Ahmet der Hurensohn


„So, jetzt setzt euch mal alle hin.“ sage ich mit letzter Kraft am Ende der Stunde. Fünf Minuten trennen mich vom Wochenende. Dschinges mit seinem ADHS und die anderen mit ihrer verrohten Sprache haben mir heute echt den Rest gegeben. Warum mache ich mit denen auch Pappmacheeee in Kunst. „Ich fass den Schleim nicht an.“ „Das ist Kleister. Kein Schleim. Tapetenkleister.“ Mittlerweile nennen sie es schon Gleim. „Ihhhhh du hast mir Gleim an die Jacke geschmiert, Hurensohn.“ Und bevor aufgeklärt werden kann, dass es sich lediglich um Wasser handelte, hat Dschinges eine Ladung Gleim auf seinem Pulli.

Zu Beginn jeder Stunde rennen die Jungs (in diesem Kurs sind NUR Jungs) durch den Raum und schlagen sich mit ihren Pappmachetieren. Dabei flogen gleich zwei Beine ab. Ahmet arbeitet seit Stunden gar nicht mehr an seiner Plastik. Ich sage ihm dann immer, dass er dann auch gehen kann. „Aber dann bekomme ich eine Fehlstunde“, gibt er als Begründung dafür ab, dass er bleiben möchte. Er hat einfach Angst was zu versäumen. Ich hätte gar nichts dagegen, diese Stunden zu versäumen. Gerne würde ich dafür die eine oder andere Fehlstunde in Kauf nehmen. Heute arbeitete Ahmet sogar. Aber am Ende sah ich, dass er nur ganz viel Kleister auf den Kopf von seinem Pinguin gemacht hatte – damit der schön fest ist für die nächste Stunde – Verbesserung der Waffen. Nächste Stunde verstecke ich das Teil. Mal sehen, womit er dann kämpfen möchte.

Irgendwie schaffe ich es die Stunde zu überleben. Am Meisten nervt echt die versaute Sprache der Jungs. Keine Klasse, die ich unterrichte ist so dermaßen ordinär, wie die. Ständig geht es nur ums f… obwohl die das alle noch nicht machen. Und jeder Satz beginnt und endet mit „du Hurensohn.“

Jetzt sitzen sie alle ruhig auf ihren Plätzen. Der Raum ist aufgeräumt und ich möchte ihnen ihre Mitarbeitsnoten vorlesen. Ein kleines Ritual am Ende jeder Stunde, das wir alle mögen, denn so können wir alle in den letzten fünf Minuten einfach nur rumsitzen.

„So, jetzt eure Noten.“
Ahmet guckt mich entsetzt an: „Was haben Sie gesagt? Ihr NUTTEN????“

„Ja Ahmet, ich habe gesagt: ‚So ihr Nutten.‘ Ja Ahmet, du Hurensohn, genau das habe ich gesagt.“

Jetzt versteht Ahmet die Welt nicht mehr. Frau Freitag hat „Hurensohn“ zu ihm gesagt. Bevor er diese für ihn völlig ungewohnte Situation einordnen kann, kläre ich ihn auf.

„Ahmet, das war ein Witz, aber so redet ihr die ganze Zeit. Ich kann es echt nicht mehr ertragen.“

Die anderen kichern, jetzt grinst auch Ahmet wieder, es klingelt, wir wüschen uns alle ein schönes Wochenende und schlendern in unseren Feierabend. Und draußen scheint sogar die Sonne.

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Allgemein

29 Gedanken zu “Ahmet der Hurensohn

  1. Na das ist doch mal ein Start ins WE. Versaute Wörter, dreckige Sprüche und schöne Flüche. Genau sowas braucht Lehrerin doch.
    Beim nächsten Mal werden die Plastiken vielleicht auch noch versauschönert. 😉

  2. Einfach mal die Schüler anfluchen, dann scheint auch die Sonne zum Wochenende. Und wenn sie wollen, dass der Frühling kommt, müssen sie die Gerte von früher wieder auspacken 😀
    😉 😉 😉

  3. Und wer möchte schon als Junge Pinguine pappmacheen? Nächstes Mal eine schickes Auto oder gleich eine schmucke Schlagwaffe. Man muß die Anlagen in den Kindern fördern.

  4. Ich hab was Gutes für English Teaching in Italia gefunden.
    So richtig los gehts erst bei 1.40, also vorspulen.

    Die FRISUR. Genauso bekloppt wie die Jungs/Männer heute aus der Anstalt Frisör entlassen werden! Es kommt ja wirklich alles wieder.

  5. Habe sehr gelacht. Ich suche immer noch nach einer Möglichkeit, meine Schüler zu beleidigen, ohne mich dabei angreifbar zu machen… Bleibe dann meistens bei „Ihr benehmt euch wie die letzten… äh… na, ihr wisst schon“ hängen. Macht relativ wenig Eindruck.

  6. Erinnert mich an „Entre les murs“, nur dass es bei dem Lehrer keiner lustig fand, als er die Schüler beleidigt hat, dabei war es nicht einmal so gemeint.
    Dass Ahmet wieder mitarbeitet, ist doch schön. Gut, Waffenverbesserungs ist nicht so ganz das, was man sich wünscht, aber immerhin. Und ich mag Pinguine. Wenn Sie sich doch dagegen entscheiden sollten, die Plastik zu verstecken, setzte ich auf den Pinguin. 😉

  7. Bei meiner Klientel reicht meist ein „Igitt, wie sprichst du denn?“ oder „Dieses Wort möchte ich hier im Raum nicht mehr hören.“
    Gibt es denn andere Möglichkeiten, den Jungs das abzugewöhnen?
    Hier lesen doch genug Kollegen mit…..

  8. Erinnert mich irgendwie an ne Lehrerin von mir früher. Die hat auf so ne Sprache immer irgendwie mit Kuschelschnuckelsprache geantwortet hat. Das war den Jungs so peinlich, mit Schnuckelchen, Spatzi und Co angeredet zu werden, dass die Ordinärsprache in ihrem Unterricht wirklich zurückgang.

  9. Die Frage, ob man so auch zu Hause im Beisein seiner Eltern spricht könnte auch Wunder wirken, gerade Jungs sind da ganz schnell ganz klein mit Hut. Wenn ich bedenke wie meine Mutter mal auf einen kleinen Trupp türkischer Jungs zugegangen ist, die sich so sehr lautstark gegenüber ihrer Umwelt kundgetan haben und die gefragt hat, ob sie sich so respektlos auch zu Hause aufführen. Zu meinem nicht geringen Erstaunen waren sie auf einmal ganz höflich und leise und haben sich für ihre Respektlosigkeit entschuldigt.

    • ich las neulich dass türkisches Jungmännervolk (wenn sie grad am Rumprollen sind) angeblich sofort ganz höflich wird, wenn man sie nach unterschieden zwischen der türkischen und der dt. kultur fragt. kann mir aber kaum vorstellen dass das bei 7.-klässlern wirkt.
      ich finde den vorschlag say it all in English den allerbesten

  10. Sowas ist keine Schule mehr, das ist eine Strafanstalt! Mein Beileid! Man kann wirklich verstehen, weshalb den deutschen Lehrern langsam die Puste ausgeht. Keine Authorität mehr, kein Vorbild, nur noch Aushalten. Grausam!!!

    Werte Frau Freitag, ich wünsche Ihnen viel Motivation in Ihrer Aufgabe, und noch mehr Beherrschung diesen Gesindel sich nicht einfach selbst zu überlassen…. enden werden sie höchstens in der Gosse …

    • das ist wirklch eine besondere truppe. und sprachlich auch die eizige, die so dermaßen explizit ist. bei den anderen kommt so was überhaupt nicht so vor.

  11. Also, wir haben es genossen, wenn uns unser Englischlehrer beidigt hat. Günstigerweise war er auch noch im Carnevalsclub. Die Art, wie er uns beleidigt hat, war nämlich immer amüsant. Und zur Abiturzeitung gab es eine Beilage seiner besten Sprüche. Da erinnert man sich als Schüler gerne.

  12. Also, auch wenn wir in der Schule als Klasse nie wirklich so derb rüde waren, haben wir es auch immer genossen, wenn unser Mathelehrer uns beleidigt hat. Das war immer sehr amüsant:

    „Dein mathematisches Wissen reicht gerade mal für ’ne Pommesbude!“
    „SCHWACH, einfach nur schwach!“
    „Wenn wir 30 von dir hier sitzen hätten, könnten wir die Tür zumachen und zunageln! Und die Fenster verriegeln! Nein, vermauern!“
    „Da lachen doch die Penner auf der Straße drüber!“

    Und der war dabei dann auch immer richtig wütend, das heißt, wir mussten unser Lachen so dermaßen zurückhalten, damit er nicht noch wütender wird. 😀

  13. Die Kinder sprechen das, was sie zu Hause hören. Wenn da von „hurensohn“ die Rede ist, wirds schwer, ihnen das in der Schule abzugewöhnen. Die Elternhäuser haben nunmal die Verantwortung für die Erziehung und viele sind schlicht zu dumm dieser gerecht zu werden.

  14. Ich kenn einen, der nennt meine Kollegin Hurensohn !
    Und Mädchen, die sich untereinander so bezeichnen. Auch, wenn sie sich gar nicht streiten.
    Es ist zum Ohrenbluten.

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