Zukunftscountdown

„Bald ist ja Anmeldeschluss bei den Oberstufenzentren.“ keiner sagt was. Alle Zehntklässler sitzen über ihre Blätter gebeugt und zeichnen lachende Blumen. Niemand will sich unterhalten, aber ich langweile mich. Meinen Papierkram habe ich erledigt, zum Schränkeaufräumen habe ich keine Lust und die Stunde dauert noch mindestens 25 Minuten.

„Thoja, was willst du denn eigentlich nach der Schule machen?“ Thoja ist zum Glück nicht in meiner Klasse. Sie wiederholt das zehnte Schuljahr, in der Hoffnung doch noch den Realschulabschluss zu ergattern. Ich habe ihre Noten schon gesehen und weiss, dass sie den auch diese Jahr nicht geschafft hat. “ Ich geh‘ Handel. Mein Freund macht ja auch mit Handel und so. Dann können wir Firma machen.“

„Was für eine Firma?“

„Na so Firma. Vielleicht mit Autoteile und so.“

„Aber Thoja, interessieren dich denn Autoteile?“ Keine Antwort ist auch eine Antwort, deshalb frage ich weiter: „Wenn du dir was aussuchen könntest, was würdest du denn für eine Firma haben wollen?“

„Klamotten.“ antwortet sie ohne lange nachzudenken. Wahrscheinlich wird sie Verkäuferin bei H&M. Oder sie eröffnet eine eigene H&M Filiale.

„Eigentlich wollte ich ja Designerin werden.“  informiert sie uns nun weiter. „Warum gehst du dann nicht Hauptstraße?“ fragt sie Selina. In der Hauptstraße befindet sich das Oberstufenzentrum für Bekleidung.

„Aboo, Hauptstraße ist voll Schrott. Ich kenne Leute die Hauptstraße gehen. Die lernen da nur nähen. Ich will ja Designerin werden.“ Den Rest dieser möglichen Konservation erspare ich mir, denn den kenne ich schon von Fatma, die ja nach eigenen Aussagen auch „Deseinerin“ werden wollte. Also wende ich mich Mustafa zu. Der ist in meiner Klasse und es interessiert mich wirklich, ob er sich jetzt endlich mal mit seiner eigenen Zukunft auseinandergesetzt hat.

„Musti, was ist mit dir. Was machst du im September?“

„Mann, Frau Freitag!!!!“ stöhnt er, wie er es seit einem dreiviertel Jahr tut. Dann grinst er verlegen und legt dramatisch den Kopf auf den Tisch. Aber diesmal lasse ich nicht locker. „Was Mann Frau Freitag. Was willst du denn werden?“

„Kein Plan.“

„Aber irgendwas musst du doch machen wollen.“ Dranbleiben, dranbleiben, dranbleiben. Musti kichert nur doch, denn jetzt starren ihn alle an. Ich beiße mich tiefer in seine Waden. „Mustafa, guck mal, du musst mal überlegen, was dir Spaß machen würde.“

„Feuerwehr.“

„Ich geh‘ zur Post.“ mischt sich plötzlich Fabian ein. „Super, Post ist gut. Post ist sehr gut.“ kommentiere ich. Fabian lächelt glücklich. „Haben die dich echt angenommen ja?“

„Ich geb‘ heute Bewerbung ab.“

„Na viel Glück, die nehmen dich bestimmt.“ sage ich und wende mich wieder meinem Hauptopfer zu. „Musti, warum gehst du nicht zum Oberstufenzentrum für Gesundheit. Ich könnte mir dich gut vorstellen in so einem pflegendem Beruf. Krankenpfleger. Das wäre doch was für dich.“

„Ha, alte Leute und so. Musst du Arsch abwischen.“ schreit Thoja vergnügt von hinten. Können wir diese Berufsrichtung also auch vergessen.

In den letzten Minuten der Stunde versucht die gesamte Gruppe Mustafas Zukunft zu planen. Ergebnis: offen. Ich bin sehr gespannt was aus ihm wird. Er wahrscheinlich auch.

„Na, Musti, irgendwo musst du dich allerdings anmelden, sonst hast du im Herbst gar nichts.“ versuche ich das Thema abzuschließend zusammenzufassen. „Aber Frau Freitag, vielleicht sterbe ich auch.“ Logik???

„Ja, Musti, vielleicht stirbst du übermorgen und wenn du dich morgen anmeldest, dann wäre das voll umsonst gewesen.“

Musti grinst. „Könnte ja sein.“

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Allgemein

20 Gedanken zu “Zukunftscountdown

  1. Mann, Frau Freitag, immer so am stressen. Der Junge hat doch noch voll viel Zeit. Ist er breit? Ich finde, dann soll er Sekuriti werden. Sagen Sie ihm das. Bei uns an der Schule wird bestimmt bald eine Stelle dafür eingerichtet.

  2. Na, hat der schon was und will es nur nicht sagen oder weiß der wirklich nicht was der machen soll?
    Allerdings wusste ich das zu dem Zeitpunkt auch nicht, und deshalb erstmal zur HöHa und dan weiterschauen. man hat dann ja nochmal 2 Jahre zum Überlegen.
    Tjao, und jetzt? Jetzt hab ich Kinder …

  3. Ich fands ganz schecklich in der 9. Klasse rs zu entscheiden, was ich den Rest meines Lebens machen soll.
    2000 Umwege später, 2 Ausbildungen, Studien, etc. Bin ich nun Journalistin….

  4. Wege entstehen beim Gehen … hat man mir mal gesagt.

    Aber wenn man nicht geht? Nicht mal fährt?
    Ich habs: In einigen Städten Südafrikas gibts angeblich vor öffentlichen Toiletten so Menschen, die dir dein Klopapier geben. Du sagst „Pee“ oder „pu“ und dann kriegst du ein bisschen oder eben ein bisschen mehr.
    Auf den öffentlichen Klos solls kein Papier geben und so wird dafür gesorgt, dass keines verschwendet wird oder ganze Rollen Bekanntschaft mit Herrn Abfluss machen.
    Das hat mir jedenfalls unsere Praktikantin erzählt, die dort mal ein Auslandssemester gemacht hat …

    Er würde was zur Umwelt beitragen und hat eine sehr wichtige Aufgabe. Nicht auszudenken, wenn Touristen, schwer „beladen“ mit all dem fremdländischen Essen dringend eine Toilette suchen und der Papiergeber sich verkalkuliert …
    Er kann natürlich wahlweise auch Baustellenwarnschild-Träger werden … Und er würde etwas von der Welt sehen! Kulturelle Bildung inklusive!

    • ich werde mustafa sagen, dass er dir, wenn du irgendwann mal im Krankenhaus oder im altersheim bist und er dort pfleger, dass er dir dann nicht zu viel klopapier geben soll.

      • Wenn ICH im Altersheim bin, dann gibts gar kein Klopapier mehr … nur noch Staubsauger 😉

  5. Anstatt Securiti wäre doch vielleicht die Bundeswehr eine Alternative. Die hat doch Nachwuchssorgen. Und da wäre auch eventuell vom Heli abseilen drin. Oder Fallschirmspringen. SEK war gestern, KSK ist king, vallah!
    Um mal wieder ernsthafter zu werden, ich finds auch schade das die Kinder anscheinend nicht wissen was sie machen sollen. Ging mir aber in dem Alter nicht anders, nur das ich auf der Gymnasiums-Schulle automatisch in die Oberstufe gezogen bin. Ich wusste auch nach dem Abi nicht so genau wohin und bin da tatsächlich der Bundeswehr für den Wehrdienst dankbar, weil ich da gelernt habe was ich schonmal definitiv nicht machen wollte… 😉 Bekommen die Kinder denn zuhause keine Perspektiven?
    Übrigens, sie haben (mal wieder) sehr guten Geschmack bei der Wahl des Videos gewählt. Captain Future ist (oder eher war?) auch voll king.

  6. Lieber Musti!

    Du brauchst Dich gar nicht zu ringeln oder gar zu schämen, Beruf aussuchen ist worst of all!

    Und geh bloooß nich zur Bundeswehr, du bist doch kein Kanonenfutter!

  7. Und der Arsch Guttenberg, der soll man gleich seine Pension „zurückgeben“.

    für sowas kriegt der jetzt auf ewig ein Schweinegeld.

    unfair vallah! Revoluuuuuution vallah!

  8. ach Käptn Fjutscher,…(ein Eunuch ohne Eier)!
    aber irgendwie hat mich diese schule sünti mucke damals schon generft!!
    als ob dieses ganze samstagnachmittag programm nur aus hohen tönen und dem bayrischen akzent der ansager bestanden hätte, so kommt es mir im nachhinein vor…
    Rappelkiste war doch der einzichste KING!!!

  9. ich lese ja eigentlich nur still mit gebe aber zu ich bin ein bissel schockiert…gibt es denn keine Berufsberatung mehr? Eltern die dahinter stehen? Haben die Kids echt keinen Plan? Die Thematik ist bei mir schon ein bissel her und betrifft mich auch erst in 10 Jahren wieder…deshalb die doofen Fragen 😉

  10. Wenns die Thoja, mit dem „DESEIN“ ernst meint, kannst du ihr mal freundlich bestellen, dass ein Designer immer das Handwerk, dass seiner Fachrichtung zugruned liegt, im Ansatz lernen muss. Ich habe die ersten zwei Semester 14/6/350 Modelle geklebt, Tischlerei geübt, und industrielle Produktionsverfahren gepaukt. Von Geschichte des Produktdesigns und richtigen Projekten mal ganz abgesehen.

    Und das Wort „abooo“ kenne ich nicht. Leute die so ein Wort kennen, kommen nicht durch den Eignungstest.

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