Der „Fünf Minuten Unterricht“


Ach heute… ging so. War nicht gerade eine Glanzleistung. Siebte Klasse – wir steigern nun schon seit Wochen mehr oder weniger erfolgreich diverse Adjektive. Zur erfolgreichen Vermittlung des Superlativs habe ich mir Seiten aus dem Guinnessbuch der Rekorde kopiert – aus einer englischen Ausgabe, die ich in Amerika erworben hab‘.

Ich plane die Stunde so, wie ich es mal irgendwann gelernt habe. Hypothesen am Anfang. Folie mit drei Fragen:
1. Wer hat die längsten Ohrhaare und wie lang sind die?
2. Wer hat die meisten Finger und Zehen?
3. Wer hat den längsten Bart?
4. Wie lange dauerte die längste Schluckaufattacke?
(Natürlich alles auf Englisch.)

Unter jeder Frage standen drei mögliche Antworten.
Ich schmeiße den Polylux an und warte. Die Schüler melden sich und stellen ihre Vermutungen an. Ich erkläre Ohrhaare.

Dann verteile ich 11 Fragen. Leider stehen die nur in der Fremdsprache auf dem Blatt und wir machen uns an ein mühsames Übersetzen. Ich hatte diese Aufgabe vor Jahren für eine recht leistungsstarke Gruppe konzipiert und die hätten gar keine Hilfe bei den Fragen gebraucht.

Nachdem die Schüler nun wissen, wonach sie suchen sollen verteile ich drei kopierte Blätter aus dem Guinnesbuch. Leider ist die Schrift sehr klein – deshalb steigen Hamsa, Mert und Maren schon mal vorsorglich aus: „Ich kann diese Schrift nicht leeeeesen!“
Leider ist der Text auf Englisch – deswegen verliere ich auch Hamudi, Kevin und Max. Fuad macht grundsätzlich nicht mit und Angie will eigentlich immer nur aufs Klo, den Lidstrich nachziehen. Die anderen rackern sich an der Aufgabe ab. Manche sogar mit großem Interesse. Helfen kann ich ihnen nicht, denn ich renne durch den Raum und versuche die Nichtteilnehmer in Schach zu halten. Mist, denke ich – das hat man nun davon, wenn man die Binnendifferenzierung unterschätzt, indem man gar keine macht.

Aber ich bin erfahren genug, um wenigstens das Ende der Stunde in eine einigermaßen konzentriete Arbeitsatmosphäre zurückzusteuern. Ich lasse mir von den fleißigen Schülern die Antworten diktieren, schreibe sie an die Tafel und zwinge die Verweigerer alles von der Tafel ab zu schreiben. Als ich ranschreibe, dass ein mann 68 Jahre mit einem Schluckauf gelebt hat, werden alle hellhörig. Das interessiert sie nun wirklich, fast so sehr wie der Mann, der Jahrzehnte lang mit einer Patrone im Kopf lebte.

Ich versuche ihnen die Schluckaufgeschichte schön plastisch darzustellen. Wie der Mann beim Schlachten eines Schweines plötzlich einen Schluckauf bekam, wie er wahrscheinlich alles probierte, um ihn wieder los zu werden. Im Raum ist Totenstille. Die Schüler kleben mir an den Lippen, während ich ihnen vorspiele, wie der arme Mann mit seinem Schluckauf von Arzt zu Arzt wandert. Ich erzähle und erzähle und sie hören mir zu. So was habe Ich fast noch nie erlebt. Als ich fertig bin, stellen sie Fragen und ich versuche Antworten zu finden. Es macht voll Spaß. Ich glaube so muss Unterricht sein.

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Allgemein

27 Gedanken zu “Der „Fünf Minuten Unterricht“

  1. „Polylux“ = Overheadprojektor 😉 Auch wieder was gelernt.
    Haben Sie die Geschichte denn auf Englisch erzählt? Und haben sie die Hypothesen einfch so angenommen? Meine hätten sich wahrhscheinlich erstmal drüber lustig gemacht, dass ich sowas frage… 🙂

      • Ojemineh, ich bin so grauslichst (<- Superlativ?!) elitär, ich habe einfach vorausgesetzt, dass Ihre Vorführung auf Englisch dargeboten wurde. Bin in der Ecke, RTL2 kucken und schämen.

      • Oh, war auch meine Vermutung, wollte’s grad nachfragen. ^^

        Darf ich mal was ganz anderes fragen? Das mit dem Polylux verwirrt mich jetzt — als Ossi kenn ich das Wort natürlich, und zwar auch nur aus dem Osten, aber bei der multikulturellen Zusammensetzung der Klassen würde ich eher auf den Westen (NRW!) tippen. Hab das wohl verpasst: wo steht denn die Schule, Frau Freitag? 🙂

        Lieben Gruß aus China!
        – André

  2. Frau Freitag, so in der Art ist BIOUNTERRICHT, bloß nicht in Englisch. Ich erzähle von schrecklichen Krankheiten und die Schüler stellen Fragen, auf die wir nie ‚in Leben ‚ kämen….

  3. Polylux – mit manchen Dingen enttarnt man einfach sofort seine Herkunft…
    Klingt aber auch viel besser als Overheaddingens.
    Viel Spaß beim Start ins Wochenende!

    • Gar nicht! Bei uns sagt man ganz cool „OHP“ und meint dann auch noch hip zu sein, wegen Abkürzung und so… „Polylux“ ist dagegen ja wohl mal voll lahm. 😉

    • Stimmt meistens. Obwohl ich z.B. einfach gerne Plaste und Broiler sage, obwohl ich nich ausm Osten bin. Und ich sage auch gerne Neger, obwohl ich kein Rassist bin. Aber woher die liebe Frau Freitag kommt und wo sie unterrichtet, würde ich auch gerne mal wissen… und auch ob sie Neger in der Klasse hat. Hehe.

  4. frau freitag (kannst du ma kasse drei kommen?) – ich schlage britisches Unterrichtsmaterial vor (wiewohl ich die Jungs kaum verstehe leider): „The Secret Diary of Adrian Mole aged 13 3/4“. Das kann man auch verfilmt haben. aber eben very british accent. aber total zauberhaft. zuerst lesen ist besser. inzwischen ist Adrian schon so 40 Jahre alt.

  5. leider ist frau freitag so arrogant, das sie nur amerikanische sachen gelten lässt , warum weiß kein mensch…
    aber mit be(british english) können sie der nicht kommen…“hört sich voll kacke an“
    aber wie ist denn nun in china is, würd mich ja mal interessieren…

  6. also trotzdem finde ich ihre unterrichtsidee aber VOLLGUT. mit binnendifferenzierung wäre das bestimmt auch ne 1a lehrprobe. schade, dass ich nich englisch-lehrerin werde. aber ich werds meinen englischen-mitreferendarinnen mal verraten.

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