Ach es war doch auch zum Heulen

Nach einer unerträglichen langen Weile sitze ich wieder an meinem Pult. In meiner Hosentasche ist das verdammte Handy von Gülistan. Die Klasse schweigt. Widmet sich wieder ihrer schriftlichen Aufgabe. Mein Daumen tut weh. Ich gucke zu Gülistan. Sie reibt sich ihren Zeigefinger. Plötzlich fängt sie lautlos an zu weinen. Ich könnte auch heulen.
Was für eine unnötige Scheiße war das gerade?

Sie guckt immer wieder zu mir und zeigt dann auf ihre Finger. Manuela gibt ihr ein Taschentuch. Ich sitze auf meinem Stuhl und spüre das blöde Telefon an meiner linken Arschbacke. Wahrscheinlich ist das Display gesplittert. Billigen Elektroschrott, den die Schüler sich da immer kaufen. Aber ich kann auch nicht nachsehen. Ich will nicht, dass die anderen Schüler wieder an unseren peinlichen Kampf erinnert werden.

Oh Mann, wie sie heult. Sie geht bestimmt zur Schulleitung und sagt, dass ich ihr die Finger gebrochen habe. Und dann zum Arzt, der schwere Prellungen feststellt und dann gleich noch zur Polizei, die eine Anzeige wegen Körperverletzung aufnimmt. Und das alles, weil… ja warum eigentlich? Weil ich das Handyverbot, das ich ja nicht mal aufgestellt habe, durchsetzen wollte. Hätte ich gar nichts gemacht, wäre jetzt auch gar nicht passiert. Ich hätte auch, wie schon oft so tun können, als sähe ich das Handy gar nicht. Hätte, hätte…jetzt ist es aber passiert. Kurz vor dem Klingeln sage ich: „Gülistan, du bleibst bitte noch mal kurz hier.“

Als alle weg sind sitzt sie mir gegenüber. Ihr großen braunen Augen total verheult. Zum Glück schminkt sie sich noch nicht. Das sähe jetzt noch wüster aus, verschmierte Wimperntusche…

„Gülistan, was war das vorhin?“
Sie zuckt mit den Schultern.
„Warum hast du mir das Handy nicht gegeben?“
„Ich…ich… ich wollte nicht.“ stottert sie und da kommen schon wieder Tränen.
„Ich habe dir an der Hand wehgetan, stimmt’s? Mir tut es hier am Daumen auch ganz schön doll weh.“ Ich halte ihr meine Hand unter die Nase und sie betrachtet interessiert die rote Stelle unter meinem Nagel.
„Da haben wir und beide ganz schön erschreckt, oder?“
Sie nickt und ich sehe so was wie ein Lächeln.

„Wie machen wir das denn in Zukunft?“ frage ich sie. „Ich nehme nicht mehr Handy im Unterricht.“ flüstert sie.
„Und wenn ich sage, dass du mir was geben sollt…“
„Dann mach‘ ich, bestimmt.“

Ich greife in die Tasche und schiebe ihr das Handy rüber. „Hier.“
Sie lächelt. „Danke.“

Warum habe ich ihr das Handy gegeben? Das war reiner Selbstschutz. Eigentlich hätte ich es im Sekrtetariat abgeben, aber was wäre passiert, wenn die Eltern es abholen kommen und dann – wo sie doch schon mal da sind, gleich zur Schulleitung tapern, um sich über die brutale Pädagogik von Frau Freitag zu beschweren. Diese Szene möchte ich mir gar nicht vorstellen.

Ich dachte nun sei alles wieder gut, bis ich nach der letzen Stunde vor der Schule meine Feierabendzigarette rauche. Da steht plötzlich Gülistan, mit drei Freundinnen vor mir. „Frau Freitag….“

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Allgemein

34 Gedanken zu “Ach es war doch auch zum Heulen

  1. Und täglich grüßt das Murmeltier … Cliffhanger. Schon wieder!

    Das Handy-Verbot, das sie nicht aufgestellt haben, würde ich zu meiner Sache machen. Ich bilde mir ein, dass es mir dann leichter fiele, es durchzusetzen. Tatsächlich ist es bei mir auch genau so … und es funktioniert. Für mich …

  2. ja, schön.
    danke, jetzt mal ich mir bis zur fortsetzung (die doch hoffentlich kommt???) aus, wie es weiter geht.
    entweder „fraufreitag, isch mach dich krankenhaus“ oder „fraufreitag, meine 2 mädls hier haben auch schlechte gewissen, weil sie immer handy benutzen in unterricht…“
    manno, blödes kopfkino 😉

  3. Ach menno, Fortsetzungsgeschichten waren schon in der Micky Maus immer blöd. Aber wenigstens gab es da nie mehr als zwei Episoden.

    PS: Danke für viele unterhaltsame Beiträge hier (oder eigentlich in meinem Google Reader)! Wenn Frau Freitag Flatter nutzen würde, würde ich glatt dafür bezahlen.

    • ach schnöder mammon – ich muss für die geschichten ja auch nicht zahlen. ich kriege ja sogar noch ein gehalt …

  4. Das Maedel heult also, weil es seinen Willen nicht bekommen hat und ihm nicht erlaubt wurde, gegen bestehende „Gesetze“ zu verstossen.
    Das ist ja super.
    Was sind das bitteschoen fuer Zustaende, wenn die Kinder im Unterricht telefonieren und wenn sie erwischt werden, auch noch vehement auf ihrem „Unrecht“ bestehen?
    So lange ist meine Schulzeit noch nicht her und in meiner Klasse haette sich keiner getraut, der Aufforderung, das Handy rauszuruecken, Widerstand zu leisten.

    • Das erste Handy tauchte in meiner Klasse auf als ich in der 7. war. Sonderpreis für telefonbuchdeckelwettbewerb, ich hab mich ganz schön geärgert, mein entwurf kam auf das blatt und dafür gabs ne swatchuhr deren armband nach 2 wochen einfach riss. Handy wär ja noch coooool gewesen…muss so um das jahr 2000 rumgewesen sein.
      Ich habs auch in der darauffolgenden Zeit nie erlebt das ein Schüler das Handy rausrücken verweigert hätte, nicht mal auf dem Internat(alle schulabschlüsse theoretisch möglich) welches als „sammelplatz für schulversager und hochbegabte underachiever“ verschrieen war. Auf dem Gymi davor hat sich damals keiner getraut, das Handy einzuschalten, weil die ersten die das wagten ihr Handy laaaang nicht wiedergesehn haben.

      Aaaaber Frau Freitag, falls es sie beruhigt:
      Ich hab schon zweimal erlebt das einer Lehrerin die Hand ausgerutscht ist- nicht um ein Handy zu kriegen sondern klatsch ohrfeige. In BEIDEN Fällen- einmal Grundschule, einmal Internat war das aus meiner Sicht völlig gerechtfertigt! Grundschule- gab richtig ärger für die arme , ältere Lehrerin, die impulsiv reagiert hat als einer von uns grundschülern bei einer Orgelbesichtigung nach wiederholter aufforderung aufzuhören immer noch wie auf speed über die Orgel-empore tobte.

      Und Englischlehrer versuchte damit einen 6klässler dazuzubringen, seine wut nicht an den Autos der Schulleiter auszulassen. Hat auch funktioniert- und die frage, was denn sonst machen … der hatte keine wahl. Der kleine wurde zu dem zeitpunkt auf Conzerta eingestellt und drehte buchstäblich durch.

      tju, frau freitag, sie sehn, mir is das noch durch den Kopf gegangen.
      Sie haben das schon gut hingekriegt. Ich hab übrigens alle meiner ehemaligen Mitschüler, die ich nochmal getroffen hab, gefragt , wie sie heute darüber denken- und alle stehn hinter den „handgreiflichen“ lehrern.
      Ein paar Jahre abstand zu Schulzeit und schon machen Handlungen von Lehrern und Eltern auf einmal Sinn… und man ertappt sich, das mans genauso machen würde. jup, ich würde einen drittklässler der nach 5maliger aufforderung immer noch in ner kirche auf der orgelbühne tobt auch eine ohrfeige geben…damit er sich merkt das das überhaupt nicht , garkein bisschen, ok ist. naja, ich werde wohl keine lehrerin >,<

  5. Das ist seelische Folter, die Sie hier betreiben. Müssen wir jetzt etwa bis morgen warten, bis wir erfahren, wie die Geschichte ausgeht? Das ist wirklich nicht nett von Ihnen. 😦

  6. … also der Beste Mac Tipp überhaupt.. ich weiss gar nicht, ob man den so öffentlich posten darf, ohne das Steves SEK’ler sich vom Heli abseilen, ist….

  7. nneeeeiiinnn… noch ein Cliffhanger wie soll ich da beschwingt in den Sonnabend – abend (was für ein wortspiel) gehen

  8. Muss ehrlich sagen das ich die Aktion mit dem Handy ein wenig unnötig empfand. Warum als Lehrerin nicht einfach mal so cool reagieren und sagen „Willste du das ich dir ne SMS schreibe“ oftmals merkt man dann als Schüler das man etwas falsch macht(e). So ging es mir bis jetzt immer und jetzt wo ich als Päd. Personal ins Arbeitsleben entlassen werde möchte ich mir doch nicht gleich den Zorn aufhalsen.

    • Na, immer schön machen lassen und dann Witzchen reißen, dann entdecken die Kinder ihr schlechtes Gewissen dann doch von selbst… äh. Nö. Tun sie nicht. Die denken sich dann: Och, hat doch bis jetzt immer hingehauen, und wenn ich erwischt werde, werd ich auch nicht geschimpft.
      Dinge, die ich mit meinen Schülern schmerzlich lernen musste und die einen Schwanz hinter sich herzogen, der nicht mehr lustig war.
      Man kuckt ja über vieles hinweg, aber wenn man sich als Schüler so richtig bekloppt auffällig verhält, dann muss man auch damit leben, dass die Lehrkraft ihre Autorität auch nicht komplett untergraben lässt. Sowas ist schwer aufgebaut und ganz schnell wieder dahin. Das macht mich als Lehrer nicht zum Unmensch, da müsste ich schon schlimmeres anstellen.

  9. Also Frau Freitag, so geht das nun aber nicht,

    jetzt überspannen Sie aber den Bogen! Gestern schon Nägelkauend auf die Fortsetzung gewartet, nun schon wieder warten… Wer soll das denn aushalten, grummel…

    Beste Grüße Thomas

  10. Und dann? Was ist dann passiert?

    Und warum hast du sie nicht Skretariat geschafft? Also Mädel mit Fon. Oder laut gesagt, dass sie kriegt jetzt fette 6 in Mitarbeit, weil geht nich mit Handy, obwohl Handyverbot. Wären bestümmt alle voll geschockt gewesen. Und wenn sie hätte Handy immer noch gehabt, hätteste noch mal 6 geben können.

    Und wenn ich nicht orgendlich schreib Deutsch, gleich Hagelschauer kommt…

  11. Mhh … das jetzt neu hier – schon zum zweiten Mal ein Cliffhanger ..! Eigentlich unnötig, ich wäre auch ohne Fortsetzungspünktchen morgen wiedergekommen …

    Kollegiale Grüße vom linken Niederrhein.

  12. Was für ein Cliffhanger! Wie gemein!

    Ich finde es aber toll, dass sie auch eine solche, für Sie ja auch eher peinliche, Geschichte zum Besten geben. Und die Gedanken erklären, die einem währenddessen durch den Kopf gehen. Wie man sich fragt, was das bloß für ein bescheuerter Auftritt gerade war und wie man nur dazu gekommen ist, sonst ist man ja gar nicht so… Super, dass Sie so ehrlich sind!

  13. Meine Zeit als Schüler und Abiturient ist noch nicht so lange her.
    Und ich muss auch sagen: Ich fand das Handyverbot unnötig und empfinde es bis heute als eine Einschränkung. Nicht, dass ich jemals ein tolles Handy gehabt hätte. Habs seit acht Jahren das gleiche – es kann kein T9, hat keine Kamera und nur ein dämliches Fußballspiel. Die Klingeltöne sind auch nicht polyphon….
    Aber (!) meine Lehrer haben immer andere Möglichkeiten gefunden, als letztlich jemandem das Handy wegzunehmen. Auch ich betrachte es in den unteren Klassen als „wegnehmen von Eigentum“.
    Klar, ist es schwierig durchzusetzten, dass die Kids ihre Handys nicht nutzen, dass kann ich auch sehr gut nachvollziehen. Und nichts störte in ruhigen Arbeitsphasen so sehr, wie das ewige Tippen auf dem Handy oder ein Klingeln im Telefon. Ein Lehrer hat dann tatsächlich mal den „Soll ich dir mal ne SMS schreiben“-Spruch gebracht. Peinlich für die Lehrer wird es dann, wenn sie angerufen werden… Und wenn die Schüler keine Handys haben dürfen, sollen das die Lehrer auch nicht ^^

    Später hat sich der Handywahn übrigens gegeben. Da hattendie Leute alle eins in ihrer Hosentasche, sie waren lautlos, maximal auf Vibrieren eingestellt – ohne, dass jemandem das Handy weggenommen werden musste.

    Wenn es tatsächlich überhand nimmt und die Schüler anfangen, im Unterricht zu telefonieren, dann gehts natürlich zu weit.

    Ich hatte übrigens in der Oberstufe einen Englischlehrer, der in der mündlichen Mitarbeit knallhart sechsen verteilt hat. Nicht schön, aber jeder wusste, dass man was sagen musste, wenn er mal so gütig war und jemanden dran nahm. Da hat sich niemand auf die SMS konzentriert ^^

    Ansonsten muss ich aber sagen, fraufreitag, halte ich Sie für eine der kompetentesten Lehrerinnen, die mir bekannt sind – und für die von oben vorgegebenen Regeln können Sie natürlich auch nichts.

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