Film Teil 2


„Machen wir kein Kunst?“ fragt Asma, während ich an dem Laptop rumfummele. „Nein, ich will euch heute einen Film zeigen.“ Scheiße, wo ist das Netzkabel von dem blöden Gerät? Ah, da. Mist, warum geht der Film jetzt nicht? „Abdul, komm mal.“ Abdul kommt, checkt und stellt fest: „Frau Freitag, Sie haben das als MP4 runter geladen. Wir müssten jetzt aus dem Internet ein Programm downloaden… “

Mist, Mist, Mist, scheiß Medienkompetenz – da war ich nun so froh, dass ich den Film überhaupt runter geladen habe. Naja, dann Plan B – Computerraumschlüssel holen, Abdul vorschicken, den Beamer anzuschließen, dann alle rüber.

„Ich habe neulich einen Film im Fernsehen gesehen, da dachte ich, der ist extra für euch gedreht worden. Und den will ich euch jetzt zeigen. Film ab!“

Alle gucken. Esra und Elif diskutieren, ob das singende Mädchen arabisch oder türkisch ist. Ich werte das als einen ersten Identifikationserfolg. Dann beim Gruppenfoto der Schüler werden die Mädchen mit Kopftuch gezählt. Miriam fragt: „Ist das in Deutschland?“ Miriam und viele andere können sich wahrscheinlich nur schwer vorstellen, dass die Welt hinter ihrer eigenen Straße und den angrenzenden Querstraßen tatsächlich noch weiter geht.

Und dann: Die Schwebebahn. Die von mir leider völlig unterschätzte Schwebebahn. Für Leute, die den Film in ihren Klassen zeigen wollen – macht das so: „Ich zeige euch jetzt einen Film und da kommt eine Schwebebahn drin vor.“ – Tafelanschrieb: die Schwebebahn (eine Schwebebahn). Vorwissen abfragen, dann erklären, warum die nicht runterfällt. Dann den Film anmachen, wenn die Schwebebahn das erste Mal auftaucht, den Film anhalten und jeden Schüler etwas zur Schwebebahn sagen lassen.

Ich lasse den Film laufen und plötzlich ein heillosen Durcheinander: „Aäääähhh, was das? Wieso fällt die nicht runter?“ Abooooo, niemals würde ich damit….“ „Kenn‘ ich, kenn‘ ich, Frankfurt“ „Is immer noch Deutschland, Frau Freitag?“

Dann kommt dieser Ivan, der zum Arbeitsamt fährt. Im Film heißt es: „Ivan hat einen Termin um acht Uhr.“ Auf der Schwebebahnhofsuhr ist es 20 vor acht. Ich denke – der kommt doch zu spät und will die Schüler darauf hinweisen. Die gucken aber zu konzentriert. Bilal und Abdul diskutieren leise, ob Ivan nicht genau wie Hakan aus der Parallelklasse aussieht. Als die Bahn kommt ist es bereits 17 Minuten vor acht. Stellvertretend für Ivan werde ich unruhig. Nur noch 17 Minuten, na ja, da muss das Arbeitsamt aber direkt an der Station liegen. Wenn er jetzt noch zu Fuß gehen muss…
Die Hakan-oder-nicht-Hakan-Diskussion weitet sich aus. Ich habe Angst, dass die Schüler nicht mehr richtig zuhören. „Habt ihr gehört, wie viele Bewerbungen er abgeschickt hat?“ Die gesamte Klasse im Chor: „Dreißig!“

Dann wird Michelle gezeigt. Fatma: „Frau Freitag, was ist Floristin?“ Ich erkläre.
Dann wieder Ivan. Im Kommentar heißt es „Währenddessen ist Ivan DURCH DIE GANZE STADT zum Arbeitsamt gefahren. Zum dritten Mal.“ Jetzt sieht man ihn gemütlich zum Arbeitsamt schlendern. ZU SPÄT!!! Der kommt GARANTIERT zu spät. Innerlich kriege ich mich gar nicht mehr ein. Ivan ist für mich schon unten durch. Wie kann der so gemütlich laufen. Wo ist eine Uhr? Warum beeilt der sich nicht? Aus dem wird bestimmt GAR nichts mehr.

Dann der Berufsberater. Brille, lange Haare, Zopf – Hippie. Haaa, denke ich – der sieht ja original aus, wie der neue Kollege – der aus der Zalandowerbung. Ich gucke zu den Schülern. Keiner sagt was. Merken die das nicht? Soll ich sie darauf hinweisen? Aber wenn ich das mache, dann verstehen die wieder nicht, was der Typ sagt. Ich schweige also.

Dann geht es um Restausbildungsplätze und so. Ich stoppe den Film und frage in die Runde, ob jemand weiß, wann das nächste Ausbildungsjahr beginnt. Sie wissen es. Sie wissen auch, wann man sich bewerben muss. Sie sind echt gut informiert.

Morgen mehr.

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Allgemein

14 Gedanken zu “Film Teil 2

  1. Die Aufnahme, die zeigt, wie Ivan die Bahn für’s Arbeitsamt nimmt, muss nicht zwingend an dem Tag entstanden sein, an dem er auch zum Arbeitsamt ist. Oder der Termin war gar nicht wirklich um 8, wie die Off-Sprecherin sagt. Oder das Arbeitsamt ist nicht „durch die ganze Stadt“. 🙂

    • Ich klär mal auf. 😉
      Durch die ganze Stadt muss er definitiv nicht, da das Arbeitsamt nicht an einer der Endhaltestellen liegt, sondern recht in der Mitte, wenn auch etwas näher zum Einen Ende.
      Je nachdem aus welcher Richtung er kommt, können 20 Minuten also vollkommen ausreichend sein, wenn auch ein wenig knapp.

      Und nein, dieses wunderbare und praktische Hauptverkehrsmittel fällt nicht so einfach runter. Im Schnitt alle 100 Jahre und das letzte mal war Ende der 90er und ist durch menschliches Versagen passiert, da eine der Sicherungskrallen vom Ausbau vergessen wurde und die erste Bahn des Tages dagegen gefahren ist.
      Für technische Details, wieso die Schwebebahn nicht runterfliegt und wie sie fährt bin ich jetzt zu faul. 😉

      • Noch jemand hier aus der Nähe. Einen Vorteil hat das: unsere Schüler würden beim Anblick der Schwebebahn nur müde mit den Schultern zucken 😉

      • Wir nutzen sie ja auch Tag täglich. 😉
        Wobei, nach fast 6 Monaten ohne Schwebebahn, vermisse ich sie richtig. Ich hab mir hier zwar eine Monorail, aber die ist nicht halb zu gut und gibt beim Türen schließen nervige Geräusche von sich.

  2. immer wenn es grade spannend wird…naja Studenten kommen auch ständig zu spät …aber dann gibts keinen Sitzplatz mehr und man muss in der Fensterbank auf der Treppe oder auf dem Fußboden unter einenTischen sitzen. Vielleicht wäre das auch eine Lösung für ihre Klasse so wie bei reise nach Jerusalem. Wer zu spät kommt bekommt keinen Stuhl!

  3. Weil man als Wuppertaler im (frei)willigen Exil sonst so selten Gelegenheit hat, Ortskenntnis zuzugeben:
    Von Oberbarmen bis Völklinger Straße sind es zehn Minuten und von dort noch fünf Minuten zu Fuß, der Junge hat also sehr viel Glück oder extrem gut geplant. 🙂

    „Durch die ganze Stadt“ ist natürlich Schwachsinn, bestenfalls ein Drittel ist das.

  4. Michelle bekam zwischendurch unverhofft die Möglichkeit eine Ausbildung zur Bürokauffrau zu beginnen. Ihr Onkel arbeitet bei einem kleinen Fahrzeugbau und hat den Chef gefragt, ob man nicht eine weitere Bürokauffrau einstellen könnte, da im Moment die Aufträge gut laufen. Das geht nämlich auch zwischen den Berufsschuljahren, man muss nicht unbedingt am ersten August anfangen. Michelle hat sich dann vorgestellt und konnte auch dort anfangen, aber in der Probezeit ging es dem Mutterkonzern finanziell schlecht, da hat man Kurzarbeit eingeführt und Michelle entlassen. Das wurde aber alles rausgeschnitten! 😦

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