Eingeschrängt bis zum get-no

Wir üben für die Englischarbeit. Lesen einen Text – angeblich ein Blog – Lehrbücher asseln sich immer an Trends ran – über einen Jungen, der sich fragt, ob er nach der Schule den Job annehmen soll, den man ihm angeboten hat oder lieber für ein Jahr reisen soll. „Wisst ihr denn, was ein Blog ist?“ frage ich. „Ein Forum.“ antwortet einer. „Ja, ja, ist so was wie ein Forum.“ Jedenfalls fragt dieser Typ etwas und andere Leute antworten ihm.

Ich denke: was ist das für eine bekloppte Frage? Natürlich soll der reisen. Ein Jahr – klar – möglichst noch länger. Wir krepeln uns gemeinsam durch den Text. Übersetzen so unbekannte Worte – wie travelling. Und dann die Antworten – oder die Ratschläge. Einer sagt, dass man ohne Geld nicht reisen kann und gibt den Tipp, erstmal zu arbeiten. Der nächste schreibt, dass der Fragende doch work-and-travel machen kann. Work-and-travel erschließt sich meinen Schülern nicht, da wir travelling ja schon 7 Zeilen früher übersetzt hatten. Ich erkläre also, wie das funktioniert, weil ich das auch schon mal gemacht habe. Einige Schüler sind interessiert, andere quatschen leise vor sich hin, Elif ist gut drauf und summt ein wenig und Peter hat wieder keinen Stift dabei und sich deshalb schon mal geistig abgemeldet.

Bilal guckt mich verwirrt an: „Aber ich kann doch nicht in ein Land gehen, also nach Amerika oder so, wenn ich die Sprache gar nicht spreche.“ „Na, die lernst du doch da, Trottel.“ sagt Abdul, der das Prinzip etwas besser verstanden hat. Ich erkläre wie das genau geht, was das Visum und die ganze Sache vor 100 Jahren gekostet hat und plötzlich schaltet sich Elif ein: „Ähhh, aber wieso sollten die einem denn in einem anderen Land einen Job geben. Die kennen einen doch gar nicht.“ Hääää, denke ich jetzt. „Elif, bekommt man denn in Deutschland nur einen Job, wenn man den Arbeitgeber kennt?“ Langsam wird mir klar, warum sich Elif noch nicht beworben hat, sie kennt einfach keine Arbeitgeber. „Nein, aber ich meine, wenn Sie die Sprache nicht gut können…“

„Na, die sollst und wirst du doch da lernen. Wenn du ein Jahr in Amerika bist, dann lernst du doch auch Englisch. Und die Jobs sind natürlich nur so Hilfsjobs – kellnern, Tische abräumen, Teller waschen – die stellen dich da jetzt nicht als Polizist oder Büroangestellter ein.“

Das Konzept Auslandsaufenthalt kennen meine Schüler überhaupt nicht. Bilal denkt immer noch über den Sprachzuwachs nach: „Aber Frau Freitag, dass kann doch nicht sein, dass man die Sprache dort so schnell lernt. Ich wohne jetzt seit 15 Jahren hier und spreche immer noch so schlecht.“ Und recht hat er. Jede Präposition ist falsch und die Artikel…auweia. „Bilal, wenn du NUR mit Deutschen, die alle gut deutsch sprechen reden würdest, dann wäre dein deutsch auch besser.“

Diese Antwort scheint ihm einzuleuchten und er versinkt in seinen Gedanken.

„Wer von euch könnte sich denn vorstellen ein Jahr ins Ausland zu gehen.“ Ich spreche jeden persönlich an: „Bilal? Abdul…“ Die Jungs haben durchaus Interesse. Dann frage ich Elif. „IIIIIch? Allleine? Niemals!“ Miriam und Fatma können sich ebenfalls ÜBERHAUPT nicht vorstellen irgendwo anders als in ihrem kleinen Teil der Stadt zu wohnen. Typisch denke ich… Tellerrand und nicht weiter. „Elif, du traust dich noch nicht mal in einen anderen Stadtteil zu gehen, oder?“
Sie denkt nach. „Doch, aber nicht alleine. Und nicht lange.“

Advertisements
Allgemein

37 Gedanken zu “Eingeschrängt bis zum get-no

  1. Ja und wo waren Sie?

    Ich war Marilyn Monroe/Jane Russell: „We’r just two little girls from Little Rock“.

    Der schönste Satz war von einem schwarzen Mädchen mit heftigstem Arkansas-Akzent: „This prom wasn’t even worth shavin‘ MAAAAA leeegs foooo'“

  2. Ich lese seit einigen Tagen interessiert mit (bin über den Anti-Nazi-Aufruf von kids&me aufmerksam geworden) und würde gerne wissen, ob ich das richtig verstanden habe: Realschullehrerin für Kunst und Englisch ? Weil das klingt eher nach Neu-Köln, Hauptschule

    • Nein, natürlich nicht und wenn Sie das Buch mal in der Hand haben – da stehen hinten auch die Adressen der Schüler drin.

      • Warum so spöttisch? Ich war davon ausgegangen, fragte mich allerdings, wie Sie dann schreiben: Einer Person immer den selben Namen geben und das dann im Kopf behalten? Oder bestimmte Situationen einer Fantasieperson zuordnen?

        Reale Lehrer- und Schüleridentitäten interessieren mich nicht, sorry. Sie müssen sich Ihre Gehaltsaufbesserung woanders holen, Frl. Krise.

      • sorry, aber ich wollte das einfach mal schreiben, weil ich das so oft gefragt werde. die schüler haben bei mir ihre eigenen (von mir ausgedachten) namen. oft auch unterschiedliche. kommt ja eher drauf an was sie sagen und nicht so sehr wer was sagt. und frl. krise verdient sich – by the way – dumm und dämlich.

      • Vielleicht wäre in dem Fall ein FAQ keine schlechte Alternative.

        Danke auf jeden Fall für die Antwort.

  3. Oh ja, direkt reisen nach der Schule, schön wärs. Hätte ich auch gerne gemacht, leider fehlte das nötige Kleingeld … ;-(

      • Da fehlte der Mut. Gearbeitet hab ich zwei Jahre, jetzt kommt Studium und nach, bzw. während des Studiums gehts dann umme Welt 🙂 Hab jetzt auch jemand festes, der da mitmacht. Alleine wäre ja auch doof …

      • Das Visum bekommt man nur nicht ganz so einfach. Kanada verteilt nur sehr wenige und selbst Australien hatte Ende des Jahres keine mehr an Deutsche verteilt, da zu viele hier sind.

  4. „Work-and-travel erschließt sich meinen Schülern nicht, da wir travelling ja schon 7 Zeilen früher übersetzt hatten“ –> brüll! da möcht ich gern mal dabei sein.
    ich gratuliere mir, das ist der erste blog den ich lese, und gleich prima!
    schreib ein buch, fraufreitag! (und warum ist man hier per Sie?)
    liebe grüße aus der auchnicht-weltstadt graz

    • vielen dank und gratulation auch von mir. man ist hier per Sie, weil es ja frau freitag heißt. ein buch habe ich bereits geschrieben. heißt chill mal, frau freitag.

  5. Das ich dieses nicht vorhandene Interesse nicht verstehen kann ist klar, oder? 😉
    Und ich versteh auch nicht woran es liegt. Sollte jetzt einer mit dem Argument kommen, dass es in den Familien bestimmt nicht erlaubt ist, von wegen, sonst wären meine zwei Zimmermitbewohnerinnen nicht hier, im 8-Bett Zimmer, welches auch noch gemischt ist.

  6. Hmm.. Work & Travel ist genial. Im Internet einen Job organisiert, vorher noch ein bissl in der Fabrik vor Ort gearbeitet, um etwas Startkapital zu haben und ab in den Flieger..

    Genauso hab ich das gemacht. Und bin dann erst mal 5 Jahre dort geblieben.. dort noch „mit meine Frau geheiratet.“

    Doch, würde ich jederzeit wieder machen. Nächstes Mal würde ich allerdings die 4 Wochen bis zur Abiprüfung noch abwarten.

  7. Dabei ist ein Auslandsaufenthalt so hilfreich. Für sich selber und so. Manchmal trifft man dabei auch jemanden, den man heiraten kann. Nix mit Cousinen und Cousins und so. 🙂

  8. bildungsferne leute finden die ganze idee des auslands, von pauschalreisen aus dem katalog mal abgesehen, meistens mehr als absurd bis bizarr. horinzont, tellerrand und so. das zufällig bildungsferne gerne mit migrationshintergrund korelliert (zwei r? zwei l?) in diesem schönen land ist tragisch bis traurig…

  9. Hehe,
    das hört sich doch wirklich mal nach Schulalltag an. Hut ab, dass man in solchen Situationen immer noch gelassen sein kann. Ich würde da sicherlich anderes reagieren, bin aber auch kein Lehrer.

  10. Das erinnert mich fatal an die Vorstadt-Franzosen, die ich 7 Monate lang bespaßt habe…auf die Frage, ob sie denn vielleicht mal ihre (ehrlich gesagt mehr als rudimentären) Deutschkenntnisse irgendwann mal in Deutschland ausprobieren wollen, vielleicht sogar hier studieren, gab’s bloß entgeisterte Gesichter – viel zu weit weg von den Freunden und so!

Kommentar verfassen

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden / Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden / Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden / Ändern )

Google+ Foto

Du kommentierst mit Deinem Google+-Konto. Abmelden / Ändern )

Verbinde mit %s