Wer mag schon Atom


„Frau Freitag, Japan!“
„Ja, voll schlimm. Ich kriege voll Gänsehaut. Heute morgen ist ja noch mal was explodiert.“
„Echt? Noch ein Atomkraftwerk?“
„Nein, aber so ein…na, also in dem einem Atomkraftwerk drin. Diese eckigen Teile. Hast du doch bestimmt gesehen im Fernsehen.“
„Frau Freitag??!“
„Ja, Elif?“
„Warum ist das eigentlich alles so schlimm?“
Ich spreche über Kernschmelze, Verstrahlung, erzähle von Tschernobyl. Es ist voll früh. Es ist voll leer. Es ist voll gemütlich. Die paar Schüler, die sich aus dem Bett gewagt haben sitzen ganz dicht an meinem Schreibtisch.
„Soll ich mal Radio anmachen?“, fragt Erol und wartet gar nicht meine Antwort ab. Wir hören die Nachrichten. Katastophennachrichten. Draußen und in der Schule ist es noch menschenleer und unheimlich ruhig. Ich komme mir vor als wären ich gemeinsam mit den Schülern sehr nahe dran an Japan.
„Frau Freitag, warum machen die das denn mit den Atomkraftwerken, wenn das so gefährlich ist?“, fragt Elif. Eine einfache und sehr schlaue Frage. Aber ich finde gar keine Antwort darauf. „Ich glaube, weil es billig ist. Sonst wüsste ich auch nicht.“

Das Radio ist wieder aus und in friedvoller Ruhe zeichnen die Schüler vor sich hin. Ich gucke sie mir an und denke: Die sind super. Jeder einzelne von denen.

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Allgemein

24 Gedanken zu “Wer mag schon Atom

  1. Hilft eigentlich Blog schreiben in punkto eigener Psychhygiene??

    Ich würd´auch mal wieder gerne sagen sind die Klasse.
    10 Schüler 1 Dauerrschwänzer.
    Ein kleiner Prinz kriegt füe jedes Wehwechen eine Entschuldigung von Papa und Mama Grrrrrrr, das Fräulein Wunder, dass oh Wunder aus jeder (!) Praktikumsstelle ein Drama macht und einfach sang und klanglos nun die 4. Stelle schmeißt Grrrrrrrr, der Clown, der einfach nicht lernt und die Zukunft versemmelt obwohl er das Potential hat und einfach die Mathearbeit abgibt „Kein Bock!“ Grrrrrrrrr Ich könnt meine gerade durch die Mangel drehen!
    Und Japan ist meinen leider schnurtz. Frau kaffeestrauch das ist so weit weg, was geht mich das an?

    Nun zu meiner Eingangsfrage… Nein ich werde keinen Blog schreiben …macht mich nur wütender……

  2. Ein Thema, an dem man in der Schule nicht vorbei kommt. Mein Lieblings-Erdkunde-Kollege hat heute von der Stunde in der Dreizehnten erzählt, und von den Fragen, welche die Schüler sich nach einigem Hin und Her zu stellen trauten. Er hat alles ganz verständlich erklärt, und ich glaube, auch wenn es niemand zugegeben hätte, gut ein Drittel von uns Lehrern haben genau das Beantwortet bekommen, was sie auch nicht hätten so genau beantworten können.

  3. Weil die Atomkraftbefürworter ini diesem Punkt total dumm sind. Ganz einfach. Wir könnten so viel Strom auf westentlich gesündere Weise erzeugen. Auf der ganzen Welt. Aber das finden die ja doof und da sie ziemlich stark sind, müssen wir gefährlich leben. 😦
    Schön, dass deine Schüler sich auch für sowas interessieren. Das ist ein wirklich gutes Zeichen, dass aus ihren doch noch was werden könnte.

  4. liebe frau freitag, wissen ihre schüler(innen) jetzt eigentlich von ihrem buch? sie danken ihrer klasse ja schließlich darin.
    die wären/sind doch dann bestimmt stolz zum platzen, wenn sie wissen, dass sie anlass und stoff für ein ganz schön dickes und ganz schön gutes/unerhaltsames buch sind. oder schenken sie denen vielleicht erst zum schulabschluss eins? das wäre sicher auch schön.
    ich wäre auf meinen unterhaltungswert als schülerin damals sehr stolz gewesen.

  5. Liebe Frau Freitag,
    ich wollte nur mal kurz sagen, dass meine Schüler auch super sind. Die meisten meistens jedenfalls. Ist aber aufm Land und heißen alle Sepp oder Johann. Können aber auch kein Deutsch, nur Bayrisch.

    Ich hab übrigens grade drei Bücher bestellt: Eins für mich, eins für den Chef und eins zum Rumgehen lassen im Kollegium. Die lesen nämlich alle keine Blogs, obwohl ich den Link schon paar Mal verschickt hab. Aber jetzt müssen sie. Bist du jetzt eigentlich reich?

    • reich an irritierender erfahrung bin ich im moment. Herr Kon, es freut mich für Ihre schüler, dass Sie die super finden. Die finden Sie dann bestimmt auch super. das freut mich total zu lesen, dass das buch seinen weg in die lehrerzimmer findet. denn dort soll es auch gelesen werden. nicht zuletzt ist es doch auch ein bildungspolitisches buch. denkt man ja nicht, bei den ganzen schoten, die da drin sind. aber ich hoffe sehr, dass unserem berufsstand mehr anerkennung entgegengebracht wird. denn es ist nicht nur einer der schönsten berufe, es kann auch einer der härtesten sein. also, nochmal – vielen dank und viel spaß beim lesen.

  6. Danke, für den schönen Beitrag. Ich musste gerade Hals über Kopf aus Japan fliehen weil die Firma mich zurückbeordert hat, noch nicht einmal Zeit mich bei den Kollegen zu verabschieden. Und ich fühle mich immer noch miserabel deswegen.
    Seit Freitag habe ich nichts anderes gemacht als Nachrichten zu verfolgen, deutsch- englisch- und japanischsprachige. Und was soll ich sagen, die deutschen sind mir sehr unangenehm aufgefallen an Panik, Wortwahl, Assoziationen… Wobei, wenn das jetzt der Nagel in den Sarg der Atomkraft ist, ist das ja auch gut!
    Die Analyse-Artikel der NYTimes online kann ich sehr empfehlen für ein ausgewogeneres Bild, wenn auch vielleicht etwas Technik-lastig für manchen.

    Persönlich bin ich überzeugt davon dass ich sehr bald wieder „zuhause“ bei meinen lieben Kollegen sein werde. Und wenn ich Deutschland oder die Schule vermisse (bin in einem Verein der an lokalen Haupt- und Berufsschulen Nachhilfe und Patenschaften übernimmt), dann werde ich wieder täglich Ihre Geschichten nachlesen.

    • von „Seit Freitag…bis für manchen“ kann ich das genauso unterschreiben.
      die sueddeutsche ist auch noch ganz gut online

      auch deutsche Regierung: allerunterste Schublade

      „heartbroken for Japan“ hat Obama gesagt, das kann man gut so sagen

      In Sri Lanka haben die Menschen über eine Million Götter
      mit denen würde ich jetzt gerne mal quatschen

  7. Liebe Frau Freitag,

    ja, Atomkraft ist günstig, aber ein weiterer großer Vorteil ist, dass bei der Erzeugung von Strom durch atomare Brennstäbe keine Schadstoffe ausgestoßen werden. Auch kommt es zu keiner Staubbelastung, wie bei der Kohleverbrennung (was ja Deutschlands Hauptenergieträger ist) und atomare Ressourcen (wie etwa Uran) sind noch weit verbreitet und nicht so rar wie fossile Ressourcen.

    Es hat also sogar ökologische Vorteile und bei der Einführung in den 60ern war man davon überzeugt, die Energieprobleme gelöst zu haben.
    Nichtsdestotrotz: Der große Nachteil der Atomkraftwerke überwiegt auch für mich jeden Vorteil.
    Vielleicht nur interessant für ihre Schüler zu wissen, da sie ja die Frage danach stellten!

    Schreiben sie weiter so schön, ich lese hier sehr gerne mit!

    • Das mit „keine Schadstoffe“ ausstoßen und so ist natürlich Unsinn. Bitte einfach mal „Uranabbau“ googeln. Da staubt es im Übrigen auch ganz schön, von Verunreinigungen mit anderen leckeren Stoffen ganz zu schweigen.

      • Deswegen schrieb ich ja auch: „Bei der Erzeugung von Strom“ 😉
        Beim Abbau des Urans und auch beim Aufbau des Werks selber ist das natürlich nicht so, da haben sie völlig recht!

    • @ Melly: Na, noch gut die Kurve gekriegt. Dachte schon hier kommt eine pro-Atom-Antwort. 😉
      Das Argument mit den nicht ausgestoßenen Schadstoffen hat sich jetzt wohl hoffentlich ein für allemal erledigt.
      Bleibt der Kostenfaktor. Würde mich mal interessieren, ob die Kids freiwillig mehr fürs Handy-Aufladen zahlen würden…

  8. In meinem Blog habe ich am 12. März auch über die Atomkatastrophe geschrieben. Eine Kommentatorin sagte, dass Japan über keine Ressourcen wie Steinkohle verfügt und auf die atomare Technologie angewiesen ist. Mein Gegenargument ist, dass Japan am Meer liegt und viel mehr Windkrafträder bauen könnte, um zumindest die alten gefährlichen Reaktoren wie in Fukushima, wo die Katastrophe gerade geschah abzuschalten.
    Aber in Japan gab es bisher keine Anti-AKW-Bewegung wie in Deutschland. Gefahren wurden verdrängt. Japan liegt in einem Erdbebengebiet erster Klasse.
    Billig ist Atomstrom nur, weil kein Atomkraftbetreiber die Risiken einer atomaren Katastrophe versicherungstechnisch abdecken muss. Auch übernimmt der Staat in Deutschland die immensen Kosten der Brennstäbe-Endlagerung. Ich kann mir kaum vorstellen, dass es in Japan anders ist.
    Das Restrisiko ist für mich viel zu groß. Tausende Quadratkilometer könnten in Japan für immer verstrahlt sein und bei einem dichtbediedelten Land, der nur über knappe Landressourcen verfügt ist das eine Katastrophe. Auch Tokjo könnte im schlimmsten Fall stark radioaktiv verseucht sein. Und allein in diesem Ballungszentrum leben um die 35 Millionen Menschen. Der Reaktor von Tschernobyl hat stark verstrahlte Gebiete bis in 250 Kilometer Entfernung zurückgelassen. Tokjo liegt von der Reaktorkatastrophe nur 250 Kilometer weit weg.
    Allerdings sollen die Unglücksreaktoren bis zu 20 bis 50 mal mehr Strahlung verfügen, als die Reaktoren in Tschernobyl.
    Wir können nur hoffen, dass die Atomwolke über den Meer abregnet und nicht auf dem Festland.

  9. Angeblich soll der Super-Gau in 48 Stunden stattfinden. Ziemlich unheimlich. Eine Bekannte von mir ist gerade in Tokio und hatte mir über Facebook geschrieben. Über all das habe ich heute in meinem Blog einen neuen Text geschrieben. Wer will schaut rein und kommentiert.

  10. Atomkraftwerke sind die mit Abstand teuerste Form Energie zu erzeugen. Der Atommüll muss tausende von Jahren gelagert werden. Und da man bis jetzt keine Möglichkeit gefunden hat den Atommüll endzulagern, muss er immer wieder umgelagert werden. Den muss man schließlich in Sicherheit bringen, zum Beispiel vor Erdbeben, Grundwassereinbruch, Terrorregimes…

    • Ist mir auch unbegreiflich. da müssten doch sogar reihenweise buchhalter auf die straße strömen

      „Hallo?!? Hallo?! alles viel zu TEUER hier“

      und wozu leistet man sich philosophen, wenn die dann nicht ein ernstes wörtchen mitreden dürfen?

      wer will denn auch nur ansatzweise „ausrechnen“ was für leute die generationen nach uns sein werden????????

  11. Tja, wenn die Kinder fragen sehen wir, wir sehr wir uns doch bisher mit dem Restrisiko arrangiert hatten – ob nun dagegen oder nicht. Ich muss es zwar nur meinem Sohn erklären und keiner ganzen Schulklasse. Aber die Fragen scheinen doch dieselben zu sein. Sie sind einfach, gerade heraus und entwaffnend…

  12. Pingback: Ein Blog als eine Art Therapie? | Mein WordPress Heft

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