Die Flaggen der Vorfahren


Nach dem recht chaotischen Stundenverlauf von gestern habe ich mir vorgenommen, heute mal eine gute Stunde in der Siebten Klasse abzuliefern. Nicht, dass ich mich nun von gestern auf heute gut darauf vorbereitet hätte – nein, ich habe nur was richtig „Schönes“ geplant: COMPUTERRAUM!

Computerraumunterricht muss man zelebrieren. Computerraumunterricht möchte gut vorbereitet sein und darf – damit er seine Wirkung entfaltet – nur in kleinen Dosen verabreicht werden. Ich beginne meine homeopathische Stunde also folgendermaßen: „So ihr Lieben, heute habe ich was richtig Tolles mit euch vor. Zuerst will ich mit euch zwei popeleinfache Aufgaben im Workbook machen, dann den Test zurückgeben (der auch voll popelig war – weshalb sich da fast jeder über eine gute Note freuen kann) und dann, wenn ihr euch bis dahin gut benommen habt und alle gut mitgearbeitet haben – ja dann gehen wir in den Computerraum!!!!“

„Jaaaaaa, Computerraum!!!“
„Mann, halt die Fresse, sei leise, sonst gehen wir nicht PC!“
Ich höre die Wörter Facebook und Onlinepoker. Aber den Zahn werde ich ihnen noch ziehen. Wir gehen nämlich in den Computerraum, um dort ein paar spitzenmäßige Aufgaben zur Steigerung der Adjektive zu bearbeiten. Aber man muss ja nicht gleich alles verraten.

Die Workbookarbeit läuft wie geschmiert. Maren ist als Erste fertig und ich verbessere ihre Aufgabe. Dann muss sie die anderen verbessern. Marvin war schon vor dem Klingeln in meinem Raum und wir haben uns ein wenig unterhalten. Er erzählte begeistert, wie gut er mit Computern umgehen könne. Da er die Workbookaufgabe bereits gestern bearbeitet hatte, schickte ich ihn zu den PCs und sagte ihm er solle alle anmachen und auf die Übungsseite gehen.

Und dann kam der Moment, an dem ich die Regeln für den Computerraum verkündete: „So, jeder benimmt sich dort. Wenn ich sehe, dass jemand auf eine andere Seite geht als die, auf der ihr arbeiten sollt, dann wird der Computer sofort ausgemacht und ihr bekommt ein Arbeitsblatt.“ Ich überhöre ein gewimmertes: „aber, aber…Facebook, können wir nicht…“

Ich war schon oft mit meiner Klasse im Computerraum und es gab immer welche, die standig auf Youtube und Facebook oder den Onlinekatalog von H&M gingen. So schnell kann man gar nicht gucken, wie die sich hin- und herklicken. Ein besonderes Phänomen an unserer Schule ist übrigens auch, dass jeder Schüler, sobald er vor einem Bildschirm sitzt, erst mal ein neues Hintergrundsbild für den Monitor einrichtet. Es sind immer die Flaggen der Vorfahren. Wenn ich dann erkläre, was sie im Internet suchen sollen, sieht es aus als unterrichte ich im UN-Hauptgebäude bei einer sehr internationalen Sitzung.

Aber diese Siebte Klasse denkt wohl immer noch: Aboo, Frau Freitag – voll streng, mach ich lieber nicht Facebook.

Artig steigern sie Adjektive und werden sogar immer besser: „Super Maren, du bist ja schon bei Level 4.“ Lehrerstolz steigt bei mir auf, denn ich scheine ihnen wirklich was beigebracht zu haben. Maren erklärt aber nur müde: „Das hatten wir schon in der Grundschule.“

Jedenfalls lief die Stunde super und ich hatte ihnen noch nicht mal erlaubt, für die letzten drei Minuten zu Facebook zu gehen. Erlaube ich meiner Klasse immer. Aber hier ist ja meine Devise – nicht zu schnell nachgeben, ich habe die ja noch in der Achten, Neunten und Zehnten.

Und als ich nach Hause ging traf ich den Klassenlehrer der Siebten: „Du Deine haben heute super mitgearbeitet. Wir waren im Computerraum.“
„Ja, sie haben mir erzählt, dass es ihnen viel Spaß gemacht hat.“

Was will man mehr? So kann man doch beschwingt ins Wochenende tanzen.

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Allgemein

13 Gedanken zu “Die Flaggen der Vorfahren

  1. na denn man gut dass nicht die flaggen UNSERER vorfahren geladen werden!!!
    (ich habe heute ein quartett mit Tyrannen bei Möbel Hübner erstanden. sehr interessante Kategorien. Von Monarch bis Völkermörder. wobei unser spacko adolf bei faschisten einsortiert ist…)

  2. Die Drei-Minuten-Facebook-Regelung finde ich super. ❤
    Darf ich mir die klauen? Das wäre was für meine Neunte, die sind eh nicht davon abzuhalten. 🙂

    • Vergessen: Bringt das mit den Flaggen denn überhaupt etwas? Bei uns ist so ein Schutz drin, dass alles gelöscht wird, wenn die Rechner runtergefahren werden… Und die Flaggen während des Unterrichts als Hintergrund ist doch unnötig, wenn sie eh tausend Fenster aufhaben, oder? 😉

  3. „Ich höre die Wörter Facebook und Onlinepoker. Aber den Zahn werde ich ihnen noch ziehen.“
    Also Frau Freitag, dank Menschen wie Ihnen mit einer geradezu krankhaften Kinderschutz-Obsession, die einem alles, aber auch wirklich alles, was Spaß macht, verdirbt, kann ich in unseren langweiligen Informatikstunden nicht einmal auf ihr Blog.;)
    Sicher, dass Sie sich das nicht doch noch einmal überlegen wollen?

  4. Man kann aus eurem Schulnetz auf Facebook zugreifen?! Und persönliche Accounts haben die Schüler auch nicht (sonst könnte Marvin nicht für alle die Programme starten). Das es sowas noch gibt! *nostalgischwerd*

  5. Ja. Da kann die erfolgreiche Lehrerin wirklich ins Wochende tanzen.

    @Bianca Schlimm

    Da Deutschland mal Vorbild für Kleinstaaterei war, könnten die Flaggen UNSERER Vorfahren wirklich interessant sein.

    • Ich meinte die berühmten schwarz weiß rot…die zwei verbotenen, oder gibt es noch mehre verbotene?

      was wäre denn mal ne interessante von davor?

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