Future 2

(So, nun da ich den Text wiedergefunden habe, kann ich ihn endlich mal reinstellen. Hier also die Fortsetzung:)

Okay, also, ich schleiche mich ran. Von vorne laut zu fragen, wie sie sich ihre Zukunft vorstellen klappt irgendwie nicht so gut. Das habe ich nun schon so oft probiert, also muss jetzt mal eine andere Methode her. „Aktives Zuhören auf Augenhöhe“, soll es heute mal sein. Ich ziehe mir also einen Stuhl an den Mädchentisch und setze mich. Ich sehe jetzt aus, wie eine von ihnen. Also nicht so sehr von den Klamotten und dem Make-up, aber von der Größe. Zur Zeit ist es ja in der Moslem-Mode-Szene angesagt unter dem Kopftuch einen derartigen Alarm mit Dutt, Tüchern und so was zu machen, dass sich das Tuch wie ein riesiger Ballon um und überm Kopf aufbauscht. Manchmal muss ich diese Türme einfach anfassen und fragen, was da so drin ist: „Ist das alles Gehirn oder ist dein Schädel angeschwollen?“

Auf den Tischen türmen sich Handtaschen. Seit vier Jahren legen die Mädchen in jeder Stunde ihre blöden Täschchen auf die Tische, obwohl wir an jedem Tisch Haken haben. Auch wenn sie schreiben werden die Taschen nicht weggepackt. Der Anblick von Arbeitsblättern und Büchern zwischen lauter Handtaschen ist für mich sehr schwer zu ertragen. Die Tische sind ohnehin schon sehr schmal und dann liegen die Blätter und Bücher auch noch schief. Schiefes Liegen ist bei mit eine Todsünde. Diese Handtaschen… oh Mann, sie sind mir ein Dorn im Auge. Ganz schlimm sind die weißen. Die tun so als seien sie aus Leder, aber alles Plastik, vallah. In schwarz sind sie auch nicht besser. Hautfarbe geht gar nicht, aber direkt aus der ästhetischen Vorhölle kommen die Teile, die so halbrunde Kugelnieten überall haben. Diese Morgensternbeutel. In schwarz und die Krönung des Augenkrebses – in weiß. Ich stelle mir immer vor, wie die Mädchen damit ausholen und ihren Kontrahentinnen ihre Plastikteile über den Kopf ziehen. Platzwunden gäbe es auf jeden Fall.

‚Könntet ihr mal die Taschen runternehmen?‘ denke ich reflexisch, sage aber diesmal nichts. Nicht gleich die Beziehungsebene zerstören. Dieses kleine zarte Pflänzchen – die gute Beziehung zu den Schülern – dieses scheue einsame Tier.
„Na ihr Süßen, wie sieht es bei euch aus? Ihr habt es gut. Bald ist für euch die Schule vorbei. Ich muss für immer hierbleiben, aber ihr – ihr könnt dann raus ins Leben. Action, Abenteuer, the sky is the limit.“
Keine Reaktion.
Elif guckt mich fast ängstlich an. Ich warte. Keine sagt was. Miriam guckt auf den Boden. Zu ihrer häßlichen Tasche.
„Mensch Mädchens, nun guckt doch nicht so traurig. Was habt ihr denn so geplant? Was soll denn im September passieren?“
„Ich will Schule wiederholen.“ sagt Fatma.
„Aber doch nicht hier, oder?“ frage ich – mit einem etwas zu entsetztem Ton. „Guck mal Fatma, die werden dich hier bestimmt nicht nehmen. Was ist denn dein Plan B? Du solltest dich wirklich auch noch an einem Oberstufenzentrum bewerben.“
„Will ich aber nicht.“
„Hmm, schlecht. Und ihr? Was wollt ihr denn machen?“
„Weiß nicht.“
„Keine Ahnung.“
„Oh Mann Kinder, das darf doch nicht wahr sein. Ihr müsst euch doch mal um eure Zukunft kümmern. Ihr müsst euch irgendwo bewerben.“ Ich merke, wie ich langsam wieder in meine alte Leier einstimme.
„Ich dachte vielleicht mache ich „OSZ Mode“, da kann ich Nähen lernen.“ flüstert Elif. Ich will sie gerade loben für diesen tollen Plan, da schiebt sie noch hinterher: „…ist auch gut für Ehe.“
GUT FÜR EHE???? Da platzt mir fast der Kragen. Aus und vorbei mit meiner vorsichtigen Beziehungsarbeit. Sofort nehme ich einen sarkastischen Ton an: „EHE. GUT FÜR EHE. SUPER! Kannst doch gleich heiraten, dann bleibst du zu Hause, bekommst jedes Jahr ein Kind und kochst, dann musst du auch gar nicht mehr rausgehen…“ ich bin so in Fahrt, dass ich gar nicht merke, wie sich Elif gerade hinsetzt und ein sehr unzufriedenes Gesicht macht.
„Nein, das will ich ja gar nicht.“ sagt sie überzeugend. „Aber wer nimmt mich denn mit Kopftuch?“

(Mist, jetzt muss ich zum Zahnarzt. Muss ja auch einer machen. Ich denke, die Fortsetzung folgt mal wieder. Hört ja leider nie auf. Bis denne.)

Advertisements
Allgemein

20 Gedanken zu “Future 2

  1. Kopftücher sind beim Thema Ausbildung ein erhebliches Problem.

    Da scheinen alle anderen Kompetenzen völlig in den Hintergrund zu treten – egal wie gut die junge Frau auch sein mag, das Kopftuch ist der Ausschlussgrund.
    Wir hatten bei uns in der Maßnahme mehrfach solche Fälle, wo Teilnehmer gute Leistungen erbracht haben, positive Rückmeldungen und erstklassige Praktikumsbewertungen erhalten haben – aber sobald es um die Ausbildung geht, das eigentliche Ziel, war die Sache gelaufen.

    Und das ist einfach nur Schade.

  2. Das „aktive Zuhören auf Augenhöhe mit ganz viel Beziehungsebene“ scheint genauso gut zu funktionieren wie die „engagierte Gelassenheit“ neulich 🙂

    >>Schiefes Liegen ist bei mit eine Todsünde. <<

    Ohoh.. erste Anzeichen von OCD Obsessive Compulsive Disorder?

    Frau Freitag, Sie brauchen dringend Erholung. Da gibts auch ne App dafür, z.b. der Meeresrauschen Generator 🙂

  3. Das ist nicht muslimischen Maedels vorbehalten.
    Als ich damals™ nach der Realschule Abi machen wollte, kam der Spruch von meiner Mutter: „Aber wieso denn? Du heiratest doch spaeter sowieso und bekommst Kinder!“
    Das war 1994.

  4. Hallo Frau Freitag,

    diese Taschen mit den hübsch-hässlichen Nieten sind aus der ästhetischen Vorhölle, eine Steigerung zu „Auf-dem-Tisch-Liegen“ haben meine Schülerinnen, nämlich das „Auf dem Schoß Haben“. Sie sitzen da eingekuschelt in einer Einheit, wie eine Amme mit einem Kind, die Schülerin und ihre Tasche… Bewegungsfreiheit wird eindeutig überbewertet.

    Ich frage mich immer wieder, warum wir uns so einen Kopf um die Zukunft der Kinder machen, macht ja sonst keiner…

    Ich habe da ein Nicht-Migrations-Exemplar, der strebt nach der 10. Klasse ein Eigengewerbe an.
    „Wie willst du das denn finanzieren?“ „Hab Taschengeld“ „Was willst du denn für ein Eigengewerbe machen?“ „Keine Ahnung, aber ich werde extrem reich, sie werden schon sehen, wenn ich erstmal im Fernseh bei Stern TV als reichster Unternehmer bin…“ „Du solltest aber doch eine gewinnbringende Idee haben“ „Ich hab‘ schon noch eine, machen sie sich keine Sorgen“…einige Tage später… „Ich weiß, was ich machen werde!“ „Na, da bin ich aber mal gespannt.“ „Ich habe bei landwirt dot com geschaut und ich kauf mir eine Kuh!“ „Ähm, du weißt schon, dass wir in einer Großstadt leben und da kein Platz für eine Kuh ist“ „Kein Problem, ich kauf mir auch noch einen Bauernhof in Bayern und wenn das mit der Kuh nicht klappt, geh ich zu „Bauer sucht Frau““.

    Man muss sie lieben…

      • ich finde es aber toll, dass wir sie haben, sonst wäre mein Alltag um einiges Entspannter, das ist ja auf Dauer auch nicht schön…

      • allerdings – das meinte ich zu : man muss sie lieben. und das tun wir doch. sie lieben und uns jeden tag aufs neue über sie bepfeifen.

      • mir tun nur die Kollegen leid, die den Schüler als natürlichen Feind ansehen, denn die haben gar nichts mehr zu lachen, weder im Leben, in ihrem Job, noch über die Schüler

  5. Ach gott, klingt ja nicht gerade positiv. :/ Berichten Sie uns auch, wie es mit Ihren Kindern dann wirklich weitergeht? Oder bekommt man das als (ehemaliger) Lehrer danach überhaupt nicht mehr mit?

  6. Ich muss mich wiederholen: möchte auch mal mega-hinterkopf haben und musikvideo mit frau freitag machen. verschleiert erkennt man uns ja dann nicht!
    also bitte mal nach berlin kommen mit viel Haarteilen und viel stoff!

  7. Jaja, die lieben Kleinen und ihre Zukunftspläne. Von meiner letzten Abschlussklasse haben nur zwei Schüler eine Ausbildung begonnen. Die einen haben im Praktikum die Erfahrung gemacht, dass Arbeiten anstrengend und somit nichts für sie ist, die anderen wollten weiterhin zur Schule gehen und sich dieses Mal RICHTIG anstrengen. 😉

  8. oh man …. also da zieh ich vor jedem Lehrer meinen Hut.

    Ich würd soooooooooo ausrasten und jeden erstmal schütteln, bis sie zur Vernunft kommen….

    Was allerdings dauern kann. deshal würde man Geschichten über mich verfassen mit dem Ende: „… und wenn sie nicht gestorben ist, so schüttelt sie noch heute.“

    Ein „Chapeau!“ an die Damen und Herren der Lehrerzunft…

  9. Auf die Gefahr hin, jetzt total zerissen zu werden. Es gibt auch junge Beziehungen in denen das traditionelle Rollenbild gut funktioniert. Klar ist ne Ausbildung nicht schlecht, aber es gibt auch andere Lebensmodelle.

    Außerdem erspart Elif sich die Doppelbelastung mit Beruf und Haushalt. Solange der Partner (ich schreibe absichtlicht Partner und nicht Mann) genügend verdient…so what?

    • stimmt auch wieder. sollte aber eine bewußte entscheidung sein und nicht die notlösung, weil man zu faul war, sich um irgendwas zu kümmern.

Kommentar verfassen

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden / Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden / Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden / Ändern )

Google+ Foto

Du kommentierst mit Deinem Google+-Konto. Abmelden / Ändern )

Verbinde mit %s