Dschääääingisss


„Frau Freitag?“
„Ja, Dschingis?“
„Was haben Lehrer für Gedanken?“

Dschingis guckt gar nicht von seiner Zeichnung auf. Er sitzt direkt vor mir, die anderen Schüler sind im Raum verteilt und hören uns nicht.
„Was meinst du? Was für Gedanken?“ frage ich ihn.
Jetzt legt er den Bleistift weg und guckt mich an: „Was denken Lehrer so? Ich würde gerne wissen, wie die so denken.“

Im Paralleluniversum, in dem es keine Atomkraftwerke und keinen Krieg gibt, keine Bildzeitung und keine Häme, wo überall orangene Tulpen wachsen und es immer Frühling ist – da sage ich:

„Dschingis, wenn dich das wirklich interessiert – ich schreibe das jeden Tag auf. In so ein Blog.“
„Blog? Auf einen Schreibblock?“
„Na, ist wie ein Schreibblock im Internet. Da schreibe ich jeden Tag, was für Gedanken ich habe. Und ich habe jetzt auch ein Buch geschrieben. Das heißt Chill mal… “
„Sie haben ein Buch geschrieben?“
„Ja, warum nicht.“
„Cool.“
„Wenn du willst bringe ich dir das mal mit. Das kannst du ja dann lesen. Du kommst auch drin vor.“
„Echt? Ich?“
„Ja, von vor zwei Jahren, weißt du noch, wie du immer so genervt hast?“
Er grinst und nickt.
„Ich beschreibe dich aber recht liebenswert. Weil du warst ja irgendwie auch ganz süß.“
„Bin ich doch immer noch.“
„Ja, bist du immer noch. Und jetzt nervst du auch nicht mehr so doll.“
„Sie auch nicht. Und das Buch… ja, würde ich gerne lesen.“

In er Realität sage ich:

„Was meinst du?“
„Na, was denken die Lehrer über die Schüler?“
„Also, ich verstehe z.B. nicht, warum meine Schüler immer so viel schwänzen. Also die in meiner Klasse und das ärgert mich. Das macht mich richtig wütend. Weil die sich ja ihren Schulabschluss versauen.“
„Das macht Sie wütend?“
„Ja, voll, weil die eigentlich gute Noten haben könnten.“
„Ich glaube vielen Lehrern sind die Schüler egal.“
„Meinst du? Aber nicht den Klassenlehrern. Was sagt denn Herr Werner. Was meinst du denn, was der über euch denkt.“

„Ich glaube der denkt so, dass wir so seine Jungs sind, auf die er sich verlassen kann, aber wenn er zu Hause ist, dann denkt er, dass wir keine Zukunft haben.“
„Und was meinst du? Meinst du ihr habt eine Zukunft?“
„Klar, ich will doch auch nicht später nur rumhängen und nichts arbeiten.“
„Aber Dschingis, ich höre hier so oft, das den Schülern alles egal ist und blah blah blah, Harz4 und chilln und so weiter.“
„Ach, das sagen die doch nur um cool zu sein. Eigentlich ist denen ihre Zukunft gar nicht egal.“

Dschingis grinst mich an. Das aus dem was wird habe ich noch nie bezweifelt. Ich bin kurz davor ihm den Namen meines Blogs aufzuschreiben, aber dann klingelt es.

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Allgemein

13 Gedanken zu “Dschääääingisss

  1. Neulich dachte ich bei einem Blogeintrag, in dem die Schüler vom Hölzchen aufs Stöckchen kommen, dass die eigentlich schon was wissen wollen. Nur leider nie gerade das was in der Stunde Thema ist. Und ich hatte beim Lesen nicht das Gefühl, dass die das nur fragen, weil sie keinen Unterricht machen wollen. Sondern weil sie einfach von vielen Dingen keine Ahnung haben, aber auch nicht wissen, wen sie fragen sollen bzw. können.

    Wie kann man das nur geschickter nutzen?

  2. Nee, Moment, Löschen ist auch doof. Kannst du die Anzahl der Kommentare nicht anpassen? Also anstatt drei einfach so viele Kommentare eintragen, wie momentan eingetragen sind? Danke!

  3. Hey Freitag, du brauchst einen Kommentar-Bereinigungsmenschen. Undertaker Tom vom Bestatterweblog hat auch einen. Hier ist ja schon seit einer Ewigkeit tote Hose in den Kommentaren, da nichts mehr freigeschaltet wird.

  4. Ach Dschingis, da geht einem das Herz auf.

    Übrigens Frau Freitag, ich lese grade Ihr Buch bzw. habe heute morgen angefangen und bin jetzt auf den letzten Seiten unterwegs. Mich stört da aber etwas ziemlich mächtig…ich hab die ganze Zeit das Bedürfnis zu kommentieren. 😦 Ich muss die Einträge wohl auch noch mal in Ihrem Blog suchen und überall meinen Senf dazugeben. Oder ich kritzel das ganze Buch voll und schicke es Ihnen ungefragt zurück. Beim nächsten Buch bitte Platz für Notizen lassen!

  5. Aus Dschingis ist schon was geworden. Damals. Nur haben sich die Mongolen nie entschuldigt.

    Jetzt mal ehrlich, Frau Freitag. Sie erinnern mich so an meine Lehrerin in Kunsterziehung. Eine ganz liebe. Freue mich immer noch, wenn ich sie sehe und grüßen kann. Das Buch ist übrigens sehr gut. Werde es unserem zukünftigen Referendar empfehlen, wenn der mal wieder ein Zeugnis für ein Praktikum braucht. Den Blog habe ich ihm schon empfohlen. Ich frage mich, wieso so eine verdruckste Gestalt Lehrer werden will?

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