Geschichte ist nichts für Weicheier Teil 1

„Da wurde ein Baby geboren, das hatte einen Bart und das Baby konnte sprechen und dann hat das Baby gesagt, dass die Welt untergeht und dann ist es gestorben.“
Yussuf sitzt vor seinem Bild und pinselt. Mann, wie der den Pinsel hält – als täte es weh den normal anzufassen.
„Baby mit Bart – alles klar, Yussuf.“ sage ich.
„Waaas, glauben Sie nicht?“
„Nein, glaube ich nicht. Baby mit Bart – okay. Mutation. Aber sprechen. Nein. Sorry, echt nicht.“
„Waaas echt nicht?“ Yussuf wird jetzt etwas lauter. Dieses Baby scheint ihm am Herzen zu liegen. „Das stimmt! Diese Baby gabs wirklich, vallah!“ Als ob sein ‚vallah‘ mich jetzt umstimmten würde.
Dschingis liegt ausgestreckt auf dem Tisch und hört zu. Wir quatschen schon die ganze Stunde. Dschingis hat 10 Minuten gemalt. dann hatte er keine Lust mehr. Jetzt sitze ich auf seinem Platz und arbeite an seinem Bild und er hat sich hinten abgelegt. Ich hatte ihn gebeten, mir was über diesen Mladic zu erzählen. Wir lauschten gebannt seinen durchaus detailreichen Ausführungen zum Bürgerkrieg. Während seines Vortrags unterbreche ich ihn mehrmals, um ihn Srebrenica sagen zu hören. Niemand kann diesen Ort so schön aussprechen wie Dschingis.
„Dschingis, sag’s noch mal.“
„SREBRENICA“
Als Dschingis berichtet, was alles Schreckliches während des Massakers dort passiert sei, wird Yussuf immer unruhiger. Dschingis läßt sich echt nicht lumpen und reiht eine Horrorgeschichte an die nächste. Plötzlich unterbricht ihn Yussuf: „In Palästina war viel schlimmer.“
Das läßt Dschingis jetzt aber nicht auf sich sitzen: „Was schlimmer? Bei uns war schlimmer.“
„Gar nicht. In Palästina ist schlimmer. Weißt du wie lange dort schon geht?“
Ich versuche zu schlichten: „Jungs, jetzt streitet euch mal nicht.“ Mittlertweile schreien sie sich nur noch mit „Was Palästina?“ „Was Bosnien?“ an. „Dschingis, Yussuf, also, ihr habt ja beide Recht.“ Wir einigen uns darauf, dass der Palästinakonflikt länger dauert, dafür das Massaker in Srebrenica aber schlimmer war. Damit können beide leben. Dschingis hat sich jetzt allerdings so verausgabt, dass er nur noch liegen kann.

Nach einer kurzen Pause kommt dann Yussuf mit dem bärtigen Baby.
„Also Yussuf, ich glaube das nicht.“ Gleich geht er wieder hoch. Ich kann es genau beobachten, wie er sich aufplustert, um mit aller Kraft seine sprechende Baby Story zu verteidigen.
„Das stimmt das wurde gefilmt.“ Wird ja immer besser.
„Wie gefilmt Yussuf? Da war also zufällig ein Kamerateam dabei, als das bärtige Baby geboren wurde.“
Jetzt mischt sich Mirco ein: „Wieso könnte doch sein.“
„Hmm, klar. Ist ja auch bei jeder Geburt ein Kamerateam dabei. Yussuf, ich kann also bei Youtube das sprechende Baby sehen.
Yusuf – vor Aufregung schon mit gerötetem Kopf: „Was Youtube. Das ist nicht auf Youtube.“
„Also wie jetzt, ich dachte das wurde gefilmt. Wo hast du das denn gesehen? Arabisches Fernsehen?“
„Ich habe das gar nicht gesehen. Aber meine Mutter hat mir das erzählt.“
Ah, jetzt wird mir auch klar, warum er so vehement an diesen Schwachsinn glauben möchte. Hat doch schliesslich die heiligste aller Verwandten ihm vom sprechenden Baby erzählt.
Als Yussuf endlich merkt, dass niemand außer ihm an bärtige Säuglinge glaubt versucht er es mit der Geschichte eines acht Meter großen Hodschas, der irgendwo beerdigt sein soll.
„AAAACHT Meter…“

Habe ich ihm das geglaubt? Habe ich nachgefragt? Haben wir noch über Dinosaurier, Affen, Schraubenzieher und den Koran gesprochen? Klar. Aber davon morgen mehr.

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Allgemein

17 Gedanken zu “Geschichte ist nichts für Weicheier Teil 1

  1. > Dschingis hat 10 Minuten gemalt. dann hatte er keine Lust mehr. Jetzt sitze ich auf seinem Platz und arbeite an seinem Bild und er hat sich hinten abgelegt.

    So mach Schule Spaß. Wer benotet denn das Bild ?

  2. „Habe ich ihm das geglaubt? Habe ich nachgefragt? Haben wir noch über Dinosaurier, Affen, Schraubenzieher und den Koran gesprochen? Klar. Aber davon morgen mehr.“

    Ich hoffe mal, dass das klar sich nur auf die letzten beiden Fragen bezieht 😀 Oder zumindest in Bezug auf die erste sehr ironisch gemeint ist.

  3. [Das passt zwar gar nicht zum Thema, aber: Freitag, als ich kurz in einen Buchladen geschielt habe, stand da gerade eine junge Frau und hat mit übermäßiger Begeisterung und in voller Schreilautstärke ihrem Freund aus Ihrem Buch vorgelesen. ]

    Diese Geschichten sind wie diese dunklen Legenden. Meine Schüler wollten mir diese Woche weis machen, dass so ein Irrer GANZ WIRKLICH in unserer Dorfdisko jemanden VOLL ECHT mit einer Nadel mit Aids angesteckt hat. Ehrlich jetzt, hat der KUSÄNG erzählt. Sachen gibts.

    • herrlich – die alte aids-nadel-story. hatte ich schon wieder vergessen. und die schreiende junge frau im buchladen – super. vielen dank für so einen schönen kommentar.

  4. Herrlich, hab gerade das Buch ausgelesen (übrigens 3. Aulage 2011) und muss gestehen, dass ich stellenweise mich und einige meiner Schüler wiedererkannt habe, wenn auch etwas übertrieben. Lass ma chillen, bald gibt Ferien!

  5. Der meint bestimmt die Geschichte aus dem Koran, daß Jesus, der im Islam ja als Prophet dargestellt wird, schon als Säugling sprechen konnte.

  6. Also mich erinnert das an klassische orientalische Märchen, da können wir im Westen nicht mithalten … ausser beim Weihanchtsmann und so, aber daran glauben wir ja auch nicht mehr.

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