingelt. Weil dann ist hitzefrei. Ich sehe, dass Esra und Elif nun auch angekommen sind. Zu meinem Unterricht, der sich in der ersten und zweiten Stunde abspielt kommen sie schon seit Wochen nicht mehr.
„Frau Freitag, fahren wir nicht an die Ostsee?“ fragt Esra vorwurfsvoll. Ich habe sie, wie gesagt, seit Wochen nicht mehr gesehen und deshalb hat sie wohl auch jetzt erst mitbekommen, dass ich den Tagesausflug abgesagt habe. “

„Esra, es kommen doch immer nur 11 Leute, warum sollte ich denn dann fahren. Ihr habt doch gar kein Interesse mehr an der Klasse und an der Schule. Da wundert mich das jetzt, dass ihr noch an die Ostsee fahren wollt.“ Sie guckt mich beleidigt an. Schon habe ich wieder ein schlechtes Gewissen, aber nicht ihretwegen, sondern, weil ich eigentlich mit den 11 Schülern, die immer noch kommen schon fahren würde.
„Wir können ja irgendwas anderes machen.“ sage ich.
„Was denn?“ fragt Elif, die jetzt auch schmollt. Elif kommt grundsätzlich erst zur dritten Stunde und versaut sich jetzt noch auf den letzen Metern ihren erweiterten Hauptschulabschluss

„Funda hat gesagt, dass wir alle bei ihr im Garten grillen können.“
„Pahhh, grillen, bei ihr im Garten – das ist hier um die Ecke – toll.“ Elif ist nicht begeistert von dem Vorschlag. Wenn die Aktion nicht mindestens eine Busreise beinhaltet, scheint sie keinen Wert zu haben.

Langsam bin ich auch beleidigt und verziehe mich schlecht gelaunt ins Lehrerzimmer. Dort jammere ich rum: „Ich habe ein Dilemma.“ Ich erzähle meinen Kollegen von „Ich würde ja gerne, aber alles ist so schwierig und die habe es eigentlich auch nicht verdient usw.“ Richtigen Rat bekomme ich von ihnen nicht. Aber tolle Abschlussfahrtsberichte, aus den guten alten Zeiten: „Wir waren in Spanien und Griechenland und Thailand und auf dem Mond usw.“
Frustriert verziehe ich mich an einen anderen Tisch. Dort sitzt Anita und stöhnt über irgendwelchen Zetteln. Anita hat auch eine zehnte Klasse und ist auch immer recht genervt von denen. „Anita, machst du denn noch was Schönes mit deiner Klasse?“
„Wir fahren an die Ostsee.“
„Hast du da noch Plätze frei?“
„Vielleicht. Ich muss erstmal warten, wie viele jetzt mitkommen.“
„Kommen denn bei dir immer noch alle?“
„Nein, so ungefähr 13 sind immer da. Der Rest schwänzt.“
„Lass uns doch nur mit den lieben Kindern fahren. Ich nehme meine 11 und du deine 13 und den stressigen Schwänzerrest lassen wir hier.“
„Mal sehen. Klingt eigentlich gut. Ich sage dir am Donnerstag Bescheid.“

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Allgemein

18 Gedanken zu “Heidepark deja-vu

  1. Also, genau das kam mir auch in den Sinn. Problem wahrscheinlich: Wer übernimmt die, die nicht mitfahren? Oder vielleicht doch kein Problem? Denn die lassen sich ja sowieso kaum blicken…

    Oder kämen Sie ins Grübeln – wegen der Klassengemeinschaft? (Gibt’s eine?? Oder doch nur ne kleine?) Und was würde wohl das Häuflein der lieben Kinder dazu meinen? Ach je, nix ist einfach.

  2. Hallo!

    Ich kann Sie da schon verstehen, Sie investieren Arbeit in Ihren Unterricht, versuchen den Schülerinnen und Schülern zu helfen… und dann kommen die (teilweise) nicht mal. Das ärgert und verletzt.

    Natürlich meinen das die zu Lehrenden (Kinder mag ich nicht schreiben, Schüler hatte ich schon, Vorschläge?) gar nicht böse, da sind (anscheinend) nur so viele andere wichtige(re) Sachen; und Aufstehen am Morgen – ich würde es auch nicht machen, wenn ich nicht müsste (ausser am Wochenende, sonst wird der Tag so kurz).

    Die Sache ist, wahrscheinlich haben Ihre Esra und Ihre Elif eigentlich positive Gefühle sowohl Ihnen als auch der Schule gegenüber. Jedenfalls kommt es mir so vor, wenn Sie die Konversation schildern (in der sich wohl alle ein wenig misverstanden fühlen). Was erreichen Sie also gegenüber den Schwänzern, wenn Sie sie von der Abschlussfahrt ausschliessen? Eine Strafe, die auch Sie trifft, wenn mich meine Erinnerung an Gruppendynamiken nicht im Stich lässt (Warum darf der/die … nicht, so wichtig, beste/r Freund/in?).

    Sie wollen der Esra/Elif nicht Chance 9999 geben, nicht das Gefühl, „Egal, was du tust, du kannst immer noch überall alles machen“? Die Frage ist, ob die Botschaft so ankommen kann. Ich befürchte fast, es kommt eher die Botschaft an „Die macht eh was Sie will, erst voll nett, aber dann BÄMM…“.

    Ich liege bei solchen Hin- und Herüberlegungen leider auch mindestens genausooft falsch wie ich richtig liege (wir sollten den Bobele fragen).

    Ansonsten eine schöne Woche.

    Heini.

  3. Ist das „Hierlassen des Schwänzerrests“ für diesen nicht die endgültige Demotivation? Wie machen Sie das mit dem obligatorischen Elternbrief? Sortieren Sie vorher aus?
    Weil das nur Fragen waren: Auch wenn Sie keinen Jahrestag haben, beglückwünsche ich Sie zu Ihrem Durchhaltevermögen und bedanke mich für Ihren Blog!

  4. das wäre ja mal ne interessante und konsequente Lehrerentscheidung…man würde in der Zeitung über sie schreiben:

    Frauke Freitag (35) Lehrerin aus Heidepark macht Klassenreise und nimmt nur die mit die ab und zu inihrem Unterricht anwesend waren!
    Selbige Lehrerin wurde letzte woche (wir berichteten) beim manipulieren des schulinspektionberichts erwischt (sie hatte vergeblich versucht in der schülerstatistik aus ihren deutschen schülern DEUTSCHE SCHÜLER zu machen)

    😉

    • nein, nein, da bin ich immer voll ehrlich. bei der statistik. ich verfälsche doch nicht die grausame realität. kann ich doch nichts für, wenn die schwänzen. und wenn ich das nicht melde – dann ändert sich ja nie was.

  5. Ich finde die Idee gut. Wenn sie einen Elternbrief schreiben müssen, können sie ja da schreiben, das sie damit die „Durchhalter“ belohnen wollen und deshalb auch nur Nicht-Schwänzer mitnehmen.
    Damit wäre die Aktion eine Belohnung für das richtige Verhalten. Wenn so kein Ausflug stattfindet würden doch die lieben Kinder mitbestraft. Dabei hätten die doch diese Zuwendung am Ende des Schuljahrs wirklich verdient, wenn die mit solchen Beispielen vor der Nase immer noch kommen.

    Für den Schwänzerrest habe ich auch noch eine Idee- vielleicht kann man die währenddessen einen Bewerbungstest schreiben lassen, mit der Option bei gutem Abschneiden noch eine gute mündliche Note zu kriegen?
    Das die halt normal zur Schule kommen und ne Tagesaufgabe “ Erstellt eine Bewerbung“ , Anschreiben, Lebenslauf,Anlagen etc, die komplette Sache. Dann könnte man die Ergebnisse eventuell sogar hinterher gemeinsam analysieren. Im Elternbrief könnte man die Situation schildern, und die Eltern der Schwänzer auffordern, sicherzustellen das ihre Kinder an dem Tag Zeugniskopien ,eine Mappe und ein Foto mithaben.

    Die mitzunehmen wäre für die „immer-da-11“ ziemlich unfair. Noch unfairer würde ich es an deren Stelle finden wenns ganz flachfällt.

    nuja, das fiel mir so spontan dazu ein- ich bin gespannt, ob und wie sie mit ihren Schülern fahren und wünsche weiterhin alles Gute!

  6. Ihr habt sehr großzügige Hitzefrei-Auslegungen. Bei uns müssen es um spätestens 10 Uhr schon mindestens 28°C sein. So warm war es heute in ganz Deutschland nicht …

  7. so sollten sie es machen, auch wenn sich ein wenig der erzieherische Nerv bäumt.
    Warum die elf für die anderen mitbestrafen, obwohl sie wahrscheinlich die Möglichkeit hätten über Gruppenzwang …usw.
    Fahren Sie mit den Kids an die Ostsee, so ein bißchen Spaß muß sein

  8. Nur die mitnehmen, die bis zum Ende des Schuljahres IMMER anwesend sind… Wenn das mal kein Anreiz ist… Und zuviel erwartet man damit auch nicht. Allerdings werden die Eltern auf die Barrikaden gehen – so kenne ich das zumindest noch aus meiner Schulzeit…

  9. Ich bin ja mal gespannt, was die anderen (die immer schwänzen) dazu sagen.
    Entweder kommen die dann neuerdings immer pünktlich und bleiben bis zum Schluss, da ja die mitfahren dürfen, die immer pünktlich kommen oder sie verlieren ganz die Lust und kommen gar nicht mehr

    Ich bin echt gespannt….

  10. Hihi, ich komme gerade von einer sehr enrtspannten, fast familiären Klassenfahrt…. Drei Schüler und ich… Zwar waren wir nur „um die Ecke“- ein Bus hätte sich nicht gelohnt- aber wir hatten Spaß. Leider tut mein Hintern weh, denn wir hatten gleich nur das Fahrrad benutzt und mein neuer km- Zähler zeigt jetzt 128,56 an.

  11. Gerne!
    Und ich dachte, wir wären uns einig, dass Schulschwänzer usw. nicht mit dürfen… (Nee, im Ernst, Förderschule für Lernbehinderte und der Jahrgang 1995 war wohl nicht sooo kompliziert. Meine Kollegen haben schon so 15 Schüler pro Klasse.Zu meiner gehören im Normalfall 6 Kids.)

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