Integration kommt schneller als man denkt

„Do you speak German or Turkish at home?“
„I speak Turkish with my mother and German with my brothers.“
Wir üben für die Englischprüfung. Ich führe an Elif vor wie der Anfang aussehen könnte. Meine Klasse ist so schlecht, dass sie wahrscheinlich alles auswendig lernen muss und Hakan wird dann trotzdem in der Prüfung peinlich berührt grinsen, seinen Kopf auf den Tisch legen und entschuldigend sagen: „Mann, Frau Freitag, ich kann kein Englisch.“
„And Elif, is your Turkish better than your German?“
„Nooooo! German is better.“
Elif, Kopftuch, Hello-Kitty Galore und immer bis zum Anschlag geschminkt. „So do you feel more German or Turkish?“
„German.“
„And what about you Abdul, how about you Arabic? Better than your German?“
„No way!“
„Abdul, tell us about the place your parents come from.“
„It’s a village.“
Er stoppt, guckt mich an, grinst: „Frau Freitag, aber jetzt nicht so Dorf wie…“
„English, please!“
„It is not little village like you think.“
„It is big village?“ (Sprachanpassung – der Kommunikation geschuldet.)
„No is not big village but every people have house. Big house and all peoples works. Da gibs W-Lan!!!“
Trotz der Beschreibung von lauter Einfamilienhäusern im Libanon, sehe ich Tumbleweed durch die Wüste rollen, Schafe und Beduinen. Irgendwie scheint Abdul das zu merken.
„Ist nicht Dorf wie Sie denken, Frau Freitag. Alle haben Häuser.“
„Und ihr habt das größte Haus, oder?“
„Ja. Meine Familie ist die größte Familie dort.“
„And your cousins, do they speak any German?“
„No.“
„So you speak Arabic with them. Do they laugh about you?“
„No. It is normally for them.“ Normally – das lieben die Schüler. Und for them hat Abdul wahrscheinlich auch nicht hinbekommen.
Ich frage, ob er denn auch Arabisch schreiben kann. Er klärt uns darüber auf, dass man ja von rechts nach links schreibt – „Wie die Japaner.“
Insgesamt erfahren wir viel über türkische Dörfer, syrische Grenzgebiete und wie man von Deutschland nach Sizilien kommt. „Dort im Dorf gäbe es einen Raum, wo man alles über die Mafia erfahren kann.“ Den Part habe ich nicht ganz verstanden.
Ich bekomme Fernweh. Ich will auch meine Oma im Libanon besuchen. Ich will das leckere türkische Essen, was mir ständig gereicht wird, wenn ich einmal im Jahr in „unser Dorf“ komme. Ich will mit meinen 1000 Cousins im Meer spielen – oder auf dem Dorfplatz – die wenigstens haben „unser Dorf“ am Meer. Können die Schüler mich nicht mal mitnehmen? Ich wäre auch voll höflich und nett und immer Schuhe aus und so. Und ich würde auch mit beten. Täte meiner Wirbelsäule gut. Ist ja wie ein gehockter Sonnengruß.

Ach, die haben es schon gut. Ronnie, Peter und ich gucken ganz neidisch. „Jetzt müssen Sie aber Peter auch fragen, wo seine Familie herkommt.“ sagt Abdul.
Und dann erzählt uns Peter, wie ungern er in Deutschland lebt und dass er unbedingt auswandern will. Wir sind alle baff. „Wohin denn?“ „Great Britain or America.“ Und das alles in herlichstem Englisch.
What a nice lesson.

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Allgemein

22 Gedanken zu “Integration kommt schneller als man denkt

  1. das essen ist auf jeden fall lecker, besonders die rote linsensuppe und alle arten cous cous. ansonsten gebe ich zu bedenken, dass „dasdorf“ sehr oft mitten im staubigen binnenland liegt und dass dort meist der hund begraben ist (gähn). hatte bereits das vergnügen mich dort einige jahre zu langweilen und bin daher ganz dankbar über mein western city life…

  2. Oh, mein Englisch ist inzwischen so schlecht. Ich erinnere mich, dass man „normal“ meiden sollte sollte weil es rasch in Richtung Geisteszustand verstanden wird und man deswegen lieber „common“ oder „usual“ nehmen sollte? Oder geht es um „normally“? Und ist das nun richtig oder falsch verwendet?

    • ganz genau – man sollte gar nicht normal benutzen. und wenn schon normal, dann doch auf keinen fall normally.

  3. Ich habe ein „unser Dorf“ es liegt in einem wunderschönen Mittelgebirge alles ist Grün und man hört nachts keine Autos…aber alle gucken komisch wenn ich zu viel darüber spreche und dabei verträumt in die ferne gucke…ist wahrscheinlich nicht exotisch genug

  4. Cool!
    Wieso lieben sie „normally“? sagen sie das so gerne oder ist das der meistbegangene Fehler?
    Ich finde die sprechen ganz ok englisch, wie gesagt: gelungene Kommunikation!!!

    lassen Sie sich bitte noch schöne Witze aus der arabischen Welt erzählen!
    Ich hätte da auch ein paar auf Lager!

    übrigens fand ich grad neuste Formulierung: migrantischer Hintergrund, in Stellenausschreibung
    das klingt doof finde ich
    außerdem bei Ihren „3rd generation kids“, finden Sie da Migrationshintergrund gerechtfertigt?
    es gibt auch den Ausdruck 3rd culture

    • ich würde einfach sagen, das sind abdul, elif, mehmet usw. hintegrund ist doch schnuppe. und „normally“ sagen die immer für normal.

  5. Hello Kitty galore, very funny!

    you could show song from Pussy Galore!
    🙂
    ist glaube ich ne Punkband (gewesen).

  6. Liebe Frau Freitag,
    verraten Sie mir, ob Sie die Aurotin des Buches „Chill mal, Frau Freitag“ sind. Denn wenn ja, hat mich der Schreibstil, den ich hier lesen und bekichern kann absolut überzeugt und das Buch ist so gut wie gekauft…Ich bitte Sie, mir kurz zu antworten und entschuldige gleichzeitig den Umstand, diesen Weg über das Kommentieren gewählt zu haben. Aber eine andere Möglichkeit Sie zu kontaktieren sah ich nicht…
    lg
    SvD

  7. Pidgin-English zu lehren, wenn die Leute nur Pidgin-Deutsch sprechen, und sich damit horizontal auf der Ebene der unterschiedlichen Sprachvarietäten zu bewegen, klingt logisch.

    • sometimes pigeon is art

      sometimes its world communicating with a language that happens to be the most widely used aber eigentlich gehört es den briten vielleicht nicht mehr!

  8. „Chill mal“ ist (für mich) kein Pidgin-Deutsch sondern eben neues Deutsch

    Jeder hat jeden Tag die Chance neue Redewendungen zu erfinden.

    Und wenn sich Kulturen begegnen, entstehen neue Dialekte und neue Sprüche.

    Damit will ich nicht sagen, dass die Kinder in der Schule nicht „korrektes“ Englisch lernen sollen.
    Wohl aber will ich meinen dass es erst mal wichtiger ist die Leute zum Reden zu bringen. Wie man das dann beurteilt am Ende des Schuljahres, soweit bin ich mit meinen Gedanken noch nicht gekommen. Aber vielleicht urteilt das dt. Schulsystem ja zu kognitiv und erlaubt zuwenig Sprachkreativität.

    Oder vielleicht freuen sich zu wenig Leute an interessanten Redewendungen, die nur dadurch zustande kommen, das der Mensch auch 2. und 3. Sprachen kennt.

    • ich könnte gar nicht mehr ohne diese sprachkreativität. wie langweilig das wäre. könnte ich ja gleich im BÜRO ARBEITEN und jeden tag irgendwas stempeln…

  9. ich glaube der clue an der Geschichte ist, dass derjenige, der hier vor hat auszuwandern, Englisch beherrscht. Während es anderen Falles so ausschaut, dass Eltern/Kinder nichtmal die Sprache des Landes erlernen (wollen/können/müssen), in dem sie , meist zumindest, bereits so lange leben.

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